Spüren Sie den Freudenspirit der Natur Kontakt zu Heiko Gärtner Herausgeber von Heiko Gärtner
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Tag 1383: Weinernte und Atomkraft

„Come to Jesus! We have sweets, too!“ (Spruch auf

23.09.2017 Zum ersten Mal in diesem Jahr wurden wir heute mit frischem Wein von den Feldern beschenkt. Also genaugenommen, waren die Felder einfach nur da, aber wir haben sie kurzerhand als Geschenk betrachtet. Zumindest an den Orten, an denen nicht gerade ein Bauer mit seinem Vollernter unterwegs war. Ich weiß nicht, ob ihr schon einmal einem Weinvollernter zugeschaut habt, aber es ist durchaus ein beeindruckendes Gerät. Zu aller erst ist er einmal beeindruckend laut. Es macht ungefähr so viel Lärm wie ein Mähdrescher, obwohl er nur ein Drittel seiner Größe besitzt. Dafür ist er relativ lustig aufgebaut, extrem schlank und hoch, so dass er mitten über eine Weinrebe fahren kann, die er dann so schüttelt, dass alle Weintrauben abfallen und in seitlichen Greifarmen liegen bleiben. Binnen Sekunden hat er eine Rebe fast vollständig leer geschüttelt, wofür ein einzelner Arbeiter mindestens 10 Minuten gebraucht hätte. Selbst wenn der Vollernter also das Zehnfache an der Pflanze zurücklässt, wie ein Feldarbeiter, lohnt sich das Gerät noch immer. Anders hingegen war es bei der Apfelernte. Hier musste noch immer von Hand gepflückt werden und dies rief wieder ein ganzes Bataillon an Gastarbeitern auf den Plan. Dieses Mal stammten sie aus Polen aber ansonsten unterschied sich nichts zur Arbeitssituation in Italien, Bulgarien und Rumänien. Nahrungsmittelproduktion ist früher wie heute fest mit Sklavenarbeit verbunden. Daran hat sich in all den Jahren der Zivilisation niemals etwas geändert. Wir beuten unsere heutigen Felsarbeiter noch genauso aus wie die Römer ihre versklavten Wilden und die amerikanischen Siedler, die schwarzafrikanischen Sklaven. Es sieht heute ein bisschen anders aus, es gibt ein paar mehr Rechte und man bekommt einen lächerlichen Geldbetrag, aber sonst ist alles beim Alten. Zumindest überall dort, wo man keine vollautomatischen Maschinen einsetzen kann, die in gewisser Weise dann so eine Art Sklave auf Kunststoff und Stahl sind. Ein frühes Ankommen ist uns auch heute nicht vergönnt gewesen. Wir sind einfach auf dem Stand von Irland, dass muss man im Moment akzeptieren. Wenn es nicht später Nachmittag ist, klappt nichts, also beschlossen wir, dass wir dann ebenso gut auch chillen und die Sonne genießen konnten, bevor wir unsere zweite Hälfte der Wanderung antraten. Bei dieser kamen wir dann wieder an einem Atomkraftwerk vorbei, das alles bisher dagewesene zu übertreffen schien. Wieder hatte man Gewächshäuser und Weinstöcke direkt daneben gepflanzt und wieder gab es regelrechte Kühlturmhaufen, die unvorstellbare Ausmaße hatten. Erst deutlich später wurde mir bewusst, dass die vielen Ähnlichkeiten von diesem und unserem letzten Atomkraftwerk darauf zurückzuführen waren, dass wir uns wieder an exakt der gleichen Stelle befanden. Es war genau das gleiche Kraftwerk, an dem wir nun zufällig wieder vorbei kamen. Nur eben von der anderen Seite, weshalb es uns nicht sofort auffiel. Stattdessen aber merkte man von dieser Seite aus den Verfall, den die Gebäude aufzuweisen hatten. Teilweise waren aus den Nebengebäuden sogar die Fenster ausgeschlagen worden. Die Reaktorkuppel war von einer dicken Schicht Rost und Moos bedeckt und an mehreren Stellen ragten dicke Metallträger aus den Kühltürmen, die nicht wirkten, als gehörten sie dort hin. Wenn Atomkraft wirklich so gefährlich wäre, wie wir glauben, dann dürfte so etwas in unserer Gesellschaft nicht vorkommen. Ebenso erstaunlich waren die zwei kleinen Stromleitungen, die vom Kraftwerk wegführten. Dies war das größte Atomkraftwerk, das wir je gesehen hatten und gerade einmal zwei winzige Leitungen wurden davon in die Umgebung geleitet? Erinnert ihr euch noch an die Umspannwerke in Schottland und England, die überhaupt keine Kraftwerke in der Nähe hatten und von denen so überdimensionierte Leitungen abgingen, dass wir uns nicht auch nur im Ansatz dessen Sinn erklären konnten? Wie passten diese beiden Entdeckungen zusammen? Irgendetwas stimmt hier doch ganz und gar nicht, oder? Der Bürgermeister und seine Assistentin zeigten sich bei unserer Ankunft wieder einmal von ihrer allerbesten Seite. Die Assistentin erwischte ich persönlich, bzw. am Küchenfenster, durch das sie mir permanent Zigarettenrauch ins Gesicht blies. Der Bürgermeister selbst wurde am Telefon hinzugeschaltet. Gemeinsam überlegten sich die beiden dann in einer langwierigen Diskussion, welche der vielen Möglichkeiten hier im Ort wohl die schlechteste und schäbigste war. Es gab einen Städtischen Campingplatz mit Pavillons, eine städtische Urlaubspension, einen Festsaal, einen Besprechungssaal, ein Vereinshaus und einen Sportplatz mit Umkleidekabinen. Doch alles war zu gut für uns. Stattdessen boten sie uns schließlich den Fahrradschuppen des Gästehauses an, der komplett offen war und sich nur dadurch von einem Platz auf der Straße unterschied, dass man ihn mit einem Gitter verschließen konnte. Wer hätte gedacht, dass es nach der Hundehütte, die wir gestern vom Pfarrer angeboten bekommen hatten, heute sogar noch einmal eine Steigerung geben würde? Dass ich der Frau diesen Platz um die Ohren schlug ist sicher keine Frage. Sie war deshalb nicht einmal überrascht, sondern sondern fühlte sich eher bestätigt. Doch so schnell wurde sie uns dennoch nicht los, denn wir trafen auf einen kleinen, etwas schmudddeligen aber sehr freundlichen Herren, der gerade dabei war die Kirche aufzuschließen. Von ihm und seiner Frau bekamen wir den Kommunionsraum zur Verfügung gestellt. Dabei erfuhren wir noch ein weiteres Detail über das angrenzende Atomkraftwerk, das wir kaum glauben konnten. Das es alt war, hatten wir uns ja bereits gedacht, aber nicht, dass es bereits 1956 in Betrieb genommen wurde. Dieses Kraftwerk läuft also seit über 60 Jahren!!! Könnt ihr euch das vorstellen? Der Bau musste also fast direkt nach dem zweiten Weltkrieg, vielleicht sogar schon vor Kriegsende begonnen haben. Seitdem ist es fast ununterbrochen durchgelaufen und läuft noch immer... Unser Räumchen war ein üblicher Kommunionsraum, der seinen Zweck erfüllte und ansonsten auf jeden überflüssigen Luxus verzichtete. Das einzige, das es hier wie immer in diesen Räumen gab, waren Süßigkeiten. Es war fast ein bisschen so, als wollte man die Kinder mit kleinen Naschereien zum Glauben bekehren. Ihr kennt sicher die T-Shirts mit der Aufschrift „Come to the Dark Side! We have cockies!“ Die Christen scheinen nun mit Weingummi nachzuziehen. Ob man Kindern wohl deswegen verbietet, Süßigkeiten von Fremden anzunehmen? Nicht weil sie entführt werden könnten, sondern weil es heißt „Du sollst keinen anderen Süßigkeitenspender neben mir haben!“?
 
Spruch des Tages: „Come to Jesus! We have sweets, too!“ (Spruch auf einem T-Shirt)
Höhenmeter 180m / 220m / 130m
Tagesetappe: 22km + 21km + 11km
Gesamtstrecke: 26.042,27km
Wetter: herbstlich, regnerisch, kalt
Etappenziel: Gemeinderaum der Stadt, Chaume-lés-Baigneux , Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:41:58


Tag 1382: Weinernte und Atomkraft

„Come to Jesus! We have sweets, too!“ (Spruch auf

23.09.2017 Zum ersten Mal in diesem Jahr wurden wir heute mit frischem Wein von den Feldern beschenkt. Also genaugenommen, waren die Felder einfach nur da, aber wir haben sie kurzerhand als Geschenk betrachtet. Zumindest an den Orten, an denen nicht gerade ein Bauer mit seinem Vollernter unterwegs war. Ich weiß nicht, ob ihr schon einmal einem Weinvollernter zugeschaut habt, aber es ist durchaus ein beeindruckendes Gerät. Zu aller erst ist er einmal beeindruckend laut. Es macht ungefähr so viel Lärm wie ein Mähdrescher, obwohl er nur ein Drittel seiner Größe besitzt. Dafür ist er relativ lustig aufgebaut, extrem schlank und hoch, so dass er mitten über eine Weinrebe fahren kann, die er dann so schüttelt, dass alle Weintrauben abfallen und in seitlichen Greifarmen liegen bleiben. Binnen Sekunden hat er eine Rebe fast vollständig leer geschüttelt, wofür ein einzelner Arbeiter mindestens 10 Minuten gebraucht hätte. Selbst wenn der Vollernter also das Zehnfache an der Pflanze zurücklässt, wie ein Feldarbeiter, lohnt sich das Gerät noch immer. Anders hingegen war es bei der Apfelernte. Hier musste noch immer von Hand gepflückt werden und dies rief wieder ein ganzes Bataillon an Gastarbeitern auf den Plan. Dieses Mal stammten sie aus Polen aber ansonsten unterschied sich nichts zur Arbeitssituation in Italien, Bulgarien und Rumänien. Nahrungsmittelproduktion ist früher wie heute fest mit Sklavenarbeit verbunden. Daran hat sich in all den Jahren der Zivilisation niemals etwas geändert. Wir beuten unsere heutigen Felsarbeiter noch genauso aus wie die Römer ihre versklavten Wilden und die amerikanischen Siedler, die schwarzafrikanischen Sklaven. Es sieht heute ein bisschen anders aus, es gibt ein paar mehr Rechte und man bekommt einen lächerlichen Geldbetrag, aber sonst ist alles beim Alten. Zumindest überall dort, wo man keine vollautomatischen Maschinen einsetzen kann, die in gewisser Weise dann so eine Art Sklave auf Kunststoff und Stahl sind. Ein frühes Ankommen ist uns auch heute nicht vergönnt gewesen. Wir sind einfach auf dem Stand von Irland, dass muss man im Moment akzeptieren. Wenn es nicht später Nachmittag ist, klappt nichts, also beschlossen wir, dass wir dann ebenso gut auch chillen und die Sonne genießen konnten, bevor wir unsere zweite Hälfte der Wanderung antraten. Bei dieser kamen wir dann wieder an einem Atomkraftwerk vorbei, das alles bisher dagewesene zu übertreffen schien. Wieder hatte man Gewächshäuser und Weinstöcke direkt daneben gepflanzt und wieder gab es regelrechte Kühlturmhaufen, die unvorstellbare Ausmaße hatten. Erst deutlich später wurde mir bewusst, dass die vielen Ähnlichkeiten von diesem und unserem letzten Atomkraftwerk darauf zurückzuführen waren, dass wir uns wieder an exakt der gleichen Stelle befanden. Es war genau das gleiche Kraftwerk, an dem wir nun zufällig wieder vorbei kamen. Nur eben von der anderen Seite, weshalb es uns nicht sofort auffiel. Stattdessen aber merkte man von dieser Seite aus den Verfall, den die Gebäude aufzuweisen hatten. Teilweise waren aus den Nebengebäuden sogar die Fenster ausgeschlagen worden. Die Reaktorkuppel war von einer dicken Schicht Rost und Moos bedeckt und an mehreren Stellen ragten dicke Metallträger aus den Kühltürmen, die nicht wirkten, als gehörten sie dort hin. Wenn Atomkraft wirklich so gefährlich wäre, wie wir glauben, dann dürfte so etwas in unserer Gesellschaft nicht vorkommen. Ebenso erstaunlich waren die zwei kleinen Stromleitungen, die vom Kraftwerk wegführten. Dies war das größte Atomkraftwerk, das wir je gesehen hatten und gerade einmal zwei winzige Leitungen wurden davon in die Umgebung geleitet? Erinnert ihr euch noch an die Umspannwerke in Schottland und England, die überhaupt keine Kraftwerke in der Nähe hatten und von denen so überdimensionierte Leitungen abgingen, dass wir uns nicht auch nur im Ansatz dessen Sinn erklären konnten? Wie passten diese beiden Entdeckungen zusammen? Irgendetwas stimmt hier doch ganz und gar nicht, oder? Der Bürgermeister und seine Assistentin zeigten sich bei unserer Ankunft wieder einmal von ihrer allerbesten Seite. Die Assistentin erwischte ich persönlich, bzw. am Küchenfenster, durch das sie mir permanent Zigarettenrauch ins Gesicht blies. Der Bürgermeister selbst wurde am Telefon hinzugeschaltet. Gemeinsam überlegten sich die beiden dann in einer langwierigen Diskussion, welche der vielen Möglichkeiten hier im Ort wohl die schlechteste und schäbigste war. Es gab einen Städtischen Campingplatz mit Pavillons, eine städtische Urlaubspension, einen Festsaal, einen Besprechungssaal, ein Vereinshaus und einen Sportplatz mit Umkleidekabinen. Doch alles war zu gut für uns. Stattdessen boten sie uns schließlich den Fahrradschuppen des Gästehauses an, der komplett offen war und sich nur dadurch von einem Platz auf der Straße unterschied, dass man ihn mit einem Gitter verschließen konnte. Wer hätte gedacht, dass es nach der Hundehütte, die wir gestern vom Pfarrer angeboten bekommen hatten, heute sogar noch einmal eine Steigerung geben würde? Dass ich der Frau diesen Platz um die Ohren schlug ist sicher keine Frage. Sie war deshalb nicht einmal überrascht, sondern sondern fühlte sich eher bestätigt. Doch so schnell wurde sie uns dennoch nicht los, denn wir trafen auf einen kleinen, etwas schmudddeligen aber sehr freundlichen Herren, der gerade dabei war die Kirche aufzuschließen. Von ihm und seiner Frau bekamen wir den Kommunionsraum zur Verfügung gestellt. Dabei erfuhren wir noch ein weiteres Detail über das angrenzende Atomkraftwerk, das wir kaum glauben konnten. Das es alt war, hatten wir uns ja bereits gedacht, aber nicht, dass es bereits 1956 in Betrieb genommen wurde. Dieses Kraftwerk läuft also seit über 60 Jahren!!! Könnt ihr euch das vorstellen? Der Bau musste also fast direkt nach dem zweiten Weltkrieg, vielleicht sogar schon vor Kriegsende begonnen haben. Seitdem ist es fast ununterbrochen durchgelaufen und läuft noch immer... Unser Räumchen war ein üblicher Kommunionsraum, der seinen Zweck erfüllte und ansonsten auf jeden überflüssigen Luxus verzichtete. Das einzige, das es hier wie immer in diesen Räumen gab, waren Süßigkeiten. Es war fast ein bisschen so, als wollte man die Kinder mit kleinen Naschereien zum Glauben bekehren. Ihr kennt sicher die T-Shirts mit der Aufschrift „Come to the Dark Side! We have cockies!“ Die Christen scheinen nun mit Weingummi nachzuziehen. Ob man Kindern wohl deswegen verbietet, Süßigkeiten von Fremden anzunehmen? Nicht weil sie entführt werden könnten, sondern weil es heißt „Du sollst keinen anderen Süßigkeitenspender neben mir haben!“?
 
Spruch des Tages: „Come to Jesus! We have sweets, too!“ (Spruch auf einem T-Shirt)
Höhenmeter 180m / 220m / 130m
Tagesetappe: 22km + 21km + 11km
Gesamtstrecke: 26.042,27km
Wetter: herbstlich, regnerisch, kalt
Etappenziel: Gemeinderaum der Stadt, Bussy-le-Grand, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:41:58


Tag 1381: Weinernte und Atomkraft

„Come to Jesus! We have sweets, too!“ (Spruch auf

23.09.2017 Zum ersten Mal in diesem Jahr wurden wir heute mit frischem Wein von den Feldern beschenkt. Also genaugenommen, waren die Felder einfach nur da, aber wir haben sie kurzerhand als Geschenk betrachtet. Zumindest an den Orten, an denen nicht gerade ein Bauer mit seinem Vollernter unterwegs war. Ich weiß nicht, ob ihr schon einmal einem Weinvollernter zugeschaut habt, aber es ist durchaus ein beeindruckendes Gerät. Zu aller erst ist er einmal beeindruckend laut. Es macht ungefähr so viel Lärm wie ein Mähdrescher, obwohl er nur ein Drittel seiner Größe besitzt. Dafür ist er relativ lustig aufgebaut, extrem schlank und hoch, so dass er mitten über eine Weinrebe fahren kann, die er dann so schüttelt, dass alle Weintrauben abfallen und in seitlichen Greifarmen liegen bleiben. Binnen Sekunden hat er eine Rebe fast vollständig leer geschüttelt, wofür ein einzelner Arbeiter mindestens 10 Minuten gebraucht hätte. Selbst wenn der Vollernter also das Zehnfache an der Pflanze zurücklässt, wie ein Feldarbeiter, lohnt sich das Gerät noch immer. Anders hingegen war es bei der Apfelernte. Hier musste noch immer von Hand gepflückt werden und dies rief wieder ein ganzes Bataillon an Gastarbeitern auf den Plan. Dieses Mal stammten sie aus Polen aber ansonsten unterschied sich nichts zur Arbeitssituation in Italien, Bulgarien und Rumänien. Nahrungsmittelproduktion ist früher wie heute fest mit Sklavenarbeit verbunden. Daran hat sich in all den Jahren der Zivilisation niemals etwas geändert. Wir beuten unsere heutigen Felsarbeiter noch genauso aus wie die Römer ihre versklavten Wilden und die amerikanischen Siedler, die schwarzafrikanischen Sklaven. Es sieht heute ein bisschen anders aus, es gibt ein paar mehr Rechte und man bekommt einen lächerlichen Geldbetrag, aber sonst ist alles beim Alten. Zumindest überall dort, wo man keine vollautomatischen Maschinen einsetzen kann, die in gewisser Weise dann so eine Art Sklave auf Kunststoff und Stahl sind. Ein frühes Ankommen ist uns auch heute nicht vergönnt gewesen. Wir sind einfach auf dem Stand von Irland, dass muss man im Moment akzeptieren. Wenn es nicht später Nachmittag ist, klappt nichts, also beschlossen wir, dass wir dann ebenso gut auch chillen und die Sonne genießen konnten, bevor wir unsere zweite Hälfte der Wanderung antraten. Bei dieser kamen wir dann wieder an einem Atomkraftwerk vorbei, das alles bisher dagewesene zu übertreffen schien. Wieder hatte man Gewächshäuser und Weinstöcke direkt daneben gepflanzt und wieder gab es regelrechte Kühlturmhaufen, die unvorstellbare Ausmaße hatten. Erst deutlich später wurde mir bewusst, dass die vielen Ähnlichkeiten von diesem und unserem letzten Atomkraftwerk darauf zurückzuführen waren, dass wir uns wieder an exakt der gleichen Stelle befanden. Es war genau das gleiche Kraftwerk, an dem wir nun zufällig wieder vorbei kamen. Nur eben von der anderen Seite, weshalb es uns nicht sofort auffiel. Stattdessen aber merkte man von dieser Seite aus den Verfall, den die Gebäude aufzuweisen hatten. Teilweise waren aus den Nebengebäuden sogar die Fenster ausgeschlagen worden. Die Reaktorkuppel war von einer dicken Schicht Rost und Moos bedeckt und an mehreren Stellen ragten dicke Metallträger aus den Kühltürmen, die nicht wirkten, als gehörten sie dort hin. Wenn Atomkraft wirklich so gefährlich wäre, wie wir glauben, dann dürfte so etwas in unserer Gesellschaft nicht vorkommen. Ebenso erstaunlich waren die zwei kleinen Stromleitungen, die vom Kraftwerk wegführten. Dies war das größte Atomkraftwerk, das wir je gesehen hatten und gerade einmal zwei winzige Leitungen wurden davon in die Umgebung geleitet? Erinnert ihr euch noch an die Umspannwerke in Schottland und England, die überhaupt keine Kraftwerke in der Nähe hatten und von denen so überdimensionierte Leitungen abgingen, dass wir uns nicht auch nur im Ansatz dessen Sinn erklären konnten? Wie passten diese beiden Entdeckungen zusammen? Irgendetwas stimmt hier doch ganz und gar nicht, oder? Der Bürgermeister und seine Assistentin zeigten sich bei unserer Ankunft wieder einmal von ihrer allerbesten Seite. Die Assistentin erwischte ich persönlich, bzw. am Küchenfenster, durch das sie mir permanent Zigarettenrauch ins Gesicht blies. Der Bürgermeister selbst wurde am Telefon hinzugeschaltet. Gemeinsam überlegten sich die beiden dann in einer langwierigen Diskussion, welche der vielen Möglichkeiten hier im Ort wohl die schlechteste und schäbigste war. Es gab einen Städtischen Campingplatz mit Pavillons, eine städtische Urlaubspension, einen Festsaal, einen Besprechungssaal, ein Vereinshaus und einen Sportplatz mit Umkleidekabinen. Doch alles war zu gut für uns. Stattdessen boten sie uns schließlich den Fahrradschuppen des Gästehauses an, der komplett offen war und sich nur dadurch von einem Platz auf der Straße unterschied, dass man ihn mit einem Gitter verschließen konnte. Wer hätte gedacht, dass es nach der Hundehütte, die wir gestern vom Pfarrer angeboten bekommen hatten, heute sogar noch einmal eine Steigerung geben würde? Dass ich der Frau diesen Platz um die Ohren schlug ist sicher keine Frage. Sie war deshalb nicht einmal überrascht, sondern sondern fühlte sich eher bestätigt. Doch so schnell wurde sie uns dennoch nicht los, denn wir trafen auf einen kleinen, etwas schmudddeligen aber sehr freundlichen Herren, der gerade dabei war die Kirche aufzuschließen. Von ihm und seiner Frau bekamen wir den Kommunionsraum zur Verfügung gestellt. Dabei erfuhren wir noch ein weiteres Detail über das angrenzende Atomkraftwerk, das wir kaum glauben konnten. Das es alt war, hatten wir uns ja bereits gedacht, aber nicht, dass es bereits 1956 in Betrieb genommen wurde. Dieses Kraftwerk läuft also seit über 60 Jahren!!! Könnt ihr euch das vorstellen? Der Bau musste also fast direkt nach dem zweiten Weltkrieg, vielleicht sogar schon vor Kriegsende begonnen haben. Seitdem ist es fast ununterbrochen durchgelaufen und läuft noch immer... Unser Räumchen war ein üblicher Kommunionsraum, der seinen Zweck erfüllte und ansonsten auf jeden überflüssigen Luxus verzichtete. Das einzige, das es hier wie immer in diesen Räumen gab, waren Süßigkeiten. Es war fast ein bisschen so, als wollte man die Kinder mit kleinen Naschereien zum Glauben bekehren. Ihr kennt sicher die T-Shirts mit der Aufschrift „Come to the Dark Side! We have cockies!“ Die Christen scheinen nun mit Weingummi nachzuziehen. Ob man Kindern wohl deswegen verbietet, Süßigkeiten von Fremden anzunehmen? Nicht weil sie entführt werden könnten, sondern weil es heißt „Du sollst keinen anderen Süßigkeitenspender neben mir haben!“?
 
Spruch des Tages: „Come to Jesus! We have sweets, too!“ (Spruch auf einem T-Shirt)
Höhenmeter 180m / 220m / 130m
Tagesetappe: 22km + 21km + 11km
Gesamtstrecke: 26.042,27km
Wetter: herbstlich, regnerisch, kalt
Etappenziel: Gemeinderaum der Stadt, Saint-Euphrône, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:41:58


Tag 1380: Dinner der Spitzenklasse

Wenn sich eine Situation nicht gut anfühlt, dann i

22.09.2017 Langsam werden wir wieder schneller, wenn es darum geht, zu entscheiden, was wir wollen und was nicht. Von einem Pensionierten Pfarrer bekamen wir eine Obdachlosenunterkunft angeboten, die gewissermaßen auf der Hauptstraße lag. Sie befand sich an einer Kreuzung, an der von allen Seiten LKWs auf einander einschossen und sie hatte hauchdünne, Einglasfenster und eine Tür, die man nicht mehr richtig schließen konnte. Der Pfarrer selbst war erschrocken, als er diesen Raum sah. Er hatte, soweit wir es verstanden haben, beim Rathaus nach einer Lösung für uns gefragt, da er selbst keine Räume mehr hatte. Schon während seiner Amtszeit hatte ihm die Stadt die Verfügbarkeit der Kommunionsräume gestrichen und nun da er im Altenheim lebte, hatte er nicht einmal mehr ein Pfarrhaus im Angebot. Dennoch hatte er sich aufgemacht, um eine Lösung für uns zu finden und war vom Rathaus mit diesem Verlies abgespeißt worden. Eine harte Nummer für den armen Kerl, denn er wollte wirklich helfen und konnte und nichts anderes anbieten. Auch er fühlte sich hier nicht wohl, aber dass wir sein Angebot ablehnten verstand er trotzdem nicht. „Wieso? Ihr habt doch nichts, wohin ihr sonst gehen könnt?“ fragte er verwirrt. „Stimmt“, antwortete Heiko, „Aber wir werden schon etwas finden, machen Sie sich keine Sorgen!“ Ich fürchte, das mit dem keine Sorgen machen, klappte nicht ganz, denn er schaute ziemlich nachdenklich, als wir uns verabschiedeten. Doch es gab tatsächlich keinen Grund dafür. Acht Kilometer weiter bekamen wir ein Zimmer in einem Logis Hotel. Dieses Mal führte unser Zimmer zum Hof hinaus, hatte anständige Fenster und sah auch bedeutend schnuckeliger aus, als die Obdachlosenunterkunft. Alles in allem also ein super Schlafplatz, den wir auch anderen Reisenden empfehlen können, die es in diese Gegend verschlägt. Dabei können wir übrigens auch empfehlen, euch einmal in diese Gegend verschlagen zu lassen. Sie ist nämlich durchaus sehenswert. Nicht unbedingt spektakulär, aber es gibt weite Wälder und einige sehr schöne Schlösser und Chateaus. Neben unserem Zimmer bekamen wir dieses Mal sogar auch eine Essenseinladung in das Restaurant. Dennoch drehte ich eine kleine Runde durch den Ort, um ein paar Snacks für den Abend einzusammeln. Dabei stieß ich auf ein Behindertenwohnheim, in dem ich gleich ganz freudig von den Bewohnern begrüßt wurde. Es waren viele Bewohner mit Down-Syndrom sowie einige Autisten dabei, die ihre ganz eigene Sicht auf die Welt hatten. Es tat gut sie zu sehen, denn sie zeigten mir noch einmal, wie frohmütig man sein kann, auch wenn man ganze LKW-Ladungen an Lebensthemen auf seinen Schultern trägt und nicht wie ich nur eine Feder. Nachtrag: Um es in einfachen Worten auf einen Punkt zu bringen: Das Abendessen war der Hammer! Das Hotel hier in La-Breille-les-Pins ist nicht schlecht, aber verglichen mit seiner eigenen Hotelküche ist es kaum erwähnenswert. Der Koch, der übrigens der selbe Mann war, der uns unseren Aufenthalt hier überhaupt ermöglichte, war ein Künstler, was die französische Küche anbelangt und dies gleich in doppelter Hinsicht. Jeder Gang war sowohl ein Kunstwerk für die Augen, als auch für den Gaumen. Mit einem Mal verstanden wir wieder, warum die französische Küche Weltkulturerbe ist. Nach den vielen eher mäßigen Erfahrungen hatten wir dies schon fast nicht mehr glauben können, doch es ist bei weitem nicht so, dass sie es nicht verdient hat. Es stirbt nur leider aus und es gibt heute kaum noch jemanden, der diese Kunst beherrscht. Aber hier haben wir definitiv jemanden gefunden!
 
Lektionen des Tages:
Wenn sich eine Situation nicht gut anfühlt, dann ist sie es auch nicht! Verlasse sie, schau nicht zurück und denke keine Sekunde mehr darüber nach. Es kommt etwas besseres!
Jedes Wesen, dem du begegnest ist ein Mentor, von dem du viel lernen kannst, vor allem, wenn du es nicht erwartest.
Fröhlichkeit und Lebensfreude sind Geschenke.
Höhenmeter 190m / 280m
Tagesetappe: 13km + 18km
Gesamtstrecke: 25.978,27km
Wetter: herbstlich, regnerisch, kalt
Etappenziel: Gemeinderaum der Stadt, Courcelles-Frémoy, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:36:19


Tag 1379: Dinner der Spitzenklasse

Wenn sich eine Situation nicht gut anfühlt, dann i

22.09.2017 Langsam werden wir wieder schneller, wenn es darum geht, zu entscheiden, was wir wollen und was nicht. Von einem Pensionierten Pfarrer bekamen wir eine Obdachlosenunterkunft angeboten, die gewissermaßen auf der Hauptstraße lag. Sie befand sich an einer Kreuzung, an der von allen Seiten LKWs auf einander einschossen und sie hatte hauchdünne, Einglasfenster und eine Tür, die man nicht mehr richtig schließen konnte. Der Pfarrer selbst war erschrocken, als er diesen Raum sah. Er hatte, soweit wir es verstanden haben, beim Rathaus nach einer Lösung für uns gefragt, da er selbst keine Räume mehr hatte. Schon während seiner Amtszeit hatte ihm die Stadt die Verfügbarkeit der Kommunionsräume gestrichen und nun da er im Altenheim lebte, hatte er nicht einmal mehr ein Pfarrhaus im Angebot. Dennoch hatte er sich aufgemacht, um eine Lösung für uns zu finden und war vom Rathaus mit diesem Verlies abgespeißt worden. Eine harte Nummer für den armen Kerl, denn er wollte wirklich helfen und konnte und nichts anderes anbieten. Auch er fühlte sich hier nicht wohl, aber dass wir sein Angebot ablehnten verstand er trotzdem nicht. „Wieso? Ihr habt doch nichts, wohin ihr sonst gehen könnt?“ fragte er verwirrt. „Stimmt“, antwortete Heiko, „Aber wir werden schon etwas finden, machen Sie sich keine Sorgen!“ Ich fürchte, das mit dem keine Sorgen machen, klappte nicht ganz, denn er schaute ziemlich nachdenklich, als wir uns verabschiedeten. Doch es gab tatsächlich keinen Grund dafür. Acht Kilometer weiter bekamen wir ein Zimmer in einem Logis Hotel. Dieses Mal führte unser Zimmer zum Hof hinaus, hatte anständige Fenster und sah auch bedeutend schnuckeliger aus, als die Obdachlosenunterkunft. Alles in allem also ein super Schlafplatz, den wir auch anderen Reisenden empfehlen können, die es in diese Gegend verschlägt. Dabei können wir übrigens auch empfehlen, euch einmal in diese Gegend verschlagen zu lassen. Sie ist nämlich durchaus sehenswert. Nicht unbedingt spektakulär, aber es gibt weite Wälder und einige sehr schöne Schlösser und Chateaus. Neben unserem Zimmer bekamen wir dieses Mal sogar auch eine Essenseinladung in das Restaurant. Dennoch drehte ich eine kleine Runde durch den Ort, um ein paar Snacks für den Abend einzusammeln. Dabei stieß ich auf ein Behindertenwohnheim, in dem ich gleich ganz freudig von den Bewohnern begrüßt wurde. Es waren viele Bewohner mit Down-Syndrom sowie einige Autisten dabei, die ihre ganz eigene Sicht auf die Welt hatten. Es tat gut sie zu sehen, denn sie zeigten mir noch einmal, wie frohmütig man sein kann, auch wenn man ganze LKW-Ladungen an Lebensthemen auf seinen Schultern trägt und nicht wie ich nur eine Feder. Nachtrag: Um es in einfachen Worten auf einen Punkt zu bringen: Das Abendessen war der Hammer! Das Hotel hier in La-Breille-les-Pins ist nicht schlecht, aber verglichen mit seiner eigenen Hotelküche ist es kaum erwähnenswert. Der Koch, der übrigens der selbe Mann war, der uns unseren Aufenthalt hier überhaupt ermöglichte, war ein Künstler, was die französische Küche anbelangt und dies gleich in doppelter Hinsicht. Jeder Gang war sowohl ein Kunstwerk für die Augen, als auch für den Gaumen. Mit einem Mal verstanden wir wieder, warum die französische Küche Weltkulturerbe ist. Nach den vielen eher mäßigen Erfahrungen hatten wir dies schon fast nicht mehr glauben können, doch es ist bei weitem nicht so, dass sie es nicht verdient hat. Es stirbt nur leider aus und es gibt heute kaum noch jemanden, der diese Kunst beherrscht. Aber hier haben wir definitiv jemanden gefunden!
 
Lektionen des Tages:
Wenn sich eine Situation nicht gut anfühlt, dann ist sie es auch nicht! Verlasse sie, schau nicht zurück und denke keine Sekunde mehr darüber nach. Es kommt etwas besseres!
Jedes Wesen, dem du begegnest ist ein Mentor, von dem du viel lernen kannst, vor allem, wenn du es nicht erwartest.
Fröhlichkeit und Lebensfreude sind Geschenke.
Höhenmeter 190m / 280m
Tagesetappe: 13km + 18km
Gesamtstrecke: 25.978,27km
Wetter: herbstlich, regnerisch, kalt
Etappenziel: Kloster Abbatiale Sainte-Marie, südlich von Saint-Léger-Vauban, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:36:09


Tag 1378: Das Alt-Erschaffene annehmen – Wie funktioniert Konstruktivismus?

Wir erschaffen die Welt

21.09.2017 Auch heute wollte sich noch kein Fluss der Leichtigkeit einstellen und das obwohl es nun rein äußerlich keine Begründung und keine Ausrede mehr dafür gab. Wir waren nicht mehr in einer Touristenregion, wir waren nicht am Jakobsweg und die Ortschaften in die wir kamen waren klein, schnuckelig und idyllisch, so dass hier eigentlich jeder freudig und fröhlich hätte sein müssen. Stattdessen wurde Heiko sogar von der Wiese vertrieben, die zum städtischen Festsaal gehörte, anstatt dass wir selbigen Saal zum Schlafen bekamen. Mein Frustrations-Selbstmidleits-Memmen-Ich klopfte schon wieder an die Tür und frage: „Na, immer noch überzeugt, dass nicht alles scheiße ist? Soll ich nicht doch noch mal kommen und auf die Tränendrüse drücken? Dann kannst du so richtig schön über die Menschen hier fluchen! Ich glaube das würde dir jetzt gut tun!“ „Schnauze jetzt und zurück ins Körbchen!“ rief ich und begann sofort mit den Übungen zum inneren Lächeln die wir euch in unserem Wiki festgehalten haben. Es dauerte einen Moment, aber dann gelang es mir die Situation wieder so anzunehmen wie sie war. Immerhin half das schöne Wetter etwas dabei, denn so machte das Wandern durchaus Spaß, auch wenn es weiter war, als geplant. Trotzdem fragte ich mich, was gerade los war. Wieso wurden wir ausgerechnet jetzt so sehr ausgebremst, wo es doch so viel zu organisieren gab und wo ich nach meiner langen Downphase doch nun mit frischer Motivation ans Werk gehen wollte? War es eine Art Prüfung, durch die ich zeigen sollte, dass ich es wirklich ernst meine? Oder lag es vielleicht daran, dass wir nun beschlossen hatten, nicht mehr wegzulaufen und uns dem Verwirrer zu stellen, der uns nun ordentlich verdreschen konnte. „Netter Gedanke!“ meinte Heiko, „hat aber nichts damit zu tun!“ Denk nochmal ein bisschen weiter und überlege dir, nach welchen Regeln das Erschaffen funktioniert!“ Und dieses Mal ging mir ein Licht auf! „Ist ja klar!“ sagte ich, durch all die Negativität mit der ich die Welt betrachtet habe, habe ich genau das hier selber erschaffen. Man erschafft ja nie im Moment, sondern immer im Voraus. Also das, was wir hier nun sehen und erleben ist quasi die Ernte von dem, was ich in der letzten Zeit mit meinen Überzeugungen gesät habe!“ „Genau!“ sagte Heiko, „jetzt bist du auf der richtigen Spur!“ „Ok, das heißt, ich habe nun wieder die Entscheidung! Entweder ich lasse mich von dem Alten Erneut frustrieren und verfalle wieder in die Negativität in dem ich sage, dass ja eh alles keinen Zweck hat. Damit erschaffe ich mir dann gleich wieder die nächste Hölle für die Zukunft. Oder aber ich nehme das was ist als meine eigene Schöpfung an, in der Gewissheit, dass es das beste und einzige war, das ich zuvor hatte erschaffen können, und freue mich darüber, dass es sich in Zukunft wandeln wird. Bzw. dass es sich ja längst gewandelt hat nur eben noch nicht sichtbar ist. Wenn mir das gelingt, dann erschaffe ich genau in diesem Moment eine Welt der Leichtigkeit und Freude, in die wir eintauchen können, sobald die Ernte der letzten Negativ-Überzeugungen aufgebraucht ist.
 
Lektionen des Tages: Wir erschaffen die Welt in der wir leben mit unseren meist geglaubten Gedanken und Überzeugungen, jedoch immer mit einer Zeitverzögerung. Wenn wir unsere Überzeugungen ändern, dauert es also erst noch eine Weil bis sich auch eine Änderung in der Außenwelt einstellt. Dies ist eine kritische Phase, denn hier gerät man leicht in Versuchung zu sagen, dass es ja doch nicht klappt, und schon ist man wieder in der alten Spirale. Deswegen ist es wichtig, diese Phase zu kennen und über sie Bescheid zu wissen, damit man locker damit umgehen kann und sich nicht aus der Bahn werfen lässt. Wichtigster Grundsatz: Alles ist gut so wie es ist. Alles wurde von dir erschaffen. Begrüße es mit einem Lächeln, denn es ist das beste, das du in diesem Moment erschaffen konntest.
Höhenmeter 190m / 120m
Tagesetappe: 13km + 12km
Gesamtstrecke: 25.946,27km
Wetter: herbstlich, regnerisch, kalt
Etappenziel: Hotel, Dun-les-Places, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:33:26


Tag 1377: Das Alt-Erschaffene annehmen – Wie funktioniert Konstruktivismus?

Wir erschaffen die Welt

21.09.2017 Auch heute wollte sich noch kein Fluss der Leichtigkeit einstellen und das obwohl es nun rein äußerlich keine Begründung und keine Ausrede mehr dafür gab. Wir waren nicht mehr in einer Touristenregion, wir waren nicht am Jakobsweg und die Ortschaften in die wir kamen waren klein, schnuckelig und idyllisch, so dass hier eigentlich jeder freudig und fröhlich hätte sein müssen. Stattdessen wurde Heiko sogar von der Wiese vertrieben, die zum städtischen Festsaal gehörte, anstatt dass wir selbigen Saal zum Schlafen bekamen. Mein Frustrations-Selbstmidleits-Memmen-Ich klopfte schon wieder an die Tür und frage: „Na, immer noch überzeugt, dass nicht alles scheiße ist? Soll ich nicht doch noch mal kommen und auf die Tränendrüse drücken? Dann kannst du so richtig schön über die Menschen hier fluchen! Ich glaube das würde dir jetzt gut tun!“ „Schnauze jetzt und zurück ins Körbchen!“ rief ich und begann sofort mit den Übungen zum inneren Lächeln die wir euch in unserem Wiki festgehalten haben. Es dauerte einen Moment, aber dann gelang es mir die Situation wieder so anzunehmen wie sie war. Immerhin half das schöne Wetter etwas dabei, denn so machte das Wandern durchaus Spaß, auch wenn es weiter war, als geplant. Trotzdem fragte ich mich, was gerade los war. Wieso wurden wir ausgerechnet jetzt so sehr ausgebremst, wo es doch so viel zu organisieren gab und wo ich nach meiner langen Downphase doch nun mit frischer Motivation ans Werk gehen wollte? War es eine Art Prüfung, durch die ich zeigen sollte, dass ich es wirklich ernst meine? Oder lag es vielleicht daran, dass wir nun beschlossen hatten, nicht mehr wegzulaufen und uns dem Verwirrer zu stellen, der uns nun ordentlich verdreschen konnte. „Netter Gedanke!“ meinte Heiko, „hat aber nichts damit zu tun!“ Denk nochmal ein bisschen weiter und überlege dir, nach welchen Regeln das Erschaffen funktioniert!“ Und dieses Mal ging mir ein Licht auf! „Ist ja klar!“ sagte ich, durch all die Negativität mit der ich die Welt betrachtet habe, habe ich genau das hier selber erschaffen. Man erschafft ja nie im Moment, sondern immer im Voraus. Also das, was wir hier nun sehen und erleben ist quasi die Ernte von dem, was ich in der letzten Zeit mit meinen Überzeugungen gesät habe!“ „Genau!“ sagte Heiko, „jetzt bist du auf der richtigen Spur!“ „Ok, das heißt, ich habe nun wieder die Entscheidung! Entweder ich lasse mich von dem Alten Erneut frustrieren und verfalle wieder in die Negativität in dem ich sage, dass ja eh alles keinen Zweck hat. Damit erschaffe ich mir dann gleich wieder die nächste Hölle für die Zukunft. Oder aber ich nehme das was ist als meine eigene Schöpfung an, in der Gewissheit, dass es das beste und einzige war, das ich zuvor hatte erschaffen können, und freue mich darüber, dass es sich in Zukunft wandeln wird. Bzw. dass es sich ja längst gewandelt hat nur eben noch nicht sichtbar ist. Wenn mir das gelingt, dann erschaffe ich genau in diesem Moment eine Welt der Leichtigkeit und Freude, in die wir eintauchen können, sobald die Ernte der letzten Negativ-Überzeugungen aufgebraucht ist.
 
Lektionen des Tages: Wir erschaffen die Welt in der wir leben mit unseren meist geglaubten Gedanken und Überzeugungen, jedoch immer mit einer Zeitverzögerung. Wenn wir unsere Überzeugungen ändern, dauert es also erst noch eine Weil bis sich auch eine Änderung in der Außenwelt einstellt. Dies ist eine kritische Phase, denn hier gerät man leicht in Versuchung zu sagen, dass es ja doch nicht klappt, und schon ist man wieder in der alten Spirale. Deswegen ist es wichtig, diese Phase zu kennen und über sie Bescheid zu wissen, damit man locker damit umgehen kann und sich nicht aus der Bahn werfen lässt. Wichtigster Grundsatz: Alles ist gut so wie es ist. Alles wurde von dir erschaffen. Begrüße es mit einem Lächeln, denn es ist das beste, das du in diesem Moment erschaffen konntest.
Höhenmeter 190m / 120m
Tagesetappe: 13km + 12km
Gesamtstrecke: 25.946,27km
Wetter: herbstlich, regnerisch, kalt
Etappenziel: Gemeinderaum der Stadt, Brassy, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:33:16


Tag 1376: Höre immer auf dein Bauchgefühl!

Höre auf dein Bauchgefühl! Wenn sich eine Situatio

20.09.2017 Heute schenkte uns das Leben eine der vielleicht wichtigsten Lektionen, die man überhaupt bekommen kann und die wir unbedingt an euch weitergeben möchten. In der Theorie kannte ich das Konzept bereits, aber heute wurde es wirklich klar und spürbar. Ihr müsst wissen, dass wir Menschen von Natur aus intuitive Wesen sind, denen man eigentlich nichts vormachen kann. Jeder Mensch spürt sofort, ob etwas angenehm oder unangenehm ist, ob es ihn bereichert oder nicht und vor allem, ob er eine Wahrheit oder eine Lüge hört. Der einzige Grund, warum wir auf eine Lüge hereinfallen ist unsere eigne Gier. Wenn wir etwas dringend wollen und sei die Absicht dahinter noch so nobel, dann sind wir in der Lage, unsere Intuition vollkommen auszuschalten und alle Warnhinweise zu ignorieren. Wir verhalten uns ein bisschen, wie ein Drogenjunkie, der genau spürt, dass die Rauschgifte seinen Körper zerstören, der dieses Empfinden jedoch vollkommen ausblendet, weil sich seine ganze Aufmerksamkeit nur noch im die Suchtbefriedigung dreht. Ich selbst kannte das Gefühl ganz gut von mir, wobei es vor allem dann aufkam, wenn ich hoch motiviert war. Es gab so viele Dinge, die ich gerne erledigen wollte und ich hatte richtig Lust darauf, anzukommen, mich an den Computer zu setzen und durchzustarten. Prompt tauchten natürlich genau die Situationen auf, die mir meine Gier spiegelten. Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, wählten wir heute einen Zielort aus, den wir kurz vor 12:00 Uhr erreichen würden, so dass das Rathaus auf jeden Fall geöffnet haben musste. Anders als sonst schlenderten wir also nicht gemütlich wie zwei Wildkatzen vor uns hin, sondern schauten immer wieder auf die Uhr und beschleunigten unsere Schritte, um gerade noch rechtzeitig anzukommen. Nun waren wir jedoch gestresst und ausgelaugt und nicht freudig entspannt wie sonst. Prompt sage uns das Rathaus ab, wodurch der ganze Stress des Vormittages hinfällig wurde. Um die Sache zu kitten versuchte ich auf andere Weise im gleichen Ort einen Schlafplatz aufzutreiben, was mich auch schließlich gelang. Ein Barkeeper hatte uns an ein befreundetes, älteres Pärchen vermittelt, das wir nun besuchten. Gleich zur Begrüßung eröffnete uns die Frau, dass ihr Mann mit dem Besuch gar nicht einverstanden war und als dieser vor die Tür trat, machte auch er keinen Hehl daraus. Alles, die Straße, das Haus, die alten Leute, alles schien uns anzuschreien: „Geht weiter! Das bringt hier nichts!“ Doch die Idee, den Nachmittag zum Arbeiten zu haben, war so präsent, dass ich diese Schreie überhörte. So verbrachten wir die nächsten Stunden in einem kleinen ungemütlichen Raum direkt neben der Hauptstraße. Die Fenster, die uns von der Straße trennten hatten den einzigen Effekt, dass ihre Scheiben jedes Mal im Tackt klirrten, wenn außen ein LKW vorbeirauschte. Geräusche abschwächen war hingegen weniger ihr Ding. Nach gut drei Stunden hätte uns eigentlich ein Mann abholen und zu unserem wirklichen Schlafplatz bringen sollen. Als er auch nach 4 Stunden noch nicht da war, ging ich zurück zu der Bar, dessen Besitzer den Kontakt vermittelt hatte und fragte noch einmal nach dem Stand der Dinge. Unser Gastgeber steckte irgendwo auf der Autobahn fest und kam vermutlich innerhalb der nächsten Stunde. Vielleicht aber auch erst in zwei oder drei Stunden, je nachdem, wie sich der Stau entwickelte. Diese Nachricht bestätigte nur, was wir von Anfang an wussten: Der Platz hier war einfach nichts für uns. Der alte Mann war in den vergangenen Stunden noch immer nicht aufgetaut und sah uns noch genauso missmutig und ablehnend an, wie bei unserer Ankunft. Die Atmosphäre war kalt und unangenehm und das obwohl der Platz selbst bei einer Traumfamilie schon grenzwertig gewesen wäre. Noch eine Stunde in diesem Unbehagen verbringen zu müssen und dann keine Ahnung zu haben, ob es hinterher besser würde, waren einfach nicht die Aussichten, auf die wir uns gefreut hatten. Da war es doch 1000x besser trotz der späten Stunde wieder aufzubrechen und notfalls im Zelt zu schlafen, wo wir wenigstens für uns waren und eine Filmnacht veranstalten konnten,. Also bedankten wir uns bei der alten Dame für ihre Einladung, packten unsere Sachen und brachen noch ein zweites Mal zu einer Wanderung auf. Diese Mal jedoch wanderten wir bereits in die Dämmerung hinein. Ein Umstand der unser Vertrauen noch einmal mehr auf die Probe stellte. Nach einigen Fehlschlägen gelangten wir schließlich zur Familie des stellvertretenden Bürgermeister, die uns zwei Gästezimmer anbot. Obwohl es nun bereits 20 Uhr war, als wir unsere Quartiere bezogen und obwohl wir im Anschluss noch gemeinsam mit unseren Gastgebern zu Abend aßen, war die kurze verbleibende Zeit die wir hier zum Arbeiten nutzen konnten, noch immer produktiver und effektiver als die vier Stunden im Lärmhaus zuvor. Sich diesen Vergleich noch einmal auf der Zunge zergehen zu lassen, sagte viel über die Lebenssituationen aus. Es macht einfach keinen Sinn, irgendetwas erzwingen zu wollen. Entweder eine Situation passt so wie sie ist und dann fühlt sie sich gut an, oder sie passt nicht und dann bringt es auch nichts, irgendeinen Kompromiss zu suchen oder gegen das Unbehagen anzukämpfen. Es vergeudet nur Zeit und Lebensfreude. Auf der einen Seite waren wir stolz auf uns, wie konsequent wir in diesem Bereich schon geworden sind, denn vor zwei Jahren wären wir einfach bei der Oma und ihrem Miesmuffelmann geblieben. Auf der anderen Seite zeigte uns die Situation aber auch, dass wir noch immer deutlich strikter werden konnten und sollten, wenn wir wirklich zu uns stehen wollten.
 
Lektion des Tages: Höre auf dein Bauchgefühl! Wenn sich eine Situation nicht gut anfühlt, dann kann sie auch nichts Gutes oder Positives hervorbringen.
Höhenmeter 130m / 230m
Tagesetappe: 23km + 13km
Gesamtstrecke: 25.921,27km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Gemeinderaum der Stadt, Mhere, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:28:57


Tag 1375: Höre immer auf dein Bauchgefühl!

Höre auf dein Bauchgefühl! Wenn sich eine Situatio

20.09.2017 Heute schenkte uns das Leben eine der vielleicht wichtigsten Lektionen, die man überhaupt bekommen kann und die wir unbedingt an euch weitergeben möchten. In der Theorie kannte ich das Konzept bereits, aber heute wurde es wirklich klar und spürbar. Ihr müsst wissen, dass wir Menschen von Natur aus intuitive Wesen sind, denen man eigentlich nichts vormachen kann. Jeder Mensch spürt sofort, ob etwas angenehm oder unangenehm ist, ob es ihn bereichert oder nicht und vor allem, ob er eine Wahrheit oder eine Lüge hört. Der einzige Grund, warum wir auf eine Lüge hereinfallen ist unsere eigne Gier. Wenn wir etwas dringend wollen und sei die Absicht dahinter noch so nobel, dann sind wir in der Lage, unsere Intuition vollkommen auszuschalten und alle Warnhinweise zu ignorieren. Wir verhalten uns ein bisschen, wie ein Drogenjunkie, der genau spürt, dass die Rauschgifte seinen Körper zerstören, der dieses Empfinden jedoch vollkommen ausblendet, weil sich seine ganze Aufmerksamkeit nur noch im die Suchtbefriedigung dreht. Ich selbst kannte das Gefühl ganz gut von mir, wobei es vor allem dann aufkam, wenn ich hoch motiviert war. Es gab so viele Dinge, die ich gerne erledigen wollte und ich hatte richtig Lust darauf, anzukommen, mich an den Computer zu setzen und durchzustarten. Prompt tauchten natürlich genau die Situationen auf, die mir meine Gier spiegelten. Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, wählten wir heute einen Zielort aus, den wir kurz vor 12:00 Uhr erreichen würden, so dass das Rathaus auf jeden Fall geöffnet haben musste. Anders als sonst schlenderten wir also nicht gemütlich wie zwei Wildkatzen vor uns hin, sondern schauten immer wieder auf die Uhr und beschleunigten unsere Schritte, um gerade noch rechtzeitig anzukommen. Nun waren wir jedoch gestresst und ausgelaugt und nicht freudig entspannt wie sonst. Prompt sage uns das Rathaus ab, wodurch der ganze Stress des Vormittages hinfällig wurde. Um die Sache zu kitten versuchte ich auf andere Weise im gleichen Ort einen Schlafplatz aufzutreiben, was mich auch schließlich gelang. Ein Barkeeper hatte uns an ein befreundetes, älteres Pärchen vermittelt, das wir nun besuchten. Gleich zur Begrüßung eröffnete uns die Frau, dass ihr Mann mit dem Besuch gar nicht einverstanden war und als dieser vor die Tür trat, machte auch er keinen Hehl daraus. Alles, die Straße, das Haus, die alten Leute, alles schien uns anzuschreien: „Geht weiter! Das bringt hier nichts!“ Doch die Idee, den Nachmittag zum Arbeiten zu haben, war so präsent, dass ich diese Schreie überhörte. So verbrachten wir die nächsten Stunden in einem kleinen ungemütlichen Raum direkt neben der Hauptstraße. Die Fenster, die uns von der Straße trennten hatten den einzigen Effekt, dass ihre Scheiben jedes Mal im Tackt klirrten, wenn außen ein LKW vorbeirauschte. Geräusche abschwächen war hingegen weniger ihr Ding. Nach gut drei Stunden hätte uns eigentlich ein Mann abholen und zu unserem wirklichen Schlafplatz bringen sollen. Als er auch nach 4 Stunden noch nicht da war, ging ich zurück zu der Bar, dessen Besitzer den Kontakt vermittelt hatte und fragte noch einmal nach dem Stand der Dinge. Unser Gastgeber steckte irgendwo auf der Autobahn fest und kam vermutlich innerhalb der nächsten Stunde. Vielleicht aber auch erst in zwei oder drei Stunden, je nachdem, wie sich der Stau entwickelte. Diese Nachricht bestätigte nur, was wir von Anfang an wussten: Der Platz hier war einfach nichts für uns. Der alte Mann war in den vergangenen Stunden noch immer nicht aufgetaut und sah uns noch genauso missmutig und ablehnend an, wie bei unserer Ankunft. Die Atmosphäre war kalt und unangenehm und das obwohl der Platz selbst bei einer Traumfamilie schon grenzwertig gewesen wäre. Noch eine Stunde in diesem Unbehagen verbringen zu müssen und dann keine Ahnung zu haben, ob es hinterher besser würde, waren einfach nicht die Aussichten, auf die wir uns gefreut hatten. Da war es doch 1000x besser trotz der späten Stunde wieder aufzubrechen und notfalls im Zelt zu schlafen, wo wir wenigstens für uns waren und eine Filmnacht veranstalten konnten,. Also bedankten wir uns bei der alten Dame für ihre Einladung, packten unsere Sachen und brachen noch ein zweites Mal zu einer Wanderung auf. Diese Mal jedoch wanderten wir bereits in die Dämmerung hinein. Ein Umstand der unser Vertrauen noch einmal mehr auf die Probe stellte. Nach einigen Fehlschlägen gelangten wir schließlich zur Familie des stellvertretenden Bürgermeister, die uns zwei Gästezimmer anbot. Obwohl es nun bereits 20 Uhr war, als wir unsere Quartiere bezogen und obwohl wir im Anschluss noch gemeinsam mit unseren Gastgebern zu Abend aßen, war die kurze verbleibende Zeit die wir hier zum Arbeiten nutzen konnten, noch immer produktiver und effektiver als die vier Stunden im Lärmhaus zuvor. Sich diesen Vergleich noch einmal auf der Zunge zergehen zu lassen, sagte viel über die Lebenssituationen aus. Es macht einfach keinen Sinn, irgendetwas erzwingen zu wollen. Entweder eine Situation passt so wie sie ist und dann fühlt sie sich gut an, oder sie passt nicht und dann bringt es auch nichts, irgendeinen Kompromiss zu suchen oder gegen das Unbehagen anzukämpfen. Es vergeudet nur Zeit und Lebensfreude. Auf der einen Seite waren wir stolz auf uns, wie konsequent wir in diesem Bereich schon geworden sind, denn vor zwei Jahren wären wir einfach bei der Oma und ihrem Miesmuffelmann geblieben. Auf der anderen Seite zeigte uns die Situation aber auch, dass wir noch immer deutlich strikter werden konnten und sollten, wenn wir wirklich zu uns stehen wollten.
 
