Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1347: Saunatag

Rasieren in der Sauna verboten!

15.08.2017 Irland hat wirklich zwei Gesichter! So hart und unwirtlich es auf der einen Seite ist und so oft es uns auch in die Weißglut treibt, so sehr zeigt es sich dann wieder versöhnlich. Gestern beispielsweise hatten wir nach dem langen, anstrengenden und äußerst nervigen Tag ein ganzes Kloster für uns alleine, konnten ungestört in der Küche kochen, die Waschmaschine nutzen und es uns gut gehen lassen. Heute lag dann wieder eine 33km Wanderung vor uns, jedoch mit dem Unterschied, das von Anfang an klar war, wo wir ankommen würden und dass dort bereits ein Platz auf uns wartete. Bis auf einen kleinen Schauer war es trocken, sonnig und freundlich und die Gegend war so abgeschieden und ländlich, dass wir insgesamt sogar ganze fünf Menschen wandern oder Fahrrad fahren gesehen haben. Das war mehr als bislang in ganz Irland. So etwas wie einen ruhigen Platz ohne Straßenlärm, Hundegebell, Kettensägen oder ähnliches gab es natürlich trotzdem nicht, aber das wäre hier wohl auch zu viel erwartet. Dennoch konnten wir drei Pausen machen und in einer davon sogar einige Minuten dösen. In einer zweiten reparierten wir unsere Wagen und ölten die Bremsen neu, so dass sie wieder richtig griffen, Dabei kam auch einiges an Fett an unsere Griffe, das wir gerne mit einem Tuch weggewischt hätten. Leider hatten wir keines und so fragten wir einen vorbeifahrenden Autofahrer. Er durchsuchte sein Handschuhfach und sämtliche Ablagen, stellte aber fest, dass er auch keines besaß. Halb so schlimm, dachten wir, nutzten etwas Gras und Moos für die Reinigung und hakten das Thema damit ab. Für den Mann war es aber noch ganz und gar nicht abgehakt, denn er dachte permanent darüber nach, wie er uns doch noch helfen könnte. Wenige Minuten später hielt er noch einmal neben uns an, hatte aber noch immer kein Taschentuch. „Wartet da unten ein paar Minuten an der Straße!“ sagte er, „Ich komm dann gleich noch einmal wieder und bringe euch ein Taschentuch!“ Es war echt lieb, wie bemüht der Mann war, aber leider deutete er auf eine Ecke, die von einer Kettensäge, einem Traktor und einem Hund um die Wette terrorisiert wurde. Ein paar Minuten versuchten wir dennoch auf ihn zu warten, doch dann dauerte es einfach zu lange und der Preis wurde zu hoch für ein Taschentuch. Auch das ist etwas, das man hier lernen muss: Was die Leute hier tun, ist die Sache der Leute, und nicht die von einem selbst. Es ist nett, uns ein Taschentuch schenken zu wollen, aber es ginge zu weit, sich deshalb verpflichtet zu fühlen, stundenlang an einem Ort auf jemanden zu warten, der vielleicht kommt, vielleicht aber auch nicht. Irgendwo muss man einem Taschentuch schon auch den Wert geben, den es hat und der liegt sicher nicht über dem des eigenen Wohlbefindens. Unser Zielort für heute trug den Namen New Ross und war eine beeindruckend unästhetische Stadt am Rande eines Flusses. Der Grund, warum wir ausgerechnet hier her kamen und nicht in einen schöneren Ort wanderten war der, dass man besagten Fluss nur an einer einzigen Stelle überqueren konnte. Nämlich hier. Die letzten drei Kilometer spürte man den Einfluss der großen Stadt bereits deutlich und wir gerieten zudem noch in den Feierabendverkehr. Schließlich lag das Zentrum vor uns, lediglich verdeckt von einigen alten verlassenen und