Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1323: Volksmedikamentation

Das bringt den Doktor um sein Brot: Der Menschen H

Fortsetzung von Tag 1322: Im Laufe des Abends kamen wir natürlich auch auf das Thema Gesundheit zu sprechen. Pater John war ein mitfühlender Mann, dem das Wohl seiner Gemeinde sehr am Herzen lag und der sich daher die Bürden der anderen gerne auch selbst aufbürdete. Neben zu hohem Blutdruck und einigen anderen Stresssymptomen führte dies auch dazu, dass sein Körper zu viele Blutplättchen produzierte. Das biologische Schutzprogramm dahinter war ebenso eigensinnig wie nachvollziehbar. Er empfand jede Wunde eines anderen, als eine Wunde bei sich selbst und so hatte sein Körper permanent das Gefühl, heilen und Blutungen stoppen zu müssen. Und dafür benötigte er natürlich Blutplättchen. Zumindest theoretisch, denn praktisch gab es die Wunden ja gar nicht und somit gab es auch keine Möglichkeit die Plättchen einzusetzen und so wieder zu verbrauchen. Lange Zeit hatte John daher als Spender für Chemo-Patienten gedient, die ja bekanntlich zu wenig Blutplättchen produzieren. Oder besser gesagt: Deren Blutplättchen-Produktion durch die Chemotherapie vollkommen unterbunden wird. Später hatten ihm die Ärzte jedoch gesagt, man habe einen Krebsindikator bei ihm festgestellt, wodurch er als Spender ausgeschlossen wurde. Was immer auch ein solcher Krebsindikator sein sollte. Stattdessen fuhr man nun eine andere Schiene. Er war älter als 50 Jahre und somit erfüllte er alle Bedingungen um an der britannienweiten Standartmedikamentation für Ü50-Personen teilnehmen zu können. Das ist kein Witz. Sobald man hier fünfzig wird bekommt man von seinem Arzt ein Medikament gegen die üblichen Altersleiden verschrieben. Es wird nicht einmal mehr geschaut, ob man Herzprobleme, einen erhöhten Cholesterinspiegel oder sonst etwas in der Richtung hat. Man bekommt einfach vorsorglich ein Medikament dagegen, das einfach mal alles behandeln soll, das im Alter so vor kommt. Es wird grundsätzlich verschrieben, doch im Falle unseres Pfarrers legte der Arzt noch einmal besonders viel Wert darauf, dass er es auch ja täglich einnahm. Denn in seiner Familie hatte es bereits einen Krebstoten und einen Herzinfarkt gegeben. Ein Blick auf die Verpackungsbeilage verriet jedoch, dass dieses Medikament garantiert nicht dazu beitragen würde, dass Pater John länger lebte. Im Gegenteil, es trug aktiv zu einer Beschleunigung des Verfalls seines Körpers bei. Das sahen sogar die Ärzte, die bereits einige Monate nach Beginn der Einnahme, eine leichte Schädigung der Leber aufgrund der Tabletten feststellten. Die Reaktion, die darauf erfolgte lautete: „Kein Problem! Noch sind die Vorteile, die Sie durch das Medikament erhalten größer als die Nachteile, die eine angeschlagene Leber mit sich bringt. Nehmen Sie die Tabletten daher auch ruhig weiterhin!“ Ist das nicht der Knaller? John zeigte uns den Beipackzettel und wir wussten nicht, ob wir darüber lachen oder weinen sollten. Ihr müsst bedenken, dass es sich hier um ein Volksmedikament handelt, also eines, dass nahezu das ganze Land einnimmt, sobald es das 50. Lebensjahr überschreitet. Damit dies auch funktioniert, besteht die erste Hälfte des Zettels erst einmal aus einer reinen Werbebotschaft mit verschiedenen Heilsversprechen. Würden wir auf diese Art und Weise über eine Therapieform oder ein Naturheilmittel sprechen, ohne hinzuzufügen, dass es sich um unsere eigene Meinung oder Erfahrung handelt, müssten wir fürchten, dafür verklagt zu werden. Auf einem Beipackzettel hingegen gibt es hier keine Probleme. Weitaus spannender waren jedoch die zweite Hälfte, sowie die Informationen, die nicht auf dem Zettel standen. So gab es an keiner Stelle auch nur einen leisen Hinweis darauf, welche Inhalts- und Wirkstoffe in den Tabletten enthalten waren. Der Bereich fehlte einfach völlig. Stattdessen gab es einen kurzen und unspektakulären Hinweis darauf, dass man die Tabletten nicht oder „eher nicht“ einnehmen sollten, wenn man Nierenprobleme oder Leberprobleme hatte, sowie wenn man asiatischer Abstammung war, zu Allergien oder Hautausschlägen neigte oder wenn man unter häufigen Muskelschmerzen litt. Mit anderen, klareren Worten: „Achtung, dieses Medikament ist so giftig, dass es sämtliche Entgiftungsorgane Ihres Körpers angreift!