Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Blind - Was bedeutet es blind zu sein? Diese irrwitzige Frage stellte ich mir schon als kleiner Junge. Ich spielte mit dem blinden Krankenpfleger meines Vaters im Krankenhaus Rummelsberg verstecken. Mit den schnalzenden Fingern konnte mich der leicht graumelierte Pfleger sofort orten und entdecken. Egal wie gut ich mich versteckte, der Schall der durch meinen Körper zurück gespiegelt wurde verriet, wo ich mich befand. In mir war die Frage geboren, wie mein blinder Spielpartner mich ohne Augenlicht so schnell finden konnte. Da mein Geschäftspartner und zugleich bester Freund unter einer schweren Sehbehinderung von 7,5 Dioptrien leidet, war die Idee der Blindentour nicht mehr weit. Wie können wir eine Tour kreieren die Tobias und mir eine Sinneserweiterung schenkt. Je mehr sich Tobias mit seiner Augenkrankheit auseinandergesetzt hat, desto mehr wurde ihm bewusst, dass das Thema Wahrnehmung und Sehen ein zentrales Lebensthema für ihn ist. Auch ich hatte noch eine offene Rechnung mit meinen Sinnesorganen. Nach zwei Gehörstürzen und einem auf- und abklingenden Tinitusleiden, war in mir die Idee geboren, mich von der Krankheit loszulösen.

Durch die Vorbereitungsphase wurde uns beiden bewusst, dass wir wieder automatisch ein Abenteuer mit Sinn gewählt hatten. Denn das Thema Sinneswahrnehmung betraf nicht nur uns beide, sondern die ganze Weltbevölkerung. Wenn man bedenkt, dass allein in Deutschland nach der WHO circa 1,2 Millionen Menschen blind sind, kann man bei einer Bevölkerungszahl von 81,7 Millionen nicht mehr von einer Randgruppe sprechen. Hierbei sind die Sehbehinderten jedoch noch nicht mit eingerechnet. So wollten wir am eigene Leib erfahren, wie barrierefrei Deutschland wirklich ist. Was sind die wahren Probleme der Sehbehinderten und der Blinden? Mit diesem Fragekontext erstellten wir einen genauen und sehr anspruchsvollen Tourplan. Wir wollten sowohl das Alltagsleben als Blinder oder Sehbehinderter nachvollziehen, als auch herausfinden, wie viel Lebensabenteuer noch mit solch einer Sinneseinschränkung möglich ist. So ging es uns nicht darum, einzelne Blinde mit besonderen Fähigkeiten vorzustellen, sondern Sehbehinderte mit den unterschiedlichsten Geschichten und Lebensstrategien wahrzunehmen. Es war uns ein Herzensanliegen uns in die Gefühlswelt der Betroffenen einzufühlen. Uns war es wichtig, nicht nur einzelne Schicksale aufzugreifen, um deren Geschichte wiederzugeben. Viel mehr wollten wir durch die Erzählungen noch mehr nachfühlen, was sie gefühlt haben. So beschlossen wir für sieben Tage Sehbehindert und für weitere sieben Tage komplett blind zu sein.

Aus diesem Grund suchten wir nach sogenannten Alterssimulationsbrillen, die verschiedene Augenkrankheiten in unterschiedlichen Stadien bis zur gesetzlichen Blindheit nachempfinden. Mit ihrer Hilfe verringert wir täglich unsere Sehfähigkeit von 20% auf 2%, was der gesetzlichen Blindheit entspricht. Ab dem achten Tag klebten wir unsere Augen mit Augenpflastern vollständig ab. Ab diesem Moment kamen wir in der Dunkelkammer der Blindheit an. Unsere Gefühlswelt durchlebte die Schwankungen, wie ein Wellengang auf offener See. So war in einen Moment die See ruhig und ausgeglichen. Doch schon wenige Augenblicken später toste die See der Gefühle und die Wellen der Wut und des Grolls überschlugen sich. Das Gefühlschaos wurde umso intensiver, je mehr die Ohnmacht der Hilflosigkeit eintrat. Jedoch gehörte auch eine Portion Selbstironie und ein großes Päckchen Humor zu unserem Blindendasein. Im Dunkelkaffee erlebten wir durch die blinden Barkeeper, wie wichtig es ist, positiven Humor im Herzen zu tragen. "Humor heilt fast jede Wunde", meinte ein beschwingter Sehbehinderter. Auch wir merkten sehr schnell, dass wir ohne die Fähigkeit über uns selbst lachen zu können, bereits bei den kleinsten alltäglichen Herausforderungen vor Wut explodieren würden. Nicht die Tatsachen an sich führen zu negativen Gefühlen, sondern die Erwartungshaltung, die wir an uns stellten. So wollten wir Blind genausogut zurecht kommen, wie sehend. Durch diese Erwartungshaltung kreierten wir uns ein Problem und eine Lebenskrise nach der anderen. Ein Blindentrainer meinte: "Wenn du die Ausgangssituation nicht als annehmen kannst, wirst du an deinen Gefühlen zerbrechen." Sobald wir in die Erwartungshaltung, so agieren zu müssen als könnten wir noch sehen eintauchen, erschaffen wir einen Druck der so schwer auf uns lastet, dass wir die Lernprozesse nicht mit Leichtigkeit und Frohsinn annehmen konnten. Besonders schmerzlich war dies für uns, als wir bemerkten, dass wir uns in unserer Berufung, der Natur, nicht mehr zurechtfinden können und sterben würden. Das Gefühl wurde zur Gewissheit, das es als Sehbehinderter oder Blinder äußerst wichtig ist, einen Klan oder einen Partner um sich zu haben, der auf einen achtet und einen zur Selbstständigkeit anleitet.