Lektion des Tages: Höre auf dein Bauchgefühl! Wenn sich eine Situation nicht gut anfühlt, dann kann sie auch nichts Gutes oder Positives hervorbringen.
Höhenmeter 130m / 230m
Tagesetappe: 23km + 13km
Gesamtstrecke: 25.921,27km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Holländisches Gästehaus, Epiry, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:28:55


Tag 1374: Neue Herausforderung

It never gets easier – you just get better (Werbes

19.09.2017 Nach dem Beschluss von gestern, mein Trauerklos-Selbstmitleids-die-Welt-ist-Scheiße-Ich hinter mir zu lassen bekam ich heute gleich einmal die erste große Herausforderung geschenkt. Ein bisschen so, als wollte das Universum fragen: „Na, ist die Welt nicht vielleicht doch scheiße?“ Ganz Ehrlich? Immer gelang es mir nicht, in der Rolle des Träumenden zu bleiben und die Dinge so anzunehmen, wie sie waren. Um es in den Worten eines ehemaligen Seminarteilnehmers zu sagen: Es gab Situationen, da ging mit der Arsch an die Decke. Aber es zog mich nicht mehr runter. Es war eben wie es war und dazu gehörte auch mein Ärger im entsprechenden Moment. Doch sobald wir wieder draußen auf unserem Weg waren, uns sie Sonne entgegen scheinen ließen, den Bäumen, Wiesen und Vögeln zuschauten und gemächlich wieder Stille einkehren ließen, war es eine vollkommen neue Situation, in der ich nicht mehr herumschmollen musste. Und tatsächlich, am Ende ging auch heute wieder alles gut aus und wir bekamen einen schönen, ruhigen Platz von einem jungen Mann, dessen Name lustigerweise ebenfalls Francoir war. Offensichtlicher konnte man also kaum noch einmal zusammenfassen, dass jeder Mensch, den ich heute getroffen hatte, ich war.
 
Spruch des Tages: It never gets easier – you just get better (Werbespruch unserer Work-Out-App)
Höhenmeter 230 m
Tagesetappe: 24 km
Gesamtstrecke: 25.885,27km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Villa einer Millionärsfamilie, Crux-Ville, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:26:58


Tag 1373: Weg mit dem Miesepeter! - Wandlung ins Positive

Es ist wichtig, immer wieder zu prüfem, ob man noc

In den letzten Tagen kam in mir immer wieder die Frage auf, ob ich noch auf dem richtigen Weg bin, oder ob ich mich vor allem mit dem Blog in etwas verrannt hatte, das mich nun nicht mehr weiter brachte. Als wir vor knapp vier Jahren zu unserer Reise aufgebrochen sind, ging es uns vor allem um eines: Wir wollten weg! Uns war klar, dass das Leben zuhause nichts mehr für uns war. Es war nicht nur einfach nicht mehr das Gelbe vom Ei, es brachte uns Buchstäblich um. Jahre zuvor hatten wir eine Wildnisschule gegründet mit dem Plan, dadurch unser Darma leben zu können. Wir wollten als Mentoren andere auf ihrem eigenen Lebensweg begleiten und ihnen den Mut, die Anstöße und die Impulse geben, die sie brauchten, um ihr volles Potential entwickeln zu können. Wir wollten Menschen dabei helfen, herauszufinden wer sie wirklich waren und dieses Selbst dann auch in vollem Maße zu leben und zu lieben. Und wir wollten die Verbindung zwischen Mensch und Natur wieder herstellen, wollten das alte, native Wissen über Heilung neu beleben und wollten erreichen, dass es eine Generation an Kindern gibt, die die Natur wieder liebt und als ihre Mutter betrachtet. Was man liebt kann man nicht zerstören und so hatten wir die Hoffnung, das Thema Naturschutz, ein für alle Mal vom Tisch zu bekommen. Stellt euch einmal vor wie es wäre, wenn allein alle Kinder unter 12 Jahren einen engen und intensiven Naturbezug hätten, der von Abenteuerlust, Verbundenheit, Tierliebe, Fürsorge und Rücksicht geprägt ist, so das sie ganz natürlich und ohne Zwang oder Überwindung dafür sorgen, dass unsere Natur und unsere Umgebung erhalten und gepflegt werden! Irgendwann hatten wir jedoch feststellen müssen, dass wir mit dieser Idee gegen Windmühlen kämpften. Von der Generation an Kindern, die es zu wandeln galt bekamen wir gerade einmal einen winzigen Bruchteil zu greifen und selbst bei ihnen blieb unsere Arbeit ein Tropfen auf den heißen Stein. So jedenfalls fühlte sich bei uns an. Das bedeutet nicht, dass es nicht eine wichtige Arbeit war, doch wir merkten, dass es längst nicht mehr unsere Arbeit war. Man kann nur das wirklich gut tun, woran einem das Herz hing. Und unsers trieb uns hinaus in die weite Welt. Doch zunächst war dieser Aufbruch ins Unbekannte natürlich vor allem ein Weglaufen von dem Alten. Wie hätte es auch anders sein sollen, denn wir kannten ja noch nichts neues, auf das wir hätten zugehen können. So wurden die ersten Jahre der Reise vor allem Jahre des Loslassens. Loslassen meiner Eltern, meiner Familie, Loslassen alter Bekannte, alter Gewohnheiten, Hobbies und Vorlieben aber auch alter Muster und Blockaden. Ganz langsam und schleichend sind wir dabei jedoch nun an einen Punkt gekommen, an dem dieses Weglaufen und Loslassen abgelöst wurde, durch das hinzuströmen auf etwas Neues. Die Präsenz liegt nun nicht mehr auf dem Sesshaftigkeits-Alltag hinter uns, dem wir entkommen wollen, sondern auf dem Nomadenleben vor uns, in das wir immer tiefer eintauchen und das wir stets weiter ausbauen und noch angenehmer, schöner, produktiver und Lebenswerter gestalten wollen. Der Fokus liegt nun darauf, das Leben als Herde zu Dritt mit Shania vorzubereiten, einen Weg zu finden durch die USA zu reisen, ein Begleitfahrzeug zu erschaffen, das uns vollkommene Unabhängigkeit. Und unter diesem neuen Fokus betrachtet, ist vieles von dem was ich bisher auf der Reise getan habe so nicht mehr stimmig. Darunter auch der Blog. Er war stets ein Weg um zu reflektieren, was in mir los ist und welche Entwicklungsschritte gerade anstehen. Er war stets meine Form, mein neues Leben als Wandermönch zu reflektieren und mich selbst so etwas besser zu verstehen. Er war in gewisser Weise meine beste Freundin, der ich mein Herz ausschütten konnte und das habe ich auch in vollen Zügen genutzt. Dabei habe ich jedoch außer acht gelassen, was eine solche Freundschaft ausmacht. Natürlich geht es auch darum, immer wieder einmal das Herz auszuschütten, doch es darf nicht dazu verkommen, dass der andere ein Seelischer Mülleimer wird. Die Präsenz muss stets auf der Frage liegen, was die Freundschaft benötigt, um für beide bereichernd und wertvoll zu sein. Daher war es nun an der Zeit, mir einige harte Fragen zu stellen und diese ehrlich zu beantworten: Trägst du mit deinen Artikeln wirklich zur Inspiration der Leser bei? Oder sorgst du teilweise vielleicht sogar für Abschreckung, in dem du dich immer wieder auf die Hürden und Schwierigkeiten des Lebens konzentrierst? Wie viel Humor, Leichtigkeit, Begeisterung und Lebensfreude bringst du rüber? Wie hilfreich bist du wirklich? Schreibst du Artikel aus denen andere etwas lernen können, so dass sie es auf ihrem Weg leichter haben? Ich muss mir wohl eingestehen, dass all diese Aspekte vor allem in der letzten Zeit deutlich zu kurz kamen. All zu Oft liegt mein Fokus nicht auf den 90% des Lebens, die absolut hervorragend und großartig sind, sondern auf den 10% in denen es noch Verbesserungsbedarf gibt. Und davon in den meisten Fällen auch noch auf das 1% bei dem ich keine Lösung habe und das mir deshalb übermächtig vor kommt. Ein Mann, den wir vor kurzem trafen hat dieses Phänomen sehr schön und anschaulich beschrieben. Er sagte: „Was passiert, wenn du einem Menschen ein weißes Blatt mit einem winzigen schwarzen Punkt darauf gibst und fragst: `Was siehst du?`- Richtig! Er wird dir antworten: `Einen schwarzen Punkt!` Das strahlend weiße Papier, das er in den Händen hält, hingegen hat für ihn keine Bedeutung“. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber als ich diese Geschichte hörte, fühlte ich mich sofort ertappt. Selbst bei der Erzählung war mein erster Gedanke „schwarzer Punkt“ gewesen. Wie oft durchschreiten wir wunderschöne Landschaften, besuchen großartige Plätze, bekommen hervorragendes Essen und dürfen den ganzen Reichtum von Mutter Erde erfahren, während ich mich in Gedanken an irgendeiner Kleinigkeit aufhänge und deshalb nichts davon wahrnehmen kann? Doch mir wurde noch mehr bewusst. Man sagt nicht umsonst: „Achte auf deine Worte, denn sie werden deine Wirklichkeit!“ Bereits unsere Gedanken haben eine immense Schöpfungskraft, die natürlich noch bedeutend verstärkt wird, wenn man sie mit Überzeugung ausspricht. In meinem Fall hatte ich sie aber sogar niedergeschrieben und damit für alle Ewigkeit manifestiert. Negativität und der Fokus auf Jammern, Meckern und Fluchen zieht noch mehr Negativität und somit noch mehr Gründe zum Jammern, Meckern und Fluchen an. Wie oft hatte ich also auf Unüberlegtheit in mein Reisetagebuch geschrieben: „Liebes Universum, bitte mache mein Leben schwer und hart, nimm mir so viel Freude und Leichtigkeit wie du nur kannst und lass mich immer wieder an mir und meinem Weg zweifeln!“ War das wirklich sinnvoll? Wohl kaum! War das wirklich hilfreich? Nein, ganz bestimmt nicht! Es war wichtig gewesen, um mich selbst darin zu erkennen und um überhaupt erst einmal wahrzunehmen, dass ich nicht der Optimist bin, für den ich mich immer gehalten habe. Nun aber ist es an der Zeit den Fokus noch einmal zu wandeln und mich wieder auf das Licht, anstatt auf den Schatten zu konzentrieren. So wie in unseren ersten Texten für die Wildnisschule und unsere Bücher lege ich meinen Fokus nun wieder darauf, inspirierend und hilfreich zu sein und den Geist vorn Freiheit und Lebensfreude nach außen zu tragen. Dies wird auch bedeuten, dass ich zukünftig nicht mehr täglich einen Bericht schreibe, sondern mich auf die wirklich wichtigen und interessanten Punkte konzentriere. Lange Zeit hatte ich das Gefühl, durch irgendetwas dazu verpflichtet zu sein, jeden Tag möglichst alles aufzuschreiben, was passiert war, auch wenn es dahinter keine echte Geschichte gab. Doch ein Tagebuch zu schreiben nur um Seiten zu füllen hilft niemandem sondern produziert nur Stress und sorgt dafür, dass ich das Gefühl habe, hinten und vorne mit den Dingen, die ich erledigen will, nicht zurecht zu kommen. Es wird also in Zukunft weniger Tagesberichte geben, die dafür aber gezielter gewählt sind und die Kernessenzen dessen um was es geht stärker einfangen. Gleichzeitig gibt es nun auch mehr themenbezogene Artikel, die euch bei gezielten Fragen weiterhelfen können. Und dann liegt natürlich ein Großteil des Fokusses im Moment auch auf dem neuen Geschenke-Portal, das zukünftig die Basis unseres Nomadenlebens darstellen wird. Vor vier Jahren sind wir als Gesellschaftsflüchtlinge aufgebrochen und haben euch berichtet, was passiert wenn man die alten Wege verlässt. Nun machen wir und gemeinsam daran, neue Wege zu erschließen und uns eine Existenz als Webnomaden und Wanderheiler aufzubauen, die mit jedem neuen Schritt einen Funken mehr Licht in die Welt bringen.
 
Spruch des Tages: Es ist wichtig, immer wieder zu prüfem, ob man noch auf dem richtigen Weg ist.
Höhenmeter 180 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.861,27km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Veranstaltungssaal der Gemeinde, Nolay, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:25:28


Tag 1372: Der 72. Geburtstag

Alles Gute zum 72. Geburtstag

Zunächst möchten wir uns erst einmal ganz herzlich bei Daniel Volke für die Spende bedanken! 19.09.2017 Gemütlichkeit ist verpönt Warum steht eigentlich niemand mehr auf Gemütlichkeit? Es scheint fast eine art Mode zu sein, sich sein Leben so einzurichten, dass es gerade so eben nicht angenehm ist. Unsere Gastfamilie von gestern war dafür ein hervorragendes Beispiel. Er war Tierarzt, sie Krankenschwester, wobei Sie Ihren Job vor ein paar Jahren gegen den einer Assistentin für den Bischof getauscht und er seinen Aufgabenbereich in den administrativen Bereich verlegt hat. Man kann also sagen, dass beide nicht schlecht verdienten und auch ihr Haus, in dem man sich locker hätte verlaufen können, unterstütze diesen Eindruck. Und doch wirkte es, als wären sie das Ärmste Ehepaar, das wir auf der Reise getroffen haben. Draußen peitschte der Wind den Regen um das Haus und es war nass, kalt und ungemütlich. Trotzdem wurde innen nicht geheizt, so dass eine konstante Raumtemperatur von etwa 17°C herrschte. Im Wohnzimmer gab es einen großen Kachelofen, der jedoch nur am Abend für einen kurzen Moment befeuert wurde. Gerade so lange, bis die Steine begannen, die gespeicherte Hitze auch wieder nach außen abzugeben. Um den Raum zu wärmen reichte es leider nicht. Eine Etage darüber befand sich das Arbeitszimmer unseres Gastgebers, das ebenfalls direkt über dem Kamin lag. Wäre man die Sache geschickt angegangen, hätte man mit einem Kleinen Feuer unten im Wohnzimmer also gleich zwei Räume heizen können. Mehr noch! Der Kamin befand sich in der oberen Etage direkt hinter dem Schreibtisch. Hätte man ihn also richtig eingeheizt, hätte man sich hier biem Arbeiten angenehm warme Luft ins Kreuz strahlen lassen können. Stattdessen hatte man den Schornstein abgedichtet und ein paar Kisten voll Lego hinein gestellt. Ähnlich war es auch mit dem Essen. Es gab einen riesigen Garten mit Obstbäumen und der Möglichkeit, Nahrung für ein ganzes Bataillon anzubauen und doch hatten die beiden so gut wie nichts im Haus. Ihr Lager im Schuppen bestand aus einem Regal mit etwa 40 Gläsern Marmelade und einem einzigen Kürbis. Wie konnte das sein? Es war Ernte-Zeit! Allein wenn ich an den Keller meiner Oma zurückdenke, dann war dieser um diese Jahreszeit gefüllt wie eine mittelgroße Aldi-Filliale. Dies hier war Frankreich und noch dazu ein privater Hof in einem kleinen Dorf. Hier hätten hunderte von Kürbissen herumliegen müssen, gemeinsam mit Kartoffeln, Möhren, Tomaten und wer weiß was sonst noch. Entsprechend knapp viel auch unser Abendessen aus. Es war wirklich lecker zubereitet und bestand aus frischen Gartengemüse mit hausgemachter Sauce. Doch für Heiko oder mich allein wäre die Portion schon etwas klein gewesen, die es nun für uns alle vier gab. Das bedeutet: Selbst ohne Gäste hatten sie ihr Abendessen so kalkuliert, dass sie unmöglich satt werden konnten. Die Frage war nur warum? Es wäre ja ein leichtes gewesen, noch ein halbes Kilo Reis oder meinetwegen auch Nudeln dazu zu kochen, so dass jeder etwas im Magen gehabt hätte. Doch es gab nur das Gemüse ohne jede Beilage. Dazu ein winziges Stückchen Baguette für jeden. Im zweiten Gang gab es dann aber edlen Käse in fünffacher Ausführung der mindestens 60€ Wert war, so wie er hier auf dem Teller lag. Die Tatsache, dass es sonst nichts gab, führte natürlich dazu, dass wir hier ordentlich zulangten um zumindest das Magengrummeln zu beseitigen. Denn es gab auch jetzt wieder nur ein winziges Stückchen Brot und für jeden drei Salat-Blätter dazu. Eine ordentliche Portion Salat und eine mit bloßem Auge sichtbare Menge an Brot, hätten dazu geführt, dass sie hier eine Menge Geld gespart hätten. Irgendwie tat es uns schon fast etwas weh, so viel von dem guten Käse, einfach rein zufuttern, aber der Überlebensinstinkt siegte über den Anstand. Und sie nahmen es uns auch nicht übel, sondern freuten sich sogar, dass es uns schmeckte. Trotzdem war es insgesamt ein komisches Gefühl. Unerwartete Geburtstagsäste Heute sah es hingegen etwas anders aus. Unser Etappenziel war eine Stadt mit rund 11.000 Einwohnern, in der es wieder einmal einen Pfarrer gab, den wir nach Ende der Sonntagsmesse abpassen konnten. Dieser wollte uns jedoch nicht weiterhelfen und beharrte auf der Aussage keinen verfügbaren Raum zu haben, obwohl es mehr als 6 Kirchen in der Stadt gab, die alle ihre Gemeinderäume hatten. Während ich auf ihn wartete, wurde ich jedoch von einem freundlichen alten Herren angesprochen, der mich einfach auf den Kopf hin fragte, ob ich schon eine Bleibe für die Nacht habe. Als der Pfarrer das mitbekam, war er natürlich begeistert, da er nun beides mit einem Schlag los war, uns und sein schlechtes Gewissen. Was wir zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht wussten war, dass die Frau des freundlichen Rentners heute ihren 72. Geburtstag feierte und dass zu diesem Anlass die ganze Familie zusammen gekommen war. In diesem Fall bedeutete „ganze Familie“ tatsächlich, dass wir uns in einer Partygesellschaft wieder fanden, die fast epische Ausmaße hatte. Die beiden alten Herrschaften hatten 4 Kinder, die es insgesamt wiederum auf 18 Enkelkinder brachten, von denen eine ihnen bereits wieder zwei Urenkel geschenkt hatte. Alles in allem waren wir also eine Tafelrunde von 30 Männern und Frauen. Ich kann nicht genau sagen, was es war, aber in einem solchen Familienverbund aufzuwachsen machte etwas mit einem Menschen. Klar, war es nicht gerade angenehm, mit 30 Leuten auf engem Raum zusammen zu sitzen, aber es war bei weitem ruhiger und harmonischer als wir es in vielen Kleinfamilien erlebt hatten. Jeder der Anwesenden hatte von klein auf gewisse Regeln gelernt, die für ein Zusammenleben in dieser Konstellation dringend erforderlich waren, die aber sonst heute kaum noch jemand beherrschte. Es waren Kleinigkeiten, die kaum auffielen, die aber einen riesigen Unterschied machten. Jeder wusste zum Beispiel, wann wer wo durch musste und ob er gerade irgendwo im Weg stand, so dass er intuitiv ausweichen konnte. Wo es normalerweise permanente Zusammenstöße oder andauerndes gegenseitiges Ausbremsen gab, ging es hier eher zu wie in einem Ameisenhaufen. Obwohl offensichtlich kein Platz für Bewegung war, flossen alle aneinander vorbei. Auch die Gespräche bei Tisch blieben in einem lautstärketechnischen Rahmen, der zwar noch immer nicht angenehm, für solch eine Gruppe aber dennoch erstaunlich war. Niemand versuchte, den andere zu übertönen, um mehr Aufmerksamkeit zu ergattern. Stattdessen entstanden Dynamische Gesprächsrunden, bei denen jeder etwas einbringen konnte, wenn er es wollte. Damit es ein anständiges Geburtstagsessen gab, waren die Männer heute in der Früh in den Wald gezogen und hatten ein Reh geschossen. Es war der erste Tag des Jahres, an dem die Jagdsaison eröffnet wurde und sie hatten die Gelegenheit gleich einmal beim Schopf gepackt. Danach gab es hausgemachten Kuchen mit Früchten aus dem Garten und schließlich ging es hinaus ins Grüne um noch einen Kaffee zu trinken. Dann wurde der offizielle Teil der Feier beendet, die ersten Gäste gingen nach hause und wir zogen uns auf unser Zimmer zurück. Das Haus erinnerte uns ein bisschen an den Fuchsbau von den Weasleys aus Harry Potter. Es lag oben auf einer Klippe über der Stadt, war über und über mit Artefakten, Gemälden, antiken Waffen und allerlei Sonderlichkeiten gefüllt und schien, obwohl es von außen eher unscheinbar war, im inneren schier unendliche Ausmaße zu haben.
 
Spruch des Tages: Alles Gute zum 72. Geburtstag
Höhenmeter 210m
Tagesetappe: 19km
Gesamtstrecke: 25.847,27km
Wetter: sonnig und warm, immer wieder leichter Regen
Etappenziel: Pilgerherberge, Guérigny, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:19:41


Tag 1371: Wunderheilung bei Krebs

Fünf Minuten vor deinem Tod ist es noch früh genug

16.09.2017 Seit Beginn unserer Reise haben wir immer wieder Menschen getroffen, die schwere Krankheiten hatten und von diesen auf wundersame Weise geheilt wurden, ohne sicher sagen zu können, wie dies möglich war. Uns persönlich geben diese Geschichten jedes Mal aufs neue Hoffnung, denn sie beweisen, dass schwere Krankheiten wie Krebs und chronische wie Diabetes oder Parkinson keineswegs unheilbar sind. Denn wenn eine Krankheit unheilbar ist, dann bedeutet dies logischer Weise, dass sie nicht heilen oder geheilt werden kann, und nicht dass es immer wieder Beispiele von Menschen gibt, die einfach so wieder gesund werden. Heute im Kloster trafen wir einen Mann, der ebenfalls eine solche Geschichte zu erzählen hatte. Er war Vater von zwei Kindern und hatte viele Jahre lang in einem normalen Haus in einer französischen Kleinstadt gelebt, war einem normalen Job nachgegangen und hatte sich in all den Jahren nie wirklich von seinen Nachbarn unterschieden. Dann hatte er vom Arzt die Diagnose bekommen. Er habe Krebs und insgesamt nicht mehr als ein paar Monate zu leben. Im Angesicht des Todes ein neues Leben beginnen Für ihn war diese Botschaft jedoch viel weniger ein Grund zur Trauer und Panik, als viel mehr ein Weckruf, der ihm sagte: „Junge, du musst was ändern, sonst machst du das hier nicht mehr lange mit!“ Sein erste Reaktion war es, zuhause wie in der Arbeit alles stehen und liegen zu lassen und sich als Pilger auf den Jakobsweg von Mont Saint Michelle nach Santiago zu machen. Dies hatte ihm zum ersten Mal die Augen geöffnet. Es waren das Wandern und das allein Sein mit sich selbst, das ihn so faszinierte. Zum ersten Mal in seinem Leben, hatte er das Gefühl, runter zu kommen, abschalten zu können und wirklich ganz er selbst sein zu dürfen. Wenn er jetzt an diese Zeit zurückdenkt, taucht noch immer sofort ein Strahlen auf seinem Gesicht auf. Nachdem die Reise beendet war, stand für ihn fest, dass es kein Zurück mehr in sein altes Leben gab. Dieses war immerhin dabei, ihn zu töten und wenn das als Grund für eine Wandlung nicht ausreichte, was dann? Er kehrte zurück und berichtete seiner Familie von seinem Entschluss. Doch obwohl sie wussten, wie es um ihn stand, konnten sie seine Entscheidung zunächst überhaupt nicht nachvollziehen. Für Sie war es, als gäbe ihr Vater ihnen die Schuld an seiner Krankheit und als würde er sie nun verstoßen, um Heilung zu finden. Er versuchte ihnen zu erklären, dass dies nicht stimmte, hatte jedoch nur wenig Erfolg damit. Vor allem seine Tochter empfand die Entscheidung als Hochverrat und reagierte so heftig, dass er um ein Haar alles abgeblasen und doch geblieben wäre, nur um sie zufrieden zu stellen. Dann aber kam er wieder zur Besinnung und sagte sich: „Ein toter Vater hilft meiner Tochter weit weniger, als einer auf den sie Wütend ist. Irgendwann wird sie es schon verstehen können.“ Einen eigenen Heilungsplatz finden Während seiner Pilgerreise war er unter anderem auch hier im Kloster vorbeigekommen und hatte sich hier von Anfang an wohl gefühlt. Nun kehrte er hierher zurück, kaufte sich ein kleines Häuschen direkt neben dem Kloster, in dem er von nun an als eine Art Gastmönch lebte. Inzwischen war er zu einer Art Klostermaskottchen geworden und kümmerte sich täglich um die Gäste, die hier ebenfalls nach Heilung und Entspannung suchen, so wie einst er selbst. Seither waren mehr als 15 Jahre vergangen und der Krebs war nie wieder ein Thema geworden. Er hatte nicht einmal mehr einen weiteren Arzt aufgesucht, um sich untersuchen zu lassen. Er fühlte, dass er wieder gesund war, und das reichte ihm. Viele Jahre später war dann seine Tochter zum ersten Mal zu Besuch gekommen, um zu sehen, wie ihr Vater hier lebte und warum er dieses Leben, dem Leben mit der Familie vorzog. Als sie das Klostergelände betrat, hatte sie das Selbe Empfunden, wie ihr Vater viele Jahre zuvor. „Waow! Was für ein friedlicher und harmonischer Ort!“ sagte sie anerkennend und langsam verstand sie, warum ihr Vater hier leben wollte. Gemeinsam schauten sie sich eine Heiligenstätte ganz in der Nähe an, an der es viele Jahre zuvor eine Marienerscheinung gegeben hatte. Er konnte nicht erklären warum, oder was hier genau geschehen war, aber kurz bevor sie die Kapelle erreicht hatten, begann seine Tochter plötzlich aus vollem Leib zu weinen und zu schluchzen. Sie wusste selbst nicht genau, was mit ihr los war, aber plötzlich hatte sie das Gefühl, ihrem Vater damals großes Unrecht getan zu haben. Mit einem Schlag wurde ihr bewusst, dass sie damals von ihm verlangt hatte, in den Tod zu gehen, nur damit sie sich einen Moment lang besser fühlen konnte. Hätte er damals auf sie gehört, dann wäre er nun tot und es wäre ihre Schuld gewesen. Das jedenfalls fühlte sie in diesem Moment. Seither hatte er wieder ein gutes Verhältnis zu seiner Tochter, wenngleich sie sich noch immer nur sporadisch sahen. Sie kam jedoch hin und wieder zu Besuch, meist dann wenn sie spürte, dass ihr Alltag zu stressig wurde und dabei war, sie krank zu machen. Dann suchte sie das Kloster als Rückzugsort auf um neue Kraft zu tanken, sich zu sammeln und sich anhand des Beispiels ihres Vaters daran zu erinnern, dass es noch weit mehr gab, als nur die Arbeit und den Alltagsstress.
 
Spruch des Tages: Fünf Minuten vor deinem Tod ist es noch früh genug um dein Leben zu ändern.
Höhenmeter 130m
Tagesetappe: 29km
Gesamtstrecke: 25.828,27km
Wetter: sonnig und warm, immer wieder leichter Regen
Etappenziel: Kinder-Bastel-Pavillon, Champvoux, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:15:00


Tag 1370: Unterschiedliche Vorstellungen von Stille

Lisren to the Sound of Silence

14.09.-15.09.2017 Egal welche Religion oder Lebensphilosophie man sich auf der Welt auch anschaut, alle enthalten immer das Element der Heiligen Stille, als ein Schlüssel um den Weg zu Gott oder zur Urquelle zu finden, wie immer sie dort auch genannt wird. Fast jede Kultur enthält dafür Traditionen, Routinen, Meditationen und Rituale, um sich zu zentrieren und in diese göttliche Stille zu gelangen. Eine einfache Übung dazu ist es beispielsweise, sich auf den eigenen Atem oder besser auf die winzigen Pausen dazwischen zu konzentrieren. Jedes Mal, wenn wir vom Einatmen ins Ausatmen wechseln, entsteht genau am Scheitelpunkt ein winziger Moment in dem wir gar nicht Atmen. In diesem Moment ist es, als würde unser Organismus vollkommen stehen bleiben, wodurch wir für einen winzigen Augenblick die Möglichkeit haben, hinter die Fassade der Traumgebildes zu blicken, das wir unser Leben nennen und das göttliche, formlose Sein des Allbewusstseins dahinter zu erkennen. Es ist ein bisschen wie bei einer Schiffsschaukel, die mit hoher Geschwindigkeit hin und her pendelt. Sie bewegt sich so schnell, dass wir die Landschaft um uns herum nur verschwommen, wahrnehmen können. Lediglich im Scheitelpunkt, wenn wir von der Rückwärts- in die Vorwärtsbewegung übrgehen oder anders herum, halten wir für einen Moment an und können klar sehen. Aber natürlich nur, wenn wir unseren Fokus auf diesen Moment legen und ihn ganz bewusst wahrnehmen. Wenn nicht huscht er einfach an uns vorbei und wir merken nicht einmal, dass er je dagewesen ist. Uns für diesen Moment zu sensibilisieren, so dass wir durch die Fassade des Offensichtlichen hindurch ins göttliche sehen können, ist Ziel und Zweck unzähliger Meditationsformen, Gebete und Routinen überall auf der Welt. So sind beispielsweise Klöster egal welcher Religion in ihrem Ursprung immer als Orte der Stille gedacht gewesen, die es einem ermöglichen sollten, die innere und äußere Unruhe des Alltags hinter sich zu lassen und Stille zu finden. Im laufe der Zeit haben sich die Ideen darüber, was diese Stille eigentlich ist und wie sie praktiziert werden sollte, allerdings sehr stark gewandelt und so gibt es heute eine unglaubliche Vielzahl an Definitionen und Vorstellungen zum Thema „Heilige Stille“. Erstaunlicher Weise haben die meisten davon mit einer geradezu beeindruckenden Menge an Geräuschen zu tun. Das durften wir auch heute wieder erleben, als wir nach unserer 15km langen Wanderung die uns durch eine Stadt und am Ufer eines Flusses entlang führte, schließlich wieder in einem Kloster der Zisterzienser ankamen. Pater John-Pasqual hatte uns bereits angekündigt und so war klar, dass wir hier übernachten konnten. Wir mussten nur einen Moment warten, da wir gerade genau während der Mittagszeremonie ankamen, zu der auch das Essen in „vollkommener Stille“ gehörte, was das Empfangen von Gästen natürlich irgendwie ausschloss. Da saßen wir nun also umgeben von den alten Klostermauern in der Sonne, an einem Ort, der vor über 700 Jahren als Ort des Rückzugs und der Stille erschaffen worden war, und drückten gewissermaßen auf die Pausetaste. Bis zu unserem Treffen mit Bruder Alexandre dauerte es noch etwa 15 Minuten und anschließend würden auch wir etwas zu essen bekommen. Es gab also nichts praktisch oder körperlich sinnvolles, das wir hätten tun können, außer uns zurückzulehnen und uns in der Welt zu beobachten. Was also wäre besser geeignet gewesen, um in die heilige Stille zu kommen, als dieser Moment? Lehn dich zurück! Schließe die Augen und horche auf das was in dir und um dich herum wahrzunehmen ist! Zunächst einmal nahmen wir wahr, dass sich die Mönche vor 700 Jahren wohl nicht hätten träumen lassen, dass man ihnen eines Tages eine Staustufe mit einer Turbine zur Stromgewinnung direkt vor die Tür bauen würde, die ein konstantes Rauschen, Wasser plätschern und Pfeifen verursacht. Dabei die Stille wahrzunehmen war nun schon eine Herausforderung. Doch mit etwas Training konnte man es schaffen, gewissermaßen an dem Störgeräusch vorbei zuhören. Wenn einem dies gelang, dann nahm man Plötzlich die Autos auf der nun angrenzenden Hauptstraße wahr, die über den rauen Asphalt polterten. Konzentriere dich! Achte auf die Stille zwischen den Geräuschen! Denn hier findest du das wahre... Blätterrascheln? Ach komm schon! Irgendjemand hatte den Klosterhof mit hohen Pappeln zu gepflanzt, deren Blätter sich im Wind ein bisschen wie Plastiktüten verhielten und die so ein wahres Knisterkonzert ertönen ließen, sobald auch nur eine leichte Brise aufkam. Doch wir hatten keine Zeit, uns Gedanken darüber zu machen, welcher Scherzkeks auf die Idee gekommen war, gerade diese Bäume in einen Klostergarten zu pflanzen, denn in diesem Moment kehrten die 6 Militär-Düsenjets zurück, die bereits ein paar Mal über unsere Köpfe hinweg geschossen sind. Wir hatten sie das erste Mal kurz nach Verlassen der Stadt Laval gehört und seither immer mal wieder. Nun jedoch schien es, als hätten wir sie wie ein paar Luftballons hinter uns her gezogen und hier an einen Baum gebunden, denn für die nächsten Zwei Stunden kreisten sie direkt über dem Kloster. Sie flogen in engen Formationen und wirkten, als würden sie für eine Flugshow trainieren. Sogar bunte Rauchschwaden ließen sie ab um damit Linien an den Himmel zu malen. Abgesehen vom ohrenbetäubenden Lärm, den sie dabei verursachten, war es sogar ganz nett. Fassen wir also noch einmal zusammen: Aus dem einstigen Ort der Stille ist nun ein Platz der lauten Geräusche geworden, der so ziemlich alles vereinte, was einen davon abhalten konnte, in die Stillemeditation zu gelangen, von lauten Raschelbäumen bis hin zu Düsenjets. Was uns an der ganzen Sache jedoch wirklich irritierte war der Umstand, dass es trotz allem hier im Klostergarten noch immer am Angenehmsten war. Denn „Essen in vollständiger Stille“ bedeutete in diesem Fall wieder einmal, dass zwar nicht gesprochen werden durfte, dass aber über blecherne Lautsprecher wieder einmal eine Lesung abgehalten wurde. Der Essenssaal der Stille wurde also vollbeschallt und dies in einer Lautstärke, dass wir es nicht einmal für ein einziges Glas Wasser darin aushielten und sofort wieder nach draußen flüchteten.
 
Spruch des Tages: Lisren to the Sound of Silence...
Höhenmeter 55m
Tagesetappe: 14km
Gesamtstrecke: 25.799,27km
Wetter: sonnig und warm, immer wieder leichter Regen
Etappenziel: Gästezimmer in einem Schloss, südlich von Garigny, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:13:44


Tag 1369: Es regnet mal wieder!

Ich freue mich wenn es regnet, denn wenn ich mich

Das ist ja nichts neues für dieses Jahr, aber es ist so ziemlich das einzige, was man heute überhaupt erwähnen kann. Langsam aber sicher müssen wir uns wohl damit anfreunden, das so etwas wie ein Sommer nicht mehr kommen wird. Wir hatten ja gehofft, nach unserer trüben Zeit in Irland noch einmal so richtig die Sonne genießen zu können, aber daraus wird wohl nichts. Es gibt (das kann man nicht verleugnen) einen klaren Unterschied, zwischen den südlichen und den nördlichen Regionen. Am deutlichsten wird es, wenn man einen Blick auf unsere Sonnenölflasche wirft. Letztes Jahr hatten wir uns zu beginn des Sommers eine eineinhalb Liter Flasche mit einer Ölmischung aus Kokosöl, Sesamöl, Olivenöl und einigen anderen Ölsorten, schicken lassen, die zusammen einen hervorragenden Sonnenschutz ergeben. Diese Flasche mussten wir zwei Mal mit etwa einem Liter Olivenöl strecken, damit wir damit über den Sommer kamen. Dieses Jahr haben wir uns ein kleines Fläschchen mit 250ml schicken lassen und haben noch immer nicht den Flaschenhals freigeschaufelt. Dafür gab es aber auch erst zwei oder drei Tage, an denen es so warm war, dass das Öl wirklich flüssig wurde. An allen anderen Tagen hatte es aufgrund des Kokosöls eine eher chremige Konsistenz. Unser Weg führte uns heute an einem Flussufer entlang nach Süden bis in einen Ort namens Montflours, wo wir recht unkompliziert einen kleinen Raum für uns bekamen. Trockene Minuten gab es seit dem Aufstehen keine mehr, aber dafür haben wir dieses Mal eine Heizung, mit der wir es uns zumindest innen gemütlich machen können. Zwei kleine Heizkörper und ein Wasserkocher, um sich einen heißen Tee zu machen. Man brauchte wirklich nicht viel, was den Unterschied zwischen Alltag und gnießen ausmachte.
 
Spruch des Tages: Ich freue mich wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch! (Karl Valentin)
Höhenmeter 40m
Tagesetappe: 13km
Gesamtstrecke: 25.785,27 km
Wetter: sonnig und warm, immer wieder leichter Regen
Etappenziel: Veranstaltungshaus der Gemeinde, Saligny-le-Vif, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:12:32


Tag 1368: Wie im amerikanischen Film

Welcome to the Hotel California!

12.09.2017 Seit unserem ersten Aufenthalt in Frankreich vor fast vier Jahren gab es hier immer wieder Hoch- und Tiefphasen in denen man entweder super durchkam, sofort einen Schlafplatz und gutes Essen hatte, oder eben nicht. Gerade waren wir mal eher wieder in einer schwereren Phase, was wahrscheinlich auch mit einer ganzen Reihe von Lösungsprozessen zusammenhängt, die gerade anstehen. Auf jeden Fall wollten und Pfarrer und Bürgermeister wieder einmal nicht aufnehmen. Stattdessen bekamen wir aber Hilfe von ganz unerwarteten Seiten. In der Früh fragten wir beim einzigen Bäcker im Umkreis von 10km nach Brot für die Reise. Die Frau schaute mich nur grimmig an und hätte mir in zehn Jahren nichts gegeben, aber plötzlich stand ein kleines Kind hinter mir, tippte mich an und hielt mir einen 10-Euro-Schein hin. Im Hintergrund stand der Papa, lächelte und nickte zustimmend. Ähnlich unerwartet war es heute Nachmittag, als wir eine Einladung in ein Hotel bekamen. Es trägt den Namen Best Hotel und ist das kurioseste Hotel in dem ich je gewohnt habe. Ihr kennt diese Art von Hotels alle aus Amerikanischen Filmen. Es sind die, die immer an grauenhaften Orten stehen, wie beispielsweise mitten in der Texanischen Steppe an der einzigen Autobahn. Es war eines jener Hotels, die keinen Innenbereich haben, sondern nur die Zimmer, die man von einem Balkon aus erreicht. Mir fielen auf Anhieb zehn amerikanische Filme ein, in denen so ein Hotel vorkam. Allerdings war keiner dabei, in dem nicht auch irgendjemand genau in so einem Hotel erschossen wurde. Ob das ein gutes Zeichen war? Passend dazu bestanden unsere einzigen Nahrungsquellen aus den Lebensmittelbuden eines nahegelegenen Industriezentrums. Die meisten hatten jedoch entweder geschlossen oder wollten nichts geben, weshalb wir letztlich gegen all unsere Überzeugungen bei McDonnalds landeten.
 
Spruch des Tages: Welcome to the Hotel California!
Höhenmeter 50 m
Tagesetappe: 31 km + 18 km
Gesamtstrecke: 25.772,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Private Gästezimmer bei Hobbitleuten, Cornusse, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:10:28


Tag 1367: Wie im amerikanischen Film

Welcome to the Hotel California!

12.09.2017 Seit unserem ersten Aufenthalt in Frankreich vor fast vier Jahren gab es hier immer wieder Hoch- und Tiefphasen in denen man entweder super durchkam, sofort einen Schlafplatz und gutes Essen hatte, oder eben nicht. Gerade waren wir mal eher wieder in einer schwereren Phase, was wahrscheinlich auch mit einer ganzen Reihe von Lösungsprozessen zusammenhängt, die gerade anstehen. Auf jeden Fall wollten und Pfarrer und Bürgermeister wieder einmal nicht aufnehmen. Stattdessen bekamen wir aber Hilfe von ganz unerwarteten Seiten. In der Früh fragten wir beim einzigen Bäcker im Umkreis von 10km nach Brot für die Reise. Die Frau schaute mich nur grimmig an und hätte mir in zehn Jahren nichts gegeben, aber plötzlich stand ein kleines Kind hinter mir, tippte mich an und hielt mir einen 10-Euro-Schein hin. Im Hintergrund stand der Papa, lächelte und nickte zustimmend. Ähnlich unerwartet war es heute Nachmittag, als wir eine Einladung in ein Hotel bekamen. Es trägt den Namen Best Hotel und ist das kurioseste Hotel in dem ich je gewohnt habe. Ihr kennt diese Art von Hotels alle aus Amerikanischen Filmen. Es sind die, die immer an grauenhaften Orten stehen, wie beispielsweise mitten in der Texanischen Steppe an der einzigen Autobahn. Es war eines jener Hotels, die keinen Innenbereich haben, sondern nur die Zimmer, die man von einem Balkon aus erreicht. Mir fielen auf Anhieb zehn amerikanische Filme ein, in denen so ein Hotel vorkam. Allerdings war keiner dabei, in dem nicht auch irgendjemand genau in so einem Hotel erschossen wurde. Ob das ein gutes Zeichen war? Passend dazu bestanden unsere einzigen Nahrungsquellen aus den Lebensmittelbuden eines nahegelegenen Industriezentrums. Die meisten hatten jedoch entweder geschlossen oder wollten nichts geben, weshalb wir letztlich gegen all unsere Überzeugungen bei McDonnalds landeten.
 
Spruch des Tages: Welcome to the Hotel California!
Höhenmeter 50 m
Tagesetappe: 31 km + 18 km
Gesamtstrecke: 25.772,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Veranstaltungshaus der Gemeinde, Vornay, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:10:18


Tag 1366: Maue Beute

In der Not frisst der Teufel Fliegen

11.09.2017 Aus irgendeinem Grund, ist es in dieser Gegend sogar noch schwerer, etwas zum essen aufzutreiben, als in Irland. Jedenfalls, wenn es um die Hilfsbereitschaft der gewöhnlichen Einwohner geht. In Sachen Klischee-Erfüllung liegt man hier hingegen wieder recht weit vorn, was ja auch schon mal was wert ist. Aber im Ernst, so heftige und menschenfeindliche Reaktionen haben wir auf der ganzen Reise nicht bekommen. Irgendetwas ist hier anders. Oder etwas ist mit uns anders und wir haben noch nicht durchschaut, was es ist. Meine Highlights von gestern Abend waren vier Familien hintereinander, die nicht einmal bereit waren, uns ein bisschen Salz zu spenden. Kein Witz! Die Frage lautete: „Hätten Sie vielleicht etwas Salz für uns!“ und die Antwort war: „Nein, das tut mir sehr Leid, aber wir haben leider kein Salz, das wir euch geben könnten.“ Die beste Antwort war aber immer noch die von unserer Nachbarin, die uns bereits am Mittag mit der stellvertretenen Bürgermeisterin gesehen hatte: „Haben Sie meine Nachbarn schon gefragt? Die sind doch bestimmt nett, sollen die doch etwas geben! Warum sollte ich das denn tun!“ Letztlich waren es genau zwei Familien, die uns komplett versorgten. Eine von ihnen spendete eine Schachtel Kekse. Heute sah es nicht viel besser aus, nur dass mir größtenteils schon die Tür vor der Nase zugeknallt wurde, ehe ich auch nur etwas sagen konnte. Am Ende hatten wir dann zwar trotzdem ein Festmal, doch wiederum verdankten wir das meiste davon einer einzigen Familie. Und bei ihr handelte es sich auch noch um Ausländer. Wie geht so etwas? Man fragt wirklich ein ganzes Dorf und bekommt nur Hass und Geringschätzung entgegen gebracht und dann trifft man auf eine einzige Familie mit afrikanischem Ursprung, die mit sieben Kindern in einem kleinen Häuschen lebt und wird mit Gaben geradezu überschüttet. Und das aber ohne einen einzigen Funken des Misstrauens oder des Argwohns. Die Kinder rennen zur Tür, strahlen einen freudig an, man fühlt sich sofort willkommen, während man ein Haus zuvor beim Anblick des Eigentümers das Gefühl hatte, es würde einem die Seele eingefroren. Die zweiten, die uns einen Teil unseres Abendessen spendeten, waren die Besitzer eines kleinen Restaurants, die ebenfalls zugereiste waren. Als ich erfuhr, dass die Besitzerin Englisch sprach, witterte ich die Chance, die ich schon so lange gesucht hatte. Endlich konnte ich fragen, was zur Hölle mit den Menschen hier nicht stimmte! Ja, ich weiß, mit den Menschen ist alles in Ordnung, denn es sind ja nur Spiegelpartner, die mir das zeigen, was gerade in mir los ist. Aber es tat trotzdem gut die Frage zu stellen und ein bisschen von meinem Frust zu teilen. Anscheinend hatte es in der Gegend wohl schon öfter Übergriffe gegeben, bei denen ältere Leute ausgeraubt wurden, von fremden, die an der Tür klingelten. Die Frau hatte jedenfalls die gleiche Erfahrung gemacht wie ich. Aus irgendeinem Grund waren die Menschen hier ängstlicher, ablehnender und voreingenommener als irgendwo sonst. Dafür musste man sagen kamen wir dann aber doch wiederum recht gut durch. Wie hatten wir am Anfang der Reise immer so schön gesagt: Es reicht, wenn es einen einzigen netten Menschen an einem Ort gibt. Man muss ihn nur finden.
 
Spruch des Tages: In der Not frisst der Teufel Fliegen
Höhenmeter 50 m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 25.723,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Gemeindehaus der Stadt, Saint Florent-sur-Cher, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:07:45


Tag 1365: Raumakustik

In der Stille liegt die Kraft!

10.09.2017 Es mag komisch klingen, aber es gab heute eine Sache, die uns mehr als alles andere in Faszination und Begeisterung versetzt hat. Es war der Moment, in dem wir nach einer kurzen und entspannten Wanderung, den ersten Schritt in unser neues Schlafquartier setzten. Normalerweise achtet man nicht besonders intensiv darauf, wie sich die Geräusche verändern, wenn man einen Raum betritt. Das erste Mal war uns diese Veränderung aufgefallen, als wir vor einigen Jahren mit der Blindentour unterwegs waren, und die Welt ohne unseren Sehsinn wahrnehmen durften. Damals hatten wir zum ersten Mal so richtig bewusst gemerkt, dass sich die gesamte Hintergrundakustik, die wir ununterbrochen wahrnehmen extrem stark verändert, je nach dem ob man sich im Freien, oder in einem Raum aufhält. Geübte Blinde können nur aufgrund dieser Tatsache sofort beim Betreten eines Raumes erkennen, wie groß er ist, auf welche Art er eingerichtet wurde und vieles mehr. Vor der Tour war uns dies immer wie ein Hexenwerk vorgekommen, doch nun da wir selbst darauf achteten, stellten wir fest, dass es ganz offensichtlich und überhaupt nicht schwer zu erkennen war. Dennoch geriet es zunächst einmal wieder in Vergessenheit. Klar nahmen wir auch weiterhin die Raumakustik in unseren unterschiedlichen Schlafräumen wahr und waren nicht selten absolut entsetzt davon, wie schlecht diese war. Doch es waren meist Eindrücke, die mit der Zeit auftauchten, wenn man einen Raum eine Weile in Beschlag genommen hatte. Schalldämmung – Kleine Maßnahmen für große Erfolge Heute hingegen war es etwas vollkommen anderes. Man betrat den Raum und spürte es sofort, selbst wenn man keinerlei Vorstellung von Akustik hatte. Augenblicklich kehrte eine Ruhe in einem ein. Alles war plötzlich sanfter, harmonischer, und friedlicher. Es dauerte einen Moment, bis mir klar wurde, was hier los war. Beim Bau dieser Sporthalle, in der wir uns nun befanden, hatte man auf die Innenraumakustik wert gelegt und Decken und Wände mit einer einfachen aber effektiven Schalldämmung ausgestattet. Im Grunde war es nicht mehr als ein paar Bretter, in die man Löcher gebohrt und die man dann an die Wände geschraubt hatte. Dahinter befand sich eine einfache Folie, die Schwingungen der Schallwellen aufnahm und absorbierte. Das ganze hatte man dann noch mit einer Trittschalldämmung im Boden kombiniert und fertig war eine Sporthalle in der man sich von der ersten Sekunde an wohl fühlte. Der Erfolg war gigantisch. Die Schritte hallten nicht zehn mal durch den ganzen Raum, sondern waren nur ein einziges mal als sanftes Tappen auf dem Boden zu hören. Die eigene Stimme bekam einen ruhigen, leicht gedämpften und dadurch beruhigenden klang, so als würde man eine Gruppe durch eine Traumreise führen. Der Saal wurde früher als Tischtennishalle benutzt und die Tische standen noch immer darin. Heiko ließ einen Ball auf eine der Platten fallen und auch dies versetzte uns in Erstaunen. Erst vor kurzem hatten wir uns gefragt, wie wie je hatten Tischtennis spielen können, wo diese Sportart doch eine der lautesten aller Zeiten zu sein schien. Nun verstanden wir es wieder, denn wenn der Klang des Balls so war, dann verdiente dieser Sport den Beinamen Ping-Pong und musste nicht in so etwas wie Bäng-Boom umbenannt werden. Es war also möglich! Man konnte Räume und sogar große Hallen so bauen, dass sie angenehm waren und man sich gut in ihnen aufhalten, ja dass man sogar in ihnen zur ruhe finden konnte.
 
Spruch des Tages: In der Stille liegt die Kraft!
Höhenmeter 55 m
Tagesetappe: 32 km
Gesamtstrecke: 25.704,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Verlassenes Kloster „La Prée“, Südlich von Saint Ambroix, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-05-14 08:05:10


Tag 1364: Pilgerreise nach Mount Saint Michelle

Der zweite Besuch beim Michael!

