Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tag 1393 und 1394: Zu Gast bei ganz besonderen Menschen

Jeder Mensch ist ein Mentor

28.09.2017 Hute durften wir noch einmal eine ganz neue Art von Schlafplatz zu unserer Liste hinzufügen. Wir wurden in ein Behindertenwohnheim eingeladen, wo wir je ein Zimmer bekamen. Es war ein außergewöhnlicher Platz mit außergewöhnlichen Menschen und hier zu übernachten war noch einmal eine ganz besondere Erfahrung, für die wir sehr Dankbar sind. Wenngleich man leider sagen muss, dass die Schlafplätze selber alles andere als angenehm waren. Doch beginnen wir am Anfang. Die Bürgermeisterin vom Vortag hatte uns bereits angekündigt und uns einen Platz an einem Ort namens „Foyer Cluney“ organisiert. Zunächst dachte ich, es handele sich wieder um ein Obdachlosenheim, doch das war es ganz uns gar nicht. Als wir kurz darauf im Heim eintrafen, wurden wir gleich von allen Seiten mit äußerster Höflichkeit begrüßt. Gleichzeitig wurden wir natürlich auch etwas skeptisch und neugierig und nicht ohne eine gewisse Vorsicht beäugt, da wir natürlich auf unsere weise zwei ebenso exotische Vertreter unserer Spezies waren, wie die hiesigen Bewohner auf ihre. Die Heimleiterin empfing uns in ihrem Büro und lud uns ein, zunächst einmal mit den Bewohnern im Speisesaal zu essen. Wir nahmen die Einladung an und waren äußerst positiv überrascht von dem, was uns daraufhin erwartete. Der Speisesaal war eine große Halle und beherbergte zu diesem Zeitpunkt knapp 200 Menschen. Normalerweise waren uns Menschenansammlungen von mehr als 5 Personen schon zu viel, vor allem in Sälen mit einer solchen Bahnhofsatmosphäre. Hier jedoch war es erstaunlich ruhig. Der Umgang, der Menschen miteinander war um ein vielfaches harmonischer und gesitteter, als bei jeder anderen Gruppe, die wir bislang gesehen hatten. Die meisten anwesenden konzentrierten sich schweigend auf ihr essen, doch wenn jemand etwas sagte, dann wurde ihm zugehört und er konnte in einer normalen Lautstärke reden, ohne sich über die Stimmen anderer hinweg profilieren zu müssen. Allein dies machte den Unterschied aus, ob es in einer solchen Halle unerträglich war, oder ob man hier trotz der vielen Menschen sein Essen genießen konnte. Etwa 95% der Anwesenden waren geistig behindert. Der Rest bestand aus Pflegepersonal, Einzelfallbetreuern und der Heimleitung. Auch das Küchenpersonal setzte sich zum Teil aus normalen Angestellten und zum Teil aus Bewohnern zusammen. Unser Ober war ein kleiner, aufgeweckter Mann, der uns den besten Service bot, den wir je in einem Restaurant bekommen hatten. Er war höflich und zuvorkommend, dabei aber nicht aufdringlich oder stressig. Gleich zu beginn fragte er uns, ob wir irgendwelche Lebensmittelunverträglichkeiten hätten oder ob es etwas gab, das wir nicht essen durften, wollten oder mochten. Später fragte er dann noch einmal im Detail, ob Schweinefleisch in Ordnung sei, ob wir mit Fondue als Hauptspeise einverstanden waren und so weiter. All dies tat er mit einer ehrlichen Freude und Höflichkeit, dass es richtig Spaß machte hier zu sitzen. Er schaffte es, dass man sich willkommen und wertvoll fühlte, einfach nur durch seine art der Bedienung. Während wir auf das Essen warteten schauten wir uns ein bisschen im Saal um, so dass wir einen genaueren Überblick über die Charaktere bekamen. Auffällig war, dass wir noch nie so viele Individualisten auf einem Haufen gesehen hatten, die alle ihre ganz eigene Persönlichkeit hatten und auch alle haben durften. Niemand versuchte hier irgendjemanden einer Norm anzupassen. Jeder durfte einfach sein, wer er war, egal wie abstrakt das auch sein mochte. Mein Lieblingskandidat war der Capt´n. Er war ein Mann mit Down-Syndrom und Kapitänsmütze, der gleich nach unserer Ankunft zwischen den Tischreihen patrouillierte und aufpasste, dass in seiner Mannschaft niemand aus der Reihe tanzte. Als er uns sah und als Gäste erkannte, die womöglich einen hohen Rang in der Marine einnahmen, veränderten sich sein Blick und seine Haltung. Er ging aufrechter, schaute ernst und Streng wie ein Militär Oberst und spreizte die Arme um seiner Erscheinung mehr Macht und Ausstrahlung zu verleihen. Direkt vor uns blieb er stehen und gab uns formell die Hand, so wie es auch ein echter Kapitän gemacht hätte. Dann kehrte er zu seinem Platz neben der Eingangstür zurück, um seine Mannschaft wieder optimal im Blick zu haben. Das beeindruckende an dem kleinen, knuffigen Mann war, dass er diesen Capt´n nicht spielte. Er war es durch und durch und dies wurde auch von allen anderen akzeptiert. Das Heim selbst war leider kein besonders schöner Ort. Es bestand aus grauen, trostlosen Siebzigerjahregebäuden und wirkte tatsächlich eher wie eine Art Gefängnis, in das man all diese Leute hier abgeschoben hatte. Umso erstaunlicher war es, dass niemand auch nur im geringsten traurig oder unzufrieden wirkte. Obwohl sie teilweise in winzigen Verschlägen direkt an der Hauptstraße lebten, wo es niemals ruhe gab, strahlten sie eine Lebensfreude aus, die man so in dieser geballten Form auf unserer Reise noch nicht erlebt hatten. Von diesem Menschen konnte man lernen, was es heißt, im hier und jetzt zu leben, sich in Hingabe zu üben und die Schönheit in allem zu erkennen. Darin waren sie uns und den meisten anderen Menschen in unserer Gesellschaft um Längen voraus.
 
Spruch des Tages: Jeder Mensch ist ein Mentor
Höhenmeter 130m / 80 / 190m
Tagesetappe: 25km + 16km + 34km
Gesamtstrecke: 26.254,27km
Wetter: herbstlich, kalt, hin und wieder leichte sonne
Etappenziel 1: Privates Gästezimmer, Recologne, Frankreich
Etappenziel 2: Veranstaltungssaal der Stadt, Conflandey, Frankreich

Zuletzt aktualisiert am 2018-06-11 08:17:58

 

 

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