Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Tock. Tock. Tock. Tock. Heiko Gärtner und Tobias Krüger legen die Stirn in Falten, versuchen sich zu konzentrieren auf das Tock. Tock. Tock. Doch Autolärm und Hupen brausen in ihre Ohren, Geschnatter von Schulkindern bahnt sich seinen Weg, ein Kind weint. Das Tock. Tock. Tock hat es schwer, Heikos und Tobias? Ohren zu erreichen. Sie warten darauf, dass das Tock. Tock. Tock übertönt wird von einem Brrrrrr. Dann wissen die beiden jungen Männer, was alle anderen Passanten sehen - dass die Ampel grün zeigt, dass sie die Straße überqueren können. Heiko und Tobias sind sehbehindert - zumindest vorübergehend.

14 Tage dauert ihr Experiment. Heute ist Tag vier. In der zweiten Woche werden die Männer völlig blind sein. Heiko (33) und Tobias (27) tragen Brillen, die unterschiedliche Augenkrankheiten simulieren. Sie sehen aus wie jene für 3D-Kinofilme, sie sind klobig und schwer, sie haben kleine Klappen an den Seiten, damit kein Licht in die Augen dringt. Heute trägt Tobias eine Brille, die den Grauen Star simuliert, die alles in einen Nebel legt, sodass er nur noch hell und dunkel unterscheiden kann. Heiko erfährt durch seine Brille, was Retinitis Pigmentosa ist - der Tunnelblick. Auch er sieht wie durch einen Nebel, hat aber einen kleinen klaren Fleck in der Mitte seines Sichtfeldes.

Tock. Tock. Brrrrrrrr. Das Blindensignal der Ampel unweit des Nürnberger Bahnhofes schickt Heiko und Tobias auf die Reise. Heute sind sie ohne Schuhe unterwegs, um ein besseres Gefühl für den Boden unter ihren Füßen zu bekommen. Vom geriffelten Stein am Straßenrand, der Blinden als Begrenzung dient, tasten sich die zwei über die Straße, rechts vorbei am Ampelmast auf den Gehweg. Tobias - etwa 1,90 Meter groß, dünn, strubblige braune Haare, glattrasiert, einen Rucksack auf dem Rücken - orientiert sich am Randstein, der Fuß- und Radweg trennt. Heiko - etwas kleiner als Tobias, aber selbe Statur, dunkelblonde Locken, Safari-Hut mit großer Krempe, Drei-Tage-Bart - sagt zu ihm: "Ohne Rehatrainer wären wir doch schon längst hinüber."

Ein Rehatrainer des Bayrischen Blinden- und Sehbehindertenvereins (BBSB) hat sie geschult. Mit ihm sprechen sie täglich über ihre Erfahrungen. Der BBSB sei zwar anfangs skeptisch gewesen, unterstütze jetzt aber das Engagement der Blinden auf Zeit.

Am Morgen sind Heiko und Tobias von ihrem Wohnort Neumarkt in Richtung Nürnberg aufgebrochen. Im Bahnhof Nürnberg schieben sich Tobias? Zehen auf eine Rolltreppe, direkt hinter ihm Heikos. Während sich die Treppe in die Dunkelheit des Tiefgeschosses wälzt, greift Heiko nach Tobias? Hand. "Jetzt sehe ich gar nichts mehr", meint er. Und nach einigen Sekunden: "Das ist wie wenn ich im Winter in einen warmen Raum komme und die Brille beschlägt. Nur geht das jetzt nicht wieder weg." Ihre Füße forschen nach den Leitlinien im Bahnhof - lange Betonrillen, die Sehbehinderten den Weg weisen sollen. Gefunden. An Leuchtreklame und dunklen Säulen vorbei geht es Richtung Ausgang. "Oh, wart? mal, hier riecht?s nach Bäcker", sagt Tobias. Er lässt Heikos Hand los und folgt seiner Nase zur Quelle des Geruchs. "Hier klimpert?s", sagt er und tastet sich zur Kasse des Discount-Bäckers.