Der Pilgerweg nach Mount Saint Michelle Als wir in der Früh aufbrachen, lag noch ein leichter Nebel in der Luft, der jedoch schon bald von den ersten Sonnenstrahlen aufgelöst wurde. Für einen Moment sah es aus, als würde es ein freundlicher und sonniger Tag werden, doch dann entschloss sich Mount Saint Michelle offenbar, uns doch lieber mit Wolken und kaltem Wind zu empfangen Von unserem Campingplatz aus waren es noch gut 10km, bis man den Berg des heiligen Michael das erste Mal in der Ferne über dem Meer ausmachen konnte. Etwa zu diesem Zeitpunkt trafen wir auch Jonas wieder, der heute Morgen einige Zeit nach uns mit seinem Fahrrad aufgebrochen war. Er beschloss sein Rad zu schieben und uns für den weiteren Weg zu begleiten. Zunächst wanderten wir am Strand entlang und nutzen dabei die Trampelpfade, die über die saftig grünen Überschwemmungswiesen führten. Immer wieder gab die Küste dabei den Blick auf die magische Insel frei und man verstand sofort, warum die Menschen hier so begeistert und stolz waren, sie ihr eigen nennen zu dürfen. Es war nur ein winziger Berg verglichen mit der weiten Küste und dem gigantischen Ozean, aber er veränderte das Bild vollkommen und verlieh der gesamten Region eine sonderbar mystische und anmutige Stimmung. Man spürte sofort, dass von dieser Insel eine besondere Kraft ausging. Bevor wir uns jedoch wirklich aufmachen konnten, um die Insel zu erobern, brauchten sowohl Jonas als auch wir zunächst eine Basis. Jonas fand seine in Form eines Campingplatzes, etwa 3km von der Ortschaft entfernt, in der wir eine Verabredung mit der Sekretärin des Bürgermeisters hatten. Diese tauchte kurz nach unserem Anruf auf und zeigte uns einen kleinen, schlichten Raum direkt neben der Hauptstraße. Unter anderen Umständen wären wir unsicher gewesen, ob wir ihn wirklich genommen hätten, da man im Inneren jedes noch so kleine Motorengeräusch hören konnte, als fuhren die Autos mitten durch den Raum. Aber wir hatten ja heute ohnehin nicht vor, uns hier lange aufzuhalten und wenn wir zurückkamen war es bereits so spät, dass kaum noch ein Auto fahren sollte. Das Touristenzentrum auf dem Festland Früher einmal war Mount Saint Michelle nur über einen schmalen Pfad zu erreichen, der nur bei Ebbe begehbar war. Heute hingegen wird die Insel über eine solide Straße mit dem Festland verbunden, über die sogar ganze Touristenbusse fahren, um gehunfreudige direkt bis an das Eingangstor zu bringen. Am Fuße dieser Verbindung auf Seiten des Festlandes befindet sich heute ein Touristen- und Informationszentrum, das die eigentliche Insel an Größe wahrscheinlich bei weitem Übertrifft. Neben Informationsschaltern und Souvenirläden findet man hier vor allem Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten vom Zeltplatz bis zum Hotelzimmer. Man kann also nicht behaupten, dass hier versäumt wurde, die alte Klosterinsel touristisch zu erschließen. Wie erschlossen sie in dieser Hinsicht wirklich war, stellten wir jedoch erst deutlich später fest. Vom Touristenzentrum aus floss ein permanenter Strom von Besuchern über die Hochstraße auf die Insel zu. Menschen allen alters und aller Nationen waren hier vertreten und obwohl es kalt, ungemütlich und außerhalb der Saison war, konnte man sich kaum vorstellen, wie das kleine Stückchen Fels am Ende der Straße, all diese Menschen aufnehmen sollte. Mount Saint Michelle von außen Was wir auf jeden Fall jedem Mount-Saint-Michelle-Besucher empfehlen können ist, die Insel während der Ebbezeit aufzusuchen. Denn zu diesem Zeitpunkt liegt sie mitten im Wattenmeer, was einem die Gelegenheit verschafft, sie einmal zu Fuß zu umrunden. Im Nachhinein haben wir festgestellt, dass diese Rundwanderung, bei der man den emporragenden Felsen einmal von jeder Seite aus betrachten konnte, das Schönste und Beeindruckendste an diesem Tag war. Natürlich ist Mount Saint Michelle auch von innen heraus sehenswert, doch von dieser Perspektive ist es vor allem eine nette kleine Mittelalterstadt mit steilen, engen Gassen, wie man sie in ähnlicher Form überall in Europa findet. Wirklich einzigartig ist sie hingegen von außen und hier hatten wir das Gefühl, uns daran überhaupt nicht sattsehen zu können. Mit jedem einzelnen Schritt veränderte sich die Perspektive und jedes Mal war es, als würde man einer völlig neuen Insel gegenüber stehen. Das Innere der Klosterinsel von Mount Saint Michelle Die Insel selbst bestand aus einer Wehrmauer, die unten um den Felsen herumführte und früher einmal Eindringlinge abgehalten hat. Heute stehen die Tore hingegen jedem offen und dies wird Jahr für Jahr von rund 3,5 Millionen Besuchern auch gerne genutzt. Damit liegt der kleine Inselberg auf Platz Neun der meistbesuchten Touristenziele Frankreichs. Oberhalb der Mauern beginnt der Ort „Le Mount Saint Michelle“, in dem bis vor einigen Jahren tatsächlich auch noch immer normale Bürger gelebt haben. Heute gibt es hier jedoch nur noch Restaurants, Musen, Souvenirläden und Ferienwohnungen. Durch Zufall lernten wir auf der Suche nach einem kleinen Picknick etwas später am Tag zwei Brüder kennen, deren Familie Rekordhalter im Hausbesitzen auf Mount Saint Michelle war. Das Haus, in dem sie heute Ihr Schnellrestaurant betrieben, lag seit vielen Generationen im Familienbesitz und hatte bis vor kurzem auch noch immer als Wohnhaus gedient. Mit zunehmendem Touristenstrom war es irgendwann jedoch nicht mehr angenehm gewesen, hier zu leben und so waren sie aufs Festland gezogen und hatten ihr haus zu einem Restaurant ausgebaut. Was nebenbeigesagt natürlich auch viel profitabler war. Die Geschichte von Mount Saint Michelle Vielleicht erinnert ihr euch an unseren Bericht aus Italien, als wir über unseren Besuch in Monte Saint Angelo erzählt haben. Die beiden Heiligenstätten haben nicht zufällig einen so ähnlichen Namen, sie sind tatsächlich mit einander verwandt. Beide basieren auf einer Erscheinung des Erzengel Michael vor rund 1400 Jahren und beide liegen auf einer auffällig genauen Energielinie, die noch einige andere Erscheinungsorte des Erzengels miteinander verbinden. In Italien hatte man uns außerdem von einem Energiedreieck erzählt, dass auch Monte Saint Angelo, Mount Saint Michelle und einem weiteren dritten Erscheinungsort bestand, dessen Namen und Position wir bislang jedoch nicht in Erfahrung bringen konnten. Seit den Erscheinungen im 6. Jahrhundert hatte sich eine Art Michaels-Kult entwickelt, der bis heute existierte und der sich besonders mit dem Erzengel auseinander setzte. Was es genau mit ihm auf sich hat, kann ich leider noch immer nicht sagen, aber sicher ist, dass eine besondere Kraft von den Erscheinungsorten ausgeht. Das traf auf den Monte Saint Angelo in Italien zu und das trifft auch hier wieder auf den Mount Saint Michelle zu. Das Kloster von Mount Saint Michelle Ganz oben auf dem Gipfel des Inselberges liegt das Kloster, das seiner Zeit dem heiligen Michael geweiht wurde. Zu unserer Überraschung fanden wir dort jedoch anders als in Monte Saint Angelo keine freundlichen Mönche vor, sondern nur eine Reihe von mürrischen und äußerst Geschäftstüchtigen Kassierern, die strengstens darauf achteten, dass niemand das Kloster betrat, der nicht zuvor auch gezahlt hatte. Als ich versuchte, mit einer der Damen über das Thema Geld zu sprechen bekam ich nicht nur sämtliche Haare auf ihren Zähnen zu spüren, ich biss auch auf Granit, der härter war, als das Gestein des Felsens auf dem wir uns befanden. Sie erklärte mir den erstaunlichen und leicht verstörenden Umstand, dass das Kloster von Mount Saint Michelle schon seit langem nicht mehr zur Kirche gehörte, sondern sich viel mehr im Besitz einer privaten Organisation befand, die rein auf den Profit durch den Tourismus ausgelegt war. Es war ihr also vollkommen egal, ob ich Mönch war oder nicht und es interessierte sie auch nicht die Bohne, dass wir bereits mehr als 25.000 Kilometer hier her gewandert waren. Ohne Geld kam man nicht an ihr vorbei! Basta! Einer ihrer weniger unterkühlten Kollegen steckte mir jedoch nach dem abrupten Ende der besagten Unterhaltung, dass es durchaus einen Weg gab, auch ohne Geld das Kloster zu besuchen. Man musste dafür jedoch bei den letzten noch verbliebenen Mönchen anfragen, die unten im Ort ein Pilgerhaus betreuten. Denn auch wenn das Kloster keine Funktion als Kloster mehr hatte, wurden in Mount Saint Michelle noch immer einige Mönche geduldet, damit der Anschein des Heiligenortes nicht verloren ging. Und diesen hatte man tatsächlich ein kleines Kontingent an Freikarten eingeräumt, dass sie vergeben durften, wenn sie selber ausreichend gute Arbeit leisteten. Leicht frustriert über diese Entwicklung der Ereignisse trat ich zurück vor die Klostermauern, wo sich Heiko bereits wieder mit Jonas unterhielt. Gemeinsam statteten wir den Mönchen einen Besuch ab, der uns jedoch ebenfalls nicht weiter brachte. Denn von den vier verbliebenen Mönchen war lediglich der Superior in der Position, eine Freikarte auszustellen. Dieser war heute jedoch irgendwo auf dem Festland unterwegs und konnte daher nicht helfen. „Aber keine Sorge!“ vertröstete uns der kleine dicke Mann im Jogginganzug mit der Rocker-Frisur, der sich als Brother Alfred vorstellte. „Der Superior sei sicher bald wieder da!“ In den folgenden Stunden schauten wir uns daher den Rest der Insel an und kehrten immer wieder zum Pilgerhaus zurück, um jedes Mal auf´s neue um etwa eine Viertelstunde vertröstet zu werden. Schließlich aber hatten wir Glück und die Tür wurde nicht von dem bekannten Gesicht geöffnet, sondern von einem leicht gereitzten älteren Herren mit kurzen grauen Haaren und brauner Jacke. Rein theoretisch war er nun durchaus bereit, uns eine Karte zur Verfügung zu stellen, doch wie sich zeigte war es nun bereits kurz nach 18:00 Uhr, was bedeutete, dass das Kloster vor wenigen Minuten für diesen Tag seine Pforten für Touristen verschlossen hatte. Abgesehen von dieser etwas ärgerlichen aber auch irgendwie amüsanten Situation muss ich sagen, dass ich von einem Mönchsorden an so einem Ort durchaus etwas mehr erwartet hätte. Dass Mönche an Touristenorten meist nur noch Schauspieler und Statisten für die gewünschte Atmosphäre waren und ihren spirituellen Auftrag nicht mehr ernst nahmen, waren wir ja bereits gewohnt. Aber dass sie hier nicht einmal mehr ihren repräsentativen Auftrag ernst nahmen und nicht einmal versuchten, auch nur den Anschein zu erwecken, dass ihnen ihr Mönchsleben und auch die Zufriedenheit der Besucher irgendwie am Herz lagen, zeichnete schon ein etwas schwaches Bild. Wenigstens die Kleidung hätten sie ja ein bisschen repräsentativ wählen können. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch sagen, dass es so durchaus ehrlicher war. Denn letztlich entsprach ihr Job hier auf der Insel ja auch zu 100% ihrem Auftreten. Das Museum des Grauens Am wahrscheinlich erstaunlichsten bei der ganzen Geschichte war jedoch, dass uns zwar die Klostertore verschlossen blieben, die Museumstüren jedoch nicht. Obwohl der Betreiber des Museums sogar offiziell ein rein kommerzielles Unternehmen leitete, dass nur darauf aus war, mit dem Geld der Touristen Profit zu erwirtschaften, war dieser Geschäftsmann erstaunlich offen für unsere Anfrage. Anders als das Kloster musste er nicht so tun, als sei er ein Heiliger, sondern konnte einfach er selbst sein und daher auch Begeisterung zeigen, wenn ihn etwas ansprach. So bekamen nicht nur Heiko und ich eine Freikarte für das Museum, sondern auch Jonas, einfach, weil er bei uns war. Das Museum selbst zeigte die Geschichte dieses Ortes und seiner Umgebung, wobei es sich nicht unmotiviert auch dem Thema der mittelalterlichen Folter widmete. So schön das Leben ohne Autos, Überbevölkerung und lärmender Technik auch gewesen sein mochte, es gab auch damals durchaus schon Mittel und Wege, mit denen man einem so richtig den Tag vermiesen konnte. Heimreise und Fazit Schließlich traten wir gemeinsam mit Jonas den Rückweg in unser Quartier an, wobei wir den Tag noch einmal Revue passieren ließen. Alles in allem konnte man sagen, dass Mount Saint Michelle auf jeden Fall einen Besuch wert war und dass man die Insel als Reisetipp ohne schlechtes Gewissen weiterempfehlen konnte. Schade war nur, wie sehr sich hier alles darauf konzentrierte, den Tourismus bis in den letzten Tropfen hin auszuquetschen. Klar, die Leute lebten davon und die Insel verdankte es dieser Politik, dass sie vom sonst in Frankreich üblichen Verfall religiöser Monumente verschont blieb. Ein klein wenige mehr Offenheit würde hier trotzdem nicht schaden und es würde der Insel sicher auch ein bisschen was von seiner ursprünglichen spirituellen Tiefe wiedergeben. Denn so magisch und mystisch Mount Saint Michelle von der Ferne aus auch anmutet, einmal im Ort fühlt es sich hier so wenig nach einem heiligen Kraftplatz an, wie an noch keinem Pilgerort, den wir bislang besucht haben. Die Stadt mitsamt des Klosters ist ein Museum. Ein durchaus sehenswertes Museum, aber eben auch nicht mehr als das. Wer also auf eine spirituelle Erfahrung hofft, ist definitiv in Fátima, Medjugorje oder Monte Saint Angelo besser aufgehoben. Als wir unser Schlafgemach erreicht hatten, war es nun auch Zeit sich von Jonas zu verabschieden. Er machte sich nun wieder auf den Weg zu seinem Campingplatz um ab morgen der Französischen Küste weiter zu folgen, bis sein Urlaub vorbei war. Und wir? Wir hatten nun einen Teil der Reise vor uns, den man als eine Art Winterpause bezeichnen könnte. Klar würden wir auch weiterhin täglich unsere Strecke wandern, doch bis wir im Frühjahr nach Schweden übersetzen wollten hatten wir nun kein konkretes Ziel mehr. Die Aufgabe war nun: Verbringt so viel Zeit wie möglich damit, von hier bis nach Dänemark zu wandern. Und dies taten wir, indem wir zunächst einmal einen großen Schlenker in Richtung Süden einschlugen, um die letzten Sonnentage des Jahres zu erhaschen, bevor wir dann den längsten und härtesten Winter unserer Reise erleben sollten.
 
Spruch des Tages: Der zweite Besuch beim Michael!
Höhenmeter 95 m
Tagesetappe: 26 km
Gesamtstrecke: 25.672,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Mönchskloster „Sacré Coeur“, Issodun, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:53:49


Tag 1363: Vorübergehende Sinnkrise

Wenn ich dir Recht gebe, dann liegen wir ja beide

Den Großteil der Nacht verbrachte ich nicht in unserem Weinfass, sondern im angrenzenden Sanitätshaus des Campingplatzes, wo ich mir ein kleines Büro zum Arbeiten einrichtete. Alles war perfekt hergerichtet und ich war nun bereit, mich ans Werk zu machen, um all die Dinge zu erledigen, die noch offen auf meiner To-Do-Liste herumstanden. Doch es kam wieder einmal anders. Die Müdigkeit übermannte mich stärker als ich es erwartet hatte und so wechselte ich in der Nacht vor allem zwischen einem Schlafen im Liegen und einem Davonschlummern im Sitzen. Ein Zustand, der mich noch oft begleiten sollte und der in den meisten Fällen zu wenig Erholung aber viel Frust und Unzufriedenheit führte. Es fühlte sich jedes Mal nach Versagen an, so als hätte ich keinerlei Kontrolle über mich selbst und wäre wie ferngesteuert. Was wahrscheinlich nicht einmal ganz falsch ist. An diesem Tage jedoch führte die Enttäuschung darüber, dass ich wieder keinen Schritt weitergekommen war, obwohl ich so viel hätte erledigen können, zu einer regelrechten Sinnkriese im Bezug auf meine Arbeit im Allgemeinen und auf den Blog im Besonderen. Seit knapp vier Jahren schrieb ich nun täglich einen Bericht und hatte dennoch nicht das Gefühl, damit besonders viel erreicht zu haben. Plötzlich stellte ich alles in Frage. Machte es überhaupt einen Sinn, die Zeit auf diese Weise zu investieren, vor allem, wenn ich insgesamt so ineffektiv arbeitete? Interessierte es überhaupt jemanden, was ich hier schrieb? Oder war der Blog nur noch eine Art Jammerkasten, dem ich meine Probleme erzählte und durch den ich mich auf die Dinge im Leben versteifte, die gerade noch nicht so gut liefen? Konnte ich wirklich dazu beitragen, jemanden zu einem freien Leben zu inspirieren, oder hielt ich am Ende sogar Menschen davon ab, weil ich oft dieses Gefühl von Schwere übermittelte, so als wäre mein Leben hart, schwierig und unangenehm? Die Fragen trafen mich so hart, dass ich in den nächsten Tagen einfach nicht in der Lage war, einen Tagesbericht zu schreiben. Es kam mir nicht richtig vor und so konzentrierte ich mich auf andere Aufgaben, wie beispielsweise unsere Erlebnisseite, die ja ebenfalls viel Zeit und Pflege brauchte. Zum Glück verliefen die ersten Tage recht Ereignislos und bestanden nun nur noch aus dem Wandern entlang des Greenways, dem Ankommen in irgendeiner Herberge und der Arbeit an der Seite. Teilweise wurde es nun wieder schwerer, einen Platz zu finden und gerade an den Tagen an denen ich das Gefühl hatte, niemals einen Schritt weiter zu kommen, verging die Zeit dabei wie im Flug. Schließlich erreichten wir eine kleine, etwas verbaut wirkende Stadt mit einer recht ungewöhnlichen Kirche, die nur noch eine Tagesetappe von Mount Sant Michelle entfernt lag. Nach einem kurzen hin und her bekamen wir hier einen Schlafplatz auf einem Campingplatz, der nicht gerade in unsere Memmoiren als einer der Top-Schclafplätze einging. Rein Prinzipiell war es nicht einmal verkehrt. Es war ein kleines Häuschen, dass als Aufenthaltsraum für den Friedhof diente. Er hatte jedoch einige Haken, die uns erst im Laufe der Zeit bewusst wurden. So befanden wir uns zum einen auf dem ersten Campingplatz dieses Reiseabschnittes, der auch im Winter belebt war. User Schlafplatz wurde also immer wieder von anderen Campern aufgesucht, die an „unserem“ Tisch aßen, neben uns Fernsehen schauten oder sich einfach nur unterhalten wollten. Da der Campingplatz zunächst vollkommen verlassen gewirkt hatte und wir unseren Raum bereits als unser privates Wohn- und Schlafzimmer anerkannt hatten, war dies zunächst etwas befremdlich. Es führte aber auch dazu, dass wir einen jungen Mann kennen lernten, der gerade dabei war, mit dem Fahrrad die gesamte Französische Küste abzufahren. Er war bereits nahezu am Ende seiner Reise und trug daher sehr gemischte Gefühle in sich. Auf der einen Seite trauerte er bereits jetzt darum, dass seine Zeit der Freiheit und Unbestimmtheit bald vorbei war, auf der anderen Seite freute er sich aber auch darauf, wieder etwas mehr Bequemlichkeit und Komfort und weniger Anstrengung und Kälte in sein Leben zu lassen. Auch er hatte vor, am Folgetag Mount Saint Michelle zu besuchen und so sollte unser Zusammentreffen in dem Gemeinschaftsraum nicht unsere letzte Begegnung bleiben. Der zweite große Haken, den unser Schlafplatz hatte war der, dass man keine Kontrolle über das Licht hatte. Es wurde durch eine zentrale Stelle des Campingplatzes automatisch ein und ausgeschaltet. So kam es, dass dieses Mal Heiko in die Toilette auswanderte, da es auch weit nach Mitternacht noch immer taghell war. Dafür durfte ich dann die zweite Hälfte der Nacht mit einer Taschenlampe im Dunkeln arbeiten, bis es gegen halb sechs plötzlich wieder Hell wurde.
 
Spruch des Tages: Wenn ich dir Recht gebe, dann liegen wir ja beide falsch (Spruch auf einer Postkarte)
Höhenmeter 80 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 25.646,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Gemeindehaus der Stadt, Brion, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:50:07


Tag 1362: Bungee-Jumping vom Aquädukt

Nichts für schwache Nerven

Glücklicher Weise ist in den letzten Tagen nicht allzu viel passiert, weshalb ihr nicht wirklich etwas verpasst, wenn ich nicht täglich einen Bericht schreibe. Die Gegend in der wir uns befinden ist nun deutlich industrieller angehaucht und dadurch auch stärker bewohnt und befahren. Es ist deshalb nicht mehr ganz so traumhaft schön hier, wie zu beginn, vor allem aufgrund der zunehmenden Lautstärke. Hier noch ruhige Plätze zu finden erschien nahezu unmöglich. Dennoch ist es einfach grandios, wie geschickt der Greenway hier durch die Lande führt. Die meiste Zeit über führt er auf verlassenen Bahnlinien nahezu eben durch ein ansonsten extrem hügeliges Gebiet und selbst in den Städten, schaffte er es in der Regel, einen so hindurch zu lotsen, dass man stets die ruhigsten und abgelegensten Sträßchen und Gassen erwischt. Vorgestern kamen wir an einem alten, ehemaligen Aquädukt vorbei, das in einen Abenteuerpark umgebaut wurde. Das Aquädukt führte einst hoch über eine Schlucht und bestand heute nur noch aus den Brückenpfeilern, die man nun als Basis für Outdoor-Action-Angebote verwendete. Eine Schmale Brücke führte vom ersten zum zweiten, auf dem ich zunächst eine Aussichtsplattform befand. Von hier aus gelangte man wiederum auf einen kleinen Balkon, der als Startpunkt für Bungee-Jumping genutzt wurde. Zwei Mal konnten wir zusehen, wie sich ein Mann von hier aus in die Tiefe stürzte. Von einer zweiten Terrasse aus gelangte man zu einer Big-Swing, einer Riesenschaukel, in die man sich in einem Gurt einklinken konnte, um dann über das ganze Tal zu schaukeln. Im Tal selbst gab es unter anderem eine Sommerrodelbahn, sowie einen kleinen Touristenzug, der die Besucher bei bedarf nach oben zu den Plattformen oder wieder hinunter brachte. Obwohl noch immer Sommerferien waren, war jedoch erstaunlich wenig Betrieb. Der Abenteuerpark erinnerte uns nicht nur an unsere Zeit als Erlebnispädagogen zurück, in der wir selbst noch als Trainer auf derartigen Türmen, Klippem und Plattformen standen, um Menschen in die Tiefe hin abzuseilen, sondern auch an unsere Erlebnisseite, die wir gerade aufbauen. Sie ist ein weiterer grund dafür, dass ich mit dem Verfassen und Einstellen der Berichte im Momenr so im Hinrertreffen bin, denn sie entpuppte sich schon vor einiger Zeit als ein Großprojekt, dessen Ausmaße wir vollkommen unterschätzt hatten. Wenn sie aber natürlich fertig ist, wird sie unser ganz spezielles Baby und man kann sagen, dass es auch eine Menge Spaß macht, an ihr zu arbeiten. Wenn ihr wollt könnt ihr ja schon einmal einen Blick darauf werfen und uns gerne auch schon ein erstes Feedback geben. Die Adressd lautet www.erlebnis-geschenk.eu. Viel Spaß beim Stöbern! Schlafen konnten wir in den letzten Nächten zwei Mal auf einem Campingplatz und zwei Mal in Festsälen, wobei es zu einem Phänomen zu werden schien, dass direkt neben uns jemand mit dem Rasenmähen anfing, sobald wir an einem Platz ankamen. In unsererer ersten Campingplatznacht schliefen wir wieder einmal in einem Mobil-Haus, ähnlich wie vor einigen Wochen in Schottland. Heute bekamen wir einen kleinen Bungalow, bzw. eher eine Art Holzfass in dem angeblich bis zu vier Personen übernachten können. Zu zweit war es ein bisschen eng weshalb ich Nachts wieder auf die Duschräume auswanderte, aber für eine einzelne Person war es durchaus ein passables Haus für nahezu kein Geld. Zum ersten Mal seit Tagen hatten wir hier außerdem einen sehr ruhigen Standort, an dem man mal nichts rauschen oder brummen hörte. Das der ansonsten vollkommen verlassene Campingplatz am Abend von Jugendlichen zum Abhängen genutzt wurde, machte uns erst ein paar Bedenken. Doch die Jugendlichen hier waren mit denen in England nicht zu vergleichen. Höflich und etwas vorsichtig klopfte einer der Jungs bei uns an, bat um Entschuldigung und frage mich: „Bist du ein Mönch?“ Es war das letzte Ferienwochenende und es grauste de Jungs bereits wieder vor der Schule. Unser Gast war daher sehr interessiert daran zu erfahren, auf welche Weise man noch leben konnte. Später kam er dann noch einmal vorbei und brachte und Äpfel und Eier aus dem eigenen Garten. Das ist irgendwie ein ganz anderer Bezug, als mit Steinen beworfen zu werden.
 
Spruch des Tages: Nichts für schwache Nerven
Höhenmeter 80 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 25.646,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Gemeindehaus der Stadt, Levroux, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:48:13


Tag 1361: Keine Sonne, Keine Kraft – Wie gewinne ich neue Lebensenergie?

Was immer mir auch widerfährt, es dient meiner Ent

30.08.-02.09.2017 Verdammt! Er hat uns wieder eingeholt. Zehn Tage haben wir uns vor dem Regen verstecken können, doch jetzt ist er wieder da. Wahrscheinlich hat er erst nicht gemerkt, dass wir mit der Fähre aus Irland geflüchtet sind, weil wir plötzlich so viel schneller waren als üblich. Jetzt wird er wohl bemerkt haben, dass seine Tropfen unsere Köpfe verfehlen und schon ist er hinterher gereist. Und er macht gleich erst einmal genau so weiter, wie er in Irland aufgehört, oder besser nicht aufgehört hatte. Es dauerte nur Minuten und wir waren zwei begossene Pudel. Drei Tage lang begleitete uns der Dauerregen nun auch hier und spiegelte damit recht treffend die düstere Stimmung wieder, die ich in mir trug. Ich habe das Thema Energielosigkeit und Müdigkeit ja schon ein paar Mal erwähnt, aber nun hatte es noch einmal ein neues Level erreicht und ich war kurz davor durchzudrehen. In den letzten Tagen wurde mein Müdigkeitensyndrom so stark, dass es meine Arbeiseffektivität auf Null setzte und mich fast vollkommen übermannte. Sobald ich mich auch nur an einen Computer setzte, schlief ich augenblicklich ein. Nicht einmal mehr einen einzigen Satz konnte ich flüssig zuende schreiben, ohne dabei ins Traumland abzudriften. Jetzt gerade scheint es etwas besser zu sein, denn in diesem Abschnitt sind mir bislang nur ein einziges Mal die Augen zugefallen. Aber ihr merkt, es sind erst fünf Zeilen und das ist bei weitem noch keine Glanzleistung. Normalerweise könnte man ja sagen: „Was solls, dann schlaf eben einfach eine Runde, irgendwann wirst du schon wieder wach werden!“ Aber so einfach war es leider nicht. Denn kurioser Weise hatte ich nicht das Gefühl, als hätte mein Energielevel auch nur das geringste mit der Menge an Schlaf zu tun, die ich mir gönnte. Oftmals fühle ich mich nach dem Schlaf sogar noch ausgelaugter und Müder als zuvor, gerade, wenn ich lange schlafe. Manchmal verfalle ich nach dem Aufstehen auch in eine Art Delirium, das sich wahrscheinlich mit dem Zustand vergleichen lässt in den man kommt, wenn man unter starken Drogen steht. Ich habe die ganze Zeit über das Gefühl, ich könnte bewusst und aktiv handeln, kann es aber nicht. Ich bin wie in einer Traumblase gefangen aus der ich nicht herauskomme. Das Problem dabei ist, dass ich im Moment einiges an wirklich wichtigen Dingen zu tun hätte, die ich auch wirklich tun will, weil ich ihren Sinn und ihren Nutzten erkennen kann, weil ich sehe, wie wichtig sie sind und weil mir klar ist, dass sie uns alle immer tiefer in die Unabhängigkeit und Freiheit führen werden. Doch anstatt motiviert und voller Elan durchzustarten, tue ich überhaupt nichts mehr. Denn jedes Mal, wenn ich es versuche, fallen mir sofort die Augen zu und ich bin wie betäubt. Es fühlt sich nicht wirklich wie schlafen an, eher wie ohnmächtig werden, oder hypnotisiert werden. Jedes Mal wenn dies passiert, stauen sich Dinge auf, die erledigt werden wollen, aber nicht erledigt werden. Dadurch steigt permanent der Druck und das Gefühl, mir so etwas wie Erholung und Schlaf überhaupt nicht mehr leisten zu können, da ich dadurch ja nur immer noch weiter ins Hintertreffen gerate. Aus diese Weise entsteht ein Teufelskreis, der mich immer tiefer und noch tiefer in die Energielosigkeit und in die Unproduktivität treibt. Für beides verurteile ich mich dann. Ich hasse mich sogar dafür, nicht Herr meiner Sinne sein zu können. Ich hasse mich für die permanente Müdigkeit und dafür, nichts auf die Reihe zu bekommen. Es ist, als würde ich alles sabotieren, was uns und mich selbst auch nur im entferntesten voranbringen könnte. „Irgendetwas stimmt doch mit diesem Kerl nicht, in dessen Haut ich da stecke!“ huscht es immer wieder durch meinen Geist. Dabei ist die ganze Geschichte weder dramatisch noch negativ, wenn man sie aus ein bisschen Distanz betrachtet. Um genau zu sein hatte ich mir ja sogar selbst so etwas in der Richtung gewünscht. Bei unserem letzten Ritual hatte ich die Vorlagen meines Krafttiertattoos verbrannt und meine Krafttiere darum gebeten, mich zu unterstützen ins Erwachen zu kommen. Ich bat sie, mir dabei zu helfen, zu erkennen, wer ich wirklich bin. Erkennen, dass ich das Alles bin und nicht nur dieser unbeholfene Mensch, der meist schon mit den einfachsten Aufgaben überfordert ist und der sich noch immer verhält, wie eine funktionierende (oder inzwischen defekte) Maschine. Es war ja immer klar gewesen, dass ich aus diesem Bereich nicht herauskommen würde, wenn ich keinen Leidensdruck bekam, der mich antrieb. Und wenn ich ehrlich bin muss ich sagen, man hätte mich auch an keiner besseren Stelle treffen können, als mir die Energie auszusaugen und zu sagen: „Entweder du schaffst es jetzt, zu erkennen, dass du mit der Allenergie verbunden bist und daher niemals energielos sein kannst, oder du wirst vollkommen lahmgelegt.“ Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich den Druck, der so groß wurde, dass ich immer mehr Panik bekam. Ich spürte, wie mir die Zeit und mein Leben durch die Finger rann und ich dabei war, mich selbst umzubringen, einfach nur weil ich nicht erkennen wollte, wie ich mich selbst permanent blockiere und sabotiere. Die Frage war nur: „Warum kann ich nicht einfach loslassen? Warum halte ich so sehr an der Idee fest, ein unbedeutender unfähiger und weinerlicher Junge zu sein, der nichts auf die Reihe bekommt, anstatt das anzuerkennen, was ich eh schon weiß: All dies ist eine Illusion, ein Traum oder besser eine Matrix, die ich mir selbst erschaffen hatte. Faktisch war oder ist mein Problem also kein echter Energiemangel, denn es gibt ja überall immer ausreichend Energie, die mir uneingeschränkt zur Verfügung steht. Das Problem bestand viel mehr darin, dass ich mich ganz bewusst davon abkapsle. Aus irgend einem Grund habe ich sämtlichen Bezug zu mir selbst und zum Rest des Universums verloren. Bislang habe ich vor allem drei Hauptgründe dafür erkannt. Der erste ist mein Hang zur Negativität und zum Schwarzmalen. Alles, was nicht perfekt funktioniert ist schlecht. Aus irgendeinem Grund habe ich es mir zu einer Art Hobby gemacht, permanent über alles zu meckern, zu fluchen und mich zu beschweren. 99% einer Sache sind super und ich schaffe es trotzdem, mich auf das 1% zu konzentrieren und darüber zu meckern. Dies bedeutet natürlich auch, dass ich ständig mehr in mein Leben ziehe, über das ich meckern und und fluchen kann. Je mehr ich mich also darüber aufrege, dass ich müde und energielos bin, desto müder und energieloser werde ich. Der zweite Punkt ist meine Angst davor, was passiert, wenn ich mich selbst wirklich annehme. Heiko beschäftigt sich in letzter Zeit sehr intensiv mit heiliger Sexualität und damit, wie man sich mit einem Partner gemeinsam so unterstützen kann, dass jeder ins Erwachen kommt. Ich selbst habe mich hingegen für den Weg des Eremiten entschieden, was bedeutet, dass ich das, was die beiden über ihre Partnerschaft und ihre Sexualität gewinnen können, mit Hilfe von spiritueller Praxis gewinne. Oder besser: eigentlich gewinnen sollte, denn wie erwähnt klappt es ja leider noch gar nicht. Spirituelle Praxis heißt, sie permanent darin zu üben, sich selbst und alles um einen herum im Gegenwärtigen Augenblick so bewusst wie möglich zu fühlen. Den eigenen Atem zu spüren, den Körper wahrzunehmen und genau zu erkennen, was er wann benötigt und warum. Dies ist nun so ziemlich das Gegenteil von dem, was ich mein Leben lang versucht habe. Ich war ja bereits immer wieder auf den Schluss gekommen, dass ich Angst vor dem fühlen hatte, Gefühle zuzulassen. Bislang hatte ich jedoch immer gedacht, dass es dabei bloß um Emotionen ging. Aber es war weit mehr. Es ging darum, jede einzelne Zelle seines Körpers bewusst zu spüren und sich seiner selbst vollkommen gewahr zu werden. Dementsprechend steckten natürlich auch noch mehr Ängste dahinter, die ich bislang nicht bewusst wahrgenommen hatte. Da war zunächst die Partner-Thematik. Vom Lebensweg her ist es kein bisschen besser oder schlechter ob man einen Spiegelpartner bzw. eine Spiegelpartnerin an der Seite hat, oder ob man sein eigener Spiegelpartner ist. Alles ist eins, man ist also eh immer jedes Wesen in seinem Leben, egal ob dieses Wesen eine Stimme im eigenen Kopf ist, oder eine äußere Person. Trotzdem gab es einen Teil in mir, der noch immer beleidigt war, weil körperliche Liebesbeziehungen und Sexualität nicht zu meinem Leben gehörten. Ich glaube, es war sogar weniger der Weg selbst der mich störte, als viel mehr das Gefühl, es selber verbockt zu haben. Die Spirituelle Praxis nun anzunehmen und mich vollkommen in ein Leben als Mönch einzufügen, bedeutete also auch, zu akzeptieren, dass der andere Weg für dieses Leben endgültig ausgeschlossen war. Doch stattdessen versuchte ich schon wieder Schlupflöcher zu finden, mit denen ich die Sache umgehen kann. Mein aktueller Lieblingsplan: als Mönch in die Erleuchtung und ins Erwachen zu kommen, so dass ich dann in der Lage bin, alles umzuschreiben um wieder zurückzukehren und es dann noch einmal mit einer Partnerin zu versuchen. Das konnte natürlich nicht klappen, denn zum einen wäre dies nur wieder eine Methode, um ein Ziel zu erreichen, ohne den Weg gegangen zu sein, was ich gerne versuchte, ohne dass es je funktionierte. Und zum anderen Endete der Lebenstraum ja mit dem Erwachen. Man konnte ja nach einem Nachttraum auch nicht noch einmal an dessen Start zurückkehren und alles umschreiben, nur weil man am Morgen gemerkt hat, dass es ein Traum war. Aber da war noch mehr. Ins fühlen zu kommen bedeutete, alles zu fühlen, was ich mir selbst je angetan hatte. Jede Minute in der ich gegen mich selbst gekämpft habe, in der ich mich verbogen, verleugnet oder selbst ausgebeutet hatte. All dies würde spürbar werden. Ich wusste ja, wie ich mich bislang geschlagen hatte und es gab einen guten Grund dafür, warum ich es vermied, mich jemals genauer anzuschauen. Dem musste ich mich nun wohl stellen und dies bedeutete auch meine eigene Dummheit zu erkennen. Zu erkennen, dass ich nie wirklich hilfreich gewesen war und mein eigenes Leben bewusst selbst so unangenehm, leidvoll und schwer gemacht hatte, wie nur irgend möglich Das war meine Angst! Die Angst, in meinen eigenen Abgrund zu blicken. Deswegen suchte ich mir einen Grund es nicht tun zu können und was war dafür besser geeignet, als permanente Energielosigkeit? Seit Tagen hadere ich nun schon mit mir, wie ich mit dieser Situation umgehen soll. Gestern Abend kam ich dann zum ersten Mal auf einen Punkt, den ich als wirklich hilfreich empfand: In gewisser Weise war dieser Energiemangel meine Form von Heikos Tinnitus. Er war mein Mentor um in einen Fokus zu kommen. Meine Aufgabe, mit der ich umzugehen lernen musste. Ich war natürlich grauenhaft schlecht darin, aber nun wurde mir klar, dass es ums lernen ging. Und ich glaube, als Lernaufgabe kann ich es nun langsam annehmen, ohne mich darüber permanent aufregen zu müssen.
 
Spruch des Tages: Was immer mir auch widerfährt, es dient meiner Entwicklung
Höhenmeter 120 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 25.615,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Gemeindehaus der Kirche, Pellevoisin, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:46:37


Tag 1360: Sommer in Frankreich

Wenn ich dir Recht gebe, dann liegen wir ja beide

28.-29.08.2017 Die Entscheidung, Irland zeitig zu verlassen und den Rest des Sommers in Frankreich zu verbringen, war definitiv richtig. Wir sind nun eine gute Woche hier, hatten noch kein einziges Mal Regen, Kälte oder Sturm und sind nie später als 15:00 irgendwo angekommen. Heute wurden wir das erste Mal von einem Rathaus abgelehnt und mussten noch einmal 3km weiter ziehen. Aber gleich im nächsten Ort bekamen wir dann einen Platz unter dem Pfarrhaus. Er war nicht schön und so voller Riesenspinnen, dass man sich wunderte, nicht in ein riesiges Netz gesponnen und wie eine Fliege ausgesaugt zu werden, aber es war ein Platz und er erfüllte seinen Zweck. Am Abend bekamen wir dann sogar noch eine Essenslieferung aus dem Rathaus. Sie erinnerte uns daran, warum wir vor einigen Monaten aus dem Land hatten fliehen wollen. Ich sage nur „Dosenfraß vom Feinsten!“ Es war nicht so dass wir keinen Hunger hatten, aber mehr als einen Teller voll brachte keiner von uns herunter. Nicht einmal Nachts war mir danach, obwohl ich normalerweise in meinen Wachphasen im Moment immer wieder Fressflashs bekomme. Zum Glück bekamen wir von einer Familie aus der Nachbarschaft noch 14 Eier geschenkt, mit denen wir ein XXL-Omelette machen konnten. Heute führte uns ein wunderschöner, an einem ruhigen Fluss gelegener Wander- und Fahrradweg nach Sant Lo, der Hauptstadt der Normandie. Früher musste diese Stadt einmal eine beeindruckende Festungsstadt gewesen seien, die als mittelalterliche Burg oben in einer Flussbiegung auf einem Berg thronte. Anhand einiger Ruinen, sowie der alten Burgmauer lässt sich dies noch immer erkennen, auch wenn die Stadt heute nahezu jede Schönheit verloren hat. In den Weltrkiegen wurde ihr Zentrum weitgehend zerbombt, darunter auch die zentrale Kirche. Einige der alten Gebäude hatte man wieder aufgebaut, andere durch modernere, dafür aber leider vollkommen stillose Häuser ersetzt. Bei der Kirche selbst hatte man beides gleichzeitig getan. Ein Teil war noch immer der alte, verschnörkelte Sandsteinbau, aber ein Teil war auch durch schlichte, moderne Wände ersetzt worden, was der Kirche ein äußerst skurriles Aussehen verlieh. Es wirkte, als wäre sie gleichzeitig aus zwei Welten, oder als hätte man in der Mitte ein Stück herausgeschnitten. Dank der Vorankündigung unseres gestrigen Gastgebers bekamen wir auch heute sofort wieder einen Platz zum Schlafen. Besser könnten die äußeren Umstände also kaum sein und doch haben wir noch immer das Gefühl, niemals mit der Zeit hinkommen zu können. Es war nun unmöglich, jemand anderem dafür die Schuld zu geben, denn klarer als jetzt konnte es nicht mehr werden, dass es rein um innere Blockaden geht, die irgendwie aufgelöst werden wollen.
 
Spruch des Tages: Wenn ich dir Recht gebe, dann liegen wir ja beide falsch (Spruch auf einer Postkarte)
Höhenmeter 90 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.603,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Kommunionssaal der Kirche, Palluau sur Indre

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:44:46


Tag 1359: Gegenseitiges Vertrauen

Es gibt ihn noch, den Glauben an das Gute im Mensc

25.08.2017-27.08.2017 Wenn hier ein Ort klein ist, dann ist er auch unkomplex. Selbst dann, wenn das Rathaus geschlossen hat. Heute brauchten wir nur bei einem beliebigen Anwohner zu fragen, der uns zum Sohn des Bürgermeisters führte. Dieser wiederum fuhr mich kurz zum Haus seines Vaters und der gab uns die Schlüssel für das Rathaus. Hier durften wir dann alles nutzen, den Konferenzsaal, ebenso wie das Sekretatiat incl. Internetzugang. „Naja, ich denke wir können euch ja trauen!“ meinte die Sekretärin nur kurz und drückte uns den Schlüssel in die Hand. Zwei Tage später erlebten wir das gleiche mit einer Privatfamilie. Kurz bevor wir den Ort erreichten, an den wir eigentlich gehen wollten, trafen wir auf ein älteres Pärchen in einer Pferdekutsche. Sie sprachen uns an und wir plauderten ein bisschen, da wir jeweils fasziniert von der Reisemethode der anderen waren. Nur das Pferd langweilte sich und wollte weiter. Schließlich luden uns die Beiden in ein Gästezimmer und ein nicht mehr verwendetes Wohnzimmer in ihrem Haus ein. Kaum hatten wir uns eingerichtet, verschwanden sie auch schon wieder, denn sie hatten eigentlich vor gehabt mit der Kutsche ihren Sohn zu besuchen. Das taten sie nun auch und ließen uns im Haus alleine, ohne auch nur den Gedanken daran, dass wir etwas klauen oder kaputt machen könnten. Es gab also doch noch so etwas wie vertrauen und es war schön zu sehen, wie frei und leicht es einen Menschen machte. Ihr Haus war vollgefüllt mit allem möglichen Gerümpel von dem nichts einen echten Wert hatte, aber sie fühlten sich hier wohl. Anders als in so vielen Luxusvillen in Großbritannien spürte man hier Leben. Die Leute waren einfach gerne hier und aufgrund der eigenen Zufriedenheit gab es keinerlei Misstrauen anderen gegenüber. Als sie schließlich zurück kamen, schauten sie kurz bei uns vorbei, fragten, ob alles gut sei und gingen dann wieder eigenen Tätigkeiten nach um uns den unseren zu überlassen. Gestern war es ähnlich entspannt. Wir bekamen einen Kommunionsunterrichtsraum vom Pfarrer und waren den Rest des Tages für uns. Es war ein schäbiger Raum, so wie wir es von diesen Räumen gewohnt waren, aber wir mussten feststellen, dass wir es sogar ein bisschen vermisst hatten. Irgendwie hatten sie immer ihren ganz eigenen Charme, mit den halbfertigen Bildern an der Wand, den kaputten Schränken und dem Spielzeug, das irgendwo in einer Ecke herum lag. Gerade wo wir nun so viel Zeit geschenkt bekamen, war es umso ärgerlicher, dass ich sie im Moment aufgrund meiner Müdigkeit nur so schlecht, oder besser überhaupt nicht nutzen konnte.
 
Spruch des Tages: Es gibt ihn noch, den Glauben an das Gute im Menschen.
Höhenmeter 120 m
Tagesetappe: 11 km
Gesamtstrecke: 25.589,27 km
Wetter: regnerisch, kühl
Etappenziel: Kommunionssaal der Kirche, Châtillon sur Indre, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:43:31


Tag 1358: Müdigkeitensyndrom

Man kann doch nicht ständig so Müde sein...

24.08.2017 In letzter Zeit werde ich immer wieder von spontanen Müdigkeitsattacken heimgesucht. Ich bin hell wach und plötzlich von einer Sekunde auf die andere Schlafe ich ein. Manchmal nur für eine Sekunde, manchmal auch für fünf oder zehn Minuten. Meist wenn ich am Computer sitze oder wenn wir mit Leuten zusammen am Tisch sitzen und quatschen, ohne dabei etwas zu Essen. Wenn ich etwas Esse, dann passiert es nicht. Vor ein Paar Tagen bin ich nach einer Pause sogar eingeschlafen während ich mir die Schuhe angezogen habe. Mitten in der Bewegung. Bin ich ein Schlaf-Handler? Heute Nacht war es ähnlich. Ich hatte mir eigentlich einen Wecker gestellt, oder besser gesagt sogar zwei. Danach hatte ich das Handy auf meinen Nachttisch gelegt und bin eingeschlafen. Heute in der Früh wachte ich stunden nach dem Weckerklingeln auf ohne dass ich nur einen einzigen Laut bewusst wahrgenommen hatte. Doch anstatt auf dem Nachttisch lag das Handy nun in meinem Bett. Ich musste es also genommen und zwei Mal hintereinander ausgeschaltet haben, ohne es auch nur im Ansatz mitbekommen zu haben. Langsam wurde die Sache etwas unheimlich. Es schien, als hätte ich phasenweise keinerlei Kontrolle mehr über das was ich tue oder nicht tue. Mein erster Gedanke beim Aufwachen war: „Mal sehen wie viel Zeit ich noch habe, bevor der Wecker klingelt. Als ich dann danach greifen wollte, war ich vollkommen verwirrt, warum es nicht auf dem Nachttisch lag. Um es im Dunkeln überhaupt zu finden, musste ich mich von der Steckdose aus mit der Hand am Kabel entlang tasten. Das fühlte sich auf jeden Fall nicht so an, als hätte ich etwas im Dämmerzustand getan, sondern viel mehr, als wäre es zu 100% ohne meine Anwesenheit geschehen. So als ob ich Schlafgehandelt hätte und nun vor dem Ergebnis meines Tuns stand, ohne zu wissen, wie es geschehen war. Seelenrisse – Wo und wie verliere ich meine Energie? Bei Darrel hatten wir damals etwas über Seelenrisse und Seelenfragmata gehört, also Schäden in unserem Energiesystem, durch das die Energie einfach raus lief und verschwand. Genau so fühlte es sich bei mir nun an. Es war nicht das Gefühl, unausgeschlafen zu sein, weil ich mir einen neuen Schlafrhtythmus antrainiert hatte und daher nun weniger schlief als zuvor. Viel mehr hatte ich das Gefühl, auch 7 Tage durchschlafen zu können, ohne dadurch nur ein bisschen munterer oder wacher zu werden. Es fühlte sich an, wie bei Heikos Computer, als er den Akkuschaden hatte. Egal wie viel Energie man auch hinein pumpte, nach wenigen Minuten war sie aufgebraucht und man versank in den Ruhezustand. Ein Hauptpunkt zu diesem Thema schien ein Problem mit meinem Beckenboden zu sein. Die Bedeutung dieses Muskelareals war mir bislang nie bewusst gewesen, doch offensichtlich hatte ich damit schon seit langem Probleme. Der Beckenboden ist auf energetischer Ebene der Kelch des Lebens, also eine Art Schale, in der sich unsere Lebensenergie wie auch unsere Gefühle sammeln. Ein schlaffer Beckenboden führt zu Mattheit, Energielosigkeit, Konzentrationsschwäche, fehlender Körperspannung, fehlendem Gleichgewicht und vielen mehr. Bei Frauen ist es außerdem die Ursache für ein Absinken der Gebärmutter und wenn der Beckenboden zu sehr erschlafft ist außerdem Inkontinenz sowohl in Bezug auf die Blase als auch auf den Darm die Folge. Mehr über den Beckenboden findet ihr im Artikel „Beckenboden“ Müdigkeit als erste Folge des Frei-Seins Auf der energetischen Ebene habe ich bis vor Kurzem noch an den Marionettenfäden meiner Mutter gehangen, die ich nun nach und nach durchtrenne. Der Nebeneffekt, der sich daraus ergibt, ist jedoch, dass ich nun erst einmal meine gesamte Körperspannung verliere. Wie jede Marionette, die man abschneidet sinke ich erst einmal in mich zusammen, da ich ja nie gelernt habe, auf eigenen Füßen zu stehen. Dazu gehört auch die Spannung in meinem Beckenboden, die ich nicht halten kann und durch die nun eine energetische Öffnung entsteht, die all meine Lebensenergie hinausfließen lässt. Daher versuche ich nun schon seit ein paar Tagen, meinen Beckenboden zu trainieren, bislang offenbar leider nur mit mäßigem Erfolg, denn wirklich fitter geworden bin ich noch nicht und die Energie fließt noch immer aus mir heraus wie sie es will. Dadurch werde ich nun natürlich auch wieder unachtsamer gegenüber Fremdsteuerungen, was den Kontrollverlust nur noch mehr steigert. Nach der heutigen Austestung kam heraus, dass ich nun wieder überhaupt keine Kontrolle mehr über meinen Schlafzyklus habe. Meine Mutter, oder die Kraft in mir, die ich ihr zuschreibe, kann mich nun herumschubsen wie sie es will, mich einschlafen oder aufwachen lassen, so wie es ihr gerade passt. Ich kann es nicht verhindern und nicht beeinflussen. Doch genau das gilt es nun zu ändern. Bislang habe ich immer wieder Rituale gemacht oder mich mit Heilungen versucht, die hätten funktionieren sollen, bei denen es aber auch keinen direkten Nachteil gab, wenn es nicht klappte. Es blieb dann eben alles beim Alten, was zwar nicht gut war, aber ja auch nicht neu. Nun spüre ich zum ersten Mal einen echten Druck. Brauch eine Heilung die Funktioniert, sonst rinnt mit die Lebensenergie davon und ich kann überhaupt nichts mehr machen. Leider habe ich noch keine wirklich bahnbrechende Idee. Irgendwie muss ich lernen, die Kontrolle über mich zu übernehmen, und das von Grund auf und zwar in letzter Konsequenz und fein säuberlich, nicht husch husch, wie sonst. Das Gute ist, dass ich mich dieses Mal wirklich darauf einlassen kann, ohne Angst zu haben, dadurch etwas zu vernachlässigen. Denn noch ineffektiver als jetzt kann ich nicht mehr werden.
 
Spruch des Tages: Man kann doch nicht ständig so Müde sein...
Höhenmeter 120 m
Tagesetappe: 26 km
Gesamtstrecke: 25.578,27 km
Wetter: Wetter gemischt aber überwiegend trocken
Etappenziel: Umkleidekabine der Sporthalle, Bridoré, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:41:56


Tag 1357:

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:41:55


Tag 1356: Auf dem Greenway von Cherbourg nach Mont Sant Michelle

Trink nicht alles, was auf dem Tisch steht.

22.08.2017 Sonderbare Nachbarn Eine kleine Merkwürdigkeit gab es gestern in unserer Pension dann doch noch. Die Damen aus dem Rathaus hatten uns bereits darauf hingewiesen, dass unsere Nachbarin von gegenüber einige geistige Probleme hatte und dass wir sie aus diesem Grund besser nicht ansprechen sollten. Was es genau war erfuhren wir nicht und wir bekamen sie auch nur einmal kurz zu Gesicht, doch irgendetwas an ihr schien tatsächlich sehr merkwürdig zu sein. Nachdem wir für die Lokalzeitung interviewt wurden und sich die Reporterin wieder auf den Weg machte, meinte sie beim öffnen der Tür: „Oha, in eurem Treppenhaus riecht es aber streng!“ Das war sogar noch etwas untertrieben, es stank geradezu nach einem penetranten und nicht unbekannten Geruch, den wir jedoch nicht gleich einordnen können. Auf der Treppe waren mehrere dunkle Flecken zu erkennen und Heiko vermutete für einen Moment, dass es sich dabei um Hundescheiße handeln könnte. Tatsächlich wirkte es bei genauerer Betrachtung jedoch eher wie trockenes Blut vermengt mit irgendeiner Art von Schleim. Jetzt erkannten wir auch, woher wir den Geruch kannten. Es war Aasgeruch. Es roch nach verfaultem, verwesendem Fleisch. Die Leiche im Treppenhaus Der Geruch begann unten im Eingangsbereich und verbreitete sich über das ganze Treppenhaus, doch am intensivsten war er vor der Tür unserer Nachbarin. Irgendetwas totes hatte sie also vor kurzem mit nach Hause gebracht, denn zuvor war der Geruch noch nicht da gewesen. Wir vermuteten, dass sie ein totes Tier gefunden und mitgenommen hatte, das wahrscheinlich schon lange irgendwo herum lag. Ein Menschenopfer konnten wir uns weniger vorstellen, aber wir waren auch nicht allzu erpicht darauf, das herauszufinden. In Momenten wie diesen waren wir dann doch wieder froh, dass wir nur eine einzige Nacht hier verbrachten. Dadurch konnte man die Dinge etwas lockerer sehen und da unsere Eingangstür eine sehr gute Geruchsbarriere darstellte, sahen wir in der Situation kein allzu großes Problem. Unterwegs auf dem Greenway Die Wanderung heute war eine der schönsten die wir in diesem Jahr überhaupt erlebt haben. Mit Verlassen unseres Übrnachtungsortes gelangten wir auf den Greenway, also einen europäischen Fernradweg, der Cherbourg mit Mont Saint Michelle verband. Die Route war großartig gelegt und führte zunächst auf schmalen und komplett unbefahrenen Sträßchen durch kleine Wälder, Wiesen und Felder. Zum ersten Mal seit Monaten gab es wieder eine echte Harmonie. Die Vögel sangen und schrien nicht. Blätter raschelten sanft anstatt laut zu rauschen und außer den Geräuschen der Natur hörte man für lange Zeit überhaupt nichts. An einigen Stellen war der Weg etwas irreführend ausgeschildert und einige der Zeichen waren hinter Büschen oder auf der Rückseite von Zäunen versteckt. Aber abgesehen davon bekam der Weg von uns die volle Punktzahl. Hier mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs zu sein war ein wahres Vergnügen. Dabei waren die Erbauer des Weges auf alle Bedürfnisse von Radfahrern und Wanderern eingegangen. Es gab Picknickplätze an schönen Orten mit Tischen, Bänken Mülleimern und sogar Wasserhähnen, es gab ruhige, gut ausgebaute Wege, eine durchgängige Beschilderung und nur wenige echte Aufstiege. Auf diese Weise konnte man stundenlang vor sich hin wandern ohne dem je überdrüssig zu werden. In der zweiten Hälfte des Weges führte die Route dann auf eine stillgelegte Bahnstrecke, die sich fast spiegel-eben durch das ansonsten hügelige Land schlängelte. So in der Art wird der Weg nun bis hinunter nach Mont Sain Michelle führen und dort auf ähnliche Wege stoßen. Wie der weitere Verlauf ist, können wir natürlich noch nicht sagen, aber den Anfang können wir schon einmal wärmstens empfehlen. Im Zisterzienser-Kloster Unser Etappenziel war dieses Mal wieder ein Zisterzienser-Kloster, das etwas abseits vom Weg lag. Wir wurden hier ähnlich unkomplex empfangen wie bei dem letzten Zisterzienser-Kloster in Irland und hatten nach einer kurzen Einführung den restlichen Tag vollkommen für uns alleine. Auch hier wurden wir mit Essen versorgt, wobei es dieses Mal bedeutend besser war, als bei den Brüdern in Irland. Es gab sogar frisches Obst und eine Auswahl an französischem Käse. Man konnte es nicht leugnen, das Leben hier war einfach ein anderes. Lediglich der Apfelsaft war eine Enttäuschung. Eisgekühlt mit saftigen Äpfeln auf dem Etikett stand er vor uns und gab ein erfrischendes Zischen von sich als Heiko ihn öffnete. Sofort dachten wir an den frischen, gespritzten Apfelsaft, den wir in Österreich immer wieder bekommen hatten. Heiko goss ein und leerte das erste Glas zur Hälfte mit nur einem Zug. „Ahhhh!“ machte er in der Erwartung von köstlich spritzigem Apfelsaft, und dann „Urgh!“ als der Geschmack die Erwartung überlagerte und er erkannte, was er da wirklich vor sich hatte. Es war ein Sidre. Also ein gespritzter Apfelwein mit 5% Alkohol. „Oh mein Gott, was ist denn das?“ prustete er, „das ist ja schrecklich!“ Wie kann man den armen Äpfeln nur so etwas antun?“ Da mein Glas ebenfalls voll war und es keine Blumenvase gab, um es heimlich zu entsorgen, kostete ich auch einen Schluck. Es war tatsächlich widerlich! Bitter, vergoren, fad im Abgang. Man schmeckte mit jeder Zelle der Zunge heraus, dass dies ein verwesendes Getränk war. Warum machen wir so etwas? Nein im Ernst, wenn man wirklich einmal genau hin schmeckt, dann ist es unmöglich, dass jemand diesen Geschmack mögen kann. Vor allem nicht, wenn man echten, gespritzen Apfelsaft kennt. Beim Wein ist es ja nichts anderes. Die frischen Trauben gehören zu den köstlichsten Dingen, die unsere Natur zu bieten hat und wenn man einen Saft daraus macht, könnte man sich hineinlegen und nie wieder aufstehen. Wir aber machen Wein daraus, was nichts anderes bedeutet, als dass wir die Trauben kaputt gehen lassen, bis sie halb in Verfall und Verwesung übergehen um dann den verdorbenen Saft zu trinken. Passiert das gleiche, was mit den Weintrauben passiert mit einer Majonäse, werfen wir sie weg und sagen, sie sei giftig. Bei Obst hingegen freuen wir uns und verkaufen das ganze als Spezialität. Dabei bekommt man die gleichen Symptome, wie wenn man verdorbene Majonäse ist. Einem wird schlecht und etwas schwindelig, und wenn man Pech hat bekommt man Durchfall oder muss sich übergeben. Bei dem einen ist das ein Grund, ins Krankenhaus zu fahren, beim anderen nennt man es Party. Und da sag noch einer wir Menschen seien rationale Wesen.
 
Spruch des Tages: Trink nicht alles, was auf dem Tisch steht.
Höhenmeter 60 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.536,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Städtisches Gästehaus, Sepmes, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:38:20


Tag 1355: Wie zuhause!

Frankreich, wir haben dich vermisst!

