Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1326: Gedachte Unterstützung

Vom helfen wollen ist noch keinem geholfen.

01.08.2017 Es war schon paradox, wenn man bedachte, dass wir uns hier in einem 3 Millionen-Euro Anwesen befanden, in dem jedes Detail bis aufs letzte Durchorganisiert und stilgerecht ausgerichtet war, das auf der anderen Seite aber nicht einmal funktionierende Schlafzimmertüren hatte, so dass diese die ganze Nacht über offen stehen mussten. Wie viel Geld konnte man ausgeben, ohne dass dadurch so etwas wie Wohnlichkeit und Praktikabilität entstand? Wenn man sich alles ein klein wenig genauer betrachtete, dann war dies kein Wohnhaus, sondern ein Museum. Auch der Pfarrer lebte hier nicht, sondern war nur ein geduldeter Gast. Am auffälligsten waren die Bilder seiner Mutter, die einen in jedem Zimmer entgegen lachten. Die gute Frau wachte über jeden Schritt des Pfarrers und kontrollierte all sein Handeln. Das gesamte Haus schrie geradezu nach Mutterkomplex und um es noch ein bisschen offensichtlicher zu machen, bestätigte uns unser Gastgeber diese Familienverstrickungen beim Frühstück auch noch. Nachdem er sich nun ja hatte auf uns einstellen können, glänzte er vor Gastfreundschaft am morgen geradezu. Am Küchentisch hatte er uns ein Frühstück von solcher Pracht und Vielseitigkeit vorbereitet, dass wir uns zunächst an den falschen Tisch setzten, weil wir es gar nicht bemerkten. Es bestand aus zwei Tellern, einer Marmelade und einer Margarine, die in der übrigen Tischdeko vollkommen untergegangen waren. Dazu bekam jeder von uns zwei Scheiben Toastbrot. „Du bist der erste, der jemals in diesem Bett geschlafen hat, Franz!“ verkündete er stolz. „Es ist also eine Premiere! Und das Zimmer, Heiko, in dem du geschlafen hast, ist Mamis Zimmer!“ Er sagte tatsächlich „Mami“, nicht „Mum“ wie es im Englischen selbst bei Kindern üblich ist. Und er sagte allen Ernstes, dass in den zwei Jahren, in denen er nun in diesem Haus lebte, noch nie ein Gast hier übernachtet hatte, der nicht seine Mutter war. Da er selbst so darauf gepocht hatte, dass es wichtig war, einen Menschen im Voraus darüber zu informieren, dass man ihn besuchen wollte, baten wir ihn, seinen Kollegen in unserem Zielort anzurufen. Er verschwand im Nebenzimmer, plauderte knapp zehn Minuten mit irgendjemanden und kehrte dann mit Bedauern zurück. Er habe leider niemanden ausfindig machen können, da einer der Pfarrer Urlaub hatte und er ansonsten nichts hatte erreichen können. Am besten wäre es wohl, einfach loszuziehen und zu schauen, was passierte. So hätte es ja gestern auch funktioniert. Dabei schien er vollkommen vergessen zu haben, wie sehr er sich noch wenige Stunden zuvor gesträubt hatte uns ohne Voranmeldung aufzunehmen und wie knapp es war, dass wir um 23:00 Uhr nicht doch wieder auf der Straße gesessen wären. Dann aber brachte er die Aktion des Tages, die in dieser Form wohl unübertreffbar ist. In einem kurzen Anflug von Interesse und dem Gefühl, hilfreich sein zu wollen fragte er: „Nehmt ihr auf eurer Reise eigentlich ach Geld an?“ und hatte seine Hand dabei schon fast an seinem Portemonnaie. „Ja,“ antwortete ich, „wir nehmen beispielsweise Spenden für die Projekte entgegen oder um neue Standbeine aufzubauen, so dass neue Bücher und Internetpräsenzen entstehen können, die dann auch wieder den Menschen zu gute kommen, die Heilung oder anderweitige Hilfe brauchten.“ Der Mann zuckte zusammen und seine Hand befand sich sofort wieder dort, wo er sie sehen konnte. Es war ein bisschen, als hätten meine Worte in ihm ein Weckerklingeln ausgelöst, dass ihn aus dem Schlaf der Hilfsbereitschaft wieder heraus riss. „Aha!“ sagte er daher nur unberührt und ließ das Thema sofort wieder fallen. Heiko beschloss, ihn so leicht nun auch wieder nicht davon kommen zu lassen und ergänzte: „Außerdem dürfen wir natürlich Geld für Sonderausgaben wie beispielsweise die Fähre nach Frankreich verwenden. Hier ist es in der Regel so, dass wir in den letzten Tagen vor der Fähre bei den Leuten nach Geld fragen und darauf vertrauen müssen, dass wir rechtzeitig genügend zusammen bekommen.“ Der Pfarrer schaute auf und hielt einen Moment inne, so als überlegte er, ob er uns nicht doch etwas geben sollte. Dann sagte er: „Ich bin sicher, ihr werdet da jemanden finden, der euch unterstützt!“ Damit war das Thema dann vom Tisch. Wenige Minuten später begannen wir mit unserer Etappe zum letzten Schlafplatz in Nordirland, das wir nun durch dank der Komplexität in Sachen Bürokratismus und Aufnahmebereitschaft in gerade einmal 7 Tagen durchquert hatten. Wenn es so weiter ging, waren wir in Frankreich noch ehe wir auch nur das Wort „Fähre“ sagen konnten.
 
Spruch des Tages: Vom helfen wollen ist noch keinem geholfen.
Höhenmeter. 140m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 25.024,27 km
Wetter: Dauerregen
Etappenziel: Ehemalige Schule, Troisgots, Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 20:51:52

 

 

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