Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1338: Die Geschichte Irlands in Kurzform

Es ist bedeutend leichter, einen unangenehmen Umst

08.08.2017 Warum Irland ist, wie es ist... Unser Pfarrer war kein besonders spiritueller Mann, ähnlich wie die meisten Pfarrer die wir in letzter Zeit getroffen haben. Wo ich das gerade erwähne fällt mir auf, dass dies hier ein weitverbreitetes Phänomen ist. Ein Pfarrer sieht sich hier selbst in der Regel nicht als Mann des Glaubens oder der Spiritualität, sondern eher als einen Religionswissenschaftler an, der versucht, den Menschen den geschichtlichen, praktischen und gedanklichen Nutzen von Religion nahe zu bringen. Es geht nicht darum, die Menschen zu Gott zu führen, also ihnen aufzuzeigen, wie sie in ihre eigene Kraft, ins Vertrauen, in die Erleuchtung, ins Erwachen kommen können, sondern eher, sie davon zu überzeugen, dass der eigene Dienstleistungsanbieter in Form der Religionszugehörigkeit der beste ist. Wir haben nun schon sehr viele Pfarrer besucht und uns mit vielen auf gut unterhalten, doch ging es dabei fast nie um Glaubensfragen oder etwas in der Richtung. Tatsächlich hatte ich das tiefste und intensivste Gespräch über Glauben und die Frage, wer oder was Gott eigentlich ist, mit einem afghanischen Dönerbudenbesitzer, während ich auf meine Pizza wartete. Es ist schon etwas kurios, dass man hier als christlicher Mönch und Pilger täglich mit christlichen Priestern zu tun hat und den einzig nennenswerten Austausch über Spiritualität, bei dem ein tiefes, gegenseitiges Verständnis und eine Offenheit für den anderen spürbar wird, mit einem muslimischen Fastfood-Koch stattfindet. Aber zurück zu unserem Pfarrer. Worin der Mann bewandert war, was Geschichte, vornehmlich die Geschichte Irlands. Als wir am Abend in seiner Küche kochten, erzählte er uns einige Hintergründe, die uns halfen die Einheimischen und ihre Kultur etwas mehr zu verstehen. Anders als ich es geglaubt hatte, blickte Irland nicht auf fünf oder sechs Jahre des Bürgerkriegs mit Großbritannien zurück, sondern auf rund 1000 Jahre. Seit des frühen Mittelalters hatte es hier schon immer Kriege und Auseinandersetzungen mit den Briten gegeben, stets mehr oder minder erfolgreich versuchten, die Iren zu unterdrücken und zu versklaven. Es begann mit simplen Gebietskämpfen irgendwann um 11.000 nach Christi und wurde mit der Rebellion von Henry VIII gegen den Papst so richtig akut. Zumindest wenn man der offiziellen Geschichtsschreibung glaubt, dann basiert die gesamte Geschichte und religiöse Entwicklung Britanniens darauf, dass sich Papst Clemens VII aus irgendeinem Grund weigerte, die Eheschließung des englischen Königs mit seiner Braut anzuerkennen. Darüber war Henry so erzürnt, dass er beschloss, mitsamt seines Königreichs aus der katholischen Kirche auszutreten und sich selbst zum Oberhaupt einer neuen Kirche zu machen. Dies war die Geburtsstunde der anglikanischen Kirche, mit der wir ja schon einige Erfahrungen gemacht haben. Irland hingegen wollte bereits damals nicht Teil des britischen Königreichs und erst Recht nicht Teil dieser komischen, neuen Glaubensgemeinschaft sein, sondern hielt dem Papst die Treue. Ich kann nicht sagen, was wirklich dahinter steckt, denn wie immer bei religiösen Konflikten wird auch hier mehr dahinter sein, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Aber von diesem Moment an begann eine Odyssee der Intrigen, der Meuchelmorde und kriegerischen Auseinandersetzungen. Vater Noonan kannte jedes Detail davon und erzählte und genau, wann welcher König von seinem Sohn, Bruder, seiner Frau oder seiner Oma ermordet wurde, um den Thron zu übernehmen und die Macht an sich zu reißen. Dabei kam es fast immer auch zu einem Wechsel zwischen katholischen und anglikanischen Machthabern, wobei die Religion hier meines Erachtens rein als Werkzeug und Rechtfertigung genutzt wurde. Für Irland bedeutete dies jedoch fast immer, dass es auf die eine oder andere Weise von den Briten unterdrückt wurde. Über viele Jahrhunderte hinweg, gehörten fast alle Ländereien auf der irischen Insel englischen Adelsfamilien, die zumeist irgendwo in Britannien wohnten und ihr Land nur über Mittelsmänner verwalten ließen. Die Iren, die hier lebten mussten Steuern und abgaben zahlen und sich an die Regeln halten. Hin und wieder gab es dabei natürlich Aufstände in denen die Iren versuchten frei und unabhängig zu werden. Der