21.08.2017 Waow, ist es schön wieder hier zu sein! Dieses mal fühlt es sich wirklich ein bisschen wie nach Hause kommen an. Trotz der Wolken war es milder und angenehmer, die Straßen waren ruhiger und, die Landschaft freie und irgendwie heimeliger. Wir brauchten fast den ganzen Vormittag, um Cherbourg hinter uns zu lassen und doch hatten wir nicht das Gefühl, inmitten einer Großstadt zu sein. Kleine Schleichwege führten mitten durch einen Wald in einer Schlucht entlang, in der Man glaubte, irgendwo weit außerhalb unserer Zivilisation zu sein. Einige einsame, urige Häuschen standen am Straßenrand und luden gerade zu ein, hier ein Aussteigerleben zu führen. Und das mitten in der Stadt! Kaum hatten wir das obere Ende der Schlucht erreicht, befanden wir uns in einem gewaltigen Einkaufskomplex, in dem es nahezu jeden Laden gab, den man sich nur vorstellen konnte. Allein vier oder fünf Schuhgeschäfte waren vertreten, dazu zwei Elektronikläden, zwei Supermärkte, ein Haustiergroßfachhandel, drei Baumärkte, ein Gartencenter und vieles mehr. Und trotz allem war es uns möglich, mitten hier hindurch zu gehen, ohne komplett wahnsinnig zu werden. Wer hätte gedacht, dass so etwas möglich sein könnte? Kurz vor zwölf erreichten wir einen Ort namens Brix, wo wir ganz gemütlich in das Rathaus gingen, unser Projekt vorstellten und kurz darauf ein eigenes Apartment auf der anderen Seite des Friedhofs beziehen durften. Zwei der Damen Mitarbeiterinnen kamen kurz darauf mit einer Einkaufstüte voller Lebensmittel vorbei, die die Größe einer Ikea-Tasche hatte. Damit waren wir mehr als nur ausreichend versorgt und das nicht etwa mit Dosenbohnen und Toastbrot, sondern mit frischem Gemüse, knusprigem Baguette, Orangensaft, Obst und vielen mehr. Darunter natürlich auch eine Menge Süßkram, aber das lag daran, dass wir vergessen hatten darauf hinzuweisen, dass wir eigentlich keinen Zucker wollten. Später am Nachmittag kam eine weitere Rathausmitarbeiterin zu Besuch, die uns für einen Artikel in der Lokalzeitung interviewte. Unser Französisch war nach der langen Zeit nun noch grauenhafter als es ohnehin schon war, aber sie schien damit zurecht zu kommen und dennoch einen Großteil zu verstehen. Plötzlich hatten wir wieder Zeit, um entspannt zu arbeiten und Energie zu tanken, um wirklich an Themen dran zu bleiben, um kleine Pausen zu machen, um Routinen einzuhalten und um immer wieder ans Fenster zu treten und die gigantische Aussicht über das Land zu genießen. Nun schien sogar die Sonne und tauchte alles in ein friedlich, freundliches Licht. So hatten wir uns das Reisen vorgestellt. Nicht dass unsere Zeit in Großbritannien und Irland schlecht gewesen wäre, das keineswegs! Aber es war doch etwas anderes, entspannt reisen zu können, oder sich in einem permanenten Grundstress zu befinden. Die Englischsprachigen Länder waren eine ereignisreiche, aufwühlende und bewegende Zeit gewesen, nun ist wieder die Phase der Erholung und der Regeneration dran. Und auch wenn Frankreich nicht immer eitel-Sonnenschein sein wird, es bereitet uns doch zumindest einen schönen, warmen Empfang!
 
Spruch des Tages: Frankreich, wir haben dich vermisst!
Höhenmeter 60 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.536,27 km
Wetter: sonnig und warm
Etappenziel: Städtisches Gästehaus, Sepmes, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:36:04


Tag 1354: Sehenswürdigkeiten in Cherbourg

Frankreich, wir haben dich vermisst!

20.09.2017 Kaum etwas hatte uns je in unserem Leben so froh gemacht, wie der Umstand, dass wir die Fähre verlassen und wieder auf festen, nicht vibrierenden Boden treten durften. Frankreich empfing uns mit geschlossener Wolkendecke aber warmen Temperaturen und auch wenn der Hafen selbst noch nicht allzu einladend aussah, freuten wir uns doch wieder hier zu sein. Es war absolut faszinierend! Cherbourg war definitiv alles andere als eine schöne Stadt. Es war, verglichen mit vielen anderen sogar eine durchaus hässliche Stadt, so wie es von einer großen Hafenstadt ja auch zu erwarten gewesen war. Und dennoch war es um ein hundertfaches angenehmer, hier an der Hauptstraße entlang in die Innenstadt zu laufen, als in Großbritannien auf irgendeiner Nebenstraße durch eine X-beliebige Kleinstadt gehen zu müssen. Allein der Asphalt machte einen so großen Unterschied aus, dass man es kaum in Worte fassen kann. Und das war noch nicht alles. Es gab hier eine Fußgängerzone und einen verkehrsberuhigten Bereich, in dem nahezu keine Autos fuhren. Die Geschäfte lagen an kleinen Gassen in der Innenstadt verstreut und nicht aneinander gereiht zu beiden Seiten der Hauptstraße. Auch hier waren viele Häuser schäbig, verfallen und heruntergekommen aber trotzdem hatten sie ihren Charme und einen besonderen Stil. Der Unterschied bestand darin, dass die Menschen hier eine gewisse Liebe zum Detail hatten. Die Stadt als ganzes war hässlich, keine Frage, aber man fand überall kleine Akzente, die einen sofort wieder versöhnlich stimmten. Hier eine kunstvolle Fassade, dort ein schönes Bild an der Wand, da ein paar bunte Blumen. Irgendwie steckte leben in der Stadt und man spürte, dass die Menschen versuchten, das beste aus ihrer Situation zu machen. Und das funktionierte, denn auf diese Weise entstanden immer wieder kleine Oasen, in denen man sich wirklich gut aufhalten konnte. In denen man Teilweise sogar vergaß, dass man sich im Hafenviertel einer Großstadt befand. Vor unserer Überfahrt hatten wir bereits eine Verabredung mit dem örtlichen Pfarrer getroffen, der uns die Nacht über bei sich aufnehmen wollte. Das Pfarrhaus befand sich gute zwei Kilometer außerhalb in einem Vorort und als wir dort eintrafen kam Pater John-Philipp gerade mit einer Tüte vom Einkaufen zurück. Ursprünglich war das Pfarrhaus nur als Gemeindezentrum gedacht gewesen, doch heute lebten drei Pfarrer in den Gebäuden, weshalb sich die Gemeinschaftssäle mit den Privatgemächern mischten. Wir setzen uns ins Wohnzimmer, während John-Philipp mit dem kochen begann. Auch das war noch einmal ein großer Unterschied. Es gab kein Fastfood, sondern frisch zubereitetes Gemüse mit Reis und Lammfleisch. Den Nachmittag verbrachten wir zur Hälfte mit einer Sight-Seeing-Tour durch die Innenstadt und zur anderen Hälfte damit, uns zu erholen und liegengebliebene Arbeiten aufzuholen. Erst jetzt spürte ich das laute Dröhnen in meinem Kopf, in dem noch immer die Schiffsmotoren nachhallten.
 
Spruch des Tages: Frankreich, wir haben dich vermisst!
Höhenmeter 135 m
Tagesetappe: 11km
Gesamtstrecke: 25.522,27 km
Wetter: überwiegend sonnig
Etappenziel: Gemeindesaal, Nouâtre, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:35:04


Tag 1353: Weltweite Armut

Die einen haben kein Geld, die anderen können nich

Zwei Arten von Armut Noch etwas fiel uns auf. Wir hatten vor einiger Zeit, als wir noch in Südeuropa waren die Theorie aufgestellt, dass man aus irgendeinem Grund dafür sorgte, dass ein Land umso Ärmer sein musste, je reicher seine Natur war. Auffällig war ja dabei, dass gerade die Länder arm waren, in denen die meiste Nahrung wuchs und in denen man am lockersten auch ohne Geld würde leben können. Das fing bei Spanien an und ging über Rumänien, Bulgarien und Albanien bis hin zu Afrika und Indien. Indien ist ein hervorragendes Beispiel, den hier werden teilweise bis zu drei oder vier Fruchtfolgen im Jahr angebaut, wo bei uns gerade mal eine möglich ist. Und trotzdem leiden hier mehr Menschen an Hunger als wir uns überhaupt vorstellen können. Länder, in denen man nahezu nichts anbauen kann, wie hier in Großbritannien und Irland, sind hingegen die reichsten Länder der Welt. Zumindest was das Geld anbelangt. Was uns bislang jedoch nicht klar war ist, dass diese Länder auf eine andere Art und Weise genauso arm gehalten werden, wie die Dritte-Welt-Länder. Es ist subtiler und findet auf eine Weise statt, die uns nicht bewusst ist, aber es ist genauso dramatisch. So wie in den Südländern eine Verknappung an Geld erzeugt wird, erzeugt man hier eine Verknappung an Nahrung. Letztlich gibt es in der heutigen Welt keinen Grund mehr, warum man hier nicht ebenso leicht an frisches Obst und Gemüse gelangen sollte, wie im Süden. Wir sind in der Lage, Waren innerhalb von 48 Stunden einmal komplett um die Welt zu transportieren und egal ob dies nun sinnvoll ist oder nicht, wir machen es auch ständig. Krabben beispielsweise werden in der Nordsee geangelt, dann nach Holland zu einem Logistik-Unternehmen verschifft, anschließend nach Marokko gefahren, da dort die billigsten Arbeiter zum Pulen zu finden sind und am Ende fährt man sie den ganzen Weg zurück, um sie direkt an der Deutschen Nordseeküste an einem Krabbenstand zu verkaufen. Dieser vollkommen sinnlose Aufwand ist für uns kein Problem, aber bei frischem Obst und Gemüse soll es plötzlich nicht möglich sein? Auch hier ist es ja nicht so, als würden wir diese Lebensmittel nicht um die halbe Welt fahren. Äpfel zum Beispiel kommen hier in der Regel aus Neuseeland, obwohl sie auch direkt in Großbritannien angebaut werden. Doch all dies funktioniert angeblich nur, wenn die Waren grün geerntet werden und dann unter Schutzatmosphäre nachreifen. Warum? Weil der Transport angeblich zu lange dauert, so dass reifes Obst und Gemüse kaputt gehen würde. Wenn aber ein LKW von Spanien nach England doch nur zwei Tage braucht und das Gemüse später bis zu einer Woche im Laden und bei uns zuhause herum liegt, muss man sich doch fragen, ob dieses Argument wirklich gültig ist. Oder wird hier vielleicht ganz bewusst darauf geachtet, dass die Lebensmittelqualität besonders niedrig ist? Denn auffällig ist ja, dass ein Land umso stärker in der Fastfood-Kultur verhaftet ist, desto mehr Geld es hat. Je Reicher ein Land also an finanziellen Mitteln ist, desto ärmer ist es an Lebensmitteln. In Indien hungern die Menschen offensichtlich, weil sie keine Nahrung abbekommen und daher deutlich erkennbare Symptome von Mangelernährung zeigen. Hier hungern sie jedoch ebenfalls, nur merkt man es nicht, weil sie mit vollem Magen hungern. Die Masse an Nahrung reicht hier aus, doch ist sie leer und tot. Nährstoffe, Vitamine, Energie und Spurenelemente enthält sie so gut wie keine mehr, wodurch auch hier die Menschen deutlich Zeichen einer Mangelernährung zeigen. Aber weil sie dabei fett sind, merken wir es nicht. Preisvergleich – So unterschiedlich ist der Wert unseres Geldes Wir selbst verließen den Laden mit ziemlich genau 16€ weniger in der Tasche, ohne dabei das Gefühl gehabt zu haben, dass wir irgendetwas gekauft haben. Nicht einmal Wurst und Käse hatten wir uns gegönnt, da dieses jeweils ab vier Euro aufwärts ging. Alles in allem besaßen wir nun etwas Brot und Baguette, ein Glas Erdnusbutter, zwei kleine Fertigsalate, die heruntergesetzt waren, weil morgen ihr Verfallsdatum ablief, zwei große Flaschen Wasser, eine Knoblauchbutter, eine Tütte Tortilla-Chips und ein paar Bananen. Das war alles und damit lagen wir bei 16€. Ist das nicht Wahnsinn? Noch wahnsinniger war allerdings, dass wir im Restaurant nebenan je einen Becher Suppe und etwas Brot mit Butter bekamen, die fast ebenso viel gekostet hätten, wenn wir sie hätten zahlen müssen. Das wir sie bekommen haben ist natürlich super, aber dass man regulär knapp 7€ für einen Becher zahlen musste, das sprengte schon einige Grenzen finde ich. Überlegt euch mal. Wenn man dies jeden Tag tun würde, läge man damit im Monat bei 210€. Das sind 20€ mehr, als ich damals für meine Studentenbude gezahlt habe. Klar war es ein schäbiges Loch, da will ich nichts gegen sagen, aber es ist doch heftig zu sehen, dass man für das gleiche Geld entweder ein Obdach mit Vollmöblierung, Warmwasser, Heizung, Internet und Strom inklusive haben kann, oder einen kleinen Teebecher voll Suppe.
 
Spruch des Tages: Die einen haben kein Geld, die anderen können nichts kaufen. Das nennt man wohl ausgleichende Ungerechtigkeit.
Höhenmeter 765 m
Tagesetappe: 11km
Gesamtstrecke: 25.499,27 km
Wetter: erst Regen, dann sonnig warm
Etappenziel: Pilgerherberge, L'Ile Bouchard, Frankreich
11km, 65hm, erst Regen, dann sonnig warm, Christliche Jugendherberge, Chézelles

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:33:34


Tag 1352: Fährfahrt von Rosslare nach Cherbourg

Diese Seefahrt war mal alles andere als Lustig...

Die Fährfahrt beginnt. Mit unserem kleinen aber kostbaren Schatz im Gepäck machten wir uns nun auf zum Hafen, wo unsere Fähre bereits bereit stand. Besonders vertrauenerweckend wirkte sie nicht gerade. Irgendwo hatten wir gelesen, dass Rosslare auch einer der Häfen gewesen war, an dem die Titanic anlegte, bevor sie ihre schicksalshafte Fahrt nach Amerika antrat. Dieses Schiff hier sah aus, als wäre es aus der gleichen Zeit, nur bei weitem nicht so luxuriös und solide gebaut. Während wir auf unser Ticket warteten, kamen allerlei skurrile Gestalten an uns vorbei, darunter auch eine Pfadfindergruppe, die mit Fahnen und Trompeten aus einem Bus stieg und sich dann über den Hafenterminal verteilte. Einer von ihnen sah sonderlicher aus als der nächste, bis hin zu einem Jungen, der ohne erkennbaren Grund weiße Samthandschuhe trug. Da waren sie also, die Eliteschüler aus den englischen Internaten, bereits für einen Sommeraustausch mit ihren französischen Kollegen. Ich muss sagen, so ein klein wenig beunruhigend war es schon, sich vorzustellen, dass dies die neue Elite werden würde, die in ein paar Jahren unsere Welt beherrschen würden. Aber es erkläre auch ein bisschen, warum die Dinge in unserer Gesellschaft liefen, wie sie liefen. Eine Viertelstunde später begann die längste und grauenhafteste Fährfahrt unseres Lebens. Die Details darüber haben wir noch einmal separiert im Testbericht über die „Stena Horizon“ zusammengestellt. Hier daher nur ein paar kurze Sätze dazu. Die Kabine, die wir extra gebucht hatten, damit wir unsere Ruhe haben, lag genau über dem Maschinenraum und war somit der lauteste Platz, den man auf dem Schiff finden konnte. Abgesehen vom Maschinenraum selbst natürlich. Hinzu kam, dass Boden und Wände wie ein Presslufthammer vibrierten und dass etwa jede Stunde eine laute und übersteuerte Durchsage gemacht wurde, die einen jedes Mal wieder aus dem hart erkämpften Schlaf riss. Dass ich in dieser Nacht überhaupt ein Auge zubrachte, lag vor allem daran, dass ich im Moment eine Dauermüdigkeit in mir trage, die dazu führt, dass ich fast permanent unter allen Bedingungen einschlafe. Erholsam war dieser Schlaf aber trotzdem nicht. Heiko Trick war da um einiges besser. Ihm gelang es, sich in einer Meditation in eine Kindheitserinnerung zurückzuversetzen, in der er mit seinen Eltern im Auto in den Urlaub gefahren ist. Dadurch setzte sein Geist neue Verknüpfungspunkte und drosselte den Lärm der Schiffsmotoren in seiner Wahrnehmung aus das brummen des Automotors von früher. Auch die Vribrationen sanken auf den Level, den das Auto verursacht hatte und zu denen er sogar einen positiven Bezug hatte. Der Effekt war gigantisch. Trotz der widrigen Umstände schlief Heiko so entspannt und seelenruhig wie damals als Kind, als ihn das sanfte Brummen der Urlaubsfahrt in den Schlaf wiegte.
 
Spruch des Tages: Diese Seefahrt war mal alles andere als Lustig...
Höhenmeter 65 m
Tagesetappe: 12km
Gesamtstrecke: 25.511,27 km
Wetter: erst Regen, dann sonnig warm
Etappenziel: Christliche Jugendherberge, Chézelles, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:30:40


Tag 1351: Lebensstil-Kontrolle durch Lebensmittelpreise

Der Preis macht die Musik...

Im Supermarkt wären uns fast die Augen aus dem Kopf gefallen, als wir die Preise sahen. Mit einem Schlag verstanden wir auch, warum es so schwer war, in diesem Land Nahrungsspenden von den Privatpersonen zu bekommen. Sie mochten hier vielleicht Geld haben, aber Nahrung kaufen konnten sie damit nicht. Wenn wir an einem Haus gefragt haben und darauf lediglich ein oder zwei Bananen bekommen haben, dann war uns dies im Vergleich zu anderen Ländern geizig vorgekommen. Rein vom finanziellen Aufwand her hatten uns die Menschen hier mit ihren Bananen aber oft mehr oder zumindest genauso viel gegeben, wie die Menschen in Frankreich mit einem halben Gericht. Es war auch nicht so, dass es hier kein anständiges Brot gab, es war nur einfach vollkommen unerschwinglich. Für rund 2€ bekam man eines der ekehaften Toastbrote. Ein Baguette mit halbem Gewicht lag beim gleichen Preis. Für ein echtes Brot zahlte man hingegen locker 4-5€, ohne dabei in die gehobene Preisklasse vorgedrungen zu sein. Obst und Gemüse war sogar noch teurer und außerdem meist in einem erbärmlichen Zustand. Die meisten Möhren hatten jetzt schon Schimmelflecken und wurden noch regulär verkauft. Erschwinglich waren vom Preis wie von der Haltbarkeit an sich nur die Fertig- und Dosenprodukte, was wiederum erklärte, warum man sich hier ausschließlich davon ernährte. Dabei fiel uns eine Beobachtung wieder ein, die wir bereits mehrere Male gemacht hatten. Das Toastbrot, das man hier kaufen konnte wurde grundsätzlich genau einen Tag nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatum schimmlig. Nicht einen Tag zuvor und nicht zwei Tage danach, sondern genau einen. Wie funktionierte das? Wir hatten stets unterschiedliches Brot dabei und es herrschten immer wieder neue Bedingungen. Manchmal bewahrten wir es fest verschlossen in mehreren Tüten auf, manchmal lag es einfach oben auf dem Wagen. Manchmal regnete es fast durchgängig, manchmal war es trocken, manchmal warm und manchmal kalt. Und trotzdem sah dieses Kunstbrot bis zur letzten Sekunde stets genau gleich aus. Es war egal, ob man es frisch gekauft oder schon ein paar Tage mit sich herumgetragen hatte. Es wurde nicht trocken oder hart sondern blieb immer genau gleich. So lange, bis das Verfallsdatum ablief. Am Vortag war es noch zu 100% in Ordnung und dann zeigten sich plötzlich überall grüne Schimmelflecken, ganz so, als hätte man es vorprogrammiert. Man konnte seine Uhr danach stellen. Mit rechten Dingen ging das sicher nicht zu. Wenn ihr mich fragt, dann wurde hier ganz gezielt nachgeholfen, genau wie bei technischen Geräten mit der künstlichen Obsoleszenz. Denn anders als bei unserem Brot, das nach ein paar Tagen ungenießbar wird, könnte man dieses hier sonst ewig weiterverwenden und das soll natürlich nicht sein.
 
Spruch des Tages: Der Preis macht die Musik...
Höhenmeter 765 m
Tagesetappe: 11km
Gesamtstrecke: 25.499,27 km
Wetter: erst Regen, dann sonnig warm
Etappenziel: Pilgerherberge, L´ille-Bouchard, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:28:32


Tag 1350: Our Ladys Island – Unsere letzte Sehenswürdigkeit in Irland

Wir fahr´n heut übers Meer, übers Meer...

19.08.2017 Heute war es dann soweit. Unser letzter Tag auf den Inseln war gekommen und vor uns lag die längste Fährfahrt unseres bisherigen Lebens. Wir verabschiedeten uns von Pater John und machten uns auf jenen Pilgerweg, der bald einmal das Finale von Johns neuer Pilgerroute bilden sollte. Ziel war die Halbinsel mit dem klangvollen Namen „Our Lady´s Island“ - „Die Insel unserer Herrin“ Der erste Teil der Strecke war tatsächlich ein schöner Pilgerweg. Er war abgeschieden, und führte auf kleinen Sträßchen durch ein ruhiges Hinterland. Kurz vor seinem Ende hatten wir eine kurze und etwas unwirkliche Begegnung mit einer jungen Frau, die aus dem Auto sprang, und eine Wasserflasche schenkte, den restlichen Weg beschrieb und wieder verschwand. Von ihrem ganzen Auftreten, ihrer Art und ihrer inneren, wie äußeren Erscheinung, schien sie wie eine Art Werbeträger für ein ruhiges, sesshaftes Leben auf dem Land am Meer zu sein. Heiko kam es so vor, als wollte sie sagen: „Schau mal, ist es nicht doch besser, eine ganz normale Beziehung hier im idyllischen Süden von Irland zu führen, mit allen Sicherheiten, mit einem schönen, ruhigen Hof in entspannter, ruhiger Atmosphäre und mit einer adretten, hübschen Frau ohne Extravaganzen?“ „Wieso habe ich nur das Gefühl,“ meinte Heiko später, „dass uns hier alles ein schlechtes Gewissen machen will? So als wollte uns gerade alles verunsichern und in eine andere Richtung verführen, obwohl wir uns doch längst entschieden haben.“ Tatsächlich geschah auch dies nicht umsonst, denn es bildete die Grundlage für eine wichtige Inspiration, die Heiko einige Tage später in den Grundstock für ein neues Buch einfließen lassen konnte. Wir folgten der Beschreibung der jungen Frau und bogen in die letzte Straße nach „Our Lady´s Island“ ein. Zu unserer Überraschung war diese Straße nun plötzlich voll befahren und ganz und gar nicht mehr schön. Auch das Pilgerziel selbst war mehr als nur enttäuschend. Es gab nichts weiter zu sehen, als eine flache, grüne Wiese, die von drei Seiten von einem See umgeben war, und auf der die letzten Reste einer Burgruine standen. Zu sehen waren lediglich noch ein paar Mauerreste und ein verfallener Turm. Das alles war nicht hässlich, aber es rechtfertigte auch den Andrang nicht, der hier herrschte und vor allem nicht den Verkehr. Der Hafen von Rosslare Zwei Kilometer weiter wurde es wieder Ruhig, als wäre nichts gewesen. Von hier aus waren es nun nur noch 7km bis zum Hafen von Rosslare. Das schöne war, dass man fast bis zur Fähre gehen konnte, ohne dabei eine Hauptstraße nutzen zu müssen. Leider nur fast, denn das letzte Stück des Weges war durch ein paar große Tore versperrt worden. Wenn man die Dinge hier nicht kompliziert machen konnte, war man eben nicht glücklich. Rosslare-Harbour war eine eher niedliche Kleinstadt. Nicht schön natürlich, wo käme man denn dahin, aber durchaus winzig. Es gab nur eine einzige Straße, die direkt zur Fähre führte und an der ein einzelnes Einkaufszentrum lag. Da wir leider noch keine Nahrungsvorräte hatten auftreiben können, mussten wir nun doch die 16€ Opfern, die wir von Pater John zu diesem Zweck bekommen hatten und ganz normal im Supermarkt einkaufen.
 
Spruch des Tages: Wir fahr´n heut übers Meer, übers Meer...
Höhenmeter 70 m
Tagesetappe: 10km
Gesamtstrecke: 25.488,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Winzige Wohnung eines Theologiestudenten, Chinon, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:24:28


Tag 1349: Irische Jakobswege

Langsam sind wir wieder reif für das Festland.

18.08.2017 Reif für das Festland Heute ist unser letzter Tag in Irland, bevor es zur Fähre geht und wir auf unseren Kontinent zurückkehren. Die Zeit auf den Britisch-Irischen-Inseln war gut und ich möchte sie um keinen Preis der Welt missen. Aber wird sind auch froh, sie nun wieder verlassen und einer entspannteren, ruhigeren und gemäßigteren Zeit entgegen gehen zu können. Es war eine der anstrengendsten Phasen unserer Reise und ich schätze, es war wohl auch die Phase, die mich am meisten in meine Wut gebracht hat. Ich könnte mich noch immer viele Stunden lang über so viele Dinge aufregen, aber keine Angst, ich werde es nicht tun. Jedenfalls nicht hier. Ich verstehe ja, wofür alles da ist und ich weiß, dass es darum geht zu lernen, die Dinge so anzunehmen wie sie sind und zu erkennen, dass alles gut ist. Hier gibt es offenbar noch viel Lernpotential. Die gute Nachricht ist, dass wir bereits für unsere Ankunft in Frankreich einen Schlafplatz im Pfarrhaus haben und uns somit keine Gedanken über eine verwirrende Platzsuche in einer großen Hafenstadt machen müssen. Wir können also wirklich aufatmen, wenn wir die Fähre erreicht haben und ganz in Ruhe dem guten alten Festland entgegenschippern. Jakobswege in Irland Unser heutiger Gastgeber, empfing uns mit weitaus mehr Begeisterung als der letzte, was unter anderem an seinem großen Interesse am Pilgern lag. Er war gerade dabei, einen neuen Pilgerweg quer durch Irland auszuarbeiten, der alle wichtigen, heiligen Plätze miteinander verbindet. Er beginnt im Nordwesten und endet an einem Platz mit dem Namen „Our Lady Island“. Es ist jener Pilgerort, an den auch die Pfarrer aus New Ross und Horeswood pilgerten, als wir sie vor ein paar Tagen besuchten. Vielleicht werden wir der Insel morgen auch noch einen kurzen Besuch abstatten, denn sie liegt fast auf unserem Weg nach Rosslare Harbour und bis zur Fähre haben wir ja noch ein bisschen Zeit. Wir gaben Pater John den Tipp, Kontakt mit der Jakobsgeselschaft aufzunehmen und seinem Pilgerweg am Ende einen kleinen Schlenker von 7km hinzuzufügen. Denn wenn er dies tat und ihn nicht auf Our Lady Island sondern im Hafen von Rosslare enden ließ, dann hatte er eine direkte Verbindung nach Frankreich, oder besser gesagt nach Cherbourg. Von dort aus führte dann ein Pilgerweg über Le Mont Sant Michelle bis nach Sant Jean Piet de Port. Der kleine Schlenker und die offizielle Zusammenarbeit mit der Jakobsgesellschaft würden aus dem lokalen Irischen Pilgerweg also einen neuen Jakobsweg machen, der den Nordwesten Irlands direkt mit Santiago de Compostela verband. Was dies für seine Popularität ausmachen würde war kaum abzuschätzen. Und wer weiß, wenn es normal wurde, dass auch in Irland Menschen zu Fuß gehen und von einem heiligen Ort zum nächsten pilgern, wenn es normal wurde, dass es auch außerhalb der Touristenregionen fremde gab, die einfach für einen oder zwei Tage vorbei schauten, dann würden die Iren vielleicht auch einen Teil ihrer Angst verlieren, würden ihre Skepsis abbauen und vielleicht sogar so etwas wie eine Gastfreundschaft gewinnen, die zukünftigen Wanderern wie auch ihnen selbst, das Leben bedeutend erleichtern würde. Das Beste kommt zum Schluss In Sachen Arbeitsproduktivität war auch der heutige Tag mal wieder eine Katastrophe, aber daran hatten wir uns ja nun bereits gewöhnt. Stattdessen wurde es jedoch in anderer Hinsicht ein recht spannender Tag. Alles, was heute passierte wirkte ein bisschen so, als wollte es uns noch einmal ein schlechtes Gewissen machen. So als wollte es sagen: „Ihr seit doch zu schnell über diese Insel gehuscht, denn dadurch habt ihr nun alles schöne verpasst!“ Es begann mit den Erzählungen von John über seinen neu geplanten Jakobsweg und die vielen schönen Pilgerziele, an denen er vorbei führen sollte. Hier ein Kloster, da ein Schloss, dort ein anderer historisch bedeutsamer Ort. Mit einem Mal hatte man den Eindruck, als wimmelte es in Irland nur so vor Sehenswürdigkeiten, die man nicht verpassen durfte, wenn man jemals wieder Freude in seinem Leben erfahren wollte. Dann führte uns Pater John selbst noch zu einigen sehenswerten Orten in der Umgebung. Zum Mittagessen fuhren wir in das Café eines alten Schlosses, nahe seiner Heimatstadt. Hier saßen wir mit einigen Pfauen im Außenbereich, bis es zu regnen begann und wir weiter getrieben wurden. Als Pater John ein Kind war, hatte er hier mit seinen Freunden im Park gespielt. Heute war alles streng geordnet und man musste für jeden Schritt Eintritt zahlen. Allein die Genehmigung in den Park zu fahren, so dass man nur in das Café gelangen konnte, kostete den Pfarrer bereit 12€. Drei kleine belegte Brötchen für uns alle zusammen noch einmal 18€ und wenn wir das Museum ebenfalls noch hätten ansehen wollen, wären weitere 15€ fällig geworden. Das Schloss selbst war schön aber bereits seit Jahrzehnten ungenutzt und bestand nur noch aus einer Fassade. Auf seine Art wirkte es ein bisschen wie ein trauriges Symbol für diese Gegenden. Einst ein stolzes Königreich war nun nur noch die leere, tote Hülle übrig und mit der machte man mehr Geld, als man sich vorstellen konnte. Zum Abendessen unternahmen wir dann noch einmal einen weiteren Ausflug. Dieses Mal führte uns unser Gastgeber in eine kleine Hafenstadt, in der er noch eine Hochzeit vorbereiten musste. Wir nutzten diese Zeit, um schon einmal Fisch and Chips für uns drei zu bestellen, uns ein Eis zu besorgen und eine Runde durch den Hafen zu drehen. Es war so windig, dass es uns ein paar Mal fast ins Wasser geworfen hätte und mit Gemütlichkeit oder Genuss hatte das alles wenig zu tun. Aber trotzdem hatte dieser Platz etwas spezielles. Er wirkte ein bisschen wie aus einer anderen Welt, die uns sagen wollte: „Schaut, das wäre das richtige Irland gewesen, das ihr hättet sehen können, aber leider verpasst habt!“ Natürlich war dies eine Lüge, denn bereits hier merkte man, dass man unmöglich entlang der Küste wandern konnte. Dies war der Bereich, von dem der Pfarrer gesagt hatte, dass er keinen Tourismus abbekam und doch erschien uns bereits das viel zu viel zu sein. Wie dann erst die Touristenregionen aussehen mochten, wagten wir uns nicht einmal vorzustellen. Und auch hier spürte man, wie viel letztlich doch wieder nur Fassade war. Von Weitem sahen die Rieddachhäuser bezaubernd aus, aber aus der Nähe sah man, dass ihr Lack schon vor Ewigkeiten abgeblättert war. Dennoch durften wir einige magische Momente erleben, in denen sich der Nebel weit über das offene Hügelland legte und in der die letzten Sonnenstrahlen auf den schroff hereinfallenden Wellen tanzten. Wir holten unsere Fastfoodtüten ab und fuhren mit dem Auto auf einen Parkplatz oberhalb der Dünen, von dem aus wir beim Essen einen herrlichen Blick über die Bucht hatten. Sie war menschenleer und die Wellen rauschten im Halbkreis vom Meer hinein. Draußen wurde einem der Kopf weggeblasen, aber hier im Auto war es angenehm. Neben uns parkte ein zweiter Wagen, aus dem ein junger Mann stieg, der sich in einen Neoprenanzug zwängte und sich dann sein Surfboard schnappte. „Sind das nicht großartige Wellen?!“ rief er uns zu und lief Richtung Meer. „In Irland ist es etwas anders, als in anderen Ländern!“ erklärte uns der Pfarrer, „Hier tut man Dinge einfach wenn man sie tut! Würde man auf passendes Wetter warten, würde man niemals irgendetwas machen!
 
Spruch des Tages: Langsam sind wir wieder reif für das Festland.
Höhenmeter 90 m
Tagesetappe: 26km
Gesamtstrecke: 25.478,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Gemeindesaal der Kirche, Savigny-en-Véron, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:23:02


Tag 1348: Irische Traditionen

Zahnarzttag

16.08.2017 Zum Abschluss unserer Zeit auf der Insel haben wir noch einmal die wichtigsten, irischen Traditionen erleben dürfen. Es begann mit traditionell irischem Wetter, das uns von der Früh an begleitete und noch immer vor unserem Fenster wütet. Die Rede ist hier natürlich von Regen. Aber dieses mal war es der stärkste und fieseste, den wir seit unserer Ankunft auf den Britisch-Irischen Inseln hatten. Ein starker Wind schlug uns die Tropfen direkt ins Gesicht, so dass man immer wieder das Gefühl bekam, sie wollten einem die Augen ausstechen. Trotz Regenmantel war meine Robe am Ende so nass, dass ich fast einen Liter aus ihr heraus wringen konnte. Dafür wurden wir dann bei Pater Gerry jedoch mit einem traditionellen Mittagessen empfangen. Es nannte sich Bacon and Cabbich und bestand aus Kartoffeln, Kohl und einer Art Kesselfleisch. Zu unserem großen Glück waren wir nämlich genau an dem einen Tag in der Woche gekommen, an dem Gerrys Haushälterin kam, die auch die Küche übernahm. Man muss sagen, wenn hier alles so gut gewesen wäre, hätten wir mit der Nahrungsmittelaufnahme keine Probleme bekommen. 17.08.2017 Zahnarzttag Falls es bislang noch irgendeinen Zweifel daran gab, dass der Zustand der Zähne vor allem von der Ernährungsweise abhängt, haben wir nun den Beweis dafür. Seit dreieinhalb Jahren kümmern wir uns nun selbst um unsere Zahnpflege und führen (mehr oder weniger) regelmäßig eine Zahnsteinentfernung durch. Als wir letztes Jahr durch Osteuropa reisten lag fast ein ganzes Jahr zwischen zwei Terminen und trotzdem gab es beim zweiten Mal kaum etwas zu beanstanden. Dieses Mal haben wir die letzte Zahnreinigung zu Beginn unserer Zeit in England gemacht und heute erneut, kaum ein viertel Jahr später. Trotzdem waren die Zähne so übersät mit Zahnbelag, dass man es sich kaum vorstellen konnte. Teilweise musste ich regelrechte Sprengungen vornehmen, um überhaupt noch durchzukommen. Bei dem immensen Zucker- und Weizenkonsum ist das natürlich auch kein Wunder. Küstenchaos Nach Süden hin waren es nun nur noch 6km, nach Westen 30km zur Küste. Die Nähe reichte aus, um auch hier weder für das Übliche Chaos, zu sorgen, das man an Küsten in der Regel findet. Selbst auf den kleinen Nebenstraßen herrschte plötzlich vier mal so viel Verkehr, wie sonst und versaute uns unsere Tour. Etwa vier Kilometer vor dem Ziel wurden wir von einem Auto angehalten, als wir gerade eine Hauptstraße hinter uns gelassen hatten. Wie sich herausstellte war der Fahrer unser potentieller Gastgeber. Er hatte einen Anruf bekommen, dass er spontan in ein Krankenhaus fahren musste, um einem Verstorbenen dort die letzte Salbung zu geben. Hätte er uns nicht hier auf dem Weg getroffen, hätten wir bis zum späten Nachmittag vor verschlossener Tür gestanden. Seine erste Idee war nun, dass wir entlang der Hauptstraße zu ihm wandern sollten, um Zeit zu sparen. Eine Hauptstraße, die er selbst als „Hochzone für tödliche Unfälle“ bezeichnete, da sie extrem stark befahren, schmal und kurvenreich war und die Menschen auf ihr rasten, sie die Teufel. Unter anderem auch deshalb, weil sie wie unser Pfarrer, stets das Gefühl hatten in extremer Eile zu sein. Letztlich war der Streckenabschnitt dann glücklicher Weise aber doch so lang, dass auch diese Variante ausfiel, Weshalb mich der Pater kurz nach hause fuhr um einen Zweitschlüssel zu holen und uns dann in Ruhe weiterwandern ließ.
 
Spruch des Tages: Zahnarzttag
Höhenmeter 130 m
Tagesetappe: 27km
Gesamtstrecke: 25.452,27 km
Wetter: sonnig, angenehm, leichter Wind
Etappenziel: Hotel L'oree Des Bois, La-Breille-les-Pins, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:21:53


Tag 1347: Saunatag

Rasieren in der Sauna verboten!

15.08.2017 Irland hat wirklich zwei Gesichter! So hart und unwirtlich es auf der einen Seite ist und so oft es uns auch in die Weißglut treibt, so sehr zeigt es sich dann wieder versöhnlich. Gestern beispielsweise hatten wir nach dem langen, anstrengenden und äußerst nervigen Tag ein ganzes Kloster für uns alleine, konnten ungestört in der Küche kochen, die Waschmaschine nutzen und es uns gut gehen lassen. Heute lag dann wieder eine 33km Wanderung vor uns, jedoch mit dem Unterschied, das von Anfang an klar war, wo wir ankommen würden und dass dort bereits ein Platz auf uns wartete. Bis auf einen kleinen Schauer war es trocken, sonnig und freundlich und die Gegend war so abgeschieden und ländlich, dass wir insgesamt sogar ganze fünf Menschen wandern oder Fahrrad fahren gesehen haben. Das war mehr als bislang in ganz Irland. So etwas wie einen ruhigen Platz ohne Straßenlärm, Hundegebell, Kettensägen oder ähnliches gab es natürlich trotzdem nicht, aber das wäre hier wohl auch zu viel erwartet. Dennoch konnten wir drei Pausen machen und in einer davon sogar einige Minuten dösen. In einer zweiten reparierten wir unsere Wagen und ölten die Bremsen neu, so dass sie wieder richtig griffen, Dabei kam auch einiges an Fett an unsere Griffe, das wir gerne mit einem Tuch weggewischt hätten. Leider hatten wir keines und so fragten wir einen vorbeifahrenden Autofahrer. Er durchsuchte sein Handschuhfach und sämtliche Ablagen, stellte aber fest, dass er auch keines besaß. Halb so schlimm, dachten wir, nutzten etwas Gras und Moos für die Reinigung und hakten das Thema damit ab. Für den Mann war es aber noch ganz und gar nicht abgehakt, denn er dachte permanent darüber nach, wie er uns doch noch helfen könnte. Wenige Minuten später hielt er noch einmal neben uns an, hatte aber noch immer kein Taschentuch. „Wartet da unten ein paar Minuten an der Straße!“ sagte er, „Ich komm dann gleich noch einmal wieder und bringe euch ein Taschentuch!“ Es war echt lieb, wie bemüht der Mann war, aber leider deutete er auf eine Ecke, die von einer Kettensäge, einem Traktor und einem Hund um die Wette terrorisiert wurde. Ein paar Minuten versuchten wir dennoch auf ihn zu warten, doch dann dauerte es einfach zu lange und der Preis wurde zu hoch für ein Taschentuch. Auch das ist etwas, das man hier lernen muss: Was die Leute hier tun, ist die Sache der Leute, und nicht die von einem selbst. Es ist nett, uns ein Taschentuch schenken zu wollen, aber es ginge zu weit, sich deshalb verpflichtet zu fühlen, stundenlang an einem Ort auf jemanden zu warten, der vielleicht kommt, vielleicht aber auch nicht. Irgendwo muss man einem Taschentuch schon auch den Wert geben, den es hat und der liegt sicher nicht über dem des eigenen Wohlbefindens. Unser Zielort für heute trug den Namen New Ross und war eine beeindruckend unästhetische Stadt am Rande eines Flusses. Der Grund, warum wir ausgerechnet hier her kamen und nicht in einen schöneren Ort wanderten war der, dass man besagten Fluss nur an einer einzigen Stelle überqueren konnte. Nämlich hier. Die letzten drei Kilometer spürte man den Einfluss der großen Stadt bereits deutlich und wir gerieten zudem noch in den Feierabendverkehr. Schließlich lag das Zentrum vor uns, lediglich verdeckt von einigen alten verlassenen und halb verfallenen Fabrikhallen. Wer hätte gedacht, dass es einmal Orte geben würde, neben denen Städte wie Sarajevo geradezu gemütlich wirkten? Gut, dass wir uns hier nicht lange aufhalten mussten, sondern bereits eine feste Adresse und eine feste Verabredung hatten. An der Hauptkirche trafen wir uns mit Pater Tom, der uns ins Pfarrhaus führte, in dem er gemeinsam mit Pater Richard und Pater John lebte. Pater Richard kam wenige Minuten später nach hause und machte sich gleich daran, seine Sachen für eine Pilgerreise zu organisieren, die er morgen starten würde. Gemeinsam mit einer Gruppe aus seiner Pfarrgemeinde wanderte er gerade in 6 Jahresabchnitten von Saint Jean Piet de Port nach Santiago. Dieses Jahr war die vorletzte Etappe an der Reihe und morgen ging der Flug dafür von Dublin aus fliegen. Trotz der Vorbereitungen ließ er es sich aber trotzdem nicht nehmen, auch heute seiner täglichen Schwimm- und Sauna Routine nachzugehen und er lud uns ein, ihn dabei zu begleiten. Da ließen wir uns natürlich nicht zwei Mal bitten und schon standen wir wenige Minuten später im örtlichen Schwimmbad, bereit für die Enstpannungseinheit des Tages. Es war das fünfte Mal auf unserer Reise, dass wir in die Sauna gehen konnten. Auf gewisse Weise ähneln sich die Wellnessbereiche öffentlicher Schwimmbäder überall in Europa sehr stark. Meist gibt es eine oder zwei Saunen, ein Dampfbad, einen oder mehrere Whirlpools und ein paar warme und kalte Duschen. So war es auch hier und doch war dieser Saunabereich so ganz anders, als man es bei uns von einem Saunabereich erwarten würde. Bei und und wahrscheinlich auch nirgendwo sonst auf der Welt, käme man beispielsweise auf die Idee, einen Fernseher in den Zwischenbereich zu hängen und dort ein Fußballspiel zu übertragen. Ins Café nebenan, meinetwegen, aber definitiv nicht in den Wellnessbereich, der hier sogar „Gesundheitsbereich“ genannt wurde. Einen Ruheraum gab es nicht, dafür aber immerhin eine einzige Bank und einen Wasserspender. Das beste waren jedoch die Schilder, die groß und deutlich neben den Eingängen zur normalen Trockensauna und zur Dampfsauna hingen: „Das Rasieren in der Sauna ist verboten!“ Ich dachte erst, dass „Shaving“ vielleicht noch eine andere Bedeutung hatte, oder dass es sich dabei um eine Art Witz handelte, den wir nicht richtig verstanden. Doch Pater Roger bestätigte uns, dass diese Schilder genau das waren, wonach sie aussahen. Und vor allem, dass es tatsächlich nötig war, sie hier aufzustellen. „Es gibt einige ethnische Gruppen“, erklärte er, „für die es tatsächlich ganz normal ist, sich an solchen Orten zu rasieren und die dies auch immer wieder tun.“ Heiko und ich staunten. Wir hatten ja schon viel verrücktes gehört und gesehen, aber das jemand wirklich auf die Idee kam, sich in einer Sauna rasieren zu wollen? Im Whirlpool ok und vielleicht noch in der Dampfsauna. Aber warum sollte man dazu denn in eine normale Sauna gehen? Es gab hier ja nicht einmal Wasser, abgesehen vom eigenen Schweiß. Neugierig geworden fragten wir, um was für exotische „ethnische Gruppen“ es sich dabei wohl handeln würde. „Unterschiedliche!“ sagte Roger, „aber vor allem Iren!“ Die Sauna selbst hatte auch ihre Eigenheiten, mit denen wir erst einmal zurecht kommen mussten. So war es zum Beispiel verboten Wasser auf den Saunaofen zu gießen, was so etwas wie einen Saunaaufguss natürlich etwas schwierig gestaltete. Roger war sogar überrascht, dass wir auf diese Idee kamen, da es sich ja um eine Trockensauna handelte. Offenbar war die ganze Tradition finnischer Saunakultur noch nicht bis hier her vorgedrungen. Ebenso sonderbar war, dass man kein Handtuch mit in die Sauna nehmen sollte. Es war nicht explizit verboten, aber eben auch nicht erwünscht, oder gar gefordert. In Ungarn wurde ich vor ein paar Jahren einmal fast aus einer Sauna hinausgeworfen, weil mein Fuß halb neben meinem Handtuch stand. Und hier setzte sich jeder mit seinem Schweißtriefenden Hintern einfach auf die nackte Bank und es war vollkommen in Ordnung. Ich finde, dies zeigt noch einmal, dass wir mit unserer Bakterienangst vollkommen auf dem falschen Dampfer sind. Wenn wir wirklich durch Infektionen krank werden könnten, müsste jeder Saunabesucher im Anschluss tot umfallen. Wir blieben etwa eine Dreiviertelstunde, was für einen Saunabesuch nicht übermäßig lang ist, in diesem Fall aber vollkommen ausreichte. Der einzige Ort, an dem man tatsächlich entspannen konnte, war die Sauna selbst und in der hielt man es eben nicht ewig aus. Spannend war aber, dass in der Zeit in der wir dort waren gerade einmal fünf Personen die Sauna nutzten. Drei davon waren Pater Roger, Heiko und ich. Wenn man bedenkt, dass dies das einzige Schwimmbad mit Termalbereich im Umkreis von gut 200km ist, ist das eher mal niedlich. Wir wurden einfach die Frage nicht los, wie es sein kann, dass es in einem so nasskalten Land wie Irland keine Saunakultur gab. Wie funktioniert so etwas, dass es in Finnland, Schweden und Norwegen kaum jemanden gibt, der nicht seine eigene Sauna oder wenigstens einen Zuber im Garten hat, während man hier nicht einmal weiß, wie eine Saunazelebration überhaupt aussieht? Überhaupt ist es ein Rätsel, dass es hier trotz all der Ungemütlichkeit nichts gibt, mit dem man es sich gemütlich machen kann. Nahezu niemand hat eine Badewanne und auch Kaminöfen waren eher selten. Selbst die Duschen waren größtenteils so konstruiert, dass man sie nicht richtig genießen konnte, weil sie entweder das Geräusch eines Elektrogenerators von sich gaben, sobald man sie einschaltete, weil der Wasserdruck dem eines Niselregens entsprach oder weil das Wasser einfach nicht warm werden wollte. Als wir uns auf den Weg zum Ausgang machten, fand im großen Schwimmerbecken gerade die Wassergymnastik mit den großen Schwimmnudeln statt. Vor dem Becken stand eine junge Frau mit der gleichen Nudel, die die Rentnerinnen im Wasser anleitete. Als wir jedoch an ihr vorüber gingen, geschahen zwei Sachen gleichzeitig, die beide zur Folge hatten, dass die Damen im Wasser nur noch bedröppelt herumstehen konnten. Zum einen konnte die junge Frau nicht mehr mit dem Starren aufhören, als sie uns sah und begann sofort, uns mit ihren Blicken auszuziehen. Zum anderen war ihr plötzlich die Wassergymnastik die sie hier anleitete so peinlich, dass sie nicht weiter machen konnte. Sie klammerte sich an ihre Schwimmnudel und bewegte sich keinen Millimeter mehr, bis wir in der Umkleide verschwanden.
 
Spruch des Tages: Rasieren in der Sauna verboten!
Höhenmeter. 130 m
Tagesetappe: 28km
Gesamtstrecke: 25.425,27 km
Wetter: sonnig, angenehm, leichter Wind
Etappenziel: Festsaal der Stadt, Cuon, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:20:35


Tag 1346: Zwischen Wut und Liebe

Poliertes Messing ist besser an die Leute zu bring

14.08.2017 Dieses Land stellt mich gerade wirklich vor eine meiner größten Herausforderungen. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, aber es gibt einfach so unendlich viele Dinge, die mich hier ununterbrochen wütend machen. Ich glaube ich habe von keinem Land bisher einen so schlechten Eindruck gehabt wie von diesem. Wenn ich ein Rating machen müsste, mit den schönsten, angenehmsten und bereisenswertesten Ländern Europas, Irland käme mit weitem Abstand an letzter Stelle. Ich kann nicht verstehen, wieso es heißt, die Iren wären so ein freundliches und offenes Volk. In meinen Augen sind sie die wohl am wenigsten angenehmen, hilfreichen und freundlichen Menschen der Welt. Nur weil jeder „How ya do-in?“ also „Wie gehtsn?“ statt „Hallo!“ sagt, wenn man begrüßt wird, hat das noch nichts mit Freundlichkeit zu tun. Es ist ja eine reine Floskel und niemanden interessiert, wie es einem wirklich geht. Ich finde, das allein zeigt schon viel zur Grundhaltung der Leute hier. Am Morgen haben wir eine junge Deutsche getroffen, die seit einem knappen Jahr hier als Freiwillige in einer Behinderteneinrichtung arbeitet. Sie war zu höflich, um es gleich zu sagen, hatte aber über die Monate ein sehr ähnliches Bild bekommen. Am meisten störte sie die offenbar vollkommen fehlende Fähigkeit zur Selbstreflexion. „Es ist nicht so, als wären sie schlecht darin!“ meinte sie, „es ist, als käme die Idee dazu nicht einmal in ihrem Geist vor!“ Ich kann gar nicht genau sagen was es alles ist, das mich stört, weil es so viele Kleinigkeiten sind. Dieses Grundablehnende, dieses ständige angestarrt werden als sei man ein Verbrecher, die permanente Scheinhöflichkeit. Eine Sache zum Beispiels ist, dass man immer wieder bewusst Dinge angeboten bekommt, von denen von vorn herein klar ist, dass man sie niemals annehmen kann. Wie oft Menschen neben uns anhalten und fragen, ob sie uns mitnehmen können, obwohl sie winzige Autos haben. Es ist schwer zu beschreiben, denn es gab Länder, in denen das wirklich nett gemeint war. Hier hat man aber immer nur den Eindruck, dass es ihnen darum geht, einen Grund zu finden, um einen anzuquatschen, ohne in Gefahr zu geraten wirklich etwas dafür tun zu müssen. Es gibt selten die Frage: „Kann ich euch irgendwie helfen?“ oder „Braucht ihr irgendwas?“ sondern meist ganz gezielt die Frage nach etwas, von dem man genau weiß, dass es nicht gebraucht wird. „Habt ihr euch verlaufen?“ ist beispielsweise so eine beliebte Frage, die aber nicht kommt, wenn man verloren aussieht, sondern, wenn man gerade gemütlich irgendwo sitzt und Picknick macht oder wenn man es geschafft hat, einer Hauptstraße auszuweichen und endlich irgendwo ist, wo man es zumindest ein bisschen ruhiger und schöner hat. Es geht einfach nicht darum, jemandem Hilfe anzubieten, sondern darum, jemandem ein Gespräch aufzudrängen von dem man der Meinung ist, dass er hier nichts verloren hat. Ich glaube das ist es, was mich so stört, das Gefühl, sich ständig dafür rechtfertigen zu müssen wer man ist, nur weil man hier zu Fuß geht. Und das alles so komplex sein muss, dass man nicht einfach irgendwo hingehen kann, ankommt und einen Platz hat, sondern jeden Tag 10 Telefonate führen, von einem Ort zum nächsten und zurück laufen muss, das jeder erst einmal überredet werden will, einem überhaupt nur zuzuhören, das alles voll von Verbotsschildern und Kameras ist, die einem permanent das Gefühl geben, Gefangener in einem Hochsicherheitsgefängnis zu sein, dass es hier nichts gemütliches gibt, man ständig nass geregnet wird und dazu nichts einmal etwas anständiges zum Essen bekommt. Und vor allem, dieses Gefühl, festgehalten zu werden und niemals auch nur ein Stück voranzukommen. Dabei ist es so schade, dass sich gerade jetzt zum Ende unserer Zeit auf den Inseln diese Negativeindrücke so häufen. Denn es war ja keine schlechte Zeit und wir haben eine Menge geniale Dinge erlebt. Es fühlt sich einfach gerade an, als sollte uns jetzt am Ende noch einmal alles so richtig vermiest werden. Auf der anderen Seite weiß ich aber natürlich auch, dass all dies nicht von Irland, sondern von mir ausgeht. Es ist mein Spiegel. Es ist die Reflexion dessen, was in mir los ist. Alles was mich im Außen nervt und wütend macht, sind Anteile von mir, die ich ablehne und je mehr ich darüber verbittere, desto schlimmer muss es natürlich werden.Gerade deshalb ist es so wichtig, den Fokus eben nicht auf dieses unangenehme zu legen. Es gibt ja jeden Tag aufs Neue immer mindestens genauso viel Positives. Ich meine, trotz allem, haben wir noch kein einziges Mal keinen Schlafplatz bekommen, mussten kein einziges Mal hungern, haben immer wieder auch nette Menschen getroffen, die uns großzügig unterstützt oder einfach nur mit einer freundlichen Begegnung aufgemuntert haben und hatten trotz der Regenreichheit dieses Landes immer wieder Sonnenstunden. Ich bin es ja, der entscheidet, dass er sich mehr vom Unangenehmen annerven als vom angenehmen begeistern lässt. Das wurde heute auch noch einmal deutlich, als mich Heiko nach dem Telefonat mit einem Pfarrer etwas coachte. So sehr wie mir am Anfang der Sinn für´s Verkaufen gefehlt hatte, so sehr versteifte ich mich nun darauf, wodurch nur noch mein eigener Vorteil präsent war, es mir aber nicht mehr darum ging, herauszufinden, was der andere gerade benötigt. Gerade diese enorme Skepsis und die Grundablehnung der Menschen sind ja eine Chance um wirklich etwas zu lernen. Jemandem etwas zu verkaufen, von dem er eh schon begeistert ist, ist keine Kunst, aber zu erkennen, was er wirklich braucht um Ja sagen zu können, die Kontrolle über das Gespräch zu übernehmen und ihn behutsam aber sicher genau dorthin zu führen, wo er sich öffnen kann, so dass ein Austausch zum gegenseitigen Vorteil stattfinden kann, das erfordert Können. Ich habe mich ja immer wieder gefragt, wie ich Selbstkontrolle erlernen kann und genau hier liegt eine der größten Chancen, wenn alles eins ist und somit alles Ich bin, dann ist jede Form der Kontrolle, eine Form der Selbstkontrolle. Ganz offensichtlich ist nun die Zeit, um das Steuer wirklich in die Hand zu nehmen und das Gefühl, ein unbeteiligter Spielball der äußeren Umstände zu sein, hinter mir zu lassen.
 
Spruch des Tages:Poliertes Messing ist besser an die Leute zu bringen als stumpfes Gold. (Philip Dormer Stanhope Lord Chesterfieldk)
Höhenmeter. 80 m
Tagesetappe: 28km
Gesamtstrecke: 25.397,27 km
Wetter: windig, aber trocken und leicht sonnig
Etappenziel: Privates Gästezimmer, Corzé, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-03-19 18:18:40


Tag 1345: Entspannen und Genießen

Relax! Take it Easy!