halb verfallenen Fabrikhallen. Wer hätte gedacht, dass es einmal Orte geben würde, neben denen Städte wie Sarajevo geradezu gemütlich wirkten? Gut, dass wir uns hier nicht lange aufhalten mussten, sondern bereits eine feste Adresse und eine feste Verabredung hatten. An der Hauptkirche trafen wir uns mit Pater Tom, der uns ins Pfarrhaus führte, in dem er gemeinsam mit Pater Richard und Pater John lebte. Pater Richard kam wenige Minuten später nach hause und machte sich gleich daran, seine Sachen für eine Pilgerreise zu organisieren, die er morgen starten würde. Gemeinsam mit einer Gruppe aus seiner Pfarrgemeinde wanderte er gerade in 6 Jahresabchnitten von Saint Jean Piet de Port nach Santiago. Dieses Jahr war die vorletzte Etappe an der Reihe und morgen ging der Flug dafür von Dublin aus fliegen. Trotz der Vorbereitungen ließ er es sich aber trotzdem nicht nehmen, auch heute seiner täglichen Schwimm- und Sauna Routine nachzugehen und er lud uns ein, ihn dabei zu begleiten. Da ließen wir uns natürlich nicht zwei Mal bitten und schon standen wir wenige Minuten später im örtlichen Schwimmbad, bereit für die Enstpannungseinheit des Tages. Es war das fünfte Mal auf unserer Reise, dass wir in die Sauna gehen konnten. Auf gewisse Weise ähneln sich die Wellnessbereiche öffentlicher Schwimmbäder überall in Europa sehr stark. Meist gibt es eine oder zwei Saunen, ein Dampfbad, einen oder mehrere Whirlpools und ein paar warme und kalte Duschen. So war es auch hier und doch war dieser Saunabereich so ganz anders, als man es bei uns von einem Saunabereich erwarten würde. Bei und und wahrscheinlich auch nirgendwo sonst auf der Welt, käme man beispielsweise auf die Idee, einen Fernseher in den Zwischenbereich zu hängen und dort ein Fußballspiel zu übertragen. Ins Café nebenan, meinetwegen, aber definitiv nicht in den Wellnessbereich, der hier sogar „Gesundheitsbereich“ genannt wurde. Einen Ruheraum gab es nicht, dafür aber immerhin eine einzige Bank und einen Wasserspender. Das beste waren jedoch die Schilder, die groß und deutlich neben den Eingängen zur normalen Trockensauna und zur Dampfsauna hingen: „Das Rasieren in der Sauna ist verboten!“ Ich dachte erst, dass „Shaving“ vielleicht noch eine andere Bedeutung hatte, oder dass es sich dabei um eine Art Witz handelte, den wir nicht richtig verstanden. Doch Pater Roger bestätigte uns, dass diese Schilder genau das waren, wonach sie aussahen. Und vor allem, dass es tatsächlich nötig war, sie hier aufzustellen. „Es gibt einige ethnische Gruppen“, erklärte er, „für die es tatsächlich ganz normal ist, sich an solchen Orten zu rasieren und die dies auch immer wieder tun.“ Heiko und ich staunten. Wir hatten ja schon viel verrücktes gehört und gesehen, aber das jemand wirklich auf die Idee kam, sich in einer Sauna rasieren zu wollen? Im Whirlpool ok und vielleicht noch in der Dampfsauna. Aber warum sollte man dazu denn in eine normale Sauna gehen? Es gab hier ja nicht einmal Wasser, abgesehen vom eigenen Schweiß. Neugierig geworden fragten wir, um was für exotische „ethnische Gruppen“ es sich dabei wohl handeln würde. „Unterschiedliche!“ sagte Roger, „aber vor allem Iren!