Tobias und Heiko wollen Geld verdienen. Deswegen und weil sich die hauptberuflichen Wildnispädagogen als Abenteurer sehen und weil sie auf das Schicksal Blinder aufmerksam machen möchten, drehen sie einen Film über ihr Experiment. Zwei sehende Begleiter - Johannes Scheider und Ninfa Wieser - sind stets an ihrer Seite, packen Stativ und Handkamera immer dann aus, wenn Tobias und Heiko das für richtig halten. Zusätzlich zum Blinden-Handycap reisen sie ohne Geld, um ihre Situation noch aufregender zu machen und um zu erfahren, wie großzügig Menschen gegenüber Behinderten sind. Deswegen erläutert Tobias im Gespräch mit Fremden immer wieder in kurzen Sätzen, was sie tun und warum, duzt dabei grundsätzlich jeden und schließt mit der Frage nach einer Kleinigkeit für umsonst.

Mitten im Satz drängelt sich eine Frau zwischen Tobias und Heiko, murmelt etwas, das wie "Baguettes bezahlen" klingt, Heiko taumelt kurz, rudert mit den Armen, während die Frau drei Münzen klackernd auf den Tresen fallen lässt. Die Kassiererin verschwindet wortlos, nachdem Tobias sein Anliegen vorgetragen hat. "Ist sie noch da?", fragt Tobias Heiko. Plötzlich macht der Filialleiter vor ihnen mit einem freundlichen "Ja, bitte?" auf sich aufmerksam. Tobias erläutert, der Chef nickt, geht, sagt das aber nicht. Tobias und Heiko drehen die Köpfe zueinander, als ob sie sich ansehen wollten. "Ich bin hier", ruft der Filialleiter. Tobias und Heiko hangeln sich an den Ablagen vor den Brötchenvitrinen entlang in Richtung seiner Stimme, zwei Kundinnen machen einen Schritt zur Seite. Der Filialleiter drückt Tobias ein Baguette in die Hand und verabschiedet sich.

Nachdem sie das Backwerk auf dem Weg aus dem Bahnhof verzehrt und das Gebäude verlassen haben, fingert Tobias aus der Hosentasche seiner Jeans ein Diktiergerät, nicht größer als ein dicker Filzstift. Beide haben eines bei sich für die schnelle Notiz zwischendurch. Tobias drückt einen Knopf. Klick. "Ist das rote Licht an?", fragt er, reicht Heiko das Gerät, der es dicht vor seinen Tunnelblick hält und bejaht. "Normalerweise gehen die Leute mittendrin statt zu sagen ,Kommen Sie mal mit.? Das war gerade bei einem Bäcker im Bahnhof wieder so. Wir haben aber wieder was umsonst bekommen, ein Baguette diesmal. Das funktioniert häufiger als ich dachte." Klick. Gerät aus.

Tobias ist während seines Tagebucheintrages etwas hinter den anderen zurückgefallen. Sie nicht zu hören, das macht ihn unruhig, genau wie Baustellenschilder, die niedriger hängen als normale, genau wie die Geräusche rauschenden Verkehrs in seinen Ohren. Instinktiv dreht Tobias den Kopf hierhin und dorthin. "Hier!", ruft Johannes in diesem Moment. Tobias ist gerade drauf und dran, den Fußweg zum Kino zu verfehlen.

Der Kinobesuch ist ein Vorschlag des BBSB. Aufgaben stellt der Verein Heiko und Tobias täglich - in erster Linie, damit sich ihr Erfahrungsschatz erweitert. Aber auch, um Sehenden Eindrücke von alltäglichen und besonderen Herausforderungen Blinder zu verschaffen. Während Heiko versucht, im Gespräch mit der Marketingleiterin für die vier einen kostenlosen "Batman"-Besuch rauszuschlagen, stiert Tobias auf einen Flyer. "Gelb, blau, Köpfe - das könnte was Fantasy-Mäßiges sein", mutmaßt er. "Eine Micky Maus?" - "Das ist eine Fackel", sagt Johannes lachend und stopft den Flyer des Abenteuerfilms "Die Schatzritter" in Tobias? Rucksack.

Die Karten hat Heiko bekommen. Jetzt muss er. Die breite Teppichbodentreppe hinunter, immer am Geländer entlang. "Hier ist?s aber dunkel. Ich sehe nichts mehr", sagt er. In den Popcorn-Geruch mischt sich der von Reinigungsmitteln. An der Wand entlang tastet sich Heiko zu einer Tür, streicht mit der Hand darüber, bis sie eine Unebenheit findet, nicht größer als der Abriss einer Kinokarte. Der Finger schiebt sich von unten links an der Unebenheit rauf, dann wieder halb runter, rechts rüber, rauf und wieder runter. "H. Das H steht für Heiko", witzelt er und drückt die Tür auf. Heiko tastet sich an den für ihn grauen Fliesen entlang, die in Wirklichkeit dunkelblau sind, an einer, zwei, dreivierfünf geöffneten Toilettentüren vorbei zum Pissoir.