12.08.2017 Heute war seit langem endlich mal wieder ein entspannter Tag. Er verlief an sich so, wie normalerweise unsere Tage fast immer verliefen, aber weil es so lange schon nicht mehr vorgekommen ist, fühlt es sich fast ein bisschen nach Urlaub an. Wir kamen in der Früh relativ pünktlich los, wanderten gute 18km auf kleinen Nebenstraßen durch Wälder, Heideflächen und Moore, kamen um 13:20 Uhr entspannt an unserem Ziel an und wurden hier bereits vom Pfarrer erwartet. Pünktlich um 14:00 Uhr konnte ich meinen Mittagsschlaf machen, der in der letzten Zeit mit viel Glück zwischen 18:00 und 20:00 Uhr stattgefunden hatte, oder oft sogar ganz ausfallen musste. Nun haben wir eine ganze Weile Zeit für uns alleine, um in Ruhe zu arbeiten und gegen 15:00 grillt uns der Pfarrer ein paar saftige Steaks mit Salat und Pellkartoffeln. So entspannt kann es doch auch gehen! 13.08.2017 Was das Genießen anbelangt schien unser Gastgeber eine einzigartige Ausnahme in diesem Land zu sein. Er liebte es zu kochen, sah das Leben entspannt, ging gerne Golfen und ließ sich von nichts und niemandem stressen. Der Konsens bei den Iren im Allgemeinen sah hingegen etwas anders aus, was gerade jetzt durch die lange Trockenperiode deutlich wurde. Normalerweise war das Wetter immer grauenhaft, so dass man es gut vor sich rechtfertigen konnte, keine Gelegenheit für Genuss zu haben. Wenn es doch einmal sonnig und warm war, dann rannte man nach draußen um sie sonnigen Stunden mit Rasenmähen, Zaun streichen, Hecken schneiden, Auto waschen oder Unkraut jäten zu verbringen. Normalerweise reichte dies aus, um die wenigen Sonnenstunden tot zu schlagen, so dass man anschließend guten Gewissens zurück ins Haus gehen und sich nach Herzenslust über den ständigen Regen ärgern konnte. Nun aber war es bereits seit Tagen trocken und langsam aber sicher war jeder Rasen geschnitten, jedes Auto gewaschen, jeder Zaun gestrichen, jede Hecke gestutzt und jedes Unkraut gejätet. Was also sollte man nun mit der Zeit anfangen? Heute war Sonntag und für hiesige Verhältnisse hatten wir herrliches Wetter. Und doch sah man niemanden im Garten. Nirgendwo wurde gegrillt, nirgendwo gab es einen genutzten Liegestuhl oder auch nur ein bereit gelegtes Buch, das auf eine Nutzung hätte hindeuten können. Ein einzelner Junge stand in einer Hofeinfahrt vor einer grauen Betonmauer und schlug lustlos einen Ball dagegen, den er immer wieder auffing. Das war alles, was wir heute sahen, das so etwas wie menschlichen Leben nahe kam. Wie selten hier jemand im Freien unterwegs ist, zeigte sich auch deutlich an einem Warnhinweisschild, an einer der Straßen auf denen wir wanderten. Dort stand tatsächlich allen ernstes „Achtung! Es könnten sich Fußgänger auf der Fahrbahn befinden!“ Die Straße war kaum breiter als ein Feldweg und somit prädestiniert für Wanderungen. Es sollte also eigentlich das normalste der Welt sein, dass man auf Sträßchen wie diesen Wanderer und Spaziergänger antrifft. Doch es war so eine Seltenheit, dass man an Stellen, an denen es eine Art offiziellen Wanderweg gab, tatsächlich eine Warnung aufstellen musste. So fern den Einheimischen das Genießen lag, so fern lag ihnen leider auch jede Form von Praktikabilität. Es war ja nicht so, als würde uns hier keine Gastfreundschaft begegnen, sie war nur um so ein vielfaches komplexer als überall sonst auf der Welt. Heute bekamen wir Nummern und/oder Adressen von drei Klöstern, zwei Pfarrern, einem Altenheim und zwei Gemeindemitgliedern, die uns einen Platz hätten beschaffen können. Bis kurz vor 18:00 Uhr und ohne eine Distanz von gut 35km war es unmöglich, auch nur einen von ihn zu erreichen. Und diejenigen, die wir erreichten kosteten uns insgesamt 3,5 Stunden Zeit, nur um irgendwo ankommen zu können. Dabei waren die Leute in der Regel nicht einmal bewusst unfreundlich, sondern nur ängstlich und verklemmt, was dazu führte, dass sie sich und anderen, das Leben unnötig schwer machten. Die Mutteroberin des Nonnenklosters erfand sogar eine hanebüchene Geschichte darüber, dass das zu ihrem Kloster gehörende Collage gerade abgerissen worden sei, und sie daher keine Räume mehr hätten. Später kamen wir am Kloster vorbei und sahen hier einen noch größeren Komplex als beim Zisterzienser-Kloster vor ein paar Tagen, der ganz und gar nicht abgerissen aussah. Das Gebot mit „Du sollst nicht lügen“ wurde hier offenbar nicht allzu ernst genommen. Die Frau im Altenheim hingegen war nicht einmal bereit, den Pfarrer auf seinem Handy für uns anzurufen. Sie fühle sich nicht wohl dabei, einen Telefonanruf für einen Fremden zu tätigen und hätte es lieber, wenn ich wieder hinaus auf die Straße gehen und dort mein Glück versuchen würde. Selbst die Brüder, die wie wir ja nur wenige Tage zuvor gehört hatten, laut eigenem Regelwerk jeden aufnehmen mussten, waren so skeptisch, dass sie nicht „Ja“ sagen wollten, ohne zuvor von irgend jemandem eine Bestätigung zu bekommen, dass wir vertrauenswürdig waren. Und die Frau, die zu diesem Zeitpunkt bei uns war und die als Messnerin direkt für den Pfarrer arbeitete, der uns eigentlich hätte helfen wollen, wenn er im Ort gewesen wäre, war nicht bereit, auch nur die geringste, positive Aussage über uns zu treffen. „Ich kann leider nichts über die Männer sagen! Ich kenne nur ihre Namen und kann bestätigen, dass sie aus Deutschland sind!“ Kein Bauchgefühl, keine persönliche Einschätzung, keine Fragen, nichts. Zum Glück reichte dies den Brüdern aus.
 
Spruch des Tages: Relax! Take it Easy!
Höhenmeter. 80 m
Tagesetappe: 28km
Gesamtstrecke: 25.397,27 km
Wetter: windig, aber trocken und leicht sonnig
Etappenziel: Privates Gästezimmer, Corzé, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:28:30


Tag 1344: Ursachen von Energielosigkeit

Ich bin alles, was existiert.

11.08.2017 Leerer Akku Nachdem wir von unserer Klosterführung zurück auf unsere Zimmer gekehrt waren, wollte ich eigentlich gleich damit beginnen, die neuen Informationen über das Mönchsleben festzuhalten und mich dann an weitere Berichte setzen. Doch es ging nicht. Mein Kopf glühte wie ein Bügeleisen und ich fühlte mich schwach und leer wie ein ausgesaugter Akku. Sobald ich auch nur einen Satz tippen wollte, fielen mir die Augen zu und ich schlief für drei bis zehn Minuten ein. Dabei war es egal, ob ich am Tisch oder auf dem Bett saß, ob ich kniete, hockte oder mich hinstellte. Wenn ich stand schlief ich zwar nicht, fühlte mich aber so schwach, dass ich kaum eine Taste drücken konnte. An so etwas wie Klarheit oder Konzentration in meinem Kopf war ohnehin nicht zu denken. Das Phänomen mit der spontanen und allgegenwärtigen Müdigkeit war nicht neu, wenngleich es nun so akut und extrem war wie nie zuvor. Ich hatte das Gefühl, keinerlei Kontrolle über mich oder meinen Körper zu haben, so als hätte man mich unter Drogen gesetzt oder mit einem psychotoxischen Mittel vergiftet. Gleichzeitig rumorte es in meinem Magen wieder wie verrückt, fast noch schlimmer als am Vortag. Immer wieder bekam ich Magenkrämpfe und mein Bauch blähte sich auf, als wolle er zerplatzen. Gegen 21:30 Uhr besuchte ich Heiko auf seinem Zimmer. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade einmal eine knappe Seite an Tagesbericht zu Papier gebracht, während Heiko gerade an seiner 21. schrieb. Man konnte also ohne schlechtes Gewissen sagen, dass ich nicht ganz auf der Höhe war. Irgendetwas ging in mir vor sich und ich verstand nicht was. Zunächst einmal waren da natürlich die akuten Themen. Meine in letzter Zeit immer mehr aufkochende Wut, die meine Leber zum überschäumen brachte und so mein Magen-Darm-System ins Chaos stürzte. Außerdem hatte ich Fieber und befand mich offenbar in irgendeinem heftigen, körperlichen Umbruchsprozess. Verwirrende Fehlprogrammierungen Gleichzeitig machten diese akuten Verstärker meiner Situation aber auch noch einmal meine chronischen Themen deutlich, mit denen ich schon lange kämpfte, ohne Fortschritte zu machen. Ich hatte immer angenommen, dass meine extreme Müdigkeit mit Schlafmangel zusammen hing, dem ich mich ja immer mal wieder aussetzte. Wäre dies der Fall, hätte es nun mit dem neuen Schlafrhythmus jedoch deutlich besser werden müssen, denn auch wenn ich damit insgesamt nicht mehr stunden Schlaf abbekomme, erholen mich die übrigen jedoch deutlich stärker, so dass ich eigentlich top fit sein müsste. Auch reichen die Erinnerungen an eine konstante Dauermüdigkeit bereits sehr lange zurück, bis weit in die Zeit vor unserer Reise, also in einen Bereich meines Lebens, der faktisch nicht einmal real war. Also muss etwas anderes dahinter stehen. Zunächst fiel mir auf, dass es einen klaren und äußerst unvorteilhaften Zusammenhang, zwischen meiner Konzentration und der Müdigkeit gibt: Je stärker ich mich auf etwas konzentrieren will, desto müder werde ich. Und je mehr ich versuche, einen Fokus zu setzen und meine Absicht auf einen bestimmten Punkt auszurichten, desto mehr zerstreuen sich die Gedanken in meinem Kopf, so dass ich abdrifte und schläfrig werde. Aus irgendeinem Grund gab es hier eine geistige Blockade in mir, die Konzentration automatisch mit Müdigkeit verknüpfte und mich so immer genau dann vollkommen ausknockte, wenn ich versuchte, besonders klar und zielorientiert zu sein. Es ging sogar noch weiter. Die Situation, die wir nun im Außen erlebten, mit all den Widrigkeiten, Zeiträubern und Ablenkungen, die dafür sorgte, dass wir nicht einmal mehr die einfachsten Tagesroutinen einhalten konnten, war ebenfalls nichts anderes als ein Spiegel dieser Fehlschaltung in meinem Kopf. Je klarer und effektiver ich an einem Thema dranbleiben wollte, desto mehr Dinge geschahen, die mich genau davon abhielten. Als ich Heiko davon erzählte und wir einige Austestungen zu dem Thema machten tastete ich mich Stück für Stück an den Kernpunkt heran. Warum hatte ich diese Verknüpfung in mir, die mir das Leben und vor allem meinen Entwicklungsprozess so schwer machte? Wechsel zwischen Menschbewusstsein und Gottbewusstsein Zunächst einmal hatte ich das Problem, dass ich noch immer versuchte aus meinem beschränkten Mesnchsein heraus einen Fokus zu finden, anstatt aus dem allbewusstsein heraus. Ich versuchte meine Konzentration krampfhaft oder im Kampf aufzubauen, anstatt ins Vertrauen zu kommen, es fließen zu lassen, zu wissen, dass ich als göttliches Wesen immer konzentriert und aufmerksam bin. Ich bin die Konzentration und muss sie nicht erreichen. Leider ist das viel leichter gesagt, als getan, den faktisch habe ich keine Ahnung was das bedeutet, und was ich nun mit dieser Information anfangen soll. Ich merke nur, dass ich Dauermüde bin und auch schon wieder beim Schreiben von diesem Text ständig einschlafe, dass mit die Zeit durch die Finger rinnt wie Wasser durch ein Sieb und dass ich ständig abgelenkt und aufgehalten werde und keine Ahnung habe, was ich dagegen tun soll. Dennoch half mit das Gespräch zumindest die Hintergründe ein bisschen besser zu verstehen und ein Gefühl dafür zu bekommen, warum ich an dem Punkt stehe, an dem ich stehe. Diese ganze Thematik mit Langsamkeit, auf der Stelle treten, keinen Fokus halten und nichts lernen zu können ist genau mein zentrales Lebensthema, bzw. das Thema mit dem ich überhaupt ins Leben komme. Am Anfang von dem, was wir „Leben“ nennen, werden wir durch den Verwirrer zunächst einmal möglichst weit von unserem Sein weggebracht, damit wir dann durch das wiedererkennen unserer Selbst die Liebe möglichst stark ausdehnen können. (Genaueres dazu findet ihr im Artikel Alles ist eins) Um dies zu erreichen gibt es immer wieder die gleiche Strategie, die sich in unterschiedlichen Formen bei allen Menschen wiederfinden lässt. Man bekommt die Illusion vorgespielt, dass einem eine bestimmte Sache sehr leicht fällt und man sie gut kann, ohne etwas dafür tun zu müssen. Doch anstatt das dieses Talent oder diese Gabe dazu führt, dass man Freude, Leichtigkeit und Glück im Leben erfährt, wird sie mit unangenehmen, negativen Erfahrungen und Gefühlen verknüpft. Obwohl man hier gut ist, bekommt man keine Anerkennung, Dankbarkeit oder Wertschätzung dafür, sondern Ablehnung, Leid und Zurückweisung. Bei Shania war dies unter anderem die Kunst der Verführung und das Ausleben ihrer Weiblichkeit. In den Illusionsfilmen, zu beginn ihres Lebens bekam sie gezeigt, dass sie ohne etwas dafür tun zu können anziehend und verführerisch auf Männer wirkte und dass sie eine natürliche, feminine und gleichzeitig geheimnisvolle Präsenz hatte, die ihr Sein wiederspiegelte. Dadurch konnte sie unter anderem auch mit Leichtigkeit als Messehostess arbeiten und bekam ohne jede Anstrengung Geld dafür, dass sie einfach nur da war und zumeist noch Spaß haben durfte. Doch zur gleichen Zeit war dies immer auch mit Schmerz und Leid verbunden. Ihre freunde unterdrückten sie, machten sie runter und schränkten sie ein, sie rutschte in die Drogensucht ab, erlebte Prostitution und Vergewaltigung und sammelte dadurch so viele Negativassoziationen, dass sie ihr Sein schließlich vollkommen vergrub und ablegte. Dann kam der Punkt, an dem sie aus den Illusionsfilmen ins Realleben überging und hier wirkten sich nun die zuvor verknüpften Negativassoziationen so aus, dass sie das genaue Gegenteil erlebte. Alles was zuvor leicht und locker war, wurde nun plötzlich schwer und anstrengend. Um auch nur die Voraussetzungen für eine weibliche Präsenz zu erschaffen, wurden nun eine ganze Reihe von Wandlungsschritten nötig, die zum Teil mit Schmerzen, Kosten und hohem Aufwand verbunden waren. Dadurch musste sie nun einen Job bei einer Versicherungsagentur annehmen, der sie zwang, Tag für Tag in einem Großraumbüro an einem winzigen Schreibtisch zu sitzen und hunderte von Telefonate zu führen, was sie nicht selten in den Wahnsinn trieb. Alles von dem, was sie in den Filmen als einfach und fluschig, dafür aber Leidbringend gezeigt bekommen hatte, war nun also plötzlich schwer, anstrengend und hart, gleichzeitig aber auch der Schlüssel in die Freiheit. Nicht anders war es auch bei mir. Meine Verknüpfungspunkte lagen im Bereich Lernen, Verstehen, Wissen und logisches Denken. Glaubte ich meinen Erinnerungen an meine Kindheit und Jugendzeit, dann war ich stets der Musterschüler, der mit Leichtigkeit durch den Schulalltag tänzelte, ohne sich je für eine Prüfung anstrengen zu müssen. Der Unterrichtsstoff floss geradezu in mein Hirn und wurde sofort behalten, verarbeitet und umgesetzt. Ich verstand Dinge so schnell und leicht, dass ich meinen Mitschülern Nachhilfe gab, die den Stoff gemeinsam mit mir, vom gleichen Lehrer erklärt bekamen. Ich war also stets einer der Schlausten und Intelligentesten Menschen in meiner Umgebung. Und doch brachte mir dies keinerlei Vorteile. Im Gegenteil. Ich wurde gehänselt, gemobbt und ausgegrenzt. Ich war der Streber, den niemand mochte, gerade weil er schlau war und der daher stets versucht war, seine Leistungen und seine Fähigkeiten herunter zu spielen und hinter dem Berg zu halten. Selbst von Seiten der Eltern gab es kein Lob und keine Anerkennung für positive Leistungen in diesem Bereich. Es war ja normal, dass ich gute Noten heim brachte, warum also hätte man dies großartig erwähnen sollen? Die erste Frage, die sich aufdrängt, wenn man auf diese Erinnerungen zurückblickt lautet: „Kann dies real gewesen sein?“ Wenn doch alles Liebe ist und somit auch alles auf Wachstum und Entwicklung ausgerichtet ist, wieso sollte einen das Leben dann gerade dafür bestrafen, dass man seine Talente lebt? Wie würde dies zu der Aussage passen, dass einem das Leben stets genau die Hinweise schickt, die man braucht, um sein Darma zu finden und um auf seinem Lebensweg weiter voranzukommen? Das passt nicht zusammen. Jede Form von Leid ist eine Illusion. Jede Form von Negativität ist eine Illusion, da alles, was existiert nur der Ausdehnung der Liebe dient. Somit kann dieser Tobias Krüger, an den ich mich da erinnere nicht real gewesen sein. Er ist nicht mehr, als eine Filmschauspielrolle, die ich gezeigt bekommen habe, um mich genau von den Punkten wegzubringen, die meinem wahren, göttlichen Sein entsprechen. Der erste Punkt, an dem ich gerade festhake ist also der, dass ich meine Tobias-Rolle noch immer als real ansehe und mich daher selbst für einen von allem getrennten Menschen halte. Selbst wenn es mir hin und wieder gelingt, das alte Loszulassen und zu erkennen, dass Tobias eine Illusion und tot ist, dann tausche ich dabei diese alte Rolle lediglich gegen die neue des Franz ein, der in meinen Augen aber noch immer ein von allem getrennter Mensch ist. Und hier ist nun der Knackpunkt: Warum glaube ich, dass ich ein getrenntes Einzelwesen bin, das sich alleine seinen Weg durchs leben kämpfen muss? Komplett kann ich die Frage leider noch immer nicht beantworten, aber ein wichtiger Grund ist, dass ich stets alles nur aus meiner Perspektive sehe. Mir fehlt es an Empathie. Auch dies ist so eine Eigenschaft, die mir in den Filmen immer als etwas Leichtes verkauft wurde, das mir jedoch keinen Vorteil einbrachte. Früher glaubte ich, mich in alles und jeden hineinversetzen zu können, ohne mich dafür auch nur im Geringsten anstrengen zu müssen. Doch ging es dabei immer nur darum, die Harmonie zu waren und mich selbst noch besser anpassen und verbiegen zu können. Heute fällt es mir schwer, auch nur die oberflächlichsten Hinweise auf das Seelengeflecht eines anderen Menschen oder Wesens zu sehen. Es fühlt sich an, als wäre ich in dieser einen Perspektive gefangen oder eingerostet, so dass ich nicht mehr hin und her wechseln kann. Doch gerade das ist wichtig um zu erkennen, dass man eben kein einzelnes, getrenntes Wesen ist. Ich bin nicht nur Franz, der durch Irland wandert und sich über die lauten Straßen und die kläffenden Hunde ärgert. Ich bin auch die Autos, die an mir vorbeirauschen. Ich bin der Asphalt mit den groben Steinen darin. Ich bin der Hund, der gelangweilt im Regen unter dem Dachvorstand liegt und sich darüber freut, dass endlich jemand vorbeikommt, an dem er mit lautem Bellen seinen Frust ablassen kann. Ich bin auch der Regen, der Frust und der Dachüberstand. Vor allem aber bin ich derjenige, der all dies erschaffen hat. Warum also ärgere ich mich die ganze Zeit überall die Dinge, dich ich zuvor selbst habe entstehen lassen? Meine Aufgabe ist also, wieder zwischen den Perspektiven hin und her zu wechseln, um zu erkennen, dass alles ein uns das selbe ist und um das „Menschsein“ aufzulösen. Wie ich das genau anstelle weiß ich noch nicht, aber ich hatte heute zumindest schon einmal einen Geistesblitz, der mich auf eine alte Technik brachte, mit der ich den Perspektivenwechsel üben kann. Bei meinem Wildnismentoring gab es immer wieder das Thema „Shadowing“, als eines der wichtigsten Lernwerkzeuge überhaupt. Auch in unserem Buch „Die natürliche Heilkraft der Bäume“ spielte es eine wichtige Rolle und doch habe ich nun noch einmal das Gefühl, es auf eine völlig neue Weise verstanden zu haben. Bislang dachte ich immer, dass es darum ging, ein anderes Wesen zu imitieren um von ihm zu lernen, um nachfühlen zu können, was es fühlt, und um zu verstehen, warum es so ist, wie es ist. Das ist natürlich auch ein wichtiger Teil davon, aber der Punkt um den es eigentlich geht ist, zu erkennen, dass man das andere Wesen ist. Es gibt keinen Unterschied zwischen ihm und uns. Wir sind eins.
 
Spruch des Tages: Ich bin alles, was existiert.
Höhenmeter. 90 m
Tagesetappe: 35 km
Gesamtstrecke: 25.379,27 km
Wetter: windig, aber trocken und leicht sonnig
Etappenziel: Ehemaliges Pfarrhaus, Montreuil-Juigné, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:27:48


Tag 1343: Das Zisterzienser-Kloster

So ist das mit den guten Vorsätzen.

Fortsetzung von Tag 1342: Ziel unserer Reise war heute das Zisterzienser Kloster von Roscrea, von dem uns bereits einige Pfarrer erzählt haben. Es war ein gewaltiger Komplex, zu dem unter anderem auch eine Eliteschule und ein Gästehaus gehörten. Zum ersten Mal in Irland bekamen wir hier ohne irgendwelche Komplikationen einen Schlafplatz, da das Gästehaus speziell zu diesem Zweck geschaffen wurde. Unsere Gefühle beim Betreten des Komplexes waren dennoch etwas gemischt, denn mit unserer Vorstellung von einem Kloster hatte dies mal wieder sehr wenig zu tun. Vor allem irritierte uns der viele Verkehr, denn obwohl der Tag nicht gerade ruhig gewesen war, fuhren hier auf dem Klostergelände mehr Autos an uns vorbei, als auf der ganzen Strecke zuvor. Die meisten von ihnen waren Luxuskarossen, die auf ein eher gehobeneres Klientel schließen ließen. Später fanden wir heraus, das heute gerade Tag der offenen Tür im College war, an dem sich die potentiell zukünftigen Schüler und deren Eltern ihre neue Schule zeigen lassen konnten. In diesem Rahmen gab es auch eine kleine Klosterführung, die vom Abt veranstaltet wurde und an der auch wir teilnehmen durften. Dabei erzählte er uns einige spannende Hintergründe über das Leben als Mönch und die Entstehun des Mönchstums an sich, die wir für euch im Artikel „Geschichte der Mönche“ zusammengefasst haben. Lustigerweise kam er dabei auch auf das Thema des Aufweichens der Regeln und die Probleme zu sprechen, die es mit sich brachte, wenn ein Kloster zu reich wurde. Er erzählte es als ein Problem aus der Vergangenheit, beschrieb damit aber genau den gegenwärtigen Zustand seines Klosters. Er erwähnte aber auch, dass nicht nur die Franziskaner, sondern alle Orden, die auf den heiligen Benedikt zurück ginge, Gastfreundschaft als einen festverankerten Grundsatz hatten. Jeder Gast, so stand es im Regelwerk festgeschrieben, sollte empfangen werden, als wäre er Christus selbst. Und dies unabhängig davon, welchen Glauben und welche Einstellung er hatte oder aus welchem Grund er eine Unterkunft suchte.
 
Spruch des Tages: So ist das mit den guten Vorsätzen.
Höhenmeter. 40 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.344,27 km
Wetter: windig, aber trocken und leicht sonnig
Etappenziel: Gemeindesaal der Stadt, Daon, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:27:08


Tag 1342: Was ist eigentlich Heimweh?

Nur weil man an einem Ort geboren wurde, muss man

Die Hälfte der Strecke hatten wir heute einen Wandergefährten, oder besser einen Radlergefährten. Es war ein junger Mann, der vor acht Jahren nach Australien ausgewandert war, gerade seine Familie und seine Freunde besuchte und an seinem letzten Tag noch einmal sein Heimatland mit dem Rad durchstreifen wollte. Was seine Meinung zu diesem Heimatland anbelangte, war er äußerst geteilt. Auf der einen Seite freute er sich immer wieder auf die grünen Hügel und die weiten Wege durch die Natur. Die Farbe Grün war in Australien, zumindest in Melbourne, also in dem Bereich in dem er lebte, eher eine Mangelware. Dafür regnete es dort natürlich auch keine 300 Tage im Jahr, wie es hier an einigen Orten der Fall war. 300 Tage Gesamtregen! Könnt ihr euch das vorstellen? Er befand sich spürbar in der gleichen Zwickmühle, die auch wir vor unserem letzten Deutschlandbesuch durchlebt hatten. Auf der einen Seite wusste er um die vielen Nachteile seines Landes und er war sich auch durchaus bewusst, dass es neben der hübschen Australierin, die ihn nach Down-Under verschlagen hatte durchaus weitere Gründe gab, warum er das Land verlasen hatte. Auf der anderen Seite spürte er aber auch, dass in Australien auch nicht alles Milch und Honig war und dass der Ortswechsel alleine ihn nicht glücklich machte. Also begann er Irland auf ein Podest zu stellen, in dem alles besser, schöner und einfacher war als in Australien. Er wusste dass es nicht stimmte und er war sich vollkommen im Klaren darüber, dass sein Leben unendlich viel komplizierter und anstrengender werden würde, wenn er hier her zurück kehrte. Aber irgendetwas in ihm, löste dennoch diesen Impuls aus. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Nur weil man an einem Ort geboren wurde, muss man dort nicht zwangsläufig zuhause sein.
Höhenmeter. 140 m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 25.330,27 km
Wetter: windig, aber trocken und leicht sonnig
Etappenziel: Privates Gästezimmer, Château-Gontier, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:26:24


Tag 1341: Fährenbuchung mit Hindernissen

Wie schön, dass die moderne Technik unser Leben er

10.08.2017 Es heißt, „wenn du Gott zum Lachen bringen willst, dann mach einen Plan!“ In unserem Fall hatte Gott heute mal wieder ein bisschen mehr zu lachen. Da planten wir nun bereits seit über einer Woche, unsere Fähre von Cork aus nach Frankreich zu nehmen und richteten unseren kompletten Tagesablauf auf dieses Ziel aus. Nun stellte ich zufällig fest, dass die Fähre, die einmal in der Woche von diesem Hafen aus abfuhr, bereits vollkommen ausgebucht war. Wir hatten uns Gedanken darüber gemacht, ob wir für die 15 Stunden Fahrt wohl noch eine Kabine bekommen würden und nun bekamen wir nicht einmal mehr einen Platz an Deck. Hätten wir uns darauf verlassen, dass diese Fähren ähnlich funktionieren wie die von Igumenitsa oder Caley aus, hätten wir uns weitere 10 Tage durch das komplexeste Gebiet unserer Reise gekämpft, durch eine Industriegroßstadt gequält und am Ende festgestellt, dass wir in der Fall saßen. So aber machte ich eine sonderbare Entdeckung. Wir hatten sämtliche Alternativfähren ausgeschlossen, weil diese von einem Punkt im Südosten der Insel aus fuhren, was uns wie ein übertriebener Umweg vorkam, den wir zwingend vermeiden wollten. Tatsächlich aber hatte die Geografie des Landes getäuscht und der Alternativhafen lag sogar gute 20km näher als der Hafen von Cork. Zudem gab es, wie wir später erfuhren sogar ein Franziskanerkloster in der angrenzenden Stadt, was unsere Punktlandung deutlich erleichtern könnte. Um nicht schon wieder ins offene Messer zu rennen, riefen wir gleich von unterwegs die Hotline der Fähre an und bestellten uns einen Platz. Das war nicht so leicht, wie es vielleicht klingen mag, denn ich verstand ungefähr jedes zweite Wort der Telefonistin und sie in etwa jedes zweite von mir. Allein herauszufinden, ob es noch freie Kabinen gab, wurde zu einem Staatsakt und an ein Gespräch über Sponsorpartnerschaften war nicht einmal zu denken. Bleibt nur zu hoffen, dass die geduldige Dame unsere Kreditkartennummer, die Namen und unsere Mailadresse nach dem siebten Buchstabierungsversuch richtig verstanden hat. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Wie schön, dass die moderne Technik unser Leben erleichtert.
Höhenmeter. 140 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 25.311,27 km
Wetter: Regen und peitschender, kalter Wind
Etappenziel: Privates Gästezimmer, Saint-Sulpice, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:19:21


Tag 1340: Burger im Nobelrestaurant

Ein nobles Resraurant bedeutet noch kein gutes Ess

Fortsetzung von Tag 1339: Kurze Zeit später bekamen wir dann doch noch einen Rückruf von unserem Pfarrer. Er selbst war leider nicht zu hause, doch er würde uns eine Frühstückspension organisieren und dafür sorgen, dass wir etwas zum Mittag bekamen. Die Pension war leider wieder einmal erst ab 17:00 Uhr geöffnet, aber das waren wir ja nun bereits langsam gewöhnt. Mittagessen bekamen wir in einem alten Schloss, etwa 2km außerhalb des Ortes, das in ein Hotelrestaurant umgebaut worden war. Es war ein recht nobles Etablissement das von seinem Ambiente fast an unser Luxusrestaurant in Österreich heranreichte. Umso mehr wunderte es uns, dass es sich bei acht der zehn Speisen auf der Tageskarte um Burger oder Sandwichs handelte. Die beiden übrigen Gerichte waren Nudeln und Fisch. Bereits seit gestern Abend war ich gesundheitlich etwas angeschlagen. Shania hatte einige hundert Kilometer von uns entfernt einen weiteren wichtigen Wandlungsschritt durchlaufen und so wie es aussah hatte ich einen Teil ihrer Angst übernommen, der sich nun bei mir in Form einer Magen-Darm-Verstimmung äußerte. Anders als ich es gehofft hatte, führte das fettige und schwere Essen in der Burg nicht dazu, dass es besser wurde, sondern trug viel mehr dazu bei, dass ich am Abend vollkommen ausgeknockt war. Es war eine Kombination auf mehreren Dingen, die hier zusammenkam. Zum einen war da das Sympathisieren mit Shania und zum anderen eine Menge aufgestauter Wut und Ärger darüber, wie sich die Dinge hier gerade gestalteten. Es regte mich auf, das hier alles so anstrengend und zeitraubend war, und dass ich mit nichts wirklich voran kam. Es wollte mir einfach nicht gelingen, das ganze als Lernprozess und wichtige Erfahrung zu sehen, weshalb meine Leber nun langsam am Überkochen war. Am Abend versuchten wir es daher einmal mit einer Ohrakupunkturbehandlung, um Magen und Leber zu beruhigen. Der Erfolg bei meiner Leber war eher mäßig, aber zumindest beruhigte sich mein Magen-Darm-Trakt wieder.
 
Spruch des Tages: Ein nobles Resraurant bedeutet noch kein gutes Essen.
Höhenmeter. 30 m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 25.294,27 km
Wetter: Sonnig, leichter Wind
Etappenziel: Kloster „Abbatiale du Port Salut“, Entrammes, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:18:33


Tag 1339: Warum wird Torf abgebaut?

Wenn es um die Zerstörung unseres Planeten geht, l

09.08.2017 Zunächst sah es aus, als wäre unsere Glückssträhne in Sachen Schlafplatzorganisation erst einmal wieder abgebrochen Pater Guinan versuchte zwar den zuständigen Kollegen in unserem Zielort zu erreichen, hatte damit aber keinen Erfolg. Es blieb also nichts als zu vertrauen, dass es auch so irgendwie klappen würde. Auch heute hatten wir wieder herrliches Wanderwetter und kamen dabei sogar ganz ohne Schauer aus. Das Kommentar eines Mannes, der uns auf halber Strecke mit Essen versorgte lautete: „So viel Sonne auf einmal ist äußerst abnormal für unsere Gegend hier!“ Bereits in den letzten Tagen waren wir immer wieder an kleineren und größeren Torfabbaugebieten vorbei gekommen und die Frau von der Gemeindehalle hatte uns gestern einiges darüber erzählt. Einen professionellen, großindustriellen Abbau gab es ihrer Ansicht nach nicht. Es ging viel mehr um die Privatversorgung der Einheimischen, die ausschließlich oder zu großen Teilen mit Torf heizten. Dazu konnte man bestimmte Flächen im Moor für ein Jahr kaufen, die dann als Trocknungsbereiche dienten. Hier her bekam man seinen Torf geliefert, den man dann in die handlichen Würste presste und zum Trocknen auslegte. „Glaubt es oder nicht!“ hatte die Frau gesagt, „Aber aus irgendeinem Grund trocknet der Torf dabei obwohl er im Freien liegt und obwohl es hier ständig regnet.“ Sorgen darüber, dass der Torf eines Tages abgebaut sein könnte, so dass nichts als totes Land übrig blieb, machte sie sich nicht. „Es gibt unendlich viel Moor hier, das kann man gar nicht aufbrauchen!“ meinte sie. Heute auf unserer Wanderung bekamen wir dazu jedoch einen anderen Eindruck. Das Moor mochte unvorstellbare Ausmaße haben, aber dass es hier keinen industriellen Großabbau gab, konnte man leider nicht behaupten. Vor uns lag eine Verwüstung, die fast bis zum Horizont reichte und in der man das hübsche Heidemoor in eine trostlose Marslandschaft verwandelt hatte. Dass sich das Material als Brennstoff eignete zeigte sich dabei unter anderem auch an den vielen Warnhinweisen für Feuergefahr, den Verkehrsüberwachungskameras und den strickten Verboten, irgendeine Form von offenem Feuer zu verursachen. Die Traktoren, die auf der Abbaufläche patrouillierten hatten sogar Feuerlöscher an der Vorderseite montiert, mit denen man einen evtl. auftauchenden Schwelbrand sofort löschen konnte.
 
Spruch des Tages: Wenn es um die Zerstörung unseres Planeten geht, lernt der Mensch wohl nie.
Höhenmeter. 20 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 25.279,27 km
Wetter: Windig aber sonnig
Etappenziel: Pfarrhaus, Changé, Pays de la Loire Mayenne, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:17:45


Tag 1338: Die Geschichte Irlands in Kurzform

Es ist bedeutend leichter, einen unangenehmen Umst

08.08.2017 Warum Irland ist, wie es ist... Unser Pfarrer war kein besonders spiritueller Mann, ähnlich wie die meisten Pfarrer die wir in letzter Zeit getroffen haben. Wo ich das gerade erwähne fällt mir auf, dass dies hier ein weitverbreitetes Phänomen ist. Ein Pfarrer sieht sich hier selbst in der Regel nicht als Mann des Glaubens oder der Spiritualität, sondern eher als einen Religionswissenschaftler an, der versucht, den Menschen den geschichtlichen, praktischen und gedanklichen Nutzen von Religion nahe zu bringen. Es geht nicht darum, die Menschen zu Gott zu führen, also ihnen aufzuzeigen, wie sie in ihre eigene Kraft, ins Vertrauen, in die Erleuchtung, ins Erwachen kommen können, sondern eher, sie davon zu überzeugen, dass der eigene Dienstleistungsanbieter in Form der Religionszugehörigkeit der beste ist. Wir haben nun schon sehr viele Pfarrer besucht und uns mit vielen auf gut unterhalten, doch ging es dabei fast nie um Glaubensfragen oder etwas in der Richtung. Tatsächlich hatte ich das tiefste und intensivste Gespräch über Glauben und die Frage, wer oder was Gott eigentlich ist, mit einem afghanischen Dönerbudenbesitzer, während ich auf meine Pizza wartete. Es ist schon etwas kurios, dass man hier als christlicher Mönch und Pilger täglich mit christlichen Priestern zu tun hat und den einzig nennenswerten Austausch über Spiritualität, bei dem ein tiefes, gegenseitiges Verständnis und eine Offenheit für den anderen spürbar wird, mit einem muslimischen Fastfood-Koch stattfindet. Aber zurück zu unserem Pfarrer. Worin der Mann bewandert war, was Geschichte, vornehmlich die Geschichte Irlands. Als wir am Abend in seiner Küche kochten, erzählte er uns einige Hintergründe, die uns halfen die Einheimischen und ihre Kultur etwas mehr zu verstehen. Anders als ich es geglaubt hatte, blickte Irland nicht auf fünf oder sechs Jahre des Bürgerkriegs mit Großbritannien zurück, sondern auf rund 1000 Jahre. Seit des frühen Mittelalters hatte es hier schon immer Kriege und Auseinandersetzungen mit den Briten gegeben, stets mehr oder minder erfolgreich versuchten, die Iren zu unterdrücken und zu versklaven. Es begann mit simplen Gebietskämpfen irgendwann um 11.000 nach Christi und wurde mit der Rebellion von Henry VIII gegen den Papst so richtig akut. Zumindest wenn man der offiziellen Geschichtsschreibung glaubt, dann basiert die gesamte Geschichte und religiöse Entwicklung Britanniens darauf, dass sich Papst Clemens VII aus irgendeinem Grund weigerte, die Eheschließung des englischen Königs mit seiner Braut anzuerkennen. Darüber war Henry so erzürnt, dass er beschloss, mitsamt seines Königreichs aus der katholischen Kirche auszutreten und sich selbst zum Oberhaupt einer neuen Kirche zu machen. Dies war die Geburtsstunde der anglikanischen Kirche, mit der wir ja schon einige Erfahrungen gemacht haben. Irland hingegen wollte bereits damals nicht Teil des britischen Königreichs und erst Recht nicht Teil dieser komischen, neuen Glaubensgemeinschaft sein, sondern hielt dem Papst die Treue. Ich kann nicht sagen, was wirklich dahinter steckt, denn wie immer bei religiösen Konflikten wird auch hier mehr dahinter sein, als man auf den ersten Blick erkennen kann. Aber von diesem Moment an begann eine Odyssee der Intrigen, der Meuchelmorde und kriegerischen Auseinandersetzungen. Vater Noonan kannte jedes Detail davon und erzählte und genau, wann welcher König von seinem Sohn, Bruder, seiner Frau oder seiner Oma ermordet wurde, um den Thron zu übernehmen und die Macht an sich zu reißen. Dabei kam es fast immer auch zu einem Wechsel zwischen katholischen und anglikanischen Machthabern, wobei die Religion hier meines Erachtens rein als Werkzeug und Rechtfertigung genutzt wurde. Für Irland bedeutete dies jedoch fast immer, dass es auf die eine oder andere Weise von den Briten unterdrückt wurde. Über viele Jahrhunderte hinweg, gehörten fast alle Ländereien auf der irischen Insel englischen Adelsfamilien, die zumeist irgendwo in Britannien wohnten und ihr Land nur über Mittelsmänner verwalten ließen. Die Iren, die hier lebten mussten Steuern und abgaben zahlen und sich an die Regeln halten. Hin und wieder gab es dabei natürlich Aufstände in denen die Iren versuchten frei und unabhängig zu werden. Der bekannteste wurde von einem Mann namens Boykott angeführt, der die Strategie wählte, sämtliche Forderungen und Regelungen der Briten mit Ignoranz zu strafen. Daher kommt auch das Wort boykottieren, um auszudrücken, dass man jemanden ignoriert oder ausschließt um seinen Willen durchzusetzen. Diese Fehde setzte sich permanent fort und mündete schließlich in dem Krieg von vor einigen Jahren, in dem weniger mit Boykottierungen und mehr mit Bombenanschlägen gearbeitet wurde. Die Angst vor Übergriffen steckt also seit vielen Generationen tief im Ahnengedächtnis der Einheimischen hier fest. „Was die vielen Zäune und Verbotsschilder betrifft“, fuhr der Pfarrer fort, „habe ich zwei Ideen, die das erklären könnten. Zum einen müsst ihr euch vorstellen, dass wir Iren seit Generationen auf fremdem Land gelebt haben. Alles um uns herum gehörte fremden Briten, die niemand je zu Gesicht bekam und deren es nur um ihren finanziellen Vorteil ging. Nun haben wir zum ersten Mal seit knapp 1000 Jahren unser eigenes Land und das wollen wir nun natürlich beschützen. Ich glaube das hier nun viel so ein Gefühl auftaucht von 'Das ist nun meins, deswegen darf es niemand mehr betreten oder anfassen.' Der zweite Faktor ist, dass sich in Irland von Seiten der Rechtslage und der Versicherungen das gleiche System etabliert, das es auch in Amerika gibt. Das bedeutet, dass man jeden erst einmal für alles haftbar machen kann, solange dieser nicht beweisen kann, dass man selber schuld ist. Verstauche ich mir beispielsweise den Knöchel, wenn ich auf der Straße gehe, dann ist das meine Schuld. Verstauche ich ihn mir, wenn ich mich auf deinem Land befinde, kann ich dich dafür verklagen. Es sei denn, du hast mir ausdrücklich verboten, dein Land zu betreten, denn dann habe ich gegen ein Recht verstoßen und die Haftung erlischt.“ Ein weiterer Faktor, der zur Skepsis und zur generellen Verschlossenheit beitragen könnte ist der, dass es eine recht eigensinnige Art von Interirischem Tourismus gibt. Wanderer aus dem Ausland kennt man so gut wie gar nicht und wenn man einen Fremden sieht, assoziierte man ihn als erste mit dem hier bekannten irischen Campertourismus. Die Campingurlauber sind jedoch alles andere als beliebt und haben den Ruf, laut, dreist unverschämt und nicht selten sogar etwas kleptomanisch veranlagt zu sein. Wenn sie irgendwo klingeln, dann fragen sie nicht nach irgendetwas, sie fordern es ein und dies meist ohne die geringste Höflichkeit. Dies führt natürlich dazu, dass man Fremden gegenüber erst einmal skeptisch ist. Auf der einen Seite waren diese Erklärungen sehr einleuchtend und halfen uns dabei, die Iren noch einmal in einem anderen Licht zu sehen. Auf der anderen Seite musste man allerdings sagen, dass man sich auch nicht zu sehr darauf ausruhen durfte. Wenn man sich beispielsweise die Geschichte des Balkans anschaut, dann sieht diese sehr ähnlich aus und ist ebenfalls von Kriegen, Konflikten und Unterdrückung geprägt. Und doch haben sich die Menschen dort bei weitem mehr Offenheit und Zwischenmenschlichkeit bewahren können. Heute in der Früh bereitete uns Pater Noonan noch ein Müsli-Frühstück zu und führte einige Telefonate mit Pfarrern in der Umgebung. Der Zuständige Priester für unseren geplanten Zielort war mal wieder im Urlaub und so planten wir die gesamte Route kurzerhand um. Am Ende landeten wir bei Pater Guinan, einem rüstigen Rentner, der fast sein ganzes Leben in Amerika verbracht hatte. Wir hatten uns um 15:00 Uhr mit ihm an seiner Kirche verabredet, doch wie in diesem Land offenbar üblich klappte dies mal wieder nur bedingt. Er war auf einer Beerdigung, die sich bedeutend länger hinzog, als er es erwartet hatte und so kam er erst eineinhalb Stunden später. In der Zeit saßen wir bei einem Tee und einigen Marmeladentoast in der anliegenden Gemeindehalle. Langsam aber sicher spürten wir, dass wir es einfach akzeptieren mussten, dass man in diesem Land niemals vor 17:00 Uhr irgendwo ankommen konnte und dass man einfach nur noch Nachts arbeiten konnte.
 
Spruch des Tages: Es ist bedeutend leichter, einen unangenehmen Umstand anzunehmen, wenn man versteht warum er ist, wie er ist.
Höhenmeter. 50 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 25.267,27 km
Wetter: Dauerregen ohne Ende
Etappenziel: Besprechungssaal, Montflours, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-26 09:17:02


Tag 1337: Irlands Schönheit

Bei Sonnenschein sieht doch gleich alles wieder ga

07.08.2017 „Man braucht Sonne, um Irlands Schönheit erkennen zu können!“ Dieser Satz des Pfarrers kam uns heute einige Male in den Sinn, denn heute hatten wir das erste Mal einen wirklich sonnigen und sommerlichen Tag. Und der Mann hatte Recht gehabt. So bei Sonne betrachtet und gerade hier im Zentrum, wo es etwas weiter und offener wurde, wirkte tatsächlich alles bedeutend schöner und angenehmer. Unsere Tagesetappe betrug auch heute wieder 32km und wir waren rechtschaffen kaputt, als wir am Ziel ankamen. Aber es war wieder ein Wandern und nicht nur ein abreißen von Strecke. Bei unserer Halbzeitstation bekamen wir sogar ein Eis mit auf den Weg. Was brauchte es also mehr, um ein echter Sommertag zu sein. Wie häufig solche Tage hierzulande sind erkannte man recht gut am Kommentar des Pfarrers, als er heute morgen den wolkenlosen Himmel sah: „Oh, na dann regnet es wohl heute erst am Nachmittag!“ Auch damit sollte er Recht behalten, aber es gab nur einen kurzen Schauer, der fast nicht der Rede wert war, so dass man den Tag quasi also komplett trocken durchgehen lassen konnte. Der Weg führte uns dabei auf kleinen, überwiegend einsamen Straßen durch ein Moor, in dem großflächig Torf abgebaut wurde. Man nutzte ihn hier zum Heizen, wobei er in kleine wurstähnliche Ballen gepresst und im Freien getrocknet wurde. Wie das in einem Land mit permanentem Dauerregen funktionierte war uns zwar ein Rätsel, aber offenbar funktionierte es. Ähnlich wie die Schotten mit ihren Wäldern hielten auch die Iren dabei offensichtlich nicht allzu viel von nachhaltigem Rohstoffabbau. Es sei denn natürlich, man bezieht das „nachhaltig“ auf „Abbau“ und nicht auf „Rochstoff“. Denn wenn man hier mit dem Abbau einmal fertig war, dann blieb nichts übrig als tote Erde. Das Moor war also durchaus nachhaltig entfernt worden, genau wie die Schottischen Wälder nach der Rodung für immer oder zumindest für sehr lange Zeit verschwanden. Die Engländer waren mit ihren Kohlevorkommen ja auch nicht anders vorgegangen, nur waren sie schon fertig und es war nichts mehr übrig, deswegen fiel es nicht mehr so auf. Man verstand nun aber, warum die Briten schon seit Jahrhunderten weltweit führend darin waren, Länder und Ressourcen auszubeuten und zu unterwerfen. Sie gingen mit sich selbst kein bisschen anders um. Mitten durch das Moor führten auch zwei Radwege, von denen einer nach Dublin führte. Sie waren bei Touristen sehr beliebt und dies wiederum führte dazu, dass sich das Ortsbild entlang des Weges spontan änderte. Plötzlich war alles gepflegt und geordnet. Die Gärten waren mit Blumen verziert, die Gräber prunkvoll geschmückt und die Straßen bestens instand gehalten. Es gab Informationstafeln, Parkanlagen und sogar die alten, verfallenen Baracken waren hübsch angestrichen. Nur 100m weiter hatte alles sofort wieder das übliche, trostlose grau und die Spuren des Verfalls, doch solange man sich am Touristenweg aufhielt, war es schön und einladend. Eine nette Abwechslung nach den letzten Tagen. Einzig der Wind und die vielen aggressiven Hunde, die uns bei 9 von 10 Häusern kläffend hinterher rannten waren etwas störend. Schade war auch, dass es hier nahezu keine Ortschaft gab, die nicht an einer grauenhaften Hauptstraße lag, so dass man am liebsten gleich wieder zurück ins Moor laufen wollte, wenn man dort ankam. Es war einfach nicht sinnvoll, Straßen mit einem Belag zu bauen, der weit mehr an Waschbeton, als an Asphalt erinnerte. Dann noch ein paar kreischende Teenie-Mädchen, ein Rasenmäher direkt neben der Kirche, ein paar Motorräder, die ihre Motoren aufheulen lassen und eine schrille Sirene im Hintergrund. Was braucht man mehr, um einen Ort zu erschaffen, an dem sich jeder rundum wohl fühlt und sicher ganz und gar nicht geisteskrank wird?
 
Spruch des Tages: Bei Sonnenschein sieht doch gleich alles wieder ganz anders aus!
Höhenmeter. 430 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 25.249,27 km
Wetter: Sturm, leichter Regen
Etappenziel: Best Hotel, Sant Baudelle, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 21:16:04


Tag 1336: Ohne Geld durch Irland

Spruch des Tages

Fortsetzung von Tag 1335: Das Land wandelt sich Auch wenn die Landschaft selbst noch immer überall aussieht wie an unserem ersten Tag auf diese Insel, gibt es doch einige auffällige Veränderungen. Die Kirchen werden nun immer kleiner und gewöhnlicher, je mehr wir uns aus dem Grenzgebiet und damit auch aus dem früheren Kriegsgebiet entfernten. Es wurde also noch einmal deutlich, dass all der Prunkt und all die Größe nichts mit dem Glauben an sich, sondern nur mit dem Konkurrenzkampf jener zu tun hatten, die die Religion für ihre Machtspielchen und ihr Ego missbrauchten, ähnlich wie es auch in Bosnien der Fall gewesen war. Seltsam war jedoch, dass sich auch die Pfarrern selber komplett zu wandeln schienen. Dort, wo im Norden nur pompöse und gut gepflegte Kirchen gewesen waren, haben wir auch nur penible, ordentliche und zumeist etwas spießige Pfarrer getroffen, die stets dafür sorgten, dass Kirche wie Villa in bestem Zustand waren. Hier im Süden trafen wir hingegen nur Messis, deren Häuser innen wie außen in einem katastrophalen Zustand waren und die zumeist ein schlampiges Jungegesellenleben führten. Dies war bislang keine Tendenz sondern ein Switch, der mit Grenzübertritt begonnen hatte und seither zu 100% zutraf. Aber auch die Häuser und Gärten der Privatpersonen wandelten sich, wobei ich noch nicht sicher bin, ob mir die Wandlung gefällt. Die Häuser werden zunehmend schäbiger und ärmer. Farben gibt es fast keine mehr und viele der noch immer bewohnten Häuser wirken verlassen und verfallen. Selbst die Häuser der Reichen waren hier kalt, steril und trostlos. In Deutschland hatten wir oft festgestellt, dass die Menschen in einer Art Museum lebten, die zwar schick aussahen, in denen es aber kein Leben gab. Hier gab es nun nicht einmal mehr Ausstellungsstücke, sondern nur noch die leeren, kalten und kahlen Museumsräume und Museumsgärten. Viele der Häuser hatten große Grundstücke, die jedoch zu mehr als der Hälfte von Einfahrten und Privatstraßen belegt waren, die einmal um das ganze Haus führten. Der Rest des Gartens bestand in der Regal aus kahlen, eckigen Grünflächen mit kurzgeschorenem Rasen. Beete oder gar Blümchen auf der Wiese gab es so gut wie nie. Die Menschen bleiben gleich Was sich hingegen leider überhaupt nicht zu ändern schien waren die Menschen selbst. Natürlich gab es immer wieder einzelne Zuckerstücke, also Menschen, die herausstachen, die freundlich, hilfsbereit und ermutigend waren und ohne deren Hilfe wir längst vollkommen aufgeschmissen wären. Aber die Grundhaltung in diesem Land war eine ablehnende und kaltherzige, stärker als wir es je zuvor irgendwo erlebt hatten. Es begann bereits damit, dass hier noch mehr Verbotsschilder und schriftliche Drohungen zu sehen waren, als in England. „Keep Out“, „Betreten verboten!“, „Ballspielen Verboten!“, „Parken verboten!“ „Leben verboten!“ Sogar die ältesten und abgeranztesten Bruchbuden hatten hier ein oder zwei Kameras und große Schilder mit „Warnung vor unseren Wachhunden!“ „Achtung: Videoüberwachung.“ Sobald man in die Nähe eines Hauses kam, wurde man von mindestens zwei Hunden angekläfft, die über die Wiese auf einen zugerast kamen, um einen aus sicherem Abstand zu belagern. Sie spiegelten die Haltung ihrer Besitzer recht gut wieder, die ebenfalls am liebsten alles verbellt hätten, was ihnen Fremd war. Nirgendwo zuvor waren hatten wir es erlebt, dass man uns erst von weitem zugröhlte, und sich dann kichernd in kleinen Gruppen zusammenstellte um mit dem Finger auf uns zu zeigen. Das passierte bei Kindern wie auch bei Jugendlichen und Erwachsenen. Auf der anderen Seite konnte man es auch irgendwo schon fast wieder verstehen, wenn man bedachte, wie langweilig es den Menschen hier war. Es gab einfach nichts zu tun, weder für die Kinder, noch für ihre Eltern. Sich um drei Uhr nachmittags in einem Pub zu treffen war nicht ungewöhnlich. Zwei kleine Mädchen zeigten recht deutlich, wie man hier seine Ferienzeit verbrachte. Sie saßen vor einer kleinen Wohnsiedlung auf einer eiskalten, nassen Steinmauer und versuchten Hämorrhoiden zu bekommen. Mehr konnte man hier einfach nicht tun. Nicht einmal im Balkan war es den Kindern so langweilig gewesen und die hatten wenigstens noch den Vorteil gehabt, dass ihre Mauern von der Sonne angewärmt waren.
 