bekannteste wurde von einem Mann namens Boykott angeführt, der die Strategie wählte, sämtliche Forderungen und Regelungen der Briten mit Ignoranz zu strafen. Daher kommt auch das Wort boykottieren, um auszudrücken, dass man jemanden ignoriert oder ausschließt um seinen Willen durchzusetzen. Diese Fehde setzte sich permanent fort und mündete schließlich in dem Krieg von vor einigen Jahren, in dem weniger mit Boykottierungen und mehr mit Bombenanschlägen gearbeitet wurde. Die Angst vor Übergriffen steckt also seit vielen Generationen tief im Ahnengedächtnis der Einheimischen hier fest. „Was die vielen Zäune und Verbotsschilder betrifft“, fuhr der Pfarrer fort, „habe ich zwei Ideen, die das erklären könnten. Zum einen müsst ihr euch vorstellen, dass wir Iren seit Generationen auf fremdem Land gelebt haben. Alles um uns herum gehörte fremden Briten, die niemand je zu Gesicht bekam und deren es nur um ihren finanziellen Vorteil ging. Nun haben wir zum ersten Mal seit knapp 1000 Jahren unser eigenes Land und das wollen wir nun natürlich beschützen. Ich glaube das hier nun viel so ein Gefühl auftaucht von 'Das ist nun meins, deswegen darf es niemand mehr betreten oder anfassen.' Der zweite Faktor ist, dass sich in Irland von Seiten der Rechtslage und der Versicherungen das gleiche System etabliert, das es auch in Amerika gibt. Das bedeutet, dass man jeden erst einmal für alles haftbar machen kann, solange dieser nicht beweisen kann, dass man selber schuld ist. Verstauche ich mir beispielsweise den Knöchel, wenn ich auf der Straße gehe, dann ist das meine Schuld. Verstauche ich ihn mir, wenn ich mich auf deinem Land befinde, kann ich dich dafür verklagen. Es sei denn, du hast mir ausdrücklich verboten, dein Land zu betreten, denn dann habe ich gegen ein Recht verstoßen und die Haftung erlischt.“ Ein weiterer Faktor, der zur Skepsis und zur generellen Verschlossenheit beitragen könnte ist der, dass es eine recht eigensinnige Art von Interirischem Tourismus gibt. Wanderer aus dem Ausland kennt man so gut wie gar nicht und wenn man einen Fremden sieht, assoziierte man ihn als erste mit dem hier bekannten irischen Campertourismus. Die Campingurlauber sind jedoch alles andere als beliebt und haben den Ruf, laut, dreist unverschämt und nicht selten sogar etwas kleptomanisch veranlagt zu sein. Wenn sie irgendwo klingeln, dann fragen sie nicht nach irgendetwas, sie fordern es ein und dies meist ohne die geringste Höflichkeit. Dies führt natürlich dazu, dass man Fremden gegenüber erst einmal skeptisch ist. Auf der einen Seite waren diese Erklärungen sehr einleuchtend und halfen uns dabei, die Iren noch einmal in einem anderen Licht zu sehen. Auf der anderen Seite musste man allerdings sagen, dass man sich auch nicht zu sehr darauf ausruhen durfte. Wenn man sich beispielsweise die Geschichte des Balkans anschaut, dann sieht diese sehr ähnlich aus und ist ebenfalls von Kriegen, Konflikten und Unterdrückung geprägt. Und doch haben sich die Menschen dort bei weitem mehr Offenheit und Zwischenmenschlichkeit bewahren können. Heute in der Früh bereitete uns Pater Noonan noch ein Müsli-Frühstück zu und führte einige Telefonate mit Pfarrern in der Umgebung. Der Zuständige Priester für unseren geplanten Zielort war mal wieder im Urlaub und so planten wir die gesamte Route kurzerhand um. Am Ende landeten wir bei Pater Guinan, einem rüstigen Rentner, der fast sein ganzes Leben in Amerika verbracht hatte. Wir hatten uns um 15:00 Uhr mit ihm an seiner Kirche verabredet, doch wie in diesem Land offenbar üblich klappte dies mal wieder nur bedingt. Er war auf einer Beerdigung, die sich bedeutend länger hinzog, als er es erwartet hatte und so kam er erst eineinhalb Stunden später. In der Zeit saßen wir bei einem Tee und einigen Marmeladentoast in der anliegenden Gemeindehalle. Langsam aber sicher spürten wir, dass wir es einfach akzeptieren mussten, dass man in diesem Land niemals vor 17:00 Uhr irgendwo ankommen konnte und dass man einfach nur noch Nachts arbeiten konnte.
 
Spruch des Tages: Es ist bedeutend leichter, einen unangenehmen Umstand anzunehmen, wenn man versteht warum er ist, wie er ist.
Höhenmeter. 50 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 25.267,27 km
Wetter: Dauerregen ohne Ende
Etappenziel: Besprechungssaal, Montflours, Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:17:02

 

 

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