“ Noch etwas weiter unten standen dann die Risiken und Nebenwirkungen aufgelistet. An und für sich konnte man sagen, dass das Medikament wirklich harmlos war. Die kleinen Problemchen, die es evtl. verursachen konnte, waren eigentlich zu vernachlässigen! In gerade einmal 10% der Fälle löste es Diabetes aus und ebenso häufig führte es zu chronischen Gelenksentzündungen und Muskelschmerzen. Wenn nur jeder zweite, der das Medikament empfohlen bekam, die Tabletten auch wirklich einnahm, dann machte dies einer Gesamtbevölkerung von 50 Millionen Briten, von denen vielleicht 20 Millionen über 50 waren, noch immer 1 Million Menschen, die rein aufgrund dieses Vorsogremedikaments Diabetes und/oder chronische Gelenkschmerzen bekamen. Sofort mussten wir dabei an unseren Gastgeber vor ein paar Tagen denken, dem wir den strickten Essensplan aufgestellt hatten. Auch er hatte einen bunten Strauß an Tabletten, die er täglich nahm und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass diese hier mit dazu gehörten. Nicht, dass es nicht trotzdem sinnvoll war, auf Zucker zu verzichten, aber wahrscheinlich könnte er seinen Gesundheitszustand schon deutlich verbessern, in dem er nur diese Giftpillen weg ließ. Das heftige auf der anderen Seite war, dass man rein aus diagnostischer Sicht durchaus begründen konnte, warum jeder Mensch über fünfzig ein Medikament wie dieses bekam. Es gab hierzulande tatsächlich nahezu niemanden, der in diesem Alter noch ein funktionierendes Herz-Kreislaufsystem hatte. Auch Pater John sah man an, dass er durchaus ein Herzinfarktkandidat war, wenn er sich weiterhin so stresste, wie er es bislang tat. Die Überproduktion an Blutplättchen waren nur ein Symptom von dem, was wir in Italien gerne „Pfarrerskrankheit“ genannt haben. Wer sich Tag für Tag die Last einer ganzen Glaubensgemeinde auf die Schultern lud und sich jedes Problem seiner Mitmenschen stärker zu Herzen nahm als seine eigenen, der brauchte sich nicht wundern, wenn er unter dieser Last eines Tages zusammenbrach. Vor allem, wenn die allgemeinen Lebensumstände in einem Land so zerstörerisch waren wie hier oder in Italien. Beide Länder, sein Heimatland wie auch sein Lieblingsurlaubland beschrieb der Pfarrer als „very noisy“ also „sehr laut“ oder „sehr Geräusch intensiv“ Es fiel ihm noch immer auf, obwohl er bereits so schwerhörig war, dass er regelmäßig gefragt wurde, warum er seine Mitmenschen permanent anschrie. Noch erschreckender war jedoch, dass er uns nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, welches seiner Ohren das Hauptproblemohr war. Er wusste nur, dass eines von beiden fast nichts mehr hörte, aber welches es war, da war es sich nun nicht so sicher. Es war also permanent so laut um ihn herum, dass er die Unterschiedliche Lautstärkenintensität in den Ohren nicht einmal mehr mitbekam. Heiko wusste jedoch aus eigener Erfahrung, dass es einen normalerweise in den Wahnsinn trieb, wenn die Ohren ungleichmäßig starke Signale aufnahmen. Hin und wieder kam es bei ihm vor, dass eines der beiden Ohren blockierte, während das andere normal weiter funktionierte. Wenn das der Fall war, machte es ihn jedes Mal so fertig, dass er keine Geräusche oder Stimmen mehr ertragen konnte, bis sich die Ohren wieder beruhigt hatten. Es war ihm also ein vollkommenes Rätsel, wie jemand so leben konnte und es nicht einmal mitbekam. Wenn wir noch einmal an die vergangenen Begegnungen zurück dachten, dann gab es tatsächlich fast niemanden über vierzig hier auf den Inseln, der nicht Taub oder Schwerhörig war. Man konnte sagen was man will, aber dieser permanente Lärm machte etwas mit den Menschen und es war nichts gutes. Dennoch hatte John das Gefühl, sein Heimatland auch in ein positives Licht rücken zu müssen, damit wir es in guter Erinnerung halten konnten. „Irland ist trotz allem eine wunderschöne Insel!“ meinte er, „man braucht nur etwas Sonne, um dies erkennen zu können!“ Es war ein netter Versuch, aber so ganz überzeugte er uns damit noch nicht. Nach dem Essen erklärte er uns, dass er noch einmal fort müsse, um ein Messe zu halten und einige Hausbesuche zu machen. „Fühlt euch einfach wie zu hause!“ meinte er nur locker, „Wenn ihr Hunger habt nehmt euch was aus dem Kühlschrank und wenn ihr sonst etwas braucht, durchsucht einfach die Schränke bis ihr es gefunden habt!“
 
Spruch des Tages: Das bringt den Doktor um sein Brot: Der Menschen Heil, der Menschen Tod. Drum hält der Arzt, auf das er Lebe, uns zwischen beidem in der Schwebe.
Höhenmeter. 40m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 24.972,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Ehemaliges Pilgerhaus / Räume für Kommunionsunterricht, Carentan, Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 19:04:33

 

 

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