Höhenmeter. 190 m
Tagesetappe: 23 km
Gesamtstrecke: 25.231,27 km
Wetter: bewölkt, leicht sonnig, hin und wieder Regen
Etappenziel: Ehemaliger Kindergarten, 53100 Châtillon-sur-Colmont, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 21:14:33


Tag 1335: Müdigkeit greift über

Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nich

06.08.2017 Ich weiß, es mag sich etwas seltsam anhören, aber heute morgen wachte ich um sieben Uhr in der Früh auf, und merkte, dass ich vollkommen verschlafen hatte. Mein Wecker hätte vor rund 3 Stunden klingeln sollen und genau jetzt in diesem Moment wäre eigentlich meine 2. Schlafphase des Tages vorbei gewesen. Ich habe euch ja erzählt, dass ich vor einiger Zeit meinen Schlafrhythmus geändert habe, so dass ich nun in mehreren Phasen am Tag schlafe. Eine Zeit lang klappte das auch sehr gut und ich fühlte mich deutlich wacher und aufmerksamer als zuvor. Aber dann kamen immer mehr Faktoren hinzu, die das Einhalten sämtlicher Tagesroutinen mehr und mehr erschwerten, wozu auch meine täglichen Schlafeinheiten gehörten. In den letzten Wochen gelang es mir daher nahezu nie, meine Schlafphasen so einzuhalten, dass es eine Regelmäßigkeit darin gab. Oft schaffte ich es nicht einmal, mich überhaupt am Nachmittag oder Abend hinzulegen. Dadurch verlor ich die Wachheit wieder und das alte Muster kehrte zurück. Ich wurde müder und müder und teilweise brauche ich nur stehen zu bleiben und mir fallen bereits die Augen zu. Texte im Sitzen zu schreiben wurde zu einer schier unlösbaren Aufgabe, da ich immer wieder darüber einnickte. Also suchte ich mir Plätze in Stehen, Knien oder Hocken um zumindest einen Teil der Wachheit zurückzuerlangen. Am härtesten war es kurioserweise stets nach der Drei-Stunden-Phase. Hier fühlte ich mich oft wie unter Drogen, so als hätte ich keinerlei Kontrolle mehr über meinen Körper und meine Gedanken. Ich kämpfte dagegen an, verfiel der Müdigkeit aber immer wieder und schlief mitten in der Bewegung ein. Und nun schaffte ich es nicht einmal mehr aufzuwachen. Wie ich von Heiko später erfuhr, lag dies jedoch nicht daran, dass ich meinen Wecker falsch programmiert hatte, denn sogar er war in der Nacht davon aufgewacht und hatte sich gefragt, warum er so lange bimmelte. Ich hatte ihn also einfach überhört, obwohl er direkt neben meinem Kopf lag. Irgendetwas passte hier also noch gar nicht! Die letzte Stunde zwischen 7:00 und 8:00 Uhr, die ich noch zum Arbeiten hatte, war ich zwar recht produktiv, aber abgesehen davon war ich den Tag über nicht munterer als sonst. Woher kam diese Müdigkeit also? Und woran lag es, dass ich den Fokus nicht halten konnte, so dass es mir möglich war, meinen Schlafrhythmus auch wirklich einzuhalten? Bislang sind die meisten Fragen dazu noch offen. Ich weiß nur, dass es sich anfühlt, wenn ich müde bin, als wäre ich nicht Herr meiner selbst sondern ein fremdgesteuertes Wesen. Den ersten, kurzfristigen Austestungen zufolge, steckte hier noch immer mein Mutterthema dahinter. In gewisser Weise war es also meine Mutter, bzw. das geistige Konzept von ihr, dass die Kontrolle über mich übernahm, wann immer ich müde und unaufmerksam war. Was das genau bedeutet müssen wir noch herausfinden, aber dazu war heute leider wieder keine Zeit, denn auch heute war es uns nicht vergönnt, zu einer humanen Uhrzeit anzukommen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nicht, dass dadurch alles besser wird.
Höhenmeter. 190 m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.231,27 km
Wetter: bewölkt, leicht sonnig
Etappenziel: Sporthalle, Larchamp, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 21:11:25


Tag 1334: Reiseerfahrungen in Irland

Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nich

05.08.2017 Wir sind nun rund 10 Tage in Irland und seither hat sich die Insel vom Landschaftsbild selber noch kein einziges Mal verändert. Das einzige, was tatsächlich immer wieder einen großen Unterschied ausmacht ist das Wetter. Der Pfarrer vor einigen Tagen hatte Recht: Man braucht Sonne, um die Schönheit von Irland erkennen zu können. Heute, da immer mal wieder die Sonne schien und alles in ihrem Licht erstrahlen ließ, sah es wirklich an vielen Ecken sehr schön aus. Und das obwohl sich das Bild, das man sehen konnte, nicht im Geringsten von dem unterschied, das wir an früheren Tagen im Regen zu Sicht bekommen hatten. Bei genauerer Betrachtung blieb es auch eine reine Oberflächenschönheit. Denn soweit das Auge reichte gab es keinen einzigen Meter echte Natur. Es wirkte so, weil immer wieder Bäume auftauchten, die Landschaft von Hecken aufgelockert wurde und weil alles so grün war. Aber im Grunde war es nichts anderes, als die gigantischen Maisfelder in Rumänien. Es war totes Land, das vom Menschen so verändert worden war, dass jedes natürliche Leben aus ihm verbannt wurde. Alles war penibel in fast gleichgroße rechteckige Bereiche eingeteilt wurden, die mit Hecken, Gattern und Stacheldrahtzäunen umgeben waren. Dazwischen befanden sich reine Graswiesen auf denen nicht einmal ein Gänseblümchen wuchs. War es wirklich das, wofür Irland auf der ganzen Welt so berühmt war? Anders als in England, wo man ja auch auf das Einkästeln und Zerstückeln der Welt in kleine, handliche Stücke stand, boten hier jedoch nicht einmal die Gebäude einen sehenswerten Anblick. Wir fühlten uns fast wieder wie in Osteuropa, wenn wir irgendwo in einen Ort kamen. Es gab natürlich immer wieder Villen und prunkvolle Anwesen, aber die meisten Gebäude waren graue Betonklötze, die schäbig, verfallen, ranzig und verlassen aussahen, obwohl sie bewohnt waren. Auch die berühmten Irisch Pups, die wir hier sahen hatten so gar nichts von dem Flair, den man ihnen im Ausland nachsagte. Es waren zwielichtige, schäbige Alkoholiker-Kneipen mit schmutzigen Fenstern und verblichenen Werbeschildern. Der Irish Pub wie wir ihn kennen, muss eine Erfindung für Touristen sein oder vielleicht sogar rein im Ausland existieren. Was jedoch kein Mythos war, war die Aussage, dass die Iren sehr gesellige Leute sind, die gerne und groß feiern. Ob sie es wirklich gerne tun bin ich mir nicht sicher, aber bei „groß“ sind sie dabei. In unserem geplanten Zielort wurde gerade eine Hochzeit abgehalten. Erst wunderten wir uns darüber, dass so viele Autos an uns vorbei fuhren obwohl wir auf den kleinstmöglichen Straßen unterwegs waren. Dann wunderten wir uns, warum sie immer in unsere Richtung fuhren, egal wie oft wir auch abbogen. Schließlich fiel Heiko auf, dass alle außergewöhnlich fein und festlich gekleidet waren und so waren wir uns schließlich sicher, dass es sich nur um eine Hochzeit handeln konnte. Und richtig. Als wir an der Kirche eintrafen war der große Parkplatz mit gut 200 Autos befüllt. Langsam verstanden wir nun auch, warum die Kirchen im Norden so imposant waren. Es ging hier nie um sie Messen, sondern um Hochzeiten, Kommunionen und Taufen, für die stets das halbe Land zusammen kam. Selbst aus 100 Meter Entfernung konnte man die Menschen im Inneren der Kirche noch singen, grölen und klatschen hören, was uns nicht unbedingt das Gefühl gab, hier besonders richtig aufgehoben zu sein. Eine ältere Dame stieg mit ihrem Enkelkind aus einem neu angekommenen Auto und wir fragten, ob sie etwas über die Hochzeit hier wisse. Sie war kein Mitglied der Hochzeitsgesellschaft, sondern gehörte zur Kirche selbst und war gerade dabei dem Pfarrer Tee und Sandwiches zu bringen. „Die Messe muss jeden Moment vorbei sein!“ sagte sie, „deswegen bin ich ja hier!“ Tatsächlich strömten bereits wenige Minuten später die ersten Gäste aus der Kirche und beglückwünschten das Brautpaar, dass sich vor dem Eingangsportal positionierte. Die letzten ankommenden Autos hatten uns gerade einmal zwanzig Minuten zuvor überholt, also dauerte eine Hochzeitsmesse hier offenbar nicht einmal eine halbe Stunde. Besonders Ereignisreich konnte so eine Trauung also nicht sein, denn in zwanzig Minuten brachte man ja kaum mehr als das Ja-Wort und ein paar Lieder unter. Wahrscheinlich hieß es am Ende: „Sie dürfen die Braut nun Küssen! Aber gehen Sie dafür doch ruhig schon einmal vor die Tür, denn wir würden dann hier auch gerne Feierabend machen.“ Es war nicht die erste Hochzeitsgesellschaft in die ich während unserer Reise hineinplatzte, um den Pfarrer zu sprechen. Aber es war die bei weitem unangenehmste. So viele abwertende Blicke auf einen Haufen habe ich in meinem Leben wohl noch nie geerntet. Es war fast Ekel, der da in den Blicken der Leute lag, die die Nase rümpften, mich anstarrten und dann ein gutes Stück zur Seite auswichen. Dabei waren die Männer zu großen Teilen in Anzüge gezwängt, die zwar teuer und edel waren, aber so wenig zu ihnen passten, wie eine Bananenschale. Die Frauen trugen bunte Kleider und in dazu passenden Farben kleine, schiefe Hütchen auf dem Kopf, die so dämlich aussahen, dass ich mir nicht sicher war, ob sie sich dadurch nicht das Recht verspielten, irgendjemanden aufgrund seines Aussehens abzuwerten Grüßen tat keiner, nicht einmal wenn ich damit anfing. Der Vorteil war aber, dass ich relativ leicht in die Kirche kam, obwohl diese mit gut 600 Gästen bis zum Platzen gefüllt war. So musste sich dann wohl Moses gefühlt haben, als er das Meer geteilt hat. Nur dass es vom Wasser dabei wohl nicht so angewidert begafft wurde. Am Altar stand ein alter man mit schütterem, grauen Haar. „Sind sie der Gemeindepfarrer?“ fragte ich. „Hä?“ antwortete er und deutete auf ein großes, schweres Hörgerät, das von seiner Ohrmuschel kaum mehr getragen werden konnte. „Du musst lauter sprechen! Ich hör nicht mehr so gut!“ „SIND SIE DER GEMEINDEPFARRER?“ fragte ich erneut. Der Mann lachte. „Nein, ich helfe hier nur aus, damit die Rente nicht so langweilig ist!“ „Wo kann ich den Pfarrer finden?“ „Na wo wohl? Er sitzt in der Sakristei und trinkt Tee! Warten Sie ich führe Sie hin!“ Und da saß er tatsächlich, gemeinsam mit der Frau und der Enkelin vom Parkplatz, ließ die Hochzeitsgesellschaft Hochzeitsgesellschaft sein, lehnte sich in einem bequemen Stuhl zurück, trank genüsslich seinen Tee und freute sich über Kekse und Sandwich. Er selbst, wie auch die anderen Anwesenden lebten leider nicht hier im Ort, sondern irgendwo in der Gegend verstreut. Hier konnten sie uns daher nichts anbieten, denn es gab nichts außer der Kirche selbst und auf der lag mal wieder der Fluch eines Kirchenrates, der sich über alles und jeden beschwerte. Die Kirche, die sich 6km weiter befand, konnte er uns aber zur Verfügung stellen. Eine gute Stunde später kamen wir dann im Nachbarort an, wo wir ein Treffen mit einer sonderbaren Frau vereinbarten, deren Stimme tiefer und männlicher war, als die von Luis Armstrong. Die Kirche war eine kleine Kapelle mit einer simplen Sakristei und einer Toilette. Und doch schaffte sie es, uns über eine Stunde mit irgendwelchen Erklärungen und hinweisen aufzuhalten. Am Ende war es genau wie an den letzten Tagen wieder 17:00 Uhr als wir damit beginnen konnten, uns einzurichten. Und das obwohl wir um 14:00 Uhr das erste Mal mit dem Pfarrer gesprochen haben. Ich habe keine Ahnung wie dieses Land das macht, aber es ist mit Abstand der größte Zeiträuber, den wir je hatten.
 
Spruch des Tages: Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nicht, dass dadurch alles besser wird.
Höhenmeter. 160 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 25.217,27 km
Wetter: bewölkt
Etappenziel: Gemeindesaal, Laignelet, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 21:09:51


Tag 1333: Wie funktioniert der Muskelreflexionstest?

Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nich

Fortsetzung von Tag 1332: Den Muskeln vertrauen Unser Schlafplatz war heute wieder etwas ganz besonderes und auch wenn es uns wieder einmal rund zwei Stunden Zeit kostete, ihn aufzutreiben, war die Art und Weise, wie ich ihn entdeckt hatte ebenfalls ein Schlüsselerlebnis für mich. Wir kamen in der Mitte des Ortes, genau zwischen zwei Kirchen an und befragten den Muskeltest, welche der beiden Kirchen wir aufsuchen sollten. Rechts lag die irische Kirche, bei der ich uns wenig Erfolg ausrechnete, links lag die katholische. Zu meiner Verwunderung wies uns der Muskeltest an, nach rechts zu gehen. Warum er das tat verstand ich nicht im geringsten, denn die Kirche war wie erwartet verschlossen und es gab auch keinen Pfarrer in der Nähe. Also gingen wir zurück den Berg hinauf und versuchten unser Glück bei der katholischen. Doch auch wenn diese normalerweise in Betrieb war, konnten wir niemanden antreffen, der uns helfen konnte. Eine Weile zog ich etwas planlos durch den Ort, bis mich eine Frau darauf aufmerksam machte, dass es nur wenige hundert Meter hinter der irischen Kirche eine Akademie für Landwirtschaft und Landschaftspflege gab, die auch Übernachtungsmöglichkeiten hatte. Und tatsächlich traf ich hier im Sekretariat eine Frau an, die uns ein Zimmer zur Verfügung stellte. Das Besondere für mich war dabei nicht das Zimmer, sondern die Tatsache, dass der Muskeltest vollkommen Recht gehabt hatte, mit der Richtungsangabe, auch wenn ich ihn vollkommen falsch verstanden hatte. Es zeigte mir jedoch noch einmal deutlich, dass ich darauf vertrauen konnte und das nicht nur in spirituellen und entwicklungstechnischen, sondern auch in ganz praktischen Fragen. Auch wenn ich das von der Theorie her wusste, habe ich doch immer einen Zweifel daran gehabt, der nun wieder um einiges kleiner geworden ist. Akademie für Landwirtschaft und Landschaftspflege Die Akademie selbst war das reinste Drecksloch, und das ist nicht abwertend gemeint. Das Zimmer, das wir bekamen, bestand aus zwei nackten Stahlbetten, einer Tür ohne Türklinke, einigen Schimmelflecken an der Wand, zwei kaputten Schränken mit Brandspuren von ausgedrückten Zigarettenkippen und einem fleckigen, dreckigen Teppich der seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesaugt worden war. Damit lag unser Zimmer im oberen Durchschnitt von dem, was einem hier geboten wurde. Für uns war es kein Thema. Wir waren mehr als nur dankbar einen Platz im Trockenen zu haben, an dem wir Ruhe hatten und für uns sein konnten. Aber wenn wir uns vorstellten, dass hier normalerweise junge Erwachsene lebten, deren Eltern eine Menge Geld ausgaben, damit sie zur nächsten Generation an Landwirten ausgebildet wurden, dann machte das schon bedenken. Hier wurden die Menschen untergebracht, die uns in Zukunft mit Nahrung versorgen sollen, die also dafür zuständig sind, dass unsere Gesellschaft alles bekommt, was sie für ein gesundes, kraftvolles und nährstoffreiches Leben benötigt! Wunderte es da noch, dass die Dinge liefen, wie sie liefen? Wenn man bedachte, das im letzten Monat eine Schülergruppe aus Spanien hier zu Gast war, verstand man plötzlich auch wieder, warum man in diesen Ländern nur so grauenhaft schlechtes Obst bekam.
 
Spruch des Tages: Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nicht, dass dadurch alles besser wird.
Höhenmeter. 60m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 25.195,27 km
Wetter: bewölkt, teilweise Regen
Etappenziel: Gemeindesaal, Saint-Brice-en-Coglès, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 21:07:47


Tag 1332: Rumtreiber oder Segen?

Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nich

Fortsetzung von Tag 1331: Sind Sie ein Rumtreiber? In der nächsten Ortschaft wollte ich in einem Laden nach etwas zum Essen fragen und wurde von einer alten Frau angesprochen. „Are you a stranger?“ fragte sie, war übersetzt so viel heißt wie „Sind die ein Fremder“ oder ein „Rumtreiber“? Ich bejahte und erzählte, dass wir für einen guten Zweck umherreisten und dass ich hoffte etwas essen zu bekommen, damit wir am Abend nicht hungern müssten. Die Frau gab sich mitfühlend und interessiert, bis die Verkäuferin zurück kehrte und sagte: „Tut mir leid, aber der Chef ist nicht da, da kann ich nichts machen!“ „Oh, na dann noch einen schönen Abend!“ sagte die Alte schnell und verschwand hinter einem Warenregal. Die Segnung Später kam ich an das Haus des alten Pärchens, das als einziges neben der Landwirtschaftsschule lag, in der wir übernachten durften. Sie lebten in einem kleinen Häuschen direkt an der Hauptstraße und waren sichtlich vom Leben gezeichnet. Die Frau hatte keinen Zahn mehr im Mund und der Mann wirkte, als hätte er kaum mehr einen Tropfen Blut im Körper. Es wäre also nachvollziehbar gewesen, wenn sie frustriert oder ängstlich gewesen wären doch das war nicht der Fall. Vier Mal schaute die Frau in die Tüte mit Lebensmitteln, die sie uns zusammengestellt hatte, ging alles noch einmal durch prüfte, was noch fehlen könnte und legte noch etwas hinzu. „Ein Pfarrer sind Sie nicht, wenn ich das richtig verstanden habe!“ sagte sie dann, „aber ein Mönch, richtig?“ „Richtig!“ sagte ich. „Würden Sie mich und meinen Mann dann segnen?“ fragte sie hoffnungsvoll. Wir hatten selbst schon einige Segnungen von Pfarrern und Mönchen erhalten und es hatte meist sehr gut getan. Eine Segnung, so mystisch das zunächst auch klang, war letztlich nichts anderes, als die Aussprache guter Wünsche und kraftvoller Worte für den anderen, die vom Herzen kamen und bei denen man sich mit Gott, der Urquelle oder dem Alles verband. „Ja, sehr gern!“ antwortete ich. „Mann! Herkommen, es wird gesegnet!“ schrie sie ins Innere des Hauses, woraufhin ihr Mann an die Tür trat. Ich schloss die Augen, stellte mir vor, wie eine helle, liebende und schützende Lichtsäule zwischen uns dreien, Mutter Erde und dem Universum entstand und versuchte alles loszulassen, so dass die Worte durch mich hindurch fließen konnten. Die beiden waren christlich und brauchten daher auch christliche Symbole, um den Segen annehmen zu können. Also bekreuzigte ich mich und sagte: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes!“ Dann legte ich je eine Hand auf ihre Köpfe und fuhr fort: „Lieber Vater! Bitte segne diese beiden Menschen, so dass sie ein erfülltes und glückliches Leben voller Gesundheit und Lebensfreude führen können, dass sie den Herbst Ihres Lebens genießen und die Früchte ernten können, die sie in den vergangenen Jahren gesät und gepflegt haben. Schenke ihnen liebe Menschen, die für sie da sind und die stets ein offenes Ohr für sie haben. Schenke ihnen deine Liebe und lass sie erkennen, dass du stets in allem bist, so dass sie sich vor nichts fürchten müssen. Amen.“ Die Frau war sichtlich gerührt und legte mir nun nach allem, was sie mir ohnehin schon geschenkt hatte auch noch einen Geldschein mit in die Tüte. „Falls ihr morgen Früh noch etwas braucht, bevor ihr weiter zieht, kommt gerne vorbei und fragt!“ sagte sie zum Abschied. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nicht, dass dadurch alles besser wird.
Höhenmeter. 60m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 25.180,27 km
Wetter: bewölkt, teilweise Regen
Etappenziel: Mehrzweckraum der Stadt, Antrain, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 21:06:18


Tag 1331: Das Land der Extreme

Alles, was gegen die Natur ist, hat auf Dauer kein

03.-04.08.2017 Wenn man eine Sache nach vier Monaten des Reisens über die britischen Inseln auf jeden Fall ohne ein schlechtes Gewissen sagen kann ist, dass sie das Gebiet mit den größten Extremen sind. Nirgendwo sonst haben wir so viel Ambivalenz bei den Menschen, wie auch beim Wetter und beim Wandern selbst erlebt. In England machten wir am Anfang im Schnitt 12km lange Etappen und hatten das Gefühl, niemals im Norden anzukommen. In Schottland und hier in Irland lag unser Schnitt dann plötzlich bei 25-30km am Tag, obwohl wir uns hier eigentlich Zeit lassen wollten. Nirgendwo sonst haben wir erlebt, dass das Wetter zum Teil 8 bis 10 Mal am Tag eine 180°-Wendung macht und zwischen Platzregen, Gewitter, Sturm und tropischer Sommer-Sonne wechselt. Nirgendwo sonst haben wir so viel schlechtes, ungesundes und unkulinarisches Essen bekommen wie hier und sind gleichzeitig im Wechsel immer wieder auch so reich beschenkt worden. Nirgendwo haben wir gleichzeitig so viel Armut und so viel Reichtum auf einen Haufen gesehen, erst recht nicht bei ein und denselben Menschen. Doch am heftigsten ist die Ambivalenz bei den Menschen selbst, wo sie fast schon an Perversion grenzt. Nirgendwo haben wir so viel Missgunst, Ablehnung und Misstrauen erfahren wie hier. Gleichzeitig haben wir aber auch nirgendwo so viele Spenden in so kurzer Zeit bekommen, wurden so oft für Vorträge und Fernsehberichte eingeladen und so sehr wie Ehrengäste behandelt wie hier. Wir haben heute beim Wandern die vergangenen Wochen noch einmal reflektiert und sind fast ein wenig erschrocken, was alles so passiert ist. Wir wurden bei der Polizei angezeigt, weil wir mit offizieller Erlaubnis der Gebäudeverwalterin in einer Kirche übernachtet haben. Wir wurden von Kindern belästigt und mit Steinen beworfen und anschließend wieder von der Polizei verhört, weil Heiko die Attacken unterbinden wollte. Man hat uns Essen geschenkt und danach unter wilden Beschimpfungen wieder weggenommen. Man hatte uns wie Verbrecher, Abschaum und Aussätzige behandelt, uns von Grundstücken verwiesen und als potentielle Terroristen aus einem Park geworfen. Und dann wiederum bekamen wir von einem vorbeifahrenden Auto 100€ in die Hand gedrückt, wurden als Maskottchen für eine ganze Ortschaft betrachtet, durften umsonst mit einer Fähre fahren und wurden als Heiler und Glaubensbringer geehrt uns geachtet. Heute wurde ich sogar gebeten, ein älteres Ehepaar zu segnen und vor einigen Wochen sollte ich zwei Halsketten durch ein Gebet mit einer heilenden und schützenden Kraft ausstatten. An Orten, wie Rannoch Station, an denen es nur zwei Menschen gab und sonst nichts, waren wir herzlich empfangen und aufgenommen worden, während man uns andernorts die Tür vor der Nase zu schlug. Attackierende Hunde Auch heute gab es wieder einige von solch bezeichnenden Situationen. Nach einer langen Wanderung durchs Grüne kamen wir an einem einzelnen Haus vorbei, in dessen Garten eine dicke Frau mit fünf Hunden stand. Alle fünf kamen laut kläffend auf uns zugerannt und umringten uns wie bei einer Herzjagd. Die Frau schaute nur zu, spielte in ihrem Handy und rief die Hunde einige Male motivationslos zu sich. Als niemand reagierte, gab sie es auf, bis Heiko schließlich der Kragen platzte und er mit der gleichen Aggressivität wie die Hunde zu verstehen gab, dass sie nun endlich ihre verfluchten Köter unter Kontrolle bringen sollte. Die Frau war sich nicht einmal einer Schuld bewusst sondern betonte nur immer wieder, dass Heiko kein Recht hatte, mit ihr zu sprechen, da er sich auf ihrem Privatgrundstück befand. „Ich stehe auf Ihrem Privatgrund?“ fragte er aufgebracht, „Sorgen Sie dafür, dass ihre Hunde nicht in meine Privatsphäre eingreifen, dann muss ich auch nicht ihr bescheuertes Grundstück betreten! Das ist Körperverletzung, was sie hier tun! Also sorgen Sie gefälligst dafür, dass sie das unter Kontrolle bekommen!“ „Wieso?“ fragte die Frau verständnislos, „Die Hunde beißen euch doch gar nicht! Sie bellen doch nur!“ Rechtlich gesehen hatte sie damit wahrscheinlich sogar Recht und das machte es gleich noch perverser. Die Situation war nicht anders, als wenn sie von fünf bewaffneten Männern umringt, verfolgt und bedroht worden wäre. Konnte man dann auch sagen: „Wieso regen Sie sich denn auf, es tut ihnen doch noch keiner was, die drohen doch nur?“ Muss man wirklich warten bis man gebissen oder verletzt wird, weil man sonst kein Recht hat, sich zu verteidigen? „Das sind eben Hunde, die bellen nun mal!“ sagen wir dann. Aber stimmt das? Ist es nicht sogar ein komplett unnatürliches und krankhaftes Verhalten eines Wolfes, laut herumzuschreien während entweder ein Feind oder eine Beute vor ihm steht? In beiden Fällen würde er in der Natur das Gegenteil von dem Erreichen, was er erreichen will und doch sagen wir, das Verhalten sei natürlich. Sich und andere zu zerstören ist für uns natürlich. Es entspricht dem Verhalten, das wir selbst permanent an den Tag legen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Alles, was gegen die Natur ist, hat auf Dauer keinen Bestand. (Charles Darwin)
Höhenmeter. 40m
Tagesetappe: 32 km
Gesamtstrecke: 25.163,27 km
Wetter: bewölkt, teilweise Regen, teilweise Sonne
Etappenziel: Konferrenzraum des Rathauses, Beauvoir, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 21:00:33


Tag 1330: Wandern in der Irischen Republik

Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nich

02.08.2017 Heute haben wir einen neuen Rekord aufgestellt, was das Nasswerden anbelangt. Die Schuhe waren trotz Heizung über Nacht nicht getrocknet und da es bereits regnete, als wir das Haus verließen, hatten sie innerhalb von Minuten den alten Stand wieder erreicht. Zunächst war es noch warm und schwül, so dass wir uns schwer damit taten, die Regenkleidung als unumgänglich zu betrachten und sie wirklich anzulassen. Dann plötzlich drehte der Wind und der Regen wurde eiskalt. Nun war die Frage nicht mehr, ob es eine Möglichkeit gab, trocken zu bleiben und sich dennoch kühler zu kleiden, sondern ob man nicht noch irgendetwas zum Drunt öc 
Spruch des Tages: Nur weil man eine Grenze überquert, heißt das nicht, dass dadurch alles besser wird.
Höhenmeter. 190m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 25.115,27 km
Wetter: bewölkt
Etappenziel: Gemeindehaus, Montigny, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 20:58:58


Tag 1329: Body, Mind and Spirit

Jede Zelle meines Körpers ist Glücklich

Fortsetzung von Tag 1328: Der Pastor war ein freundlicher und offenere Mann, der uns rein theoretisch sofort aufnahm. Praktisch fürchtete er jedoch, dass sein katholischer Kollege enttäuscht oder sauer sein könnte, wenn er erfuhr, dass wir als katholische Pilger von der Konkurrenz-Kirche abgegriffen wurden, ohne dass man ihn über uns informiert hatte. So wie es uns die einen schwierig machten, weil sie nicht wussten, ob es nicht besser war, uns auszuschließen, machte man es uns nun schwierig, weil man nicht wusste, ob man uns nicht vielleicht jemand anderem wegnahm. Erst als er ganz sicher war, dass sein katholischer Kollege im Urlaub und damit unerreichbar war, führte er uns in seine Gemeindehalle. Damit war nun aber noch immer nicht alles erledigt. Denn nun, da wir offiziell seine Gäste waren, sollten wir auch als Maskottchen fungieren und etwas Leben in seine Gemeinde bringen. Da passte es sich gut, dass ausgerechnet heute das Programm „Body, Mind and Spirit!“ für Frauen stattfand. Hätten wir gewusst, was es damit auf sich hatte, hätten wir uns nicht darauf eingelassen, doch der Pfarrer wusste, wie er Dinge verkaufen musste, dass sie sich gut anhörten. Laut seiner Angabe ging es darum, für 5 Minuten etwas über unsere Reise zu erzählen und dann mit Obstsalat und allerlei anderen Snacks verwöhnt zu werden. Im Endeffekt sah es jedoch so aus, dass wir in die Nachbargemeinde fuhren, dort erst einmal 10 Minuten warteten, dann 20 Minuten mit einem Frauenkreis wandern gingen, dann noch einmal eine Viertelstunde in einer Halle mit unangenehmer Atmosphäre herumstanden, etwas Obstsalat und jede Menge Süßigkeiten essen konnten und schließlich einen Vortrag hielten. Wieso wir nach einem 25km-Tag auf eine Wanderung eingeladen wurden, war uns ein Rätsel und der Umstand, dass wir auf diese Weise mehr als zwei Stunden der eh schon knappen Zeit verloren, trübte unsere Begeisterung über den freundlichen Pfarrer ein wenig. Wir fühlten uns ein wenig verkauft, als uns klar wurde, dass es ihm von Anfang an um diesen Vorteil ging. Deswegen war es ihm auch so wichtig gewesen, dass die Katholiken keinen Anspruch auf uns erheben konnten, denn nun konnte er ohne Bedenken in der Presse und in der Gemeinde Publik machen, wer hier zu Gast war und als Dozent an seinen Kursen teilnahm. Nicht, dass es nicht auch interessant gewesen wäre, denn auf diese Weise bekamen wir noch einmal einen Einblick in das Gemeinschaftsleben, dass sich hinter der Fassade des Glaubens verbarg. Viel war da ehrlich gesagt nicht. Die Kirche war hier, wie auch sonst in den meisten Fällen in der heutigen Zeit, ein Verein, der seine Mitglieder mit Bespaßungsprogrammen bei der Stange halten musste. Mit wahrem Glauben hatte dies so viel zu tun, wie unsere Erlebnispädagogik-Klassenfahrten von früher mit echter Persönlichkeitsentwicklung. Es ging rein darum, den Menschen irgendetwas zu bieten, das sie vom Alltag ablenkte. Nicht dass das schlecht war, aber es brachte eben auch niemanden wirklich weiter.
 
Spruch des Tages: Jede Zelle meines Körpers ist Glücklich, ...
Höhenmeter. 70m
Tagesetappe: 29 km
Gesamtstrecke: 25.093,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Holzfass auf dem Campingplatz, Sourdeval, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 20:57:33


Tag 1328: Wie finanziert sich die englische Kirche

Konkurenz belebt das Geschäft

Fortsetzung von Tag 1327: „Haben Sie eine Idee, wie die Kirchen sich hier finanzieren?“ fragte Heiko weiter und stieß damit auf ein weiteres interessantes Feld. Eine Kirchensteuer wie bei uns gab es auch hier nicht. Stattdessen wurden einmal in der Woche kleine Briefumschläge verteilt in denen jedes Gemeindemitglied eine Spende abgeben konnte. Wie hoch diese war, sei egal und das Verfahren war angeblich anonym. Dies wäre die Grundlage, auf der die Finanzierung hier läuft. Rechnete man das jedoch einmal nach, kam man auf diese Weise kaum damit hin. Eine kleine Kapelle zu finfanzieren, geschweige denn einen Kirchenkomplex wie den vom Vortag. Gehen wir einmal von 30 Gemeindemitgliedern aus, die pro Woche 5€ spenden, dann sind wir gerade einmal bei 6000€ im Monat, also 72.000€ im Jahr. Das reicht nicht einmal für die Instanthaltung, geschweige denn für den Bau einer 3 Millionen-Villa und einer Kirche, die dies um ein vielfaches übersteigen dürfte. Allein der Pfarrer selbst braucht ja schon ein Gehalt, das in Anbetracht des Lebensstils, den wir bislang mitbekommen hatten, sicher nicht klein war. Und selbst damit waren wir noch lang nicht am Ende. Das Spendengeld finanzierte hier sämtliche Kircheneinrichtungen, also auch Gemeindehallen und eventuelle kirchliche Tagesstätten, Kindergruppen und so weiter. Sogar die Sportplätze, die wir immer wieder gesehen hatten, gehörten nicht der Kommune, sondern der Kirche. Auch dies wiederum hatte zu einer unschätzbaren Absurdität geführt. Denn es ging nun bei den Fußballstadien und Sporthallen nicht darum, die Bevölkerung mit ausreichend Angeboten im sportlichen Bereich zu versorgen, sondern wieder darum, größer und besser zu sein, als die Konkurrenzkirche. Daher konnte es sein, dass ein Dorf mit 300 Einwohnern drei verschiedene Sportzentren hatte, die jeweils mehr als 5000 Personen fassen konnten. Der Gedanke war nicht: „Super, endlich haben wir Sportangebote in unserem Ort!“ Sondern: „Verdammt, diese Katholiken haben ein Sportzentrum gebaut, jetzt brauchen wir unbedingt auch eines!“ Damit das funktionieren kann, muss es also Einzelspender geben, die weitaus mehr als 5€ in der Woche in den Briefumschlag legen. Und zwar bedeutend mehr. Eher im Bereich von 5.000€ bis 10.000€ pro Woche. Die Frage ist nur: Was haben sie davon? Wer so viel Geld in etwas investiert, will ja auch einen Nutzen daraus. Wahrscheinlich ging es um Macht und darum, die Menschen irgendwie in einer Systemstruktur zu halten. Aber was genau dahinter steckte, erfuhren wir nicht. Klar war nur, dass die Angst, die der Krieg aufgebaut hatte, noch immer nicht aus den Menschen gewichen war. Unser Gesprächspartner brachte es ziemlich auf den Punkt: „Früher, zu Kriesenzeiten, da hätten Fremde wie ihr nicht einfach so herumgehen können. Jeder hätte erst einmal geschaut und wäre hingegangen um mit ihnen zu sprechen und zu prüfen, ob sie nicht irgendetwas im Schilde führten!“ Genau das war es, was er jetzt in diesem Moment tat. Dies erklärte natürlich auch ein Stück weit, warum man uns mit solch einer Skepsis und Ablehnung, begegnete. Fremde kamen in dieser Region einfach nicht vor und wenn, dann vermutete man gleich einen Attentäter, der es genau aus das eigene, kleine Häuschen abgesehen hatte. Wo aber war die Offenheit von der immer alle erzählten, die von Irland so begeistert waren? So wie es aussah, bezog sich diese wohl hauptsächlich auf die wenigen aber geballten Touristenregionen auf der Insel. Es gab einige Bereiche, in denen sich die Touristen nahezu auf den Füßen standen, wobei die meisten Touristen auch wieder aus dem eigenen Land stammten. Der Mann konnte diesen zentralisierten Andrang nicht verstehen. Klar waren die Strände im Süden nett, aber letztlich waren es auch nur Strände. Und sind Strände letztlich nicht doch immer wieder gleich? Was sich nach Aussagen des Mannes jedoch deutlich gewandelt hatte, war das Wetter. In seiner Jugend war es normal, dass der Schnee so hoch lag, dass man sich eine Schneise hindurch fräsen musste, wenn man irgendwo hin wollte. Heute schneite es höchstens noch ein paar Millimeter in der Nacht, so dass die Welt mit einer Zuckerschicht überzogen war, die bereits am Mittag wieder verschwand. Letztes Jahr hatte es etwas mehr Schnee gegeben, der auch einige Tage liegen geblieben war. Das galt nun schon bereits als Ausnahme und wurde von den Menschen als „ungewöhnlich“ empfunden., obwohl es vielleicht der einzige Winter war, der noch ein bisschen Natürlichkeit in sich hatte. Auch der Wind verhielt sich nun komplett anders als noch vor ein paar Jahren. Früher hatte es regelmäßige Herbststürme gegeben, die durchaus schon mal ein Dach abdecken oder ein paar Bäume entwurzeln konnten. Heut gab es solche Stürme fast nicht mehr, dafür windete es nun fast das ganze Jahr durch, was von den Einheimischen sogar als vrbesserung angesehen wurde. Im Verlauf des Tages bekamen wir beides noch einmal deutlich zu spüren, die Wetterveränderungen wie auch die Absurdität mit dem Kirchen-Konkurrenz-Kampf. Was das Wetter betrifft ist ein schöner, sonniger Tag hier ein Tag, an dem sich kurze Sonnenmomente mit einem plötzlich und unerwartet auftretenden Platzregen abwechselten. In einer Minute dachte man noch man vergeht vor Hitze und im nächsten Augenblick prasseln schon die dicken Regentropfen auf einen hernieder, die einen innerhalb von Sekunden vollkommen durchnässen, wenn man es nicht schafft, seine Regenkleidung schnell genug anzuziehen. Die Regenkleidung wird hier nun wirklich noch einmal aufs Extremste getestet und bis an ihr äußerstes Limit gebracht. Immer, wenn man gerade einmal ein bisschen getrocknet war, kam sofort der nächste Schauer und man war wieder komplett durchnässt. So war es auch, als wir unseren Zielort erreichten, der wie immer an einer äußerst unangenehmen Hauptstraße lag. Schön wäre also eine schnelle und unkomplexe Ankunft im Trockenen gewesen, doch das war hier leider nicht so einfach. Der katholische Pfarrer war nicht zu erreichen, doch stattdessen gelang es uns mit dem Reverent der irischen Kirche in Kontakt zu treten. Er traf uns neben einer Firma, die Gasflaschen verkaufte, die von einem jungen Mann mit Gabelstapler alle 4 Minuten laut scheppernd von A nach B verladen wurden. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Konkurenz belebt das Geschäft
Höhenmeter. 640m
Tagesetappe: 25 km
Gesamtstrecke: 25.064,27 km
Wetter: regnerisch
Etappenziel: Festsaal der Gemeinde, Carville, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 20:55:33


Tag 1327: Worum ging es im Krieg zwischen Irland und England?

Die Stasi verhört einen Kirchgänger

In einem der wenigen trockenen Augenblicke, in denen sogar die Sonne für einen Moment durch kam, machten wir eine kleine Picknick-Pause auf einer Bank. Gerade als wir wieder starten wollten, hielt ein Auto neben uns, dessen Fahrer auf einem kurzen Plausch bestand. Immerhin waren wir als Fremde in sein Land eingedrungen und waren damit verpflichtet, jedem eine Erklärung über unsere Anwesenheit zu liefern, der sie haben wollte. Trotz des etwas stasimäßigen Einstiegs wurde es ein recht interessantes Gespräch, das uns half, die Situation hier im Land ein bisschen besser zu verstehen. Denn wo der Mann schon einmal hier war, nutzten wir die Chance um ihm ein paar Fragen zu seinem Land zu stellen. Was hatte es eigentlich mit diesem ominösen Krieg hier auf sich? Worum ging es dabei? Wie war er entstanden? Hatte es sich wirklich um einen religiösen Krieg gehandelt, oder steckte wie immer mehr dahinter? Wer hatte einen Nutzen daraus? Und warum hatte er schließlich einfach wieder ein Ende gefunden, obwohl es hier noch immer Vertreter aller christlichen Ausrichtungen gab. Ich meine, wenn es doch bei dem Krieg um Religion und Glauben ging, so dass man nicht mit Vertretern anderer Ausrichtungen zusammenleben konnte und bereit war, für seine Überzeugungen zu sterben und zu töten, wieso konnte man dann heute problemlos akzeptieren, dass die eigene Kirche zwischen zwei anderen stand? Und vor allem: Wo war diese Überzeugung heute geblieben? Jemand, der bereit ist sein Leben zu riskieren um sich für seinen Glauben einzusetzen und der sogar bereit war, einen anderen im Namen seiner Überzeugung zu töten, der musste doch irgendeine ernstzunehmende Überzeugung haben. Davon spürte man heute jedoch so gut wie nichts mehr. Vor allem, wenn man an Pfarrer wie unseren lustigen Gollum dachte. Tatsächlich schien der gesamte Konflikt bereits von Anfang an vollkommen inszeniert zu sein. Es hatte nichts damit zu tun, dass die Katholiken nicht akzeptieren konnten, dass die Protestanten ihren Glauben auf eine etwas andere Art auslebten oder umgekehrt. Es ging um ganz irdische, praktische Themen, die man bewusst mit einer Religionszugehörigkeit verknüpfte, um das Potential für einen Konflikt zu erschaffen. Die Regierung stichelte wo sie nur konnte, bis sie das Land schließlich in ein Pulverfass verwandelt hatte, dass durch den kleinsten Funken zur Explosion gebracht werden konnte. So wurde man als Katholik in jeder nur erdenklichen Weise benachteiligt und unterdrückt, ganz bewusst, damit man sauer wurde. Wollte man beispielsweise als katholischer Familienvater mit fünf Kindern irgendwo ein kleines Häuschen kaufen, damit man nicht auf der Straße leben musste, dann konnte man davon ausgehen, dass dies nahezu unmöglich war. Von offizieller Seite her wurden einem so viele Steine in den Weg gelegt, dass man eher auf der Straße landete, als das Haus zu bekommen, selbst wenn man mehr als genug Geld hatte. Ein Protestant, der sich für das gleiche Haus interessierte, keine sozialrechtliche Dringlichkeit hatte, da er beispielsweise Single war, bereits eine passende Wohnung besaß und vielleicht nicht einmal das Geld parat hatte, bekam es jedoch ohne irgendwelche Probleme. Ähnlich war es auch mit Jobs, die für Katholiken nicht nur schwerer zu bekommen waren, sondern dann auch noch schlechter bezahlt wurden. Es wurde also ganz bewusst ein Ungerechtigkeitsgefühl im Volk erzeugt, so dass Unzufriedenheit und gegenseitiger Hass entstehen musste, damit es schließlich zur Eskalation kam. Nach Ende des Krieges kam heraus, dass dieser auch ganz bewusst von der Polizei vorangetrieben wurde, in dem beispielsweise die für Mordanschläge und Attentate verwendeten Waffen direkt von der Polizei gestellt und gewaschen wurden. Aus den polizeilichen Unterlagen ging hervor, dass immer wieder die gleichen Waffen für die Morde verwendet wurden, obwohl man sie nach jedem Anschlag fand und sicherstellte. Die ballistischen Tests waren immer wieder identisch, was bedeutete, dass die Attentäter direkt aus der Asservatenkammer mit ihrer Ausrüstung versorgt wurden. Gleichzeitig wurde so dafür gesorgt, dass niemals einer der Morde aufgeklärt wurde. Die Polizei untersuchte die Fälle und entfernte dabei selbst sogleich alle verdächtigen Spuren. Dies erschuf natürlich eine allgemeine Atmosphäre der Angst, da man niemals wusste, wer wo erschossen werden konnte und da man sich gleichzeitig bewusst darüber war, dass der Mörder mit keinerlei Konsequenz zu rechnen hatte. Als Katholik traute man sich daher kaum noch in eine protestantisch Region und anders herum. Vor allem Frauen, sagte er, würden sich nach Einbruch der Dämmerung niemals alleine auf die Straße trauen. Diese Aussage war vielleicht die erschreckendste, denn dies bedeutete, dass zu dieser Zeit Vergewaltigungen fast an der Tagesordnung gewesen sein mussten. Um das Gefühl von permanenter Gefahr und eigener Machtlosigkeit noch zu unterstützen, gab es in dieser Zeit etwa alle 2km einen Kontrollposten, an dem man sich ausweisen musste. Wie uns der Mann bestätigte, war der Wahnsinn mit den immer größeren und noch größeren Kirchen ebenfalls ein Symptom dieser Auseinandersetzungen und dieses Wettrüsten ging bis heute weiter. Die Kirche wie auch das Pfarrhaus in dem wir übernachtet hatten, waren gerade einmal zwei Jahre alt und die Gemeinde hatte in den letzten Jahrzehnten weder an Einwohnern noch an Gläubigen gewonnen. Zuvor hatte es bereits die kleine Kapelle und ein kleineres Pfarrhaus gegeben, was beides vollkommen ausgereicht hatte. Der Mann behauptete sogar, dass nicht einmal der Pfarrer selbst ein neues Haus hatte haben wollen, obwohl dies wohl eher dessen offizielle Einstellung nach außen war. Ein Mann, der sein Haus selbst bis auf die kleinste Schrankniesche plante, war wohl nicht wirklich dagegen, dass man ihm ein neues Haus baute. Dennoch war die Hauptmotivation der Kirche nicht, ihren Pfarrern das Leben so angenehm wie möglich zu machen, sondern ihre eigene Machtposition so gut wie möglich nach außen zu präsentieren. Der Plan schien zu funktionieren, denn so wie der Mann sagte, atmete man trotz des Friedens auch heute anscheinend noch immer erleichtert auf, wenn man als Katholik über die Grenze nach Südirland kam. Den Protestanten erging es andersherum wahrscheinlich genauso. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages:
Die Stasi verhört einen Kirchgänger: „Gibst du zu, dass du gerade in der Kirche warst?“ „JA!“ „Gibst du auch zu, dass du gerade die Füße von Jesus Christus am Kreuz geküsst hast?“ „JA“ „Würdest du auch die Füße unseres Genossen Honecker küssen?“ „Sicher! Wenn er dort hängen würde...“
Höhenmeter. 50m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 25.039,27 km
Wetter: Dauerregen
Etappenziel: Caravan auf dem Campingplatz, Pont Farcy, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 20:54:01


Tag 1326: Gedachte Unterstützung

Vom helfen wollen ist noch keinem geholfen.

01.08.2017 Es war schon paradox, wenn man bedachte, dass wir uns hier in einem 3 Millionen-Euro Anwesen befanden, in dem jedes Detail bis aufs letzte Durchorganisiert und stilgerecht ausgerichtet war, das auf der anderen Seite aber nicht einmal funktionierende Schlafzimmertüren hatte, so dass diese die ganze Nacht über offen stehen mussten. Wie viel Geld konnte man ausgeben, ohne dass dadurch so etwas wie Wohnlichkeit und Praktikabilität entstand? Wenn man sich alles ein klein wenig genauer betrachtete, dann war dies kein Wohnhaus, sondern ein Museum. Auch der Pfarrer lebte hier nicht, sondern war nur ein geduldeter Gast. Am auffälligsten waren die Bilder seiner Mutter, die einen in jedem Zimmer entgegen lachten. Die gute Frau wachte über jeden Schritt des Pfarrers und kontrollierte all sein Handeln. Das gesamte Haus schrie geradezu nach Mutterkomplex und um es noch ein bisschen offensichtlicher zu machen, bestätigte uns unser Gastgeber diese Familienverstrickungen beim Frühstück auch noch. Nachdem er sich nun ja hatte auf uns einstellen können, glänzte er vor Gastfreundschaft am morgen geradezu. Am Küchentisch hatte er uns ein Frühstück von solcher Pracht und Vielseitigkeit vorbereitet, dass wir uns zunächst an den falschen Tisch setzten, weil wir es gar nicht bemerkten. Es bestand aus zwei Tellern, einer Marmelade und einer Margarine, die in der übrigen Tischdeko vollkommen untergegangen waren. Dazu bekam jeder von uns zwei Scheiben Toastbrot. „Du bist der erste, der jemals in diesem Bett geschlafen hat, Franz!“ verkündete er stolz. „Es ist also eine Premiere! Und das Zimmer, Heiko, in dem du geschlafen hast, ist Mamis Zimmer!“ Er sagte tatsächlich „Mami“, nicht „Mum“ wie es im Englischen selbst bei Kindern üblich ist. Und er sagte allen Ernstes, dass in den zwei Jahren, in denen er nun in diesem Haus lebte, noch nie ein Gast hier übernachtet hatte, der nicht seine Mutter war. Da er selbst so darauf gepocht hatte, dass es wichtig war, einen Menschen im Voraus darüber zu informieren, dass man ihn besuchen wollte, baten wir ihn, seinen Kollegen in unserem Zielort anzurufen. Er verschwand im Nebenzimmer, plauderte knapp zehn Minuten mit irgendjemanden und kehrte dann mit Bedauern zurück. Er habe leider niemanden ausfindig machen können, da einer der Pfarrer Urlaub hatte und er ansonsten nichts hatte erreichen können. Am besten wäre es wohl, einfach loszuziehen und zu schauen, was passierte. So hätte es ja gestern auch funktioniert. Dabei schien er vollkommen vergessen zu haben, wie sehr er sich noch wenige Stunden zuvor gesträubt hatte uns ohne Voranmeldung aufzunehmen und wie knapp es war, dass wir um 23:00 Uhr nicht doch wieder auf der Straße gesessen wären. Dann aber brachte er die Aktion des Tages, die in dieser Form wohl unübertreffbar ist. In einem kurzen Anflug von Interesse und dem Gefühl, hilfreich sein zu wollen fragte er: „Nehmt ihr auf eurer Reise eigentlich ach Geld an?“ und hatte seine Hand dabei schon fast an seinem Portemonnaie. „Ja,“ antwortete ich, „wir nehmen beispielsweise Spenden für die Projekte entgegen oder um neue Standbeine aufzubauen, so dass neue Bücher und Internetpräsenzen entstehen können, die dann auch wieder den Menschen zu gute kommen, die Heilung oder anderweitige Hilfe brauchten.“ Der Mann zuckte zusammen und seine Hand befand sich sofort wieder dort, wo er sie sehen konnte. Es war ein bisschen, als hätten meine Worte in ihm ein Weckerklingeln ausgelöst, dass ihn aus dem Schlaf der Hilfsbereitschaft wieder heraus riss. „Aha!“ sagte er daher nur unberührt und ließ das Thema sofort wieder fallen. Heiko beschloss, ihn so leicht nun auch wieder nicht davon kommen zu lassen und ergänzte: „Außerdem dürfen wir natürlich Geld für Sonderausgaben wie beispielsweise die Fähre nach Frankreich verwenden. Hier ist es in der Regel so, dass wir in den letzten Tagen vor der Fähre bei den Leuten nach Geld fragen und darauf vertrauen müssen, dass wir rechtzeitig genügend zusammen bekommen.“ Der Pfarrer schaute auf und hielt einen Moment inne, so als überlegte er, ob er uns nicht doch etwas geben sollte. Dann sagte er: „Ich bin sicher, ihr werdet da jemanden finden, der euch unterstützt!“ Damit war das Thema dann vom Tisch. Wenige Minuten später begannen wir mit unserer Etappe zum letzten Schlafplatz in Nordirland, das wir nun durch dank der Komplexität in Sachen Bürokratismus und Aufnahmebereitschaft in gerade einmal 7 Tagen durchquert hatten. Wenn es so weiter ging, waren wir in Frankreich noch ehe wir auch nur das Wort „Fähre“ sagen konnten.
 