Unsere Tour führte uns durch mehrere Städte, auf die Zugspitze, in einen Freizeitpark, zum Bodensee und in den Urwald der Wildnis und der Alltagsherausforderungen. Nach diesen 15 Tagen können wir mit Verlaub behaupten, dass die von der Bevölkerung als unmöglich erachtete Blindentour zur Zugspitze nur der sichtbare Teil des Eisberges war. Vielmehr sind es die alltäglichen Herausforderungen die einen die äußerste Mutgrenze abverlangen. Das selbstständige Einkaufen stellte sich als unüberwindbare Hürde des Blindseins in unseren Weg. Nach rund 1200 Passanten die unseren Weg kreuzten, überredete Ninfa, unsere sehende Begleitung, eine Passantin uns zu helfen. Es ist mit Worten nicht auszudrücken, welche Ohnmacht wir in diesen Momenten gefühlt haben. In diesem Augenblick wäre ich lieber noch einmal 12 1/2 Stunden die Zugspitze hinauf gekeucht. Uns wurde Bewusst, das Scham eine Grenze ist, die uns den Erfolg zum selbstständigen Leben verwehrte. Nur wer mit aller Vehemenz und starkem Selbstbewusstsein nach außen tritt, kann auf Hilfe von wenigen einzelnen Passanten hoffen. Die Königsdisziplin im Blindenalltagssport, ist das Aufsuchen einer öffentlichen Toilette. Hier warten mehr Gefahren als in einer Schlangengrube. Angefangen vom Verlaufen in der der Toilette, bis hin zum Toilettenpapierkontrollgriff. Auch die Toilettenbürste wird oft zu gut versteckt und klemmt meistens in der Halterung. Das Urinal gleicht dann auch noch dem Waschbecken und den Händetrockner findet man nur bei jedem vierten Anlauf. Schon beim Schreiben dieses Kurzresümees spüre ich, dass wenige Seiten nicht ausreichen, um die wahre Gefühlswelt der Sehbehinderten darzustellen. Aus diesem Grund haben sich Tobias und ich dazu entschlossen eine Dokumentation zu veröffentlichen und ein Buch über unsere Erfahrungen zu verfassen.

Allem in allem kann man sagen, dass 15 Tage Sehbehinderung die Sichtweise auf unsere Sinnesorgane neu definieren. Gefühlsreisen verändern das Bewusstsein und wir begaben uns auf eine Reise zu unseren verlorensten Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht. Nach dem Abreißen der Augenpflaster spürten wir ein unerschöpfliches Gefühl von Dankbarkeit, für unser Geschenk des Augenlichts. Man weiß erst was man hat, wenn man es einmal vermisst. In uns war die Idee geboren, Schülern Altersimulationsbrillen zugänglich zu machen. So könnten die heranreifenden Erwachsenen selbstständig entscheiden, ob sie durch ihre Lebensweise positiv auf die Gesundheit ihres Augenlichts einwirken wollen, wenn sie die Einschränkung durch die Brillensysteme bewusst wahrnehmen und erleben.

In einem Satz: "Blindheit auf Zeit öffnet einem die Augen für das Augenlicht."

  Heiko Gärtner und Tobias Krüger
 
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