“ Die Sauna selbst hatte auch ihre Eigenheiten, mit denen wir erst einmal zurecht kommen mussten. So war es zum Beispiel verboten Wasser auf den Saunaofen zu gießen, was so etwas wie einen Saunaaufguss natürlich etwas schwierig gestaltete. Roger war sogar überrascht, dass wir auf diese Idee kamen, da es sich ja um eine Trockensauna handelte. Offenbar war die ganze Tradition finnischer Saunakultur noch nicht bis hier her vorgedrungen. Ebenso sonderbar war, dass man kein Handtuch mit in die Sauna nehmen sollte. Es war nicht explizit verboten, aber eben auch nicht erwünscht, oder gar gefordert. In Ungarn wurde ich vor ein paar Jahren einmal fast aus einer Sauna hinausgeworfen, weil mein Fuß halb neben meinem Handtuch stand. Und hier setzte sich jeder mit seinem Schweißtriefenden Hintern einfach auf die nackte Bank und es war vollkommen in Ordnung. Ich finde, dies zeigt noch einmal, dass wir mit unserer Bakterienangst vollkommen auf dem falschen Dampfer sind. Wenn wir wirklich durch Infektionen krank werden könnten, müsste jeder Saunabesucher im Anschluss tot umfallen. Wir blieben etwa eine Dreiviertelstunde, was für einen Saunabesuch nicht übermäßig lang ist, in diesem Fall aber vollkommen ausreichte. Der einzige Ort, an dem man tatsächlich entspannen konnte, war die Sauna selbst und in der hielt man es eben nicht ewig aus. Spannend war aber, dass in der Zeit in der wir dort waren gerade einmal fünf Personen die Sauna nutzten. Drei davon waren Pater Roger, Heiko und ich. Wenn man bedenkt, dass dies das einzige Schwimmbad mit Termalbereich im Umkreis von gut 200km ist, ist das eher mal niedlich. Wir wurden einfach die Frage nicht los, wie es sein kann, dass es in einem so nasskalten Land wie Irland keine Saunakultur gab. Wie funktioniert so etwas, dass es in Finnland, Schweden und Norwegen kaum jemanden gibt, der nicht seine eigene Sauna oder wenigstens einen Zuber im Garten hat, während man hier nicht einmal weiß, wie eine Saunazelebration überhaupt aussieht? Überhaupt ist es ein Rätsel, dass es hier trotz all der Ungemütlichkeit nichts gibt, mit dem man es sich gemütlich machen kann. Nahezu niemand hat eine Badewanne und auch Kaminöfen waren eher selten. Selbst die Duschen waren größtenteils so konstruiert, dass man sie nicht richtig genießen konnte, weil sie entweder das Geräusch eines Elektrogenerators von sich gaben, sobald man sie einschaltete, weil der Wasserdruck dem eines Niselregens entsprach oder weil das Wasser einfach nicht warm werden wollte. Als wir uns auf den Weg zum Ausgang machten, fand im großen Schwimmerbecken gerade die Wassergymnastik mit den großen Schwimmnudeln statt. Vor dem Becken stand eine junge Frau mit der gleichen Nudel, die die Rentnerinnen im Wasser anleitete. Als wir jedoch an ihr vorüber gingen, geschahen zwei Sachen gleichzeitig, die beide zur Folge hatten, dass die Damen im Wasser nur noch bedröppelt herumstehen konnten. Zum einen konnte die junge Frau nicht mehr mit dem Starren aufhören, als sie uns sah und begann sofort, uns mit ihren Blicken auszuziehen. Zum anderen war ihr plötzlich die Wassergymnastik die sie hier anleitete so peinlich, dass sie nicht weiter machen konnte. Sie klammerte sich an ihre Schwimmnudel und bewegte sich keinen Millimeter mehr, bis wir in der Umkleide verschwanden.
 
Spruch des Tages: Rasieren in der Sauna verboten!
Höhenmeter. 130 m
Tagesetappe: 28km
Gesamtstrecke: 25.425,27 km
Wetter: sonnig, angenehm, leichter Wind
Etappenziel: Festsaal der Stadt, Cuon, Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:20:35

 

 

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