Spruch des Tages: Vom helfen wollen ist noch keinem geholfen.
Höhenmeter. 140m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 25.024,27 km
Wetter: Dauerregen
Etappenziel: Ehemalige Schule, Troisgots, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-10 20:51:52


Tag 1325: Der Blick für das Schöne

es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswer

Am bezeichnendsten war jedoch eine Situation am Abend, nachdem wir wieder einmal einen heftigen Regenguss und das dritte Gewitter des Tages überstanden hatten. Die kurze Phase direkt nach diesen spontanen Platzregen-Attacken bei denen man jedes Mal meint, die Welt ginge unter, sind die schönsten und friedlichsten Phasen in diesem Land. Es sind die Momente, in denen man das Gefühl hat, dass alles die Luft anhält und sich noch immer irgendwo hinter einer Fensterscheibe versteckt. Wenn dann die Sonne herauskommt und die Straßen zum Dampfen bringt, während sich ein seichter Nebel über die grünen Wiesen legt, dann hat diese Region wirklich etwas magisches. Und heute gab es einen Moment, an dem die Natur noch einmal einen drauf legte und mit all ihrer Farbenpracht einen perfekten, gestochen scharfen und klaren Regenbogen an den noch immer düsteren Himmel malte. Es war der schönste und klarste Regenbogen den ich je gesehen habe und nach einer kurzen Zeit erschien sogar noch ein zweiter direkt daneben. Genau in diesem Moment hielt ein Bully neben uns. Eine Fensterscheibe wurde herunter gekurbelt und ein Mann rief über die Köpfe seiner beiden Töchter hinweg: „Hey-Ya! Was machta denn da?“ „Fotos von einem Regenbogen!“ erklärte Heiko und ich fügte hinzu „Vom wahrscheinlich schönsten Regenbogen, den ihr jemals in eurem Leben gesehen habt!“ „Aha!“ gab der Mann zurück und beugte sich über die Kinder hinweg um aus dem Beifahrerfenster in die Richtung schauen zu können, in die Heiko das Foto machte. Er hob nicht einmal den Kopf in Richtung Himmel sondern stellte nur fest, dass er von dort aus nichts sehen konnte. Auch die Kinder schauten nicht nach oben und versuchten nicht einmal, einen Blick auf das faszinierende Naturschauspiel zu erhaschen. „Habt ihr ne Panne?“ fragte der Mann weiter, weil er sich offenbar noch immer nicht erklären konnte, warum wir hier einfach anhielten. „Nein!“ sagte Heiko kurz angebunden, da er sich ärgerte, dass der Mann einen der seltenen schönen Momente, die wir hier hatten mit seinem Motorenlärm zerstörte. Aber es war genau das, was wir hier in anderer Form ständig erlebten. Auf der einen Seite gab es so viel Reichtum und Schönheit und auf der anderen Seite war man es sich nicht einmal wert, auch nur für eine Minute den Motor auszuschalten, auszusteigen und die Schönheit zu genießen. Man raste in Hektik an ihr vorbei, ohne sie auch nur wahrzunehmen und die einzigen Momente in denen man überhaupt einmal einen Gang zurück schraubte waren Situationen, in denen man andere Menschen zuschwallen konnte. Dies machte wohl auch einen Großteil der immensen Lebensarmut aus, die hier permanent zu spüren war. Und es war wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum es für uns so komplex wurde. Es gab kein echtes Miteinander, keinen Austausch, kein persönliches Interesse und somit auch keine Dorfgemeinschaft. Es war das erste Land, in dem man in ein Dreißig-Seelen-Dorf kommen konnte, ohne jemanden zu finden, der wusste, wo der Pfarrer wohnte oder wer sonst für die Kirche verantwortlich war. Wir kamen heute durch drei verschiedene Orte in denen es jeweils mindestens zwei Kirchen, zwei Gemeindehallen und einen Sportplatz mit Aufenthaltsräumen und Umkleidekabinen gab und doch gab es keine Möglichkeit irgendetwas davon zu nutzen. Entweder, man erreichte überhaupt niemanden, oder man fand nur Menschen, die leider alleine nichts entscheiden, aber auch niemanden anrufen konnten, weil sie eben einfach nicht wollten. So viel Spießigkeit auf einem Haufen hatten wir unser Leben lang noch nicht erlebt. Der einzige, der uns an diesem Nachmittag wirklich half, war ein nahezu tauber und blinder alter Mann in einer kleinen Hütte, der uns mit Brot, Käse und Keksen versorgte. „Ihr könnt das haben, ich muss morgen eh einkaufen!“ meinte er und gab uns damit fast den gesamten Inhalt seines Kühlschrank. Dann versuchte er noch, uns einen Platz zum Schlafen in der kleinen Gemeindehalle auf der anderen Straßenseite zu organisieren, aber der Verantwortliche wimmelte ihn am Telefon mit der Aussage: „So etwas machen wir hier nicht!“ ab. Das wir schließlich überhaupt einen Platz zum Übernachten bekamen verdankten wir einer Kette von „Zufällen“ und „Glückstreffern“, die ich später am Abend noch einmal genau beschreiben musste, um nicht wieder auf die Straße gesetzt zu werden. Der Pfarrer von Churchtown war in die Jahre gekommen und ein paar Monate zuvor in ein Pfelgeheim eingewiesen worden, weshalb das Dorf nun pfarrerlos da stand. Eine alte Dame im Rollstuhl vermachte mir ihr Kirchenblättchen mit den Nummern aller Pfarrer in der Umgebung darauf, von denen die meisten jedoch nicht erreichbar waren. Der einzige, den ich ausfinden machen konnte war Pater Francis aus Coagh, der leider gute 23km nördlich von uns Wohnte. Er selbst konnte uns also nicht helfen, versuchte aber und an einen Kollegen auf unserer Route weiter zu vermitteln. Dieser Kollege sollte schließlich Pater David sein, der rund 25km weiter im Süden lebte. Bis wir seinen Wohnort erreichten, versuchten wir vergeblich alle 20 Minuten ihn anzurufen um uns bei ihm anzukündigen. Als wir schließlich an der Kirche eintrafen, war es bereits 21:00 Uhr und der Pfarrer war nicht zu hause. Dafür lernten wir einen freundlichen und hilfsbereiten Bauarbeiter kennen, der in der kleinen Kapelle saß und Zeitung las, was hier offenbar eine anerkannte Form des Betens war. Er tätigte ein paar Anrufe und trieb so die Handynummer von Pater David auf, den ich kurz darauf tatsächlich an die Strippe bekam. „Hallo!“ sagte ich, „Mein Name ist Franz Bujor und ich mache gemeinsam mit meinem Freund Heiko Gärtner eine Pilgerreise durch Eurpa, bei der wir bereits 23.000km zu Fuß unterwegs sind um vier soziale Projekte zu unterstützen. Ich habe Ihre Nummer von Pater Francis aus Coagh und er meinte, dass Sie uns helfen könnten, wenn es darum geht einen Schlafplatz für die Nacht zu finden.“ Die Reaktion war nicht ganz die, die ich mir daraufhin erhofft hatte: „Ich kenne keinen Pater Franzis aus Coagh und ich kenne Sie nicht! Auf Wiederhören!“ Dann folgte ein wenig vielversprechendes Tuten. Ich konnte es nicht fassen! Wir waren gerade zum vierten Mal nass geworden, der Himmel war schwarz wie Teer und die Nacht stand unmittelbar bevor. Und der Mann war nicht einmal bereit auch nur zuzuhören? Sicher hatte er mich einfach falsch verstanden! Meine nächste Idee war, ihn noch einmal direkt von Francis anrufen zu lassen, doch der Handerker kam uns zuvor. „Kein Problem!“ meinte er, „ich nehme euch einfach bei mir auf!“ Damit er das tun konnte, musste er uns jedoch zunächst den Weg zeigen, da er knapp zwei Kilometer außerhalb des Ortes lebte. So fuhren er und ich gemeinsam mit dem Auto zu seinem Haus, während Heiko unsere Wagen bewachte und versuchte nicht zu erfrieren. „Warte eine Minute!“ sagte der Mann, als wir in seinem Hof standen, „ich muss nur noch kurz mit meiner Frau sprechen!“ Er machte den Eindruck, als hätte er bis zu diesem Moment sehr erfolgreich verdrängt, dass er überhaupt eine Frau hatte, was man auch gut verstehen konnte. Guten Mutes, mit hoch erhobenem Haupt ging er zur Tür und tief gebeugt und betroffen kam er einige Minuten später wieder zurück. „Hast du die Nummer von Pater David noch?“ fragte er direkt um nicht auf die Situation mit seiner Frau eingehen zu müssen. Ich habe keine Ahnung wie es hatte passieren können, dass ein so herzensguter Mann an eine so grauenhafte Frau geraten war, aber sie war wirklich ein Hausdrache, wie er im Buche steht. Als ich mit ihrem Mann durch die Tür trat und freundlich grüßte, kam nicht einmal ein Blick von ihr zurück. In der ganzen Zeit, in der ich mich bei ihnen aufhielt, sprach sie kein einziges Wort mit mir und das obwohl sie sich an dem Gespräch über Lösungsmöglichkeiten außerhalb ihres eigenen Hauses beteiligte. Der Sohn, der kurz darauf ins Wohnzimmer kam, schlug glücklicherweise nach seinem Vater. Noch einmal riefen wir den Pfarrer an und dieses Mal begann der Bauarbeiter mit der Erklärung, bevor er mir den Hörer weiter reichte. Was nun folgte war eine Art polizeiliches Verhör in dem ich den Tathergang unserer heutigen Reise mit allen Details und Einzelheiten zu Protokoll geben musste, angefangen beim Vor- und Zunamen unseres letzten Gastgebers bis zu einer schlüssigen Begründung dafür, dass wir hier und nicht irgendwo anders aufgeschlagen waren. Dann endlich ließ er sich gegen all seine inneren Widerstände dazu hinreißen, uns doch noch aufzunehmen. Wir müssten nur bis um 23:00 warten, da er zuvor nicht im Haus war, aber wir könnten diese Zeit ja beim Bauarbeiter und seinem Hausdrachen verbringen. Wir lernten den Pfarrer gegen 22:15 kennen, während wir in der Gemeindehalle bei einer Portion Fish and Chips saßen. Es war mit gelungen, den Vorschlag mit unserer Wartezeit noch einmal abzuändern, so dass wir uns die Hin- und Herfahrerei sparen konnten. Ruhe und Zeit zum Arbeiten gab es aber dennoch nicht, denn die Halle wurde gerade umgeräumt und die Frauen, die dafür zuständig waren, hatten die dringende Order, uns nicht alleine zu lassen. „Wo ist denn Franz?“ erkundigte sich eine der beiden Frauen, bei Heiko, der versuchte, irgendwie trotz all der Widrigkeiten ein paar Bilder zu bearbeiten. „Er fragt im Ort nach etwas zum Essen!“ antwortete er, „Es ist gleich zehn und wir hatten den Tag noch nichts außer etwas angeschimmeltes Brot und ein paar Kekse!“ Sofort rief die Frau den Pfarrer an und fragte, ob sie uns nicht im Namen der Kirche und vor allem auch auf dessen Rechnung etwas zum Essen kaufen sollte. Der Pfarrer verneinte bekam aber einen halben Herzinfarkt, als er hörte, dass wir die Läden wegen kostenlosen Essensspenden ansprachen. Dieser Umstand sorgte wohl dafür, dass er sich mit seiner Heimreise deutlich mehr beeilte, als er es geplant hatte. Als er bei uns eintraf hatten wir beides, das Essen, das uns die Läden umsonst gegeben hatten und das Essen, das uns die Frau aus eigener Tasche bezahlt hatte. Nun da der Mann leibhaftig vor uns stand, wurde mir auch klar, warum es so schwer gewesen war, eine sinnvolle Vereinbarung mit ihm zu treffen. Er war ein Gollum-Artiges Wesen mit gebeugter Haltung und grauem, schütteren Haar, das in einzelnen Strähnen an seinem Kopf klebte. Sein Händedruck fühlte sich an wie der eines toten Fisches und seine Stimme überschlug sich immer wieder zu einer hohen Fistelstimme, so als wäre ihm gerade jemand auf den Hoden getreten. Nichts von dem, was mir machten oder warum wir hier waren interessierte ihn. Das einzige was er sehen wollte, war eine Bestätigung, dass wir uns wirklich auf einer Pilgerreise befanden, denn wenn das der Fall war, dann verpflichtete ihn seine Moral dazu, uns wirklich aufzunehmen. Ohne diese Bestätigung hätte er uns selbst jetzt um diese Urzeit noch immer vor die Tür gesetzt. So aber war er beruhigt und nahm uns mit hinüber in sein Haus. Die Villa die er bewohnte war gerade einmal zwei Jahre alt und Heiko schätzte allein den Wert der Inneneinrichtung auf eine gute Million Euro. Woher kam all dieses Geld? Wie konnte sich die Kirche hier solche Gebäude leisten, wenn doch kaum jemand in den Gottesdienst ging? Und warum leistete sie es sich? Welcher Vorteil entstand daraus? Was war die Absicht dahinter? Uns fiel auf, dass diese Frage im Allgemeinen noch ungeklärt war. Der Norden Irlands war, so arm er auch von der menschlichen Seite war, aus materieller Sicht eine der reichsten Regionen, die wir je gesehen hatten. Und doch schien es hier keine Arbeit zu geben. Nirgendwo sah man Firmen oder Unternehmen. Es gab ja nicht einmal mehr Supermärkte oder Bäckereien. Wie verdienten die Menschen also ihr Geld? Lebten hier wirklich nur die Firmenchefs und Bankmanager, die ihr Kapital aus Kapital schlugen und dadurch so viel Geld hatten, dass alle anderen für sie arbeiten konnten? Handwerker, Fensterputzer, Gärtner und ähnliches sah man ständig und überall. Es waren die einzigen, die man hier überhaupt arbeiten sah. Darüber hinaus blieb alles wie hinter einem Schleier. Von Seiten des Pfarrers bekamen wir unsere Schlafzimmer und je ein Glas Wasser angeboten. Dann entschuldigte er sich noch vier oder fünf mal, dass er nicht gastfreundlicher wirkte, da dies unter den gegebenen Umständen leider nicht möglich sei. Hätte er früher von uns gewusst, hätte er uns einen anständigen Empfang bereitet, aber so war leider nichts mehr zu machen. Schon spannend, wie unterschiedlich die Einstellung war. Pater John gestern hatte sich keinen einzigen Gedanken darüber gemacht, ob er nun gastfreundlich wirkte oder nicht und bei ihm hatte man sich sofort willkommen und heimisch gefühlt. Hier fühlte man sich wie ein Eindringling und traute sich nicht einmal, das Wasserglas auf dem Nachttisch abzustellen.
 
Spruch des Tages: es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.
Höhenmeter. 40m
Tagesetappe: 14 km
Gesamtstrecke: 25.005,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Multifunktionsräume der Kirche, St. Lo, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 19:06:43


Tag 1324: Die Gefängnisse in unseren Köpfen

Ein Junger Mann ging zu einem weisen Meister und f

31.07.2017 Nachdem er am Vorabend gerade einmal einen einzigen Apfel im Haus hatte, hatte Pater John es irgendwie geschafft, einen ganzen Korb voller Früchte zu besorgen, aus dem wir uns nun unser Frühstück zusammenstellen konnten. Damit bekamen wir das erste gesunde und nahrhafte Frühstück, seit wir den Kontinent verlassen hatten. John verließ sein Haus ein paar Minuten vor uns und meinte wiederum nur vertrauensvoll, dass wir die Tür einfach zuziehen sollten, seine polnische Haushälterin würde dann später schon abschließen. Er verabschiedete sich, stieg in sein Auto und verschwand. Drei Minuten später sahen wir ihn dann aber schon wieder, denn er war lediglich zur Kirche hinüber gefahren. Prägnanter hätte man den Umgang mit Verkehrsmitteln in Britannien nicht auf den Punkt bringen können. Zugegeben, das Grundstück des Pfarrhauses war nicht klein und bis zum Gartentor waren es fast 100 Meter. Aber die Kirche lag gleich auf der anderen Straßenseite, insgesamt also keine 200 Meter weit entfernt. Und trotzdem fuhr man hier mit dem Auto hin. Es war also kein Wunder, dass überall ein Verkehr herrschte, den man sich zunächst nicht erklären konnte. Langsam hatten wir den Verdacht, dass man hier in den großen Villen eher durch eine Seitentür nach draußen ging und mit dem Auto einmal halb um das Haus fuhr, als durch das Haus hindurch auf die andere Seite zu gehen. Nach einer eingehenden Recherche bei Google-Maps hatte ich uns für heute und die nächsten tage eine Wegführung herausgesucht, die uns weitgehend von allen Formen der Zivilisation fern hielt. Sobald man den Menschen auswich und sich nur noch mit Kühen und Schafen auf den Feldern umgab, wurde es tatsächlich bedeutend schöner. Die überschwängliche Begeisterung für dieses Land konnten wir noch immer nicht teilen, aber es war nun zumindest so, dass wir nicht mehr das Gefühl hatten, sofort fließen zu müssen. Außerdem konnten wir uns nun langsam vorstellen, warum einem Irland gefiel, wenn man es sich nur flüchtig und oberflächlich anschaute. Durch die vielen Hügel wirkte es mit seinen vielen Wiesen und Feldern wirklich wie ein wildes, grünes und freies Naturparadies. Erst auf den zweiten Blick merkte man, dass dies eine Illusion war, und dass es weder Freiheit noch Natur gab, sondern nur kleine abgesperrte Privatfelder, die so viel mit Wildnis zu tun hatten, wie ein Vorgarten. Im Laufe des Tages erlebten wir eine ganze Reihe an Kuriositäten, die alle auf ihre Weise bezeichnend für dieses Land waren. Da waren die vielen halb verfallenen Häuser, mit den Schimmelflecken und dem abgeblätterten Putz, vor denen drei oder vier Sportwagen im Wert von insgesamt eine guten Million Euro standen. Oder das luxuriöse Einfamilienhaus im Grünen, neben dem man ein kleines Windrat aufgestellt hatte, das bei jeder Umdrehung quietschte wie ein verrostetes Gartentor, um das sich aber niemand kümmerte. Dann gab es den Vater und den Sohn, die während eines heftigen Platzregen mit voller Montur und vorbereiteter Ausrüstung in der Garage standen um sofort nach draußen rennen und mit dem Rasenmähen beginnen zu können, sobald es auch nur eine Minute zu regnen aufhörte. Tatsächlich waren dies die einzigen Momente, in denen wir Menschen im Freien sehen konnten. In ganz Irland waren uns drei Jogger und zwei Spaziergänger begegnet, wobei wir vermuteten, dass die letzten beiden wahrscheinlich nur zu Fuß unterwegs waren, weil sie zuvor eine Autopanne hatten. Alle anderen, die nicht in einem Haus, einem Auto oder einem Laden oder auf direktem Weg zu einem dieser Orte waren, mähten Rasen. Wir sahen Gärten, in denen es sogar Fußballfelder für Kinder und Enkelkinder gab, deren perfekt gepflegtes Grün aber bewies, dass hier niemals gespielt wurde. Kinder konnte man ohnehin so gut wie nie sehen, außer durch die Scheiben von Autos oder Zimmerfenstern. Man hätte aber auch nicht gewusst, warum sie nach draußen gehen sollten, denn es gab wirklich nahezu nichts, das man hier als Kind hätte tun können. So etwas wie Ballspielen war grundsätzlich durch eine regelrechte Schilderflut verboten. Wir sahen sogar Privatgärten in denen Schilder mit der Aufschrift „Ballspielen verboten!“ standen. Dass diese generelle Unfreiheit die Menschen nicht glücklich machte, sah man an der Länge der Gesichter, die einen von überall her anstarrten. Im Balkan hatten wir oft das Gefühl gehabt, dass die Menschen sehr aufdringlich sind und keine persönliche Distanzgrenze kennen. Hier war es noch bedeutend stärker. Dass Autos teilweise für mehrere hundert Meter direkt hinter einem fuhren, obwohl sie ausreichend Platz zum überholen hatten, nur um einen anzustarren, war uns in anderen Ländern noch nicht passiert. Auch die Häufigkeit, mit der wir hier aus dem Auto heraus bei laufendem Motor ohne eine Begrüßung, einen erkennbaren Grund oder eine ernst gemeinte Frage von der Seite angequatscht wurden, übertraf alle bisherigen Erfahrungen. Dabei empfanden wir die Menschen aber selten als freundlich. Gar nicht so sehr von ihrer aktuellen Tagesform her, oder ihrer Art uns gegenüber, sondern viel mehr von ihrer allgemeinen Grundhaltung. Man hatte das Gefühl, dass die Ihren zumindest hier im Norden ein grund skeptisches und grund ablehnendes Volk waren. Allein schon durch die Art und Weise, wie sie ihre Häuser und Grundstücke präsentierten. Wenn man irgendwo auf der Welt an einem Restaurant vorbei kam, dann sah man dort Schilder mit Aufschriften wie „Herzliche Willkommen im Restaurant zum tanzenden Wildschwein!“ oder „Unser heutiges Tages-Menü: …..“. Hier hingegen hingen zehn Schilder auf denen „Parken streng verboten“ stand. Auf einem Behindertenparklatz stand nicht „reserviert für Menschen mit Behinderungen“ sondern „Parken Verboten! Ausgenommen Menschen mit Behinderung“. Selbst auf öffentlichen Parkplätzen wie von Supermärkten oder Schnellrestaurants ist es ähnlich. Es heißt nicht „Kundenparkplatz von Kentucky Fried Chicken“ sondern „Jeder, der hier Parkt ohne das Restaurant zu besuchen wird kostenpflichtig abgeschleppt oder bekommt eine Reifenkralle!“Versteht ihr, was ich meine? Es sind Kleinigkeiten, aber sie machen den Unterschied aus, ob man einem Menschen erst einmal vor den Kopf stößt, oder ob man ihm das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Wie zum Beispiel auch bei kleinen Nebenstraßen, an denen häufig Schilder mit „Privatstraße – Durchfahrt verboten!“ stehen. Nicht etwa: „Reserviert für Anlieger, Fußgänger und Radfahrer“ sondern „generell Verboten!“ Das stimmt ja nicht, denn diejenigen, denen die Straßen gehört, müssen ja auch auf ihr Fahren um zum Haus zu kommen.
 
Spruch des Tages: Ein Junger Mann ging zu einem weisen Meister und fragte: „Wie kann ich mich nur von all den Dingen befreien, die mich davon abhalten wirklich frei zu Leben?“
Da sprang der Weise auf, lief zu einem Baum, krallte sich mit beiden Händen daran fest, so stark er nur konnte und rief mit gespielter Verzweiflung: „Wie kann ich mich nur von diesem grausamen Baum befreien, der mir die Freiheit raubt?“
Höhenmeter. 30m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 24.991,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Multifunktionsraum der Kirche, Pont Herbert, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 19:05:22


Tag 1323: Volksmedikamentation

Das bringt den Doktor um sein Brot: Der Menschen H

Fortsetzung von Tag 1322: Im Laufe des Abends kamen wir natürlich auch auf das Thema Gesundheit zu sprechen. Pater John war ein mitfühlender Mann, dem das Wohl seiner Gemeinde sehr am Herzen lag und der sich daher die Bürden der anderen gerne auch selbst aufbürdete. Neben zu hohem Blutdruck und einigen anderen Stresssymptomen führte dies auch dazu, dass sein Körper zu viele Blutplättchen produzierte. Das biologische Schutzprogramm dahinter war ebenso eigensinnig wie nachvollziehbar. Er empfand jede Wunde eines anderen, als eine Wunde bei sich selbst und so hatte sein Körper permanent das Gefühl, heilen und Blutungen stoppen zu müssen. Und dafür benötigte er natürlich Blutplättchen. Zumindest theoretisch, denn praktisch gab es die Wunden ja gar nicht und somit gab es auch keine Möglichkeit die Plättchen einzusetzen und so wieder zu verbrauchen. Lange Zeit hatte John daher als Spender für Chemo-Patienten gedient, die ja bekanntlich zu wenig Blutplättchen produzieren. Oder besser gesagt: Deren Blutplättchen-Produktion durch die Chemotherapie vollkommen unterbunden wird. Später hatten ihm die Ärzte jedoch gesagt, man habe einen Krebsindikator bei ihm festgestellt, wodurch er als Spender ausgeschlossen wurde. Was immer auch ein solcher Krebsindikator sein sollte. Stattdessen fuhr man nun eine andere Schiene. Er war älter als 50 Jahre und somit erfüllte er alle Bedingungen um an der britannienweiten Standartmedikamentation für Ü50-Personen teilnehmen zu können. Das ist kein Witz. Sobald man hier fünfzig wird bekommt man von seinem Arzt ein Medikament gegen die üblichen Altersleiden verschrieben. Es wird nicht einmal mehr geschaut, ob man Herzprobleme, einen erhöhten Cholesterinspiegel oder sonst etwas in der Richtung hat. Man bekommt einfach vorsorglich ein Medikament dagegen, das einfach mal alles behandeln soll, das im Alter so vor kommt. Es wird grundsätzlich verschrieben, doch im Falle unseres Pfarrers legte der Arzt noch einmal besonders viel Wert darauf, dass er es auch ja täglich einnahm. Denn in seiner Familie hatte es bereits einen Krebstoten und einen Herzinfarkt gegeben. Ein Blick auf die Verpackungsbeilage verriet jedoch, dass dieses Medikament garantiert nicht dazu beitragen würde, dass Pater John länger lebte. Im Gegenteil, es trug aktiv zu einer Beschleunigung des Verfalls seines Körpers bei. Das sahen sogar die Ärzte, die bereits einige Monate nach Beginn der Einnahme, eine leichte Schädigung der Leber aufgrund der Tabletten feststellten. Die Reaktion, die darauf erfolgte lautete: „Kein Problem! Noch sind die Vorteile, die Sie durch das Medikament erhalten größer als die Nachteile, die eine angeschlagene Leber mit sich bringt. Nehmen Sie die Tabletten daher auch ruhig weiterhin!“ Ist das nicht der Knaller? John zeigte uns den Beipackzettel und wir wussten nicht, ob wir darüber lachen oder weinen sollten. Ihr müsst bedenken, dass es sich hier um ein Volksmedikament handelt, also eines, dass nahezu das ganze Land einnimmt, sobald es das 50. Lebensjahr überschreitet. Damit dies auch funktioniert, besteht die erste Hälfte des Zettels erst einmal aus einer reinen Werbebotschaft mit verschiedenen Heilsversprechen. Würden wir auf diese Art und Weise über eine Therapieform oder ein Naturheilmittel sprechen, ohne hinzuzufügen, dass es sich um unsere eigene Meinung oder Erfahrung handelt, müssten wir fürchten, dafür verklagt zu werden. Auf einem Beipackzettel hingegen gibt es hier keine Probleme. Weitaus spannender waren jedoch die zweite Hälfte, sowie die Informationen, die nicht auf dem Zettel standen. So gab es an keiner Stelle auch nur einen leisen Hinweis darauf, welche Inhalts- und Wirkstoffe in den Tabletten enthalten waren. Der Bereich fehlte einfach völlig. Stattdessen gab es einen kurzen und unspektakulären Hinweis darauf, dass man die Tabletten nicht oder „eher nicht“ einnehmen sollten, wenn man Nierenprobleme oder Leberprobleme hatte, sowie wenn man asiatischer Abstammung war, zu Allergien oder Hautausschlägen neigte oder wenn man unter häufigen Muskelschmerzen litt. Mit anderen, klareren Worten: „Achtung, dieses Medikament ist so giftig, dass es sämtliche Entgiftungsorgane Ihres Körpers angreift!“ Noch etwas weiter unten standen dann die Risiken und Nebenwirkungen aufgelistet. An und für sich konnte man sagen, dass das Medikament wirklich harmlos war. Die kleinen Problemchen, die es evtl. verursachen konnte, waren eigentlich zu vernachlässigen! In gerade einmal 10% der Fälle löste es Diabetes aus und ebenso häufig führte es zu chronischen Gelenksentzündungen und Muskelschmerzen. Wenn nur jeder zweite, der das Medikament empfohlen bekam, die Tabletten auch wirklich einnahm, dann machte dies einer Gesamtbevölkerung von 50 Millionen Briten, von denen vielleicht 20 Millionen über 50 waren, noch immer 1 Million Menschen, die rein aufgrund dieses Vorsogremedikaments Diabetes und/oder chronische Gelenkschmerzen bekamen. Sofort mussten wir dabei an unseren Gastgeber vor ein paar Tagen denken, dem wir den strickten Essensplan aufgestellt hatten. Auch er hatte einen bunten Strauß an Tabletten, die er täglich nahm und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass diese hier mit dazu gehörten. Nicht, dass es nicht trotzdem sinnvoll war, auf Zucker zu verzichten, aber wahrscheinlich könnte er seinen Gesundheitszustand schon deutlich verbessern, in dem er nur diese Giftpillen weg ließ. Das heftige auf der anderen Seite war, dass man rein aus diagnostischer Sicht durchaus begründen konnte, warum jeder Mensch über fünfzig ein Medikament wie dieses bekam. Es gab hierzulande tatsächlich nahezu niemanden, der in diesem Alter noch ein funktionierendes Herz-Kreislaufsystem hatte. Auch Pater John sah man an, dass er durchaus ein Herzinfarktkandidat war, wenn er sich weiterhin so stresste, wie er es bislang tat. Die Überproduktion an Blutplättchen waren nur ein Symptom von dem, was wir in Italien gerne „Pfarrerskrankheit“ genannt haben. Wer sich Tag für Tag die Last einer ganzen Glaubensgemeinde auf die Schultern lud und sich jedes Problem seiner Mitmenschen stärker zu Herzen nahm als seine eigenen, der brauchte sich nicht wundern, wenn er unter dieser Last eines Tages zusammenbrach. Vor allem, wenn die allgemeinen Lebensumstände in einem Land so zerstörerisch waren wie hier oder in Italien. Beide Länder, sein Heimatland wie auch sein Lieblingsurlaubland beschrieb der Pfarrer als „very noisy“ also „sehr laut“ oder „sehr Geräusch intensiv“ Es fiel ihm noch immer auf, obwohl er bereits so schwerhörig war, dass er regelmäßig gefragt wurde, warum er seine Mitmenschen permanent anschrie. Noch erschreckender war jedoch, dass er uns nicht einmal mit Sicherheit sagen konnte, welches seiner Ohren das Hauptproblemohr war. Er wusste nur, dass eines von beiden fast nichts mehr hörte, aber welches es war, da war es sich nun nicht so sicher. Es war also permanent so laut um ihn herum, dass er die Unterschiedliche Lautstärkenintensität in den Ohren nicht einmal mehr mitbekam. Heiko wusste jedoch aus eigener Erfahrung, dass es einen normalerweise in den Wahnsinn trieb, wenn die Ohren ungleichmäßig starke Signale aufnahmen. Hin und wieder kam es bei ihm vor, dass eines der beiden Ohren blockierte, während das andere normal weiter funktionierte. Wenn das der Fall war, machte es ihn jedes Mal so fertig, dass er keine Geräusche oder Stimmen mehr ertragen konnte, bis sich die Ohren wieder beruhigt hatten. Es war ihm also ein vollkommenes Rätsel, wie jemand so leben konnte und es nicht einmal mitbekam. Wenn wir noch einmal an die vergangenen Begegnungen zurück dachten, dann gab es tatsächlich fast niemanden über vierzig hier auf den Inseln, der nicht Taub oder Schwerhörig war. Man konnte sagen was man will, aber dieser permanente Lärm machte etwas mit den Menschen und es war nichts gutes. Dennoch hatte John das Gefühl, sein Heimatland auch in ein positives Licht rücken zu müssen, damit wir es in guter Erinnerung halten konnten. „Irland ist trotz allem eine wunderschöne Insel!“ meinte er, „man braucht nur etwas Sonne, um dies erkennen zu können!“ Es war ein netter Versuch, aber so ganz überzeugte er uns damit noch nicht. Nach dem Essen erklärte er uns, dass er noch einmal fort müsse, um ein Messe zu halten und einige Hausbesuche zu machen. „Fühlt euch einfach wie zu hause!“ meinte er nur locker, „Wenn ihr Hunger habt nehmt euch was aus dem Kühlschrank und wenn ihr sonst etwas braucht, durchsucht einfach die Schränke bis ihr es gefunden habt!“
 
Spruch des Tages: Das bringt den Doktor um sein Brot: Der Menschen Heil, der Menschen Tod. Drum hält der Arzt, auf das er Lebe, uns zwischen beidem in der Schwebe.
Höhenmeter. 40m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 24.972,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Ehemaliges Pilgerhaus / Räume für Kommunionsunterricht, Carentan, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 19:04:33


Tag 1322: Die Schere zwischen arm und reich

Man ist immer so reich, wie man sich fühlt.

Fortsetzung von Tag 1321: Die zweite Adresse war die presperitanische Kirche, mit der wir bislang ja recht gute Erfahrungen gemacht hatten. In diesem Fall war es jedoch anders. Der junge und höfliche Pfarrer war nicht bereit, über den Kopf seines Rates hinweg zu entscheiden und auch nicht gewillt, diesen um Erlaubnis zu fragen. Das einzige was er für uns tun könnte, wäre die Nummern der katholischen Kollegen aus dem Internet zu suchen. Und dies war dann sogar tatsächlich hilfreich, denn Pater John zögerte keine Sekunde um uns einzuladen. Einziger Haken. Er wohne nicht hier im Ort, sondern in der Stadt, fünf Kilometer Luftlinie entfernt. Außerdem war er gerade unterwegs und kam erst in zwei Stunden wieder nach hause. Dann aber würde er uns mit Freude und gutem Essen empfangen. Da wir den direkten Weg entlang der Hauptstraße ohnehin nicht laufen konnten, trafen wir pünktlich zwei Stunden später bei ihm ein. Wieder waren wir Nass bis auf die Haut, denn in den zwei vergangenen Stunden waren wir ein drei heftige Schauer und ein Gewitter geraten. Wenn man das bedachte waren die Absagen zuvor gleich noch heftiger. Denn anders als wir wussten die Einheimischen hier ja, wie sich das Wetter verhielt. Jemanden unter diesen Umständen ohne mit der Wimper zu zucken in eine Gewitter rennen zu lassen, obwohl er mit der Bitte nach einer Schutzbehausung zu einem kommt, die man ohne Probleme und ohne jeden Aufwand zur Verfügung stellen könnte, ist schon ein starkes Stück. Die Schere wischen arm und reich Pater John kam uns bereits entgegen und begleitete uns das letzte Stück von der Kirche bis zu seinem Haus. Haus ist an dieser Stelle jedoch etwas untertrieben. Es war ein Anwesen, dass den englischen Adelshäusern um nichts nach stand. John lebte hier allein, hatte aber allein drei vier Schlafzimmer im ersten Stock, sowie eine eigene kleine Kapelle neben dem Wohnzimmer. Nicht, dass wir uns darüber beschweren würden. Es war ein großartiger Platz, abseits der Straße in dem es ruhig und gemütlich war und in dem jeder von uns sein eigenes Reich für sich hatte. Aber es zeigte noch einmal deutlich die Ambivalenz in diesem Land, wenn man bedachte, dass nur eine Straße weiter die Häuser der normalen Familien standen, die kaum die Größe eines normalen Caravans hatten und von Vater, Mutter und teilweise vier oder fünf Kindern bewohnt wurden. Abgesehen davon, dass die Rasenflächen in den Briefmarkengroßen Gärten aufs penibelste fein geschnitten waren, unterschieden sich diese Häuser kaum von den Baracken der Sinti und Roma, die wir in Bulgarien gesehen hatten. Mit Pater John erlebten wir jedoch zum ersten Mal Wohlstand und Genuss in diesem Land. Bisher hatten wir das Gefühl gehabt, dass Irland das wohl ärmste Land der Welt ist, wenn man es nicht an Geld sondern am Gefühl der Menschen festmachte. Die Menschen selbst schienen sich einfach nichts wert zu sein und hatten daher auch das Gefühl, nichts teilen oder schenken zu können. Die Frau von gestern beispielsweise: Sie lebte mit ihrem Mann in einem Haus, das fast genauso edel und teuer war, wie das von Pater John. Allein die Küche musste bei rund 40.000 Euro gelegen haben. Und doch hatte ich ein schlechtes Gefühl, als ich sie nach Brot und Obst fragte, weil ich fürchtete, ihr damit etwas wegzunehmen. Für uns machte sie dann je ein Sandwich mit Hühnchen-Weintrauben-Salat, den sie eigens für uns herstellte. Sie selbst aß von diesem Salat jedoch nichts, sondern gönnte sich lediglich einen schlabbrigen Toast mit Cheddar-Käse vom Aldi darauf. Nicht einmal getoastet wurde er zuvor, obwohl der Toaster direkt vor ihr stand. Reicher Empfang John war da etwas anders drauf. Er war gerade von einem Italienurlaub zurückgekehrt und noch immer voll im Italienfieber. Wer hätte gedacht, dass wir uns einmal so über Italienische Küche freuen würden! Auf dem Tisch war so ziemlich alles aufgebahrt, was er hatte finden können, angefangen von Antipasti, über verschiedene Salate und rote Bete, bis hin zu Hühnchen mit Oliven und frischen Baguette. Für ihn waren wir nicht einfach Fremde, die einen Platz brauchten. Wir waren unangekündigte und doch lang erwartete Gäste mit denen er sich endlich mal wieder austauschen konnte. Spannenderweise war er der einzige bislang, der hier bereits zuvor Pilger und andere Reisende aufgenommen hatte. Vor einigen Jahren war sogar einmal eine Gruppe mit 20 Pfarrern, Messdienern und anderen Kirchenmitgliedern aus Italien da gewesen, die mehrere Tage geblieben war. Sie hatte im Haus verteilt überall auf dem Boden geschlafen, so wie es eben passte. Später hatte er dann sogar zwei Wandermönche kennengelernt, die in gewisser Hinsicht sehr ähnlich unterwegs waren, wie wir, in anderer Hinsicht aber auch gar nicht. Zur Armut verpflichtet Es waren zwei Novizen aus einem französischen Benediktinerkloster gewesen, zu dessen Ausbildung eine dreimonatige Pilgerreise durch Europa gehörte. Auch sie reisten ohne Geld, wenngleich auf eine ganz andere Weise als wir es taten. Ihre Aufgabe war es, pro Tag mit nur einem einzigen Euro durchzukommen. Dazu gehörte jedoch nicht nur Bargeld, sondern auch alles an Sachwerten. Pater John war es also nicht erlaubt gewesen, den beiden jungen Männern etwas zu Essen zu geben. Sie mussten mit ihrem einen Euro irgendwie zurecht kommen. Eigentlich hätten sie nicht einmal im Haus schlafen und die Dusche nutzen dürfen. Doch damit konnte der Pfarrer nicht mehr konform gehen. „Zelten könnt ihr meinetwegen, wenn ihr an einem schönen Ort seit, aber hier wird im Haus geschlafen. Ich bekomme ja die Nacht kein Auge zu, wenn ich weiß, dass ihr da draußen in der Kälte herum liegt!“ So unterschiedlich kann also der Umgang mit Reisenden sein. Einmal überredet waren die Mönche dankbar bis zum Mond und zurück, endlich wieder einmal Wärme, Gemütlichkeit und warmes Wasser spüren zu können. Im Nachhinein haben wir noch einmal lange über dieses System nachgedacht dass den jungen Mönchen hier auferlegt wurde, und je mehr wir dies taten, desto weniger leuchtete es uns ein. Wie wollte man spüren, dass Gott für einen sorgte, wenn man gezwungen war, alle Geschenke abzulehnen, die er einem gab? Es kam uns so vor, als wäre das Ziel der Reise nicht gewesen, seine eigene Spiritualität und seien Verbindung zu Gott zu finden, sondern viel mehr jeden Wunsch abzutöten, je wieder unterwegs sein zu wollen. So wie es klang, war ihre Reise kein Abenteuer sondern eine reine Tortour und nach Ablauf ihrer drei Monate machten sie sicher erst einmal drei Kreuze, dass sie nun wieder die Annehmlichkeiten des Klosters nutzen konnten. Selbst wenn diese vielleicht nur aus einer Bastmatte auf dem nackten Boden bestand. Finger weg von kleinen Kindern Im Zusammenhang mit dieser Geschichte erzählte er uns auch, dass er uns wie auch die anderen Mönche nur deshalb hatte einladen dürfen, weil wir volljährig waren. In Großbritannien gab es ein Gesetz, dass es verbot, dass Männer allein mit Kindern in einem Haus oder einem Raum zusammen sein durften. Es war ein Gesetz, dass dem Schutz der Kinder dienen sollte, weil es gerade im Zusammenhang mit der Kirche hierzulande zu häufig vorgekommen war, dass Kinder sexuell misshandelt oder gar vergewaltigt wurden. Auf der einen Seite konnte man diese Regelung gut nachvollziehen, auf der anderen Seite musste man sich jedoch auch fragen, wie sinnvoll sie war. Denn war es wirklich besser, reisende Jugendliche auf der Straße stehen zu lassen, wo sie potentiellen Vergewaltigern ebenso ungeschützt ausgeliefert waren? Am meisten an der Aussage erschreckte uns jedoch, wie normal der Kindesmissbrauch hierzulande sein musste, wenn es für jeden vollkommen klar war, dass Männer ohne polizeiliches Führungszeugnis und mit ausdrücklicher Genehmigung keinen Kontakt zu Kindern oder Kindergruppen haben durften. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Man ist immer so reich, wie man sich fühlt.
Höhenmeter: 30m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 24.955,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Rathaus, Saint Jores, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 19:02:57


Tag 1321: Warum einfach, wenns auch umständlich geht?

Warum einfach, wenn es auch umständlich geht?

30.07.2017 Der Vormittag wirkte zunächst einmal sehr versöhnlich und für ein paar Stunden hatten wir das Gefühl, uns mit Irland vielleicht doch noch anfreunden zu können. Wir wanderten über kleine Sträßchen, waren nahezu für und alleine und das Wetter hielt einigermaßen stand. Alle Viertelstunde regnete es einmal ein paar Tropfen, aber das konnte man hier ja bereits als Trocken tag durchgehen lassen. So ganz verstanden wir noch immer nicht, warum so viele Menschen von der Schönheit Irlands geschwärmt haben, denn was wir bislang erkennen konnten war nichts besonderes. Rein vom Landschaftsbild waren wir wieder in England. Es gab Hügel, Felder, Wiesen, Schafe, Kühe und vor allem Zäune soweit das Auge reichte. Dabei war England jedoch bedeutend sinnvoller aufgebaut gewesen, was die Besiedlung anbelangt. Diese Region hier glich vor allem den Bereichen in der Ukraine und in Polen, die uns das Leben so schwer gemacht hatten. Es gab keine echten Dörfer mehr, sondern nur noch willkürlich über das Lang verstreute Häuser. Dadurch gab es keinen Fleck mehr, an dem man wirklich für sich war und keine Straße, die wirklich unbefahren war. Jeder, der auch nur eine winzige Kleinigkeit brauchte, musste dafür mit dem Auto irgendwo in die nächste Stadt fahren. Selbst wenn man seinen Nachbarn besuchen wollte, nahm man hier meist das Auto. Dadurch verbrachten die Menschen natürlich einen Großteil Ihres Lebens auf der Straße, was diese für alle anderen Verkehrsteilnehmer nahezu unerträglich machte. Wie gesagt, heute Vormittag war es noch in Ordnung, weil die Straßen wirklich klein und waren und weil Sonntag war, wo noch jeder im Bett lag. Ab Mittag allerdings wendete sich das Blatt bereits. Nun kam plötzlich ein Stoßverkehr auf, den wir uns kaum erklären konnten. Entweder war gerade irgendwo eine Messe vorbei, oder jeder fuhr irgendwo zum Essen zu seinen Eltern oder in ein Restaurant. Ein relativ großer Teil des Verkehrs kam aber auch durch ein Kinder-Fußballspiel zustande, da am Nachmittag in dem Dorf stattfinden sollte, das wir gerade durchquerten. Jedes zweite Auto, das an uns vorbei rauschte war mit einem Elternteil und einem einzelnen Kind besetzt. Einige der Fahrzeuge hatten wir dabei kurz zuvor nur wenige Hundert Meter von hier entfernt in den Einfahrten der Häuser gesehen. Man brachte hier sein Kind also überall mit dem Auto hin, selbst wenn das Ein- und Aussteigen länger dauert als die Zeit die man zu Fuß gebraucht hätte. So etwas wie Fahrgemeinschaften gab es aber überhaupt nicht. Jeder fuhr nur sein eigenes Kind, auch wenn alle Nachbarskinder in die gleiche Richtung wollten. Der zweite Teil der Reise wurde daher wiederum weit weniger schön und unser anfängliches Wohlwollen verschwand binnen Minuten. Wie wollte man hier in Ruhe und Entspannung durch dieses Land kommen, wenn allein eine zehn Zentimeter breitete Straße ausreichte, um einen zu Tode zu nerven? Auch der Regen wurde nun wieder stärker und bevor wir unser Etappenziel erreichten, wurden wir noch zwei Mal von oben bis unten durchnässt. Es war ein eiskalter Regen, der nichts sommerliches an sich hatte und der einem sofort jedes Wohlgefühl aus dem Körper trieb. Warum unter diesen Wetterbedingungen nicht jede eine Sauna und eine XXL-Badewanne zu hause hatte, war uns ein Rätsel. Den letzten Kilometer in den Ort konnten wir auf einem kleinen Waldsträßchen abseits der normalen Straße gehen. Auch diese war jedoch wieder typisch für dieses Land hier. Sobald etwas klein und angenehm wurde, war es privat oder sollte zumindest so wirken. Fast schon wären wir an dem Waldweg einfach vorüber gegangen, da sein Beginn aussah wie eine Hofeinfahrt und sogar mit den üblichen Hoftoren verschlossen werden konnte. „Ich wette, mitten in diesem Wald liegt wieder ein Golfplatz und deswegen sperren sie alles ab, damit die Reichen unter sich bleiben können!“ vermutete Heiko und sprach damit aus, was ich mir auch schon gedacht hatte. Wenige hundert Meter weiter hörten wir den ersten Abschlag. Ein Jeep hielt neben uns an und der Fahrer fragte uns, ob wir uns verlaufen hätten. Auch das war geradezu bezeichnend für die Menschen hier. Man lief 6km an einer grauenhaften Straße entlang, an der alle zwanzig Minuten ein Auto an einem vorüber rauschte und es war für alle in Ordnung. Man spazierte für fünf Minuten an einem schönen, harmonischen Weg entlang und sofort wurde man gefragt, ob man hier falsch war. Der Ort selbst war aufgebaut wie alle Orte, die wir in Irland bislang gesehen hatten. Es gab eine Hauptverbindungsstraße, die gewissermaßen das Zentrum darstellte und an der sich alle Läden, Bars, Cafés und was es sonst noch gab befand. Das Schloss leider auch die Kirchen mit ein. Dadurch, dass die Straßen den Mittelpunkt darstellten, gab es natürlich keinen echten Mittelpunkt. Es gab keinen Platz, an dem man sich wirklich aufhalten konnte und die Orte selbst wurden zu dünnen, langgezogenen Schläuchen. In diesem Ort gab es drei Kirchen, obwohl er wiederum nur rund 1000 Einwohner hatte. Dies war wohl das größte Paradox, dass dieses Land für uns zu bieten hatte. Es gab hier mehr Infrastruktur an Gebäuden die man zum Übernachten nutzen konnte, als in irgendeinem anderen Land in Europa und doch war es hier schwerer, an einen Schlafplatz zu kommen, als je zuvor. Der Grund dafür war, dass es hier eine Systemstruktur gab, die an Spießigkeit und Bürokratismus alles übertraf, was man sich vorstellen konnte. In Deutschland, Österreich und der Schweiz hatte es ausgereicht irgendjemanden von der Kirche zu treffen, um einen Platz zu bekommen. Das Konnte der Pfarrer sein, jemand aus dem Gemeinderat, der Köster oder wer auch immer. In Italien wusste man, man muss sich an den Pfarrer wenden. In Frankreich war klar, dass man den Bürgermeister braucht. In England und Wales brauchte man entweder den Pfarrer oder den Gebäudeverwalter. Schottland war schon komplexer gewesen, mit seinem Ältestenrad der einem hineinpfuschen konnte. Doch wenn man den Pfarrer oder den Köster erreichte, war in der Regel alles soweit geritzt. Hier jedoch gab es niemanden, der etwas entscheiden durfte. Dass wir bislang überhaupt einen Platz bekommen hatten, verdankten wir dem Umstand, dass sich die Pfarrer nicht darum scherten, wie die Dinge hier eigentlich zu laufen hatten. Denn an sich hatte auch der Pfarrer hier nichts zu sagen. Er war zwar der Oberste in der Hierarchiekette, musste sich aber für jeden Pups die Zustimmung seines Kirchenrates einholen. Wenn aus diesem Rat nur ein einziger gegen etwas stimmte, dann wurde es nicht gemacht. Wen immer man also traf, man konnte sich stets sicher sein, dass er keine sinnvolle aussage treffen konnte, ohne nicht wenigstens mit fünf Leuten telefoniert zu haben. Erschwerend kam hinzu, dass die meisten Pfarrer gerade im Urlaub waren und man daher die meiste Zeit überhaupt niemanden erreichte. So war es auch in diesem Fall. Das einzig hilfreiche, das ich an Kirche und Pfarrhaus finden konnte, war eine Bekanntgabe der Pfadfinder, auf der die Nummer des Gruppenleiters verzeichnet war. Er hieß Roy und war ein freundlicher, aber vorsichtiger Mann und an seinem Beispiel konnte man noch einmal die Verkapptheit der Leute hier erkennen. Die irische Kirche hatte nicht nur eine, sondern gleich zwei Veranstaltungshallen, von denen die kleinere, ältere an die Pfadfinder vermietet worden war. Roy leitete die Pfadfindergruppe des Ortes nun bereits seit 15 Jahren und seit dieser Zeit hatte er auch die Halle gemietet. Sie war also rein für Pfadfinder-Veranstaltungen reserviert und da die Halle bereits vor 15 Jahren in einem erbärmlichen Zustand war, hatte Roy sie von Grund auf renovieren lassen. Das meiste hatte er in Eigenleistung mit Unterstützung einiger anderer Pfadfinderleiter erschaffen. Und trotzdem konnte er noch immer nicht entscheiden, ob er uns in die Halle lassen durfte oder nicht. Der Eigentümer des Gebäudes war die Kirche und auch wenn die Halle nur noch von den Pfadfindern genutzt wurde, brauchten diese für all ihre Aktivitäten noch immer die Erlaubnis des Pfarrers und des Rates. Wäre der Pfarrer zu hause gewesen und hätte genau wie Roy nichts dagegen gehabt, dann hätte man den Rat vielleicht übergehen können. So aber machte sich Roy um sicher zu gehen auf eine Rundreise durch den Ort und suchte die Einzelnen Ratsmitglieder auf. Er war sich sicher, dass dies eine rein formelle Sache sei, da er sich nicht vorstellen konnte, warum irgendjemand irgendetwas dagegen haben sollte. Immerhin übernachteten die Pfadfinder ja auch regelmäßig in dem Saal. Doch er wurde enttäuscht. Vier von fünf Ratsmitgliedern stimmten dagegen. Eine solche Halle sei einfach nicht zum Schlafen gedacht, war ihre Aussage. Außerdem wisse man ja gar nicht, wie das von versicherungstechnischer Seite zu betrachten sei. Als Roy zu uns zurückkehrte war er so geknickt, dass wir ihn erst einmal wieder aufbauen und ihm versichern mussten, dass wir auch anderweitig einen Schlafplatz finden würden. In Bezug auf seine Kirche konnten wir ihm aber dennoch kein gutes Gefühl geben. Die Church of Ireland hatte uns tatsächlich noch kein einziges Mal weitergeholfen. Sofort suchte er nach Erklärungen dafür, die ihm wieder ein besseres Gefühl gaben. Vielleicht lag es ja daran, dass Irland noch immer zweigeteilt war, durch den Krieg und dass die Menschen daher ängstlicher und skeptischer waren als andernorts. Eine direkte Verbindung konnten wir hier nicht erkennen, denn es war hier ja nun bereits seit langer Zeit friedlich und es gab auch keinen Grund, sich vor Pilgern zu fürchten, weil man Streit mit seinem Nachbarn hatte. Doch in gewisser Hinsicht mochte der Mann auch ein bisschen Recht haben. Irgendetwas hatte diese Länderspaltung mit den Menschen hier gemacht und es war nichts positives gewesen. Allein der Umstand dass in der Sommerzeit vor nahezu jedem Haut eine Flagge von Nordirland und oder von Großbritannien hing zeigte, dass man hier einen seltsamen Umgang mit dem eigenen Nationalstolz hegte. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Warum einfach, wenn es auch umständlich geht?
Höhenmeter: 20m
Tagesetappe: 9 km
Gesamtstrecke: 24.939,27 km
Wetter: sonnig, warm
Etappenziel: Gemeindesaal, Saint-Sauveur-de-Pierrepont, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 19:02:11


Tag 1320: Inspiration und Begierde

Verurteile dich nicht für deine innere Natur

Seit gestern Abend hatte Heiko immer wieder ein Aufflackern des Tinnitus verspürt, sowie ein starkes Wummern und einen Überdruck in den Ohren. Nachdem wir nun schließlich doch unseren Raum für uns hatten, machten wir uns daran, auszutesten, woran dies lag und was die Ursache war. Wie sich herausstellte hatte es dieses Mal mit dem Thema „Begierde“ zu tun. Seit Shania gegangen war, waren wir immer häufiger jungen, attraktiven Frauen begegnet, die verschiedene, äußere Merkmale und Eigenschaften hatten, die auch in Shania steckten. Plötzlich tauchten Frauen mit katzenartigen Augen auf, wie sie auch Shania hätte, wenn dieses Problem mit den Wassereinlagerungen im Gesicht nicht wäre. Dann kamen Frauen mit genau der Silhouette, die Shanias Medizinkörper entsprechen würde und dann wiederum solche, die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten waren, jedoch oft anziehender, verwegener oder stimmiger wirkten, als es aufgrund ihrer Ängste bei Shania im Moment der Fall war. Das Wummern und der Druck in den Ohren, sowie der aufflammende Tinnitus sind nun eine selbstauferlegte Strafe für das „unsachgemäße Begehren anderer Frauen“. Was heißt das und was steckt dahinter? Wenn andere Frauen auftauchen, die attraktiver, erotischer und anziehender sind als Shania in diesem Moment, kommt automatisch eine Begierde auf. Es entsteht also eine Anziehungskraft, die Heiko zu diesen Frauen hinzieht. Dabei ist er sich jedoch bewusst, dass diese Frauen lediglich Spiegel und Prognosen sind, die zeigen, welches Potential in Shania steckt und wohin sie ihr Weg führen wird. Es sind gewissermaßen Trailer, also Voransichten auf das, was Shania nach ihrem Wandlungsprozess und nach der Auflösung ihrer Ängste und Blockaden, die sie im alten Filmbewusstsein festhalten, nach außen tragen wird. Wenn man sich dies bewusst macht, ist selbst unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten nichts verwerfliches daran, diese Frauen anziehend und begehrenswert zu finden. Der Gedanke dabei lautet ja nicht: „Verdammt, warum habe ich diese Alte an der Backe? Ich muss die unbedingt los werden oder sie zumindest mit dieser heißen Schnecke betrügen!“ sondern „Waow, dahin geht Shania also! Nun habe ich wieder ein Bild, so dass ich mir die Richtung vorstellen kann und gleichzeitig kann ich mich auf etwas freuen!“ Die Frauen auf diese Weise zu betrachten hilft also sogar dabei, den Fokus auf das Potential in Shania zu legen, anstatt auf den Mangel, wodurch ihr Wandlungsprozess sogar noch unterstützt wird. Und dennoch ist da dieses Schuldgefühl. Ein Leben lang hat man gelernt, dass man keine anderen Frauen anziehend oder begehrenswert finden darf, wenn man in einer Beziehung ist. Denn selbst wenn man nicht einmal Blickkontakt mit dieser anderen Frau aufnimmt, ist allein der Wunsch eine Form des Betrugs. Es ist geistiges Fremdgehen und dies ist fast genauso verwerflich wie echtes Fremdgehen. Obwohl es nur diese eine Frau für einen geben sollte, findet man andere geiler und attraktiver. Das darf nicht sein! Deshalb muss man sich schlecht fühlen. Und wenn man wie Heiko einen inneren Sanktionator hat, muss man sich deshalb bestrafen in dem man sich selbst Leid schickt. Aber stimmt das? Wenn doch alles eins ist, kann ich dann meine Partnerin überhaupt mit jemand anderem betrügen? Es gibt nur mich. Ich bin meine Partnerin. Ich bin jede andere Frau. Ich bin das Alles. Was immer ich tue, ich lande also stets nur bei mir. Alles ist mein Spiegel, alles ist eine Facette meiner selbst. Was also bedeutet das? Heiko kann Shania nicht betrügen, nicht einmal, wenn er es wollte, da alles was existiert nur er selbst ist. Jede Frau, die uns begegnet und die er begehrenswert findet ist also Shania. Jede Frau, die er nicht begehrenswert findet natürlich auch, aber darum geht es ja hier nicht. Das heißt, dass die Selbstbestrafung durch den Tinnitus und den Ohrendruck nicht von seinem höheren Selbst, sondern vom Verwirrer ausgeht, der ihm hier ein schlechtes Gefühl machen will, wo es nicht angebracht, sondern vollkommen kontraproduktiv ist. Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück und betrachten die Welt als das was sie ist: Eine Manifestation unserer Phantasien, Gedanken und Überzeugungen. Es gibt also technisch betrachtet keinen Unterschied zwischen dem, was wir uns in unserem Geist vorstellen und dem was wir im außen sehen können. All die Frauen, die Heiko begegneten und die ihm Teilbereiche von Shanias Medizinkörper präsentierten, waren letztlich genau zu diesem Zweck von ihm selbst erschaffen worden. Sie waren eine Art Brotkrumen, die er sich als sein höheres Selbst gestreut hatte, um überhaupt am Ball bleiben zu können. Woher hätte er jemals wissen sollen, welche optische Form Shanias wahres Sein haben sollte, wenn er keine Bilder dazu bekommen hätte? Die „Ansichtsexemplare“ waren wichtig, damit Shanias göttliches Äußeres überhaupt sichtbar werden konnte. Genau wie wir auch unsere Visualisierungen brauchen um vorzufühlen, wie etwas sein wird, das wir entstehen lassen wollen. Sich dafür zu verurteilen, dass er diese Vorschau-Wesen begehrte und sich von ihnen angezogen fühlte, war letztlich nichts anderes, als wenn er sich dafür verurteilte, Shania vor dem geistigen Auge in ihrer vollen Kraft entstehen lassen zu können und dieses Bild anziehend zu finden. Es machte also keinen Sinn. Das Thema dahinter war jedoch, dass wir durch die Filme glauben, dass wir jemanden nicht mehr lieben, wenn wir etwas anderes attraktiver finden. „Wenn ich diese Frau als erotisch empfinde, Shania in diesem Augenblick aber nicht, dann bedeutet das, dass ich sie nicht mehr liebe!“ Aber das ist natürlich Quatsch! Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nur weil man jemanden liebt, der sich gerade in einem Wandlungsprozess befindet, heißt das nicht, dass man ihn trotz der vielen Spuren der Zerstörung erotisch finden muss. Und nur weil man etwas, das sich im Aufbau befindet, nicht als vollkommen empfindet, heißt das nicht, dass man es nicht trotzdem zu 100% so lieben kann wie es ist. Wenn man ein Haus baut und dieses gerade noch ein Rohbau ohne Fenster und Dach ist, ist es nicht verwerflich, wenn man es noch nicht als kuschelig und gemütlich empfindet. Dies heißt aber nicht, dass man unzufrieden mit dem Haus ist, oder es wegwerfen und gegen ein anderes eintauschen will. Man weiß: Dies ist mein Haus! Es gehört zu mir! Und wenn die Zeit da ist, dann wird es der gemütlichste und kuscheligste Platz, den ich mir nur erträumen kann!“ Trotzdem kann man sich ja andere Häuser anschauen und sich von diesen inspirieren lassen. Vielleicht findet man in einem von ihnen genau das Kuschelsofa, nach dem man gesucht hat. Das bedeutet nicht, dass man deswegen sein eigenes Haus nun einreißen und stattdessen in das Haus mit dem tollen Sofa ziehen will. Es bedeutet nur, dass man nun inspiriert ist und dadurch ein Sofa für das eigene Haus kaufen kann, auf das man sonst vielleicht nie gekommen wäre.
 