Vor der Toilette hat Johannes die Handkamera auf ein Stativ geschraubt, denn er weiß schon, was kommt. Die Türszene wird Heiko aufnehmen wollen. Und richtig genug, als die Tür sich öffnet und Heiko sich die gewaschenen Finger trockenschüttelt, fragt er: "Johannes? Bist du da? Bau mal das Gerät auf."

Das wird Johannes noch einige Male hören. Im Schnellimbiss zum Beispiel, wo der türkische Inhaber ohne Probleme vier Döner und Getränke springen lässt. Und vor der Apotheke, in der Heiko und Tobias vergeblich versuchen, von einem brummeligen Apotheker Blindbrillen für die zweite Hälfte ihres Experimentes zu bekommen. Und vor dem Bahnhof an einem Infoterminal.

Abends beim Kochen in der WG von Begleiterin Ninfa ist Johannes ebenfalls gefragt, aber nicht nur mit der Kamera. "Ihr habt das Preisschild auf den Karotten mit in den Salat geschmissen", sagt er. "Das habe ich erst gefilmt und dann eingegriffen", schiebt er lachend hinterher. Es geht hektisch zu. Heiko wühlt in den unbekannten Schubladen nach einem Dosenöffner. "Tobias, jetzt schau doch mal", ruft er gereizt. Tobias tastet sich aber gerade zum Gewürzschrank. "Tabasco, Chili und die Gewürze vom Lidl hab? ich, die erfühle ich alle." Beim Essen schiebt sich Tobias immer wieder nichts von der Gemüse-Reis-Pfanne auf die Gabel, was er bemerkt, als er sie zum Mund führt.

Vieles braucht Geduld, Zeit und Verständnis, das Lernen Heiko und Tobias in den folgenden Tagen. Sie kuscheln, fauchen sich auch mal an und weinen an einem Abend auch. Sie machen Grenzerfahrungen, beispielsweise beim Zwölfeinhalb-Stunden-Marsch auf die Zugspitze - oder im Supermarkt. "Bei den Einkäufen, ohne was sehen zu können, habe ich mich hilfloser gefühlt als auf dem Weg zur Zugspitze", meint Heiko. "Am Berg waren wir zumindest abgesichert."

Heute ist der 14. und letzte Tag des Experiments. Heiko kleben zwei rote Kinderaugenpflaster vor den Augen, Tobias zwei rosafarbene. Mit Johannes und Ninfa stehen sie an der Quelle des Lengenbaches in ihrer Heimat Neumarkt, mitten in der Natur. Wasser plätschert. Tobias tastet nach Heikos Gesicht. "Bist du bereit?" - "Ja." Ratsch! Mit einem kräftigen Ruck reißt Tobias das rote Pflaster ab, Heiko schreit auf, kneift das rechte Auge zusammen. Macht es auf und lacht. "Schön, wie meine Augenbraue da am Pflaster hängen." Tobias lacht auch. Heiko fackelt nicht lang, zerrt an Tobias? Kinderpflaster, der lacht noch immer, lacht die Schmerzen einfach weg. Beide rupfen auch das zweite Pflaster ab.

Da stehen sie, auf ihre Blindenstöcke gestützt - und sehen. Reiben sich mit den Händen die Augen. Blinzeln. Immer wieder. Sie lachen noch immer. Tobias sagt schließlich: "Das ist so hell." Heiko blickt sich mit seinen blaugrauen Augen um, sieht das plätschernde Wasser, sieht ein sich drehendes Mühlrad, sieht Gras und Bäume, die sich im Sommerwind wiegen, sieht die Sonne, sieht den wolkenlosen Himmel. Sieht das alles. "Ich hatte es mir viel farbintensiver vorgestellt. Die Farben sind ja alle viel matter." Beide spülen immer wieder ihre Augen aus. Schließlich machen sie sich auf den Rückweg in die Stadt. In den Alltag. Ihre Blindenstöcke falten sie zusammen. Klack. Klack. Klack.

Autor: Sebastian Driemer

  Heiko Gärtner und Tobias Krüger
 
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