Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1356: Auf dem Greenway von Cherbourg nach Mont Sant Michelle

Trink nicht alles, was auf dem Tisch steht.

22.08.2017 Sonderbare Nachbarn Eine kleine Merkwürdigkeit gab es gestern in unserer Pension dann doch noch. Die Damen aus dem Rathaus hatten uns bereits darauf hingewiesen, dass unsere Nachbarin von gegenüber einige geistige Probleme hatte und dass wir sie aus diesem Grund besser nicht ansprechen sollten. Was es genau war erfuhren wir nicht und wir bekamen sie auch nur einmal kurz zu Gesicht, doch irgendetwas an ihr schien tatsächlich sehr merkwürdig zu sein. Nachdem wir für die Lokalzeitung interviewt wurden und sich die Reporterin wieder auf den Weg machte, meinte sie beim öffnen der Tür: „Oha, in eurem Treppenhaus riecht es aber streng!“ Das war sogar noch etwas untertrieben, es stank geradezu nach einem penetranten und nicht unbekannten Geruch, den wir jedoch nicht gleich einordnen können. Auf der Treppe waren mehrere dunkle Flecken zu erkennen und Heiko vermutete für einen Moment, dass es sich dabei um Hundescheiße handeln könnte. Tatsächlich wirkte es bei genauerer Betrachtung jedoch eher wie trockenes Blut vermengt mit irgendeiner Art von Schleim. Jetzt erkannten wir auch, woher wir den Geruch kannten. Es war Aasgeruch. Es roch nach verfaultem, verwesendem Fleisch. Die Leiche im Treppenhaus Der Geruch begann unten im Eingangsbereich und verbreitete sich über das ganze Treppenhaus, doch am intensivsten war er vor der Tür unserer Nachbarin. Irgendetwas totes hatte sie also vor kurzem mit nach Hause gebracht, denn zuvor war der Geruch noch nicht da gewesen. Wir vermuteten, dass sie ein totes Tier gefunden und mitgenommen hatte, das wahrscheinlich schon lange irgendwo herum lag. Ein Menschenopfer konnten wir uns weniger vorstellen, aber wir waren auch nicht allzu erpicht darauf, das herauszufinden. In Momenten wie diesen waren wir dann doch wieder froh, dass wir nur eine einzige Nacht hier verbrachten. Dadurch konnte man die Dinge etwas lockerer sehen und da unsere Eingangstür eine sehr gute Geruchsbarriere darstellte, sahen wir in der Situation kein allzu großes Problem. Unterwegs auf dem Greenway Die Wanderung heute war eine der schönsten die wir in diesem Jahr überhaupt erlebt haben. Mit Verlassen unseres Übrnachtungsortes gelangten wir auf den Greenway, also einen europäischen Fernradweg, der Cherbourg mit Mont Saint Michelle verband. Die Route war großartig gelegt und führte zunächst auf schmalen und komplett unbefahrenen Sträßchen durch kleine Wälder, Wiesen und Felder. Zum ersten Mal seit Monaten gab es wieder eine echte Harmonie. Die Vögel sangen und schrien nicht. Blätter raschelten sanft anstatt laut zu rauschen und außer den Geräuschen der Natur hörte man für lange Zeit überhaupt nichts. An einigen Stellen war der Weg etwas irreführend ausgeschildert und einige der Zeichen waren hinter Büschen oder auf der Rückseite von Zäunen versteckt. Aber abgesehen davon bekam der Weg von uns die volle Punktzahl. Hier mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs zu sein war ein wahres Vergnügen. Dabei waren die Erbauer des Weges auf alle Bedürfnisse von Radfahrern und Wanderern eingegangen. Es gab Picknickplätze an schönen Orten mit Tischen, Bänken Mülleimern und sogar Wasserhähnen, es gab ruhige, gut ausgebaute Wege, eine durchgängige Beschilderung und nur wenige echte Aufstiege. Auf diese Weise konnte man stundenlang vor sich hin wandern ohne dem je überdrüssig zu werden. In der zweiten Hälfte des Weges führte die Route dann auf eine stillgelegte Bahnstrecke, die sich fast spiegel-eben durch das ansonsten hügelige Land schlängelte. So in der Art wird der Weg nun bis hinunter nach Mont Sain Michelle führen und dort auf ähnliche Wege stoßen. Wie der weitere Verlauf ist, können wir natürlich noch nicht sagen, aber den Anfang können wir schon einmal wärmstens empfehlen. Im Zisterzienser-Kloster Unser Etappenziel war dieses Mal wieder ein Zisterzienser-Kloster, das etwas abseits vom Weg lag. Wir wurden hier ähnlich unkomplex empfangen wie bei dem letzten Zisterzienser-Kloster in Irland und hatten nach einer kurzen Einführung den restlichen Tag vollkommen für uns alleine. Auch hier wurden wir mit Essen versorgt, wobei es dieses Mal bedeutend besser war, als bei den Brüdern in Irland. Es gab sogar frisches Obst und eine Auswahl an französischem Käse. Man konnte es nicht leugnen, das Leben hier war einfach ein anderes. Lediglich der Apfelsaft war eine Enttäuschung. Eisgekühlt mit saftigen Äpfeln auf dem Etikett stand er vor uns und gab ein erfrischendes Zischen von sich als Heiko ihn öffnete. Sofort dachten wir an den frischen, gespritzten Apfelsaft, den wir in Österreich immer wieder bekommen hatten. Heiko goss ein und leerte das erste Glas zur Hälfte mit nur einem Zug. „Ahhhh!“ machte er in der Erwartung von köstlich spritzigem Apfelsaft, und dann „Urgh!“ als der Geschmack die Erwartung überlagerte und er erkannte, was er da wirklich vor sich hatte. Es war ein Sidre. Also ein gespritzter Apfelwein mit 5% Alkohol. „Oh mein Gott, was ist denn das?“ prustete er, „das ist ja schrecklich!“ Wie kann man den armen Äpfeln nur so etwas antun?“ Da mein Glas ebenfalls voll war und es keine Blumenvase gab, um es heimlich zu entsorgen, kostete ich auch einen Schluck. Es war tatsächlich widerlich! Bitter, vergoren, fad im Abgang. Man schmeckte mit jeder Zelle der Zunge heraus, dass dies ein verwesendes Getränk war. Warum machen wir so etwas? Nein im Ernst, wenn man wirklich einmal genau hin schmeckt, dann ist es unmöglich, dass jemand diesen Geschmack mögen kann. Vor allem nicht, wenn man echten, gespritzen Apfelsaft kennt. Beim Wein ist es ja nichts anderes. Die frischen Trauben gehören zu den köstlichsten Dingen, die unsere Natur zu bieten hat und wenn man einen Saft daraus macht, könnte man sich hineinlegen und nie wieder aufstehen. Wir aber machen Wein daraus, was nichts anderes bedeutet, als dass wir die Trauben kaputt gehen lassen, bis sie halb in Verfall und Verwesung übergehen um dann den verdorbenen Saft zu trinken. Passiert das gleiche, was mit den Weintrauben passiert mit einer Majonäse, werfen wir sie weg und sagen, sie sei giftig. Bei Obst hingegen freuen wir uns und verkaufen das ganze als Spezialität. Dabei bekommt man die gleichen Symptome, wie wenn man verdorbene Majonäse ist. Einem wird schlecht und etwas schwindelig, und wenn man Pech hat bekommt man Durchfall oder muss sich übergeben. Bei dem einen ist das ein Grund, ins Krankenhaus zu fahren, beim anderen nennt man es Party. Und da sag noch einer wir Menschen seien rationale Wesen.
 
Spruch des Tages: Trink nicht alles, was auf dem Tisch steht.
Höhenmeter 60 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.536,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Städtisches Gästehaus, Sepmes, Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:38:20

 

 

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