Spruch des Tages: Verurteile dich nicht für deine innere Natur
Höhenmeter: 20m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 24.93 0,27 km
Wetter: bewölkt, hin und wieder sonnig, warm
Etappenziel: Nonnenkloster, Saint-Sauveur-le-Vicomte, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 18:58:21


Tag 1319: Verschiedene Formen von Christentum

Wenn zu viele Köche den Brei verderben, verderben

29.07.2017 Die Sache mit den Kirchen kommt uns hier trotzdem noch immer spanisch vor. Kamen hier wirklich 300 bis 400 Menschen zur Messe, während die englische Kirche gerade einmal 4 bis 5 Besucher verbuchte? Wenn dem so war, warum waren dann die Gebäude und Parkplätze der englischen bzw. irischen Kirche, die letztlich ein und die selbe waren, dann aber genauso groß, wie die Presberitanischen? Irgendwie wirkte hier alles zu sehr nach Fassade. Es erinnerte uns stark an das, was wir in Bosnien erlebt hatten. Da drei unterschiedliche Religionen auf engstem Raum zusammenlebten, versuchte jeder zu zeigen, dass sein Gott und seine Art des Glaubens besser war, als die der anderen. Deswegen musste die eigene Kirche bzw. Moschee immer noch etwas größer, protziger und auffälliger sein, als die der anderen. Hier in der Region hatte es ebenfalls für lange Zeit einen Krieg gegeben, den man genau wie den im Balkan den Religionen in die Schuhe schob. Und Zack: Schon gab es überall Kirchen die sämtliche Dimensionen sprengten. Der Ort, den wir heute erreichten war sogar noch kleiner, als der von gestern und hatte eine irische Kirche, eine presperitanische und eine reformierte presperitanische. Alle waren so groß, dass man sie nicht füllen konnte, wenn man den ganzen Ort hinein steckte. Und doch waren alle in Betrieb. Weitaus heftiger war jedoch, dass es hier schwieriger war einen Platz in einem der vielen Säle zu bekommen, als überall sonst auf der Welt an Plätzen wo es fast gar nichts gab. Bei den Presperitanischen Kirchen half nur der Pfarrer. Ohne ihn hatte man keine Chance, selbst wenn man den ganzen Kirchenrat und den Köster vor sich versammelt hatte. Dummerweise waren fast alle Pfarrer mit ihren Familien im Urlaub und somit außer Reichweite. Am Mittag fragten wir in einem kleinen Ort herum und schafften es sogar, den zweithöchsten Mann in der Gemeinde zu sprechen, doch selbst er sah sich nicht in der Lage, uns eine Erlaubnis zu erteilen. Er könne dies nicht alleine entscheiden, sagte er traurig und entschied damit ganz alleine, dass wir weiter gehen mussten. Das heißt, einen Platz in seinem Haus hätte er uns angeboten, so war es nicht. Man konnte nicht behaupten, dass einem die Menschen nicht helfen wollten. Jedenfalls nicht bei den meisten. Es gab nur eine ganz eigensinnige, spießige und verklemmte Struktur, nach der die Dinge hier liefen. Der anglikanischen Kirche wurde hier immer vorgeworfen, dass sie so altmodisch sei und doch hatten wir diese stets als die offenste und unkomplexeste empfunden. Es gab dem Pfarrer und den Gebäudeverwalter und wenn man einen von ihnen erreichte, konnte man sicher sein, dass man eine klare Antwort bekam, die in der Regel positiv war. In Schottland gab es dann das System mit den Kirchenältesten, die nur noch als Rat entscheiden durften, wodurch die Sache schon deutlich komplexer wurde. Wie wir nun erfuhren war die „Church of Scottland“ anders als die „Church of Ireland“ und die „Church of Wales“ auch nicht mit der „Church of England“ sondern mit der presperitanischen Kirche verwandt. Da steige mal einer durch! Hier in der presperitanischen Kirche hingegen ist der Pfarrer wieder das einzige Oberhaupt, wobei selbst das nur zum Teil stimmt. Der Pfarrer der reformierten Presperitanischen Kirche, in der wir heute übernachten dürfen, musste nämlich erst einmal sein Kirchenkomitee durch telefonieren, bis es uns eine Antwort geben konnte. Man kann also festhalten: Es ist kompliziert! Und das nicht, weil es kompliziert sein müsste, sondern weil es bewusst kompliziert gehalten wird. Unsere Vermutung war jedoch, dass es hierbei weit mehr um Geld als um Glauben und Demokratie ging. Die Kirchen und ihre Säle waren wie erwähnt beeindruckende Prestige-Tempel die Unmengen an Geld verschluckten. Man konnte es sich als Pfarrer hier also nicht erlauben, es sich mit den Spendern zu überwerfen. Das Motto dahinter schien zu lauten: „Du musst mich bei deinen Entscheidungen nicht einzubeziehen, aber ich muss dir auch kein Geld geben!“ Auch wenn die Privateinladung nett gemeint war, beschlossen wir dennoch weiter in den nächsten Ort zu ziehen. Die letzte Nacht die wir zusammengekauert auf dem Boden eines winzigen Wohnzimmers verbracht hatten, während der Hund neben uns auf dem Sofa schlief, hatte uns erst einmal wieder gereicht. Außerdem sahen wir nicht ein, warum wir Notlösungen annehmen sollten, wenn es doch überall leere, unbenutzte Säle gab. Was man aber bei den Menschen, sowohl bei den Pfarrern, wie auch bei den Gläubigen spürte, war eine seltsame Ambivalenz. Die Presperitanische Kirche hatte eine sehr streng auf Jesus ausgerichtete Glaubensphilosophie, die von allen Vertretern die wir bislang kennengelernt hatten zur Not bis auf´s Messer verteidigt wurde. „Wir sind sehr offen und akzeptieren auch alle anderen Glaubensformen!“ beteuerten uns die Leute immer wieder, „so lange klar ist, dass Jesus unser Herr ist, der all unsere Sünden in sich aufgenommen hat, um uns zu erlösen! Jesus ist mein persönlicher Retter, der mich von meinen Sünden befreit, damit ich leben kann!“ Auf diese eine Aussage lief stets alles hinaus und auch wenn uns die Leute nicht ein einziges Detail über sich erzählten, so erzählten sie uns doch stets, dass dies ihr zentraler Glaube war über den sich nichts stellen durfte. Dadurch entstand recht bald der Eindruck, dass die Menschen hier in diesem Bezug seltsam gleichgeschaltet zu sein schienen. Mehr als alle anderen Glaubensgemeinschaften, die wir bislang kennenlernen durften, vermittelte diese den Eindruck eine Sekte zu sein, die eine starke Kontrolle über die Gedanken und Meinungen ihrer Mitglieder ausübte. Das konnte natürlich täuschen, aber der Eindruck drängte sich einem geradezu auf. Auf der anderen Seite kam aber immer wieder auch das Gefühl durch, dass die Menschen zwar gerne über Jesus sprachen, aber dennoch nicht viel von ihm als Vorbild hielten. Dafür steckte die innere Spießigkeit einfach viel zu tief in den Menschen drin. Die Frage nach einem Sandwich war daher meist schon ein bisschen zu viel. Wenn einem jedoch jemand half, dann waren es vor allem die Farmer, die ihr Leben eher schlicht und pragmatisch als philosophisch hielten. Nachtrag: Einige Monate später führte ich ein recht interessantes Gespräch über glauben mit einem muslimischen Dönerbudenbesitzer, der zum Thema Jesus folgende nicht unwichtige Frage aufwarf: „Ich kenne mich mit dem Christentum nicht allzu gut aus“, sagte er, „wenngleich wir Jesus ja auch im Islam als einen wichtigen Propheten ansehen, der in etwa den gleichen Stellenwert hat wie Mohammet. Aber eine Sache frage ich mich immer wieder: Wenn die Christen Jesus einen so hohen Stellenwert als Sohn Gottes beimessen, dann kommt es mir oft so vor, als würden sie am Ende nur noch Jesus anbeten und Gott selbst dabei fast vergessen. Steht das nicht in einem Widerspruch zum ersten Gebot, dass es nur einen Gott gibt und dass neben ihm niemand sonst angebetet werden soll?“ Ein interessanter Gedanke und eine Frage, die man sich auf jeden Fall gefallen lassen sollte, findet ihr nicht?
 
Spruch des Tages: Wenn zu viele Köche den Brei verderben, verderben dann auch zu viele Religionen den Glauben?
Höhenmeter: 75m
Tagesetappe: 13 km
Gesamtstrecke: 24.914,27 km
Wetter: Leicht bewölkt, sommerlich warm
Etappenziel: Zisterzienser-Kloster, Briquebec, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 18:57:31


Tag 1318: Männer des Glaubens

Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzt, da

28.07.2017 Landschaftlich änderte sich auch heute nichts und so gibt es über unsere Wanderung nicht viel zu berichten. Interessant war lediglich, das wir heute zwei Männern begegneten, die beide auf ihre Art einen sehr tiefen Glauben besaßen, sich dabei aber unterschieden wie Tag und Nacht. Der erste war ein Farmer, in dessen Hof wir versehentlich stolperten, als wir uns unseren Weg durch das Hinterland bahnten. Er hatte lange Zeit einen industriellen Hof geführt und dabei nur so mit Giftstoffen und künstlichen Präparaten um sich geworfen. Es hatte lange gedauert, doch dann hatte er erkannt, dass er mit jedem Gramm Gift, das er im Außen verteilte, auch sich selbst vergiftete. Sein Körper begann zu streiken und es wurde klar, dass er etwas ändern musste. So stellte er sein Leben und seine Bewirtschaftungsweise um, was allerdings zur Folge hatte, dass er nun kaum mehr von seinen Erzeugnissen leben konnte. Mehrfach wurde er bereits polizeilich aus seinem Haus geworfen und ins Gefängnis gesperrt, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte. Doch stets hatte er es geschafft wieder hier her zurück zu kehren. „Ich weiß nicht wie,“ sagte er, „aber Gott passt auf mich auf und er sorgt stets dafür, dass ich wieder zu meinem Hof zurückkehren kann.“ Er selbst sagte von sich, dass er hier nun seit Jahren das Leben eines Mönchs lebte. In Einsamkeit und Enthaltsamkeit. Tatsächlich hatte er in seinem Haus nicht mehr Platz als ein Mönch in seiner Zelle, wobei dies in erster Linie an seinem Messitum lag, das dafür sorgte, dass alles bis unter die Decke mit unnützem Gerümpel vollgestellt war. Und dennoch. Obwohl der Mann ärmer war als jede Kirchenmaus und obwohl sein Saustall unwirtlicher war als die Gefängnisse, in die man ihn zum Schuldenabbau gesteckt hatte, war dies ein zuhause. Er war mit diesem Platz verbunden, auch wenn es außer ihm wahrscheinlich niemanden gab, der das nachvollziehen konnte. Eine knappe halbe Stunde später trafen wir den Pfarrer der Gemeinde. Auch er war tief in seinem eigenen Glauben verankert, wenn auch auf eine vollkommen andere Weise. Er lebte in einer modernen Villa, genoss das Ansehen und den Luxus eines geschätzten und wohlhabenden Mannes und brauchte sich über Geld keinerlei Gedanken zu machen. Anders als der Farmer, der quasi nur aus seinem inneren Kern bestand und auf den äußeren Ausdruck nicht einen Hauch von Wert legte, sorgte der Pfarrer dafür, dass alles darauf ausgerichtet war, den Menschen ein gutes und erhabenes Gefühl zu geben. Seine Kirche war ein modernes, weißes Gebäude mit einer digitalen Informationstafel davor, auf der jeder Vorbeikommende über die kommenden Veranstaltungen aufgeklärt wurde. Und auch sein Haus sagte in jedem Detail aus: „Folge Jesus und auch du kannst in diesem Wohlstand leben!“ Als wir durch das Eingangsportal traten, hörten wir seichte Klaviermusik aus dem Wohnzimmer, die kurz darauf verstummte. „Dies ist meine Frau am Klavier!“ sagte er wie zufällig, kurz bevor sie in der Tür auftauchte, um uns zu begrüßen. Nichts davon war irgendwie unangenehm oder aufdringlich, doch es wirkte wie eine perfekt geplante Inszenierung. Nun erfuhren wir auch, warum die Kirchen hier um so viel größer waren, als in England. Unser Pfarrer gehörte der sogenannten Presperitarischen Kirche an, einem relativ jungen und modernen Zweig des Christentums, der am ehesten mit dem afrikansichen Gospel vergleichbar ist. Wenn seine Aussagen stimmten, dann sorgte dies dafür, dass tatsächlich zwischen 300 und 500 Gläubige in die Messen kamen. Damit war die Presperitarische Kirche die größte und populärste in Nordirland, während die traditionelle irische Kirche, genau wie auch die englische mehr und mehr ausstarben. Und doch waren wir am Ende nicht sicher, welcher der beiden Männer es besser oder schlechter getroffen hatte. Denn so prachtvoll der Platz des Pfarrers auch war, er lebte dennoch direkt neben der Hauptstraße und weder in der Kirche noch in seinem Wohnzimmer konnte man jemals Ruhe finden. Einzig der Gemeindesaal, den wir für die Nacht bekamen, bot einen einzigen Raum, der so sehr von allem abgeschirmt war, dass man darin keine Motorengeräusche hören konnte. In Sachen heiliger Stille war der Farmer also bedeutend besser dran. Auch stellten wir fest, dass das Verständnis von Gott und Spiritualität, das der Farmer hatte, bedeutend tiefer und fundierter, dabei aber auch offener und flexibler war, als das des Pfarrers, dem es schwer fiel, eine andere Interpretation des Glaubens als seine eigene gelten zu lassen. Und doch ging von beiden eine starke Überzeugungskraft aus, die bewundernswert war. Beide waren Meister darin, andere von ihren Überzeugungen zu begeistern und ihre Werte zu vermitteln.
 
Spruch des Tages: Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzt, dann der Glaube an die eigene Kraft
Höhenmeter: 160m
Tagesetappe: 15 km
Gesamtstrecke: 24.901,27 km
Wetter: Sonnig und warm
Etappenziel: Städtisches Apartment, Brix, Frankreich, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-02-05 18:53:29


Tag 1317: Zu Gast auf der Hühnerfarm

Schokolade löst keine Probleme, aber das tut ein A

Zumindest was unsere heutigen Erfahrungen anbelangte, glänzten die geistigen Väter der Kirchen jedoch vor allem erst einmal durch ihre Abwesenheit. Von keiner der vier Kirchen konnten wir einen Pfarrer auftreiben und das obwohl wie die Unterstützung eines freundlichen älteren Herren hatten, der mich mit dem Auto von einer zur nächsten fuhr und der genau wusste, wo jeder wohnte. Am Ende waren es er und seine Frau, die uns zu sich nach Hause einluden. Die beiden lebten auf einer kleinen Farm etwas außerhalb der Ortschaft und betrieben dort ihre eigene Hühnerzucht mit rund 25.000 Hühnern. Eine Generation brauchte bei ihnen 38 Tage um Schlachtreif zu werden. Dann folgte eine Zwischenperiode von 10 Tagen, in denen die Stallungen leer stehen mussten, so dass sie gereinigt und vollständig desinfiziert werden konnten. Anschließend kamen dann die nächsten Küken in die Mast. Zuckerfrei leben Nachdem unsere Gastgeber erfahren hatten, dass wir uns mit Heilung und Medizin beschäftigten, wurden sie neugierig und wollten einiges über ihre eigenen Gesundheitsprobleme wissen. Unsere Gastmutter hatte seit langem Schmerzen im linken Brustbereich der mit einer Entzündung des Trigeminus-Nervs zusammen hing. Ihr Mann bekam erste Anzeichen von Rheuma und hatte bereits stark verkalkte Arterien, die ihm recht hohe Aussichten auf einen drohenden Herzinfarkt bescherten. Bei der Ursachenfindung kamen wir recht bald auf das Thema mit den Alltagsroutinen und stellten fest, dass die Kombination aus nahezu überhaupt keiner Bewegung, permanenten Stressgedanken in Bezug auf das Überleben des Mastbetriebes und eine Ernährung die zu rund 60% aus Zucker und Süßigkeiten bestand, nicht unbedingt das beste Mittel für Gesundheit im hohen Alter ist. Es half also nichts, wenn er gesund werden wollte, dann mussten Stress und Zucker aus seinem Leben gestrichen werden. Eine Aufgabe, die ihm sichtlich schwer fiel. Nachdem uns seine Frau mit Kuchen, Keksen, Eiscreme und süß eingelegten Früchten versorgt hatte, konnten wir sein Dilemma durchaus verstehen. Es erinnerte uns außerdem daran, dass wir uns diese Aufgabe ebenfalls gestellt und ebenfalls nicht eingehalten hatten. Wir beschlossen daher, den heutigen Tag als finalen Highlight-Sünden-Süßigkeiten-Tag anzusehen und ab morgen mit unserem zuckerfreien Ernährungsplan zu beginnen. Wenn wir damit erfolgreich waren, dann konnte ich sicher bald auch mit dem Rest meiner Diät weiter machen und auch Brot, Fleisch und Nüsse weg lassen. Aber eines nach dem anderen.
 
Spruch des Tages: Schokolade löst keine Probleme, aber das tut ein Apfel auch nicht!
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 24.886,27 km
Wetter: Bewölkt aber warm und trocken
Etappenziel: Katholisches Pfarrhaus, Cherbourg, Frankreich

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-30 22:16:37


Tag 1316: Kathedralen für Alle!

Vielleicht kommt es ja doch auf die Größe an...

Als würden wir durch eine Stadt schleichen Unser erster Eindruck von Nordirland war wieder eher gemischt. Das Land war deutlich flacher und freier als Schottland und bot auf jeden Fall schon einmal wieder deutlich mehr Nebenstraßen auf denen man ausweichen konnte. Doch es war auch wieder deutlich dichter besiedelt und machte insgesamt den Eindruck, als wären wir wieder in England. Nur leider eben im dichtbesiedelten Teil von England. Hauptstraßen waren nicht nur unbegehbar, sondern aufgrund des beliebten Asphalts der Grausamkeit auch meilenweit zu hören. Es war ein bisschen, als würden wir durch eine riesige Stadt gehen, die zwar Schleichwege und viele Parkanlagen hatte, jedoch niemals einen Ort der Stille kannte. Der Straßenlärm war immer von irgendwo zu hören, egal wie weit man auch in die Felder kam. Besonders schade aber war, dass die Ortschaften auch hier wieder so ungünstig und unangenehm gelegt wurden, wie man es sich nur vorstellen kann. Es gibt keine Dörfer in dem Sinne wie bei uns. Es gibt nur Straßenknotenpunkte an denen mit der Zeit einige Häuser entstanden sind. Wohnhäuser und leider auch Kirchen befinden sich also immer genau an den Punkten, die man normalerweise weiträumig umgehen würde. Wie lange wir uns hier in diesen Gefilden aufhalten würden und ob es nicht doch das Beste war, einfach einen weiteren Schlenker durch Frankreich zu machen, da waren wir uns noch überhaupt nicht sicher. Denn so wie es aussah, gab es zumindest in diesem Bereich der Insel nichts wirklich schönes. Es gab die üblichen, eingezäunten Felder, wie überall in Britannien. Dazu kleine und große Straßen mit dem rauen, unangenehmen Asphalt, sowie unspektakuläre und oftmals wirklich hässliche Gebäude, die dem Baustil des Balkans um nichts voraus hatten. Das einzige, was es hier wirklich zu sehen gibt sind Hühnerfarmen, denen man wirklich alle paarhundert Meter begegnet. Aber auf Dauer ist das nun auch wieder nicht so spannend. Mehr Kirchen als Kirchgänger Ein Phänomen in diesem Land, das wir uns bislang noch nicht erklären konnten, sind die Kirchen hier. In England und Wales hatten sie ihren mittelalterlichen Flair, der sie zu besonderen Orten gemacht hat. In Schottland waren es einfache, kleine Kirchen, die weder im positiven noch im negativen Sinne besonders auffällig waren. Hier sind es regelrechte Tempelanlagen, die wirken, als würde regelmäßig ein Großevent stattfinden, bei dem mindestens fünf Jungfrauen geopfert würden. Der Ort, den wir heute erreichten, bestand gerade einmal aus 340 Häusern, also rund 1000 Einwohnern. Dennoch gab es allein hier vier verschiedene Kirchen, die alle die Größe einer kleinen Basilika hatten und zu denen jeweils ein Gemeindesaal in der Größe einer handelsüblichen Sporthalle gehörte. Davor befanden sich Parkplätze auf denen man mehr Autos unterbringen konnte, als vor jedem Einkaufszentrum. Wie passte das zusammen? Wurden diese Einrichtungen jemals genutzt? Die umliegenden Nachbarorte hatten ihre eigenen Kirchen, die genauso groß und umfassend waren, was bedeutete, dass sich die Zielgruppe nur aus den hier lebenden Personen zusammensetzen konnte. Dörfer in Wales von der gleichen Größe hatten Mühe, eine einzige Kirche mit mehr als fünf Personen zu füllen, wenn der Pfarrer einmal im Monat auf einen Gottesdienst vorbei kam. Entweder waren die Kirchen hier also vollkommen überdimensioniert, oder aber die Pfarrer machten hier etwas komplett anders, als im Rest von Britannien. Und was immer es war, es musste verdammt überzeugend sein.
 
Spruch des Tages: Vielleicht kommt es ja doch auf die Größe an...
Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 24.864,27 km + ca. 400km auf dem Schiff
Wetter: Erst Sonne, dann Regen
Etappenziel: Fähre von Irland nach Frankreich, Internationale Gewässer, irgendwo auf dem Atlantik vor der Britischen Küste.
Koordinaten für Google: 49.789007, -7.187059

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-30 22:13:31


Tag 1315: Race of Legends

On the road again!

27.07.2017 Auf den letzten Kilometern bis zu unserem gestrigen Etappenziel waren die Straßen seltsam verändert. Es begann mit ein paar Hinweisschildern und Werbeplakaten, dann kamen kleine und y y xgrößere Tribünen hinzu und schließlich waren weite Teile des Straßenränder in dickes Schaumgummi eingepackt. Zunächst dachten wir, dass wir gerade ein großes Event verpasst hatten, doch dann sahen wir Männer, die weiterhin am Aufbau der Straßenbepolzterung arbeiteten. Als Heiko dann noch einen Blick auf ein Plakat mit der Aufschrift „Race of Legends“ erhaschte, war klar, dass wir hier auf dem zukünftigen Schauplatz des wahrscheinlich härtesten und gefährlichsten Motorradrennens Europas standen. Mir sagte der Name nichts, aber Heiko wusste noch von früher, dass es kaum ein Motorsportevent gab, das Jahr für Jahr so viele Todesopfer forderte, wie das Race of Legends. Und wenn man sich hier einmal umsah, dann war dies auch kein Wunder. Der Routenverlauf führte über die ganz normalen Nebenstraßen, die sich kreuz und quer durch das Gelände schlängelten, vorbei an Wiesen, Wäldern, Privathäusern, Stacheldratzäunen, Hofeinfahrten, Baumstümpfen und vielem mehr.Die Straßenbeläge waren in einem geradezu erbärmlichen Zustand und man hatte größere Schlaglöcher sowie Gullydeckel und ähnliche Fallen einfach notdürftig mit weißer Farbe umsprayed, damit man sie leichter erkennen konnte. Teilweise war der asphalt zudem so rutschig und schmierig, dass wir selbst beim Wandern schon aufpassen mussten, dass wir nicht ausrutschten. Alles was links und rechts der Straße ein Hindernis sein könnte, wurde mit den Matten umpolstert, die aber noch immer so hart waren, dass man sich weh tat, wenn man nur dagegen lief. Wie sie einem das Leben retten sollten, wenn man mit rund 250km/h dagegen prallte, war uns ein Rätsel. Aber wahrscheinlich sollte es das auch gar nicht. Angekommen in unserem Zielort stellten wir fest, dass die Rennstrecke nicht nur für Motorradfahrer genutzt werden sollte. Am Abend fand bereits ein Oldtimer-Treffen statt, zu dem auch ein Rennen auf besagtem Parcours gehörte. Mit weniger Geschwindigkeit und deutlich geringerem Risiko natürlich. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: On the road again!
Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 24.846,27 km
Wetter: Erst Sonne, dann Regen
Etappenziel: Pfarrhaus, Bridgetown, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-30 22:10:29


Tag 1314: Der erste Eindruck von Irland

Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben

Der erste Eindruck von Ballycastle war bedeutend besser als der von Campbeltown. Auch hier wurde natürlich der Verkehr direkt an den Läden vorbei geleitet und zerstörte die Hafenatmosphäre so gut e nur ging. Doch der Gesamteindruck war ansprechender und alles wirkte heller und freundlicher. Als Willkommensgeschenk in unserem 34. Land bekamen wir gleich je eine Pizza und ein Eis geschenkt, mit dem wir es uns in einem kleinen Park oberhalb des Hafens gemütlich machen konnten. So gemütlich, wie es bei Wind und Regen möglich war natürlich. Dann verließen wir den Hafenbereich und machten uns auf den Weg zur katholischen Kirche. Immerhin hatten wir in letzter Zeit eine Trefferquote von 100% bei den katholischen Pfarrern gehabt und wenn es hier eine Chance auf einen Schlafplatz gab, dann war es diese. Leider entpuppte sich der Pfarrer als kleiner, griesgrämiger, seltsam eckig wirkender und äußerst unchristlicher Giftzwerg, der beschloss keinen Finger krumm zu machen, obwohl er eine leere, ungenutzte Halle direkt neben seinem Haus hatte, in der man nichts mehr hätte kaputt machen können. „Es tut mir leid, da kann ich nicht Helfen und ich habe auch keine Zeit für Sie!“ lutete die knappe Antwort, bevor die Tür vor meiner Nase ins Schloss fiel. Auf dem Parkplatz vor seinem Haus hatte ich wenige Minuten zuvor einen alten Mann getroffen, der mir mit der Wegbeschreibung geholfen hatte und sicher war, dass sein Pfarrer uns weiterhelfen würde. Als er nun von unserem Gespräch erfuhr konnte er es kaum glauben. „Das ist aber ganz und gar nicht christlich von ihm!“ meinte er enttäuscht und man sah ihm an, dass der Pfarrer in seinem Ansehen gerade eine Leuchttumtreppe heruntergefallen war. „Vielleicht hat er ja gerade einen schlechten Tag, versuchte es die Situation vor sich selbst zu rechtfertigen, glaubte sich aber kein Wort davon. Um die Enttäuschung wieder gut zu machen, suchte er eine Alternativlösung und nahm mich zu einem Haus mit, in dem eine Nonne leben sollte, die er noch von früher kannte. „Sie ist eine liebe und warmherzige Frau, die euch bestimmt weiterhelfen wird!“ meinte er überzeugt, nur um kurz darauf ein weiteres Mal enttäuscht zu werden. Die Nonne seines Vertrauens war durch eine Nachfolgerin ersetzt worden, dessen einziger Vorschlag es war, sich an den Pfarrer zu wenden. Größer hätte die Enttäuschung und Desillusionierung des alten Mannes heute kaum werden können. Damit war er übrigens nicht der einzige, denn während ich nach weiteren Alternativlösungen suchte, hatte Heiko noch einmal eine Begegnung der dritten Art mit dem eckigen Pfarrer. Dieser kam kurz nach meinem Besuch in die Kirche, in der Heiko auf mich wartete. Außer den beiden waren rund zwanzig Menschen anwesend, die aus irgend einem Grund eine Hostie anbeteten, die vor dem Altar aufgebahrt war. „Wenn das mal keine Gelegenheit für ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit im Namen der Nächstenliebe ist!“ dachte sich Heiko und sprach den Pfarrer noch einmal auf die Ablehnung an, die er uns entgegen brachte. Er stellte dem Mann lediglich verschiedene Fragen und sorgte dafür, dass dieser nicht mit Ausflüchten und Scheinantworten davon kam. Je länger das Gespräch dauerte, desto mehr zog es die Aufmerksamkeit der Gläubigen auf sich, die mit der Zeit eine große Traube um die beiden herum bildeten. „Sehe ich das richtig, dass es keinen Grund dafür gibt, warum sie uns nicht aufnehmen sollten, sie aber trotzdem nicht vorhaben, zwei Pilgern einen Platz anzubieten, einfach weil sie beschlossen haben, dass ihnen dies zu anstrengend wäre?“ fragte Heiko um die vorangegangenen Informationen noch einmal zusammenzufassen. „So kann man das nun auch wieder nicht sagen!“ entgegnete der Pfarrer. „Wie kann man es dann sagen?“ fragte Heiko. „Es wäre einfach wichtig gewesen, sich zuvor anzumelden, denn in der heutigen Zeit funktioniert das alles nicht mehr so einfach!“ „Sie sagen also, dass es heute keine spontane Nächstenliebe mehr gibt und auch nicht mehr geben sollte, ist das richtig? Wenn jemand Hilfe braucht, dann bekommt er sie nur, wenn er sich vorher anmeldet? Also wenn ich jetzt zum beispiel eine Frau bin, die gerade von ihrem Mann mishandelt und vergewaltigt wurde und daher Schutz braucht, dann sagen Sie: 'Tut mir leid, da hätten Sie zuvor bescheid geben müssen! Sie können ja erst noch ein oder zwei Wochen bei Ihrem Vergewaltiger bleiben und wir besprechen in der Zwischenzeit, ob wir Ihnen helfen können oder nicht!'“ „Nein“, entgegnete der Pfarrer, „das ist doch etwas ganz anderes!“ „Wieso?“ wollte Heiko wissen, „es geht beide Male um Menschen, die Hilfe von Ihnen brauchen. Wo machen Sie denn da die Grenze? Einer vergewaltigten Frau helfen sie, aber einem misshandelten Mann nicht? Oder helfen sie noch dem Mann, wenn er verletzt ist, nicht aber wenn er nur aufgrund eines Schicksalsschlages sein Zuhause verloren hat? Wo trennen Sie?“ Wieder wusste der Pfarrer keine Antwort und suchte nach Ausflüchten. All dies sei ja schließlich etwas anderes und wir könnten ja jeder sein! Woher wolle er denn wissen, dass wir nicht einfach nur auf Kosten der Kirche herumreisen wollten? „Gilt das nicht für Sie ebenfalls?“ fragte Heiko zurück. „Ich meine, Sie konnten ja auch jeder sein! Woher will ich denn wissen, dass Sie ein richtiger Pfarrer sind und nicht nur jemand, der sich auf Kosten seiner Gemeinde ein angenehmes Leben machen will? Ihr Verhalten jedenfalls deutet nicht darauf hin, dass Sie ihre Berufung ernst nehmen! Gerade stehen Sie in einer Kirche, die von ihrer gemeinde Bezahlt wurde und Sie leben in einem großen, komfortablen Haus, das ebenfalls nur von Menschen finanziert wurde, die darauf vertrauen, dass Sie ihnen in Notzeiten beistehen. Für mich sieht das nach einer klaren Fehlinvestition aus!“ Heiko wandte sich an das Publikum uns stellte seine nächste Frage offen in die Runde: „Wie fühlt es sich für Sie an, wenn Sie wissen, dass Sie trotz Ihrer regelmäßigen Kollekte von diesem Mann keine Hilfe erwarten können, wenn Sie sie wirklich brauchen? Wie oft ist er tatsächlich für Sie da? Wie stark interessiert er sich für die Belange seiner Gemeinde? Können Sie sicher sein, dass er ein offenes Ohr für Sie hat, wenn Sie einen Trauerfall in der Familie zu beklagen haben? Oder heißt es dann auch 'Ich habe heute leider keine Zeit, machen Sie bitte einen Termin aus?' Betroffen schauten ihn die Leute an und stellten fest, dass der Pfarrer tatsächlich niemand war, auf den man bauen konnte, wenn man Sorgen oder Probleme hatte. Er hielt die Messe und nahm Beichten ab, aber das war dann auch schon alles. „Fassen wir also noch einmal zusammen und einigen uns darauf, dass Sie keinen christlichen Gedanken mit dem Beruf des Pfarrers verbinden, sondern ihn nur aus Profitgier und zur persönlichen Bereicherung gewählt haben. Sie möchten einfach niemandem helfen, sondern in ruhe gelassen werden, und dafür gutes Geld bekommen. Kann man das so sagen?“ Diese Zusammenfassung freute den Pfarrer natürlich gar nicht. „Verlassen Sie nun bitte diese Kirche!“ sagte er streng, „Sie haben hier nichts verloren!“ „Oh,“ entgegnete Heiko sakastisch, „das heißt Sie schmeißen einen Gläubigen aus 'Ihrer' Kirche, weil er an ein christliches System der Nächstenliebe und nicht an eines der Profitgier glaubt? Das sagt dann aber wirklich einiges über Sie aus!“ Wieder wandte er sich den Kirchgängern zu: „In wenigen Minuten wird hier die Messe beginnen. Nehmen Sie sich also ruhig noch einmal einen Moment Zeit und überlegen Sie sich, wessen Worte Sie dabei wirklich hören möchten. Möchten Sie einem Mann zuhören, der über Jesus und Gottes Liebe spricht ohne dass es für ihn eine Bedeutung hat und der die ganze Messe nur durchzieht, weil er auf Ihre Kollekte am Ende scharf ist? Ich würde mir das ja nicht antun!“ Nun war der Pfarrer endgültig sauer und warf Heiko in hohem Bogen nach draußen. Doch mit ihm ging auch rund die Hälfte der anwesenden, die sich das Gespräch zu Herzen genommen hatten und die nicht länger bereit waren, einem so falschen Spiel beizuwohnen. Auch wenn es für uns bedeutete, dass wir noch einmal 10km wandern mussten und schon wieder erst um 18:00 Uhr einen Platz bekamen, hatte sich diese Aktion also anscheinend trotzdem rentiert. Unser erster Eindruck von Irland war gemischt. Alles in allem sah es hier nicht anders aus als in England und Schottland. Wieder war alles gerodet worden, wieder gab es nichts als grüne Hügel mit steilen Straßen, wieder war der Asphalt so grauenhaft gewählt, dass man nicht einmal in die Nähe einer größeren Straße kommen durfte und wieder schien jede Ortschaft, die nur ein bisschen größer war unerträglich zu sein. Auch das Spießertum schien das der Schotten eher noch zu übertreffen. Es war nicht so, dass es hier keine netten, hilfsbereiten Menschen gab, ganz im Gegenteil. Es war nur schon wieder eine Kunst, sie zu finden und aus der Masse herauszupicken. So trafen wir in unserem Zielort auf eine Frau mit Hund, die uns versicherte, dass wir hier niemals einen Platz finden würden, da der Pfarrer nicht im Haus sei und der Gemeindesaal von einem Komitee verwaltet würde, das zunächst eine Tagung veranstalten müsste, um zu entscheiden, ob wir dort übernachten könnten oder nicht. Sie selbst sei Teil des Komitees, könne uns alleine aber leider nicht helfen. Kurz darauf fand ich auch ohne ihre Hilfe das Haus des Pfarrers, traf ihn dort ohne Probleme an und bekam bedenkenlos den Schlüssel für besagten Gemeindesaal. „Falls sich jemand beschweren sollte, schickt ihn zu mir!“ meinte er, „Ich weiß, dass die Gemeinde hier so ziemlich gegen alles eingestellt ist, aber wenn ich zwei Pilger sehe, die einen Platz brauchen, dann bekommen sie einen Platz, egal was die Gemeinde davon hält!“
 
Spruch des Tages: Je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich.
Höhenmeter: 175 m
Tagesetappe: 22 km
Gesamtstrecke: 24.827,27 km
Wetter: bewölkt, teilweise sonnig, hin und wieder Regen
Etappenziel: Pfarrhaus, 3km hinter Wellingtonbrindge, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-29 22:22:52


Tag 1313: Mit Highspeed über die Wellen

Eine Seefahrt, die ist lustig eine Seefahrt die is

26.07.2017 Zum Abschied zeigte sich Schottland noch einmal so, wie es sich am liebsten präsentierte: Mit strömendem Regen. Unser Kirchensaal lag keine Hundert Meter vom Hafen entfernt und trotzdem schafften wir es durchnässt bei unserer Fähre anzukommen. Als wir eintrafen war der Kapitän gerade dabei, das Gepäck unserer Mitpassagiere unter Deck zu verstauen. Ein Blick auf unsere Pilgerwagen ließ seine Stimmung nicht gerade in die Höhe schnalzen. „Na super! Was soll denn das jetzt noch!“ war der Gedanke, der ihm unverblümt auf die Stirn getackert war. „Sind Sie unser Capt´n?“ fragte ich und erklärte dann, dass wir die beiden Pilger waren, die bereits telefonisch angekündigt wurden. Sofort hellte sich seine Miene auf. Der Satz von seiner Stirn verschwand und wurde durch einen neuen ersetzt: „Oh, wenn das so ist, ist ja alles gut!“ Er war sichtlich erleichtert, dass nun klar war, dass unser Gepäck am Oberdeck bleiben konnte und wir nicht darauf bestehen würden, es die schmale Stiege hinab in den engen Lagerraum hieven zu lassen. Er warf uns ein paar Taue und Spanngurte zu und vertraute darauf, dass wir wussten wie man Dinge so befestigte, dass sie auf rauer See nicht von Bord geschleudert wurden. Das Schiffchen selbst war eine kleine Yacht von etwa 10m Länge mit 12 Passagierplätzen sowie einen Platz für den Kapitän und einen für den Matrosen. Anders als wir es erwartet hatten, waren die Plätze tatsächlich vollkommen ausgebucht, wobei alle anderen Passagiere zu einem Golfer-Trupp gehörten, der in Irland ein paar Löcher zu spielen. Einmal an Bord gab es zunächst eine kurze Sicherheitseinweisung sowie eine sich selbst aufblasende Schwimmweste für jeden. Dann ging es auch schon los. Zu unserer Überraschung war der Motor der Yacht bei weitem lauter als wir es erwartet hätten. Rein Geräusch technisch gab es also nur wenige Unterschiede zwischen einer kleinen Fähre wie dieser und einer großen Autofähre. Dafür hatten wir nun aber den Vorteil, dass die Aufenthaltszeit an Bord fast mit der Zeit der Überfahrt übereinstimmte und wir nicht noch eine Stunde im Hafen herumstanden, wie bei der Verbindung von Frankreich nach England. Die ersten paar Meter waren noch relativ ruhig, da wir uns inmitten einer tiefen Bucht befanden, die zudem von einer vorgelagerten Insel geschützt wurde. Dass dies jedoch nicht so bleiben würde war spätestens seit einem Kommentar unseres Kapitäns gegenüber einem unserer Golferfreunde klar: „Die See hier ist nicht ohne und es gibt bereits an schönen Tagen einige Bereiche in denen es sehr Anspruchsvoll werden kann. Heute ist allerdings keiner dieser schönen Tage!“ Trotzdem bekamen wir schon ein erstes Highlight geboten, noch ehe wir den Hafen ganz verlassen hatten. Nur wenige Meter neben unserer Yacht schwamm eine Seerobbe. Als sie uns sah reckte sie ihren Kopf aus dem Wasser und schaute und einen Moment mit ihren glänzend schwarzen Augen an bevor sie wieder abtauchte. Dann gab der Kapitän ebenfalls Speed und beschleunigte bis auf das Maximum, was der kleine Kahn zu bieten hatte. Wie ein Pfeil schossen wir nun über die Wellen dahin. Nur wenige Minuten Später hatten wir die Insel erreicht. Oben am Rande einer Steilküste stand ein weißer Leuchtturm, der Schiffen wie dem unseren Nachts den Weg wies. Darunter in den Felsen brüteten einige Seevögel, die Heiko zum Teil noch aus Island kannte. Ein paar von ihnen begleiteten uns auf der Fahrt, flogen mit unserem Schiff um die Wetter oder kamen immer mal wieder vorbei um sich zu zeigen. Darunter waren auch einige Papageientaucher und Trottellummen, sowie natürlich Heringsmöwen und Austernfischer. Kaum hatten wir die kleine Insel umrundet, wussten wir was der Kapitän mit seinem Spruch gemeint hatte. Ohne die Deckung wurden die Wellen nun drei bis fünf Meter hoch und wir selbst wurden zu einem Ping-Pong-Ball, mit dem sie spielten. Obwohl es nur zwei Fenster im vorderen Bereich gab, die ein kleines Stückchen geöffnet waren, spritzte die Gischt zu uns herein. Immer wieder hoben wir ab, und kamen dann mit einem dumpfen Schlag auf der nächsten Welle wieder auf. Hinter uns, neben dem Aufgang zum Offendeck hatte der Kapitän ein paar letzte Koffer aufgestapelt, die nicht mehr in den Lagerraum gepasst hatten. Bereits nach der dritten großen Welle waren diese umgestürzt und hatten sich über den Gang verteilt. Wie es wohl unseren Wagen ging, die so ganz alleine da draußen auf dem offenen Deck herumstanden? Ich blickte nach hinten, konnte aber nichts erkennen und wandte mich deshalb an einen Passagier hinter mir. „Wird schon schief gehen“, meinte er nur flappsig und wenig hilfreich, ohne sich auch nur umzudrehen, „wenn sie weg fliegen kannst du jetzt eh nichts machen!“ Recht hatte er ja, aber besonders beruhigend war es nicht. Ein anderer Passagier, der das Gespräch mitangehört hatte und noch etwas weiter hinten saß war zum Glück hilfreicher. „Sieht alles noch aus wie am Anfang! Schein keine Probleme zu geben!“ meinte er beruhigend. Die Fahrt dauerte aufgrund des starken Gegenwindes fast genau zwei Stunden. Die Art und Weise auf die die Wellen mit uns spielten, änderte sich in dieser Zeit mehrere Male. Weniger wurde es jedoch erst kurz bevor wir den Hafen erreichten. Eine Sekunde zuvor waren wir noch geflogen und nun glitten wir wie eine Eiskunstläuferin auf der spiegelglatten See dahin. Dass die Fahrt auch körperlich anspruchsvoll war hatten wir bereits auf hoher See gemerkt, doch so richtig kam das Gefühl nun erst an Land durch. Die Knie waren weich, der Kreislauf spielte verrückt und der Schädel brummte noch immer im Nachhall der Schiffsmotoren. Eine kleine Fähre wie diese war deutlich zeiteffektiver als eine große Autofähre, aber dass es nun vollkommen entspannend war konnte man auch wieder nicht sagen. Wir hatten kein einziges Mal auf die offene See hinaus gemusst, sondern waren immer in Küstennähe gewesen und die Fahrt hatte gerade einmal zwei Stunden gedauert. Eine ähnliche Fahrt über mehrere Tage mitten über den Atlantik um nach Amerika überzusetzen konnten wir uns hingegen gerade noch nicht so vorstellen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Eine Seefahrt, die ist lustig eine Seefahrt die ist schön, ...
Höhenmeter: 250 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 24.805,27 km
Wetter: Bewölkt und regnerisch
Etappenziel: Pfarrhaus, Campile, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-29 22:21:00


Tag 1312: Die letzte Station in Schottland

Irland wir kommen!

25.07.2017 Sie können es einfach nicht! Mit Campbeltown haben wir ihnen noch einmal eine Chance gegeben und waren wirklich guter Dinge, hier ein gemütliches, kleines Fischer- und Hafenstädtchen vorzufinden, von dem man sagen konnte, dass man die Touristen verstand, die hier herkamen um es sich anzusehen. Doch mit Fischerromantik hatte Campbeltown leider nicht das geringste zu tun. Es wirkte viel mehr, als würde uns die britische Hauptinsel genauso verabschieden, wie sie und empfangen hatte. Genau wie Dover war auch Campbeltown eine düstere, graue Ansammlung an Betonbunkern und verfallenen Backsteinhäusern, von denen man sich nicht vorstellen konnte, das irgendjemand in ihnen leben wollte. Die Stimmung, die in der Stadt vorherrschte war düster, aggressixxv und frustriert. Nahezu jeder Mensch schaute, als wäre ihm gerade der Teufel persönlich begegnet - und vor ihnen davon gelaufen! Wie üblich führten die Hauptstraßen mitten durch das Zentrum und wie üblich hatte man die größte von ihnen als Einkaufsmeile festgelegt. Glücklicherweise bekamen wir trotz der äußeren Umstände ohne jedes Problem sofort einen Schlafplatz vom katholischen Pfarrer. Wenn uns die Pfarrer der katholischen Kirche in Irland genauso begegnen, dann wird das Leben dort ein Zuckerschlecken! Der Platz selbst war seiner Umgebung durchaus angemessen, weshalb sich der Pfarrer sichtlich schämte, uns keinen besseren Ort anbieten zu können. Erst vor kurzem hatte man es geschafft, das leckende Dach zu flicken, doch die Feuchtigkeit, die in den letzten Jahren in das Gebäude eingedrungen war, wohnte hier noch immer. Der Schwarzschimmel an der Decke und den Wänden war so dicht, dass er fast ein Tapetenmuster hätte sein können. Ein bisschen gleichmäßiger und er hätte als Ikea-Wandtattoo durchgehen können. Der Spalt unter der Tür war groß genug um einen Pizzakarton hindurch zu schieben und eines der Fenster war notdürftig mit etwas Silikon und einer Plexiglasscheibe geflickt worden, um den großen Sprung zu verdecken, der sie zierte. Auf Tischen, Boden und Stühlen lag ein raffiniertes Muster aus weißen Punkten, bei denen es sich um Putzsplitter aus der herabbröselnden Decke handelte. Die Heizung leckte, so dass man ein Schälchen darunter gestellt hatte, das nun schon fast einen Eintrag als geschütztes Biosphärenreservat verdient hatte, denn die Pilzkulturen, die hier wuchsen, waren auf der Welt sicher einmalig. Das heißt, vielleicht waren sie mit denen verwandt, die im Wasserkocher gediehen, den man nach seiner letzten Benutzung vor drei Jahren nicht ausgeleert hatte. Auf dem Sofa klebte eine Warnung, dass man sich nicht darauf setzen sollte, da sie sich direkt unter einem einsturzgefährdeten Bereich der Zimmerdecke befand. Und die Toiletten hätte man in diesem Zustand in Bulgarien geschlossen, weil man sie für unzumutbar hielt. Aber ansonsten war es ein super Platz! Das beste, und das ist nicht ironisch gemeint, war, dass das Gebäude versteckt in einem Hinterhof lag, wo man nahezu nichts vom Straßenlärm und Stadttrubel mitbekam. Von unserer extra-rustikalen Unterkunft aus, machten wir uns auf eine Hafenerkundung, um herauszufinden, von wo aus morgen unsere Fähre starten würde. Es war leicht zu finden und sollte also kein größeres Problem darstellen. Auf der Tour durch den Hafen kamen wir auch an einigen Fischerbooten vorbei und konnten zwei Seebären in gelben Regenhosen dabei zusehen, wie sie ihren Krebsfang sortierten. Es war ein durchaus verstörender Anblick, mit was für einer Routine und Gleichgültigkeit sie die noch lebenden Schalentiere in verschiedene Eimer oder zurück ins Meer warfen. Allein von dem, was wir in den wenigen Minuten mitbekamen, die wir im Hafen verbrachten, ließ sich sagen, dass sie rund 50% ihres Fanges sterbend ins Meer zurück warfen. Einen deutlichen Unterschied zwischen den Krebsten im „Zu-Verkaufen“-Eimer und denen, die über Bord geworfen wurden, konnte man nicht ausmachen. Die letzteren schienen entweder verletzt oder kleiner zu sein, als die anderen, was theoretisch kein großes Problem hätte sein dürfen, da sie ja eh weiterverarbeitet wurden. Doch für die Fischer ging es hier nicht um den Umgang mit einem Lebewesen, sondern rein um das Sortieren einer Ware, die ein Minimum an Profit einbringen musste, damit sich der Transport und die Weiterverarbeitung überhaupt rechneten. Theoretisch war es nicht neu für uns, dass so mit Meerestieren umgegangen wurde, aber es war doch noch einmal etwas anderes, ob man darüber las oder ob man es mit eigenen Augen sah. Den Krebsfischern bei ihrer Arbeit zuzusehen weckte in uns auch noch einmal ein paar Überlegungen zu unserem unliebsamen Gast von gestern Abend. Wir hatten uns bereits während der Wanderung gefragt, warum wir so arg mit ihm in Resonanz gegangen waren und ihm am liebsten den Hals umgedreht hätten. Der Grund war gar nicht so sehr seine unverschämte Art oder das einfordern der geschenkten Lebensmittel gewesen, sondern viel mehr der Umstand, dass er uns vorschreiben sollte, wie wir zu leben hatten. Er war die Verkörperung einer moralischen Stimme, die sagte: „So wie ihr lebt ist es nicht richtig! Ihr braucht einen normalen Job und müsst auf normale weise Geld verdienen, damit ihr das Recht zum Leben habt!“ Doch was bedeutet das überhaupt? Ab wann sehen wir etwas al anständige Arbeit an und ab wann nicht? Uns fiel auf, dass es hier einige sehr klare Definitionen gab, die so lebensfeindlich und abstrakt waren, dass man sich durchaus noch einmal ernsthaft die Frage stellen sollte, wohin wir als Menschheit eigentlich gehen wollten. Während der Mann in unser Quartier stürmte, war Heiko gerade dabei die aktuellen Bilder für die Homepage zu bearbeiten. Er war also mitten in eine intensive, kreative und zeitaufwändige Arbeit vertieft, aus der der Mann ihn heraus riss, um ihn aufzufordern, sich doch einfach einen Job zu suchen. Hätte Heiko nicht in einer Gemeindehalle gesessen, sondern in einem Foto-Atelier und wären die Bilder nicht für einen kostenlosen Blog sondern für eine bezahlte Auftragsarbeit gewesen, dann wäre die exakt gleiche Tätigkeit ein angemessener Beruf gewesen, gegen den niemand etwas hätte einwenden können. Nicht anders war es mit unserer täglichen Wanderung. Wären wir nicht für uns selbst unterwegs, sondern würden auf ähnliche Weise für einen Marathon oder die Olympischen Spiele trainieren, wäre das was wir tun nicht nur eine Arbeit, sondern auch noch eine verdammt gut bezahlte. Wenn ich als Fußballspieler sechs Stunden täglich mit meinem Training verbringe, dann bin ich ein Nationalheld, von dem man Sticker für Fotoalben und Fan-Tassen druckt. Verbringe ich die gleiche Zeit mit meinem Training, ohne einen Verein als Backround zu haben, bin ich ein fauler Sack, der nichts zu tun hat, als den Tag mit etwas Sport abzupimmeln. Noch heftiger finde ich es in Bezug auf die Gemeinnützigkeit der Aktion. Arbeite ich offiziell für eine Organisation und treibe für sie Geld ein, dann ist dies nicht nur anerkannte Arbeit, sondern auch noch sehr Ehrenhaft und Verantwortlich. Selbst oder besser vor allem dann, wenn ich für eine große, angesehene Organisation wie das Rote Kreuz, den WWF oder die Krebsstiftung arbeite, die im Namen der Gemeinnützigkeit Geld anhäufen und mehr Schaden verursachen als verhindern. Baue ich hingegen ein eigenes Projekt auf, durch das Organisationen unterstützt werden, ohne dass ich selbst offiziell dafür arbeite und daher auch kein Geld bekomme, dann ist dies verwerflich und ich bin nichts weiter als ein lästiger Bettler. Wenn man sich nun noch einmal die Krebsfischer anschaut, dann scheint es für Arbeit noch eine weitere abstrakte Definition zu geben. Arbeiten tut man immer dann, wenn man eine Tätigkeit ausführt, die einem selbst und meist auch anderen Schaden zufügt. Das mag erst einmal komisch klingen, aber denkt noch einmal darüber nach. Wie viele von euch würden das, was sie auf der Arbeit tun auch dann noch machen, wenn es dafür kein Geld geben würde und sie auch keines bräuchten? Wie viele von euch sind wirklich aus vollem Herzen und mit voller Überzeugung bei ihrer Arbeit und sehen darin ihre Berufung? Und wie viele finden sich stattdessen in unangenehmen Räumen oder Orten wieder, sind Stress, Lärm, Hektik und Druck ausgesetzt, der sie auf Dauer auslaugt und zerstört? Nächste Frage: Wie viele Jobs und Berufe tragen wirklich zu einer Verbesserung des Lebens und der Erdengemeinschaft bei? Oder schaden ihr zumindest nicht? Ein Pädagoge muss dafür sorgen, dass seine Schützlinge in die Norm der Gesellschaft gepresst werden, selbst wenn dadurch große Teile ihres Charakters und ihres wahren Selbsts verloren gehen. Ein Bauer sorgt durch die industriellen Methoden der Landbearbeitung dafür, dass große Lebensräume zerstört, Grundwasservorkommen vergiftet und unsere Lebensmittel immer Nährstoffärmer werden. Selbst eine einfache Verkäuferin baut ihren finanziellen Erfolg darauf auf, dass die Produkte, die sie verkauft von Billiglohnarbeitern hergestellt werden, die als moderne Sklaven ausgebeutet werden. Gleichzeitig steht sie selbst den ganzen Tag an einer lauten, piepsenden Kasse, was es nahezu unmöglich macht, so etwas wie innere Ruhe, Ausgeglichenheit und Entspannung zu verspüren. Auf diese Weise könnte man nun jeden Beruf durchgehen und würde kaum einen finden, der nicht dazu führt, dass man gegen die eigene Seele und/oder das Wohl unseres Planeten arbeiten muss. Das ist doch wert einmal hinterfragt zu werden, oder nicht? Spannend ist auch, sich unter diesem Aspekt noch einmal die Wertigkeiten anzusehen, die wir den einzelnen Berufen geben. So hat das Ansehen eines Berufszweiges nichts mit seiner Nützlichkeit zu tun und auch nicht mit der Menge der tatsächlich geleisteten Arbeit. Dies wird hier in Schottland und England, noch einmal besonders deutlich, da es hier so viele vermögende Menschen gibt, die im Finanzwesen arbeiten. Während der talentierteste Handwerker, der mit seinem Geschick direkt und maßgeblich zur Verbesserung der Lebensqualität seiner Mitmenschen beiträgt, immer nur ein einfacher Arbeiter bleibt, ist jemand der beispielsweise mit Derivaten handelt, also irreale Geldgeschäfte mit Produkten macht, die ihm nicht einmal gehören, ein angesehenes Mitglied der Oberschicht. Allein der Umstand, dass er Geld verdient, sorgt dafür, dass man davon ausgeht, dass er anständig arbeitet. Selbst dann, wenn er mit seinen Geschäften tausende von Menschen ausbeutet und es sich auf ihren Rücken bequem macht. Die Aufforderung des Mannes „Sucht euch einen Job!“ hatte also nichts mit der Sorge zu tun, dass wir auf Kosten anderer Leben könnten, denn das ist in unserer Gesellschaft vollkommen anerkannt und legitim. Es geht lediglich darum, dass man nicht frei leben darf und sich so aus dem System herauslöst. Denn dadurch stellte man plötzlich alles in Frage und das durfte nicht passieren.
 
Spruch des Tages: Irland wir kommen!
Höhenmeter: 440 m
Tagesetappe: 32 km
Gesamtstrecke: 24.789,27 km
Wetter: Regen ohne Ende
Etappenziel: Pfarrhaus, Bosheen, New Ross, Co. Wexford, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-29 22:19:36


Tag 1311: Wie gewonnen so zerronnen!

Ist das jetzt eigentlich Mundraub?

24.07.2017 Dass wir in einem seltsamen Ort mit seltsamen Menschen gelandet waren, hatten wir ja bereits bei unserer Ankunft gemerkt. Dass wir uns mit diesem winzigen und wunderschön ruhig gelegenen Küstendörfchen jedoch den Ort mit den unfreundlichsten und unmöglichsten Bewohnern der ganzen Reise ausgesucht hatten, war uns zunächst nicht klar gewesen. Wir können also von Glück sprechen, dass wir mit unserer Unterkunft genau die drei Menschen erwischt haben, die hilfsbereit und offenherzig waren. Oder besser: drei von Vieren, auf die diese Beschreibung zutraf. Ausgehend von der Nahrung, mit der wir von ihnen versorgt wurden, hatten wir das Gefühl, zwar schon irgendwie durchzukommen, aber dennoch einige Kleinigkeiten gebrauchen zu können. Kartoffeln zum Beispiel, die wir in den Ofen legen konnten. Ich machte mich also doch noch einmal auf eine abendliche Sammelrunde und löste damit aller Wahrscheinlichkeit eine Kettenreaktion aus, die noch sehr lange weiter rollen wird. Zunächst einmal stellte ich fest, dass irgendetwas mit den Menschen hier nicht stimmte. Es war ein herrlich warmer Tag, das ruhige Meer glitzerte im goldenen Sonnenlicht und die Stimmung war friedlich und angenehm. In meinen Augen war es absolut unmöglich, unter diesen Bedingungen mies drauf zu sein und doch entpuppten sich die Einheimischen als wahre Genies auf diesem Gebiet. Von den fünfzig Häusern, aus denen das Dorf bestand, waren etwa 15 bewohnt, von denen 8 gerade zu hause waren. Einmal wurde ich wild gestikulierender Weise vom Grundstück vertrieben, noch ehe ich das Gartentor ganz geöffnet hatte. Einmal wurde ich freundlich gegrüßt und dann bereits nach den Worten „Kann ich Ihnen eine Frage stellen?“ abgewürgt. Zwei Mal lautete die Antwort auf meine Frage schlicht „NEIN!“, gefolgt von einer energisch ins Schloss fallenden Tür und vier mal gab es gute Ausreden und Begründungen dafür, warum man mir zwar helfen wollte, es aber genau in diesem Moment nicht tun konnte. Blieben also nur noch zwei Häuser übrig. Das erste gehörte jenem Mann, der mich am Nachmittag bereits mit zwei Bananen abgespeist hatte. Es konnte sicher nicht schaden, ihn noch einmal um zwei Kartoffeln zu bitten. Meine Erwartungshaltung wurde sogar übertroffen: Ich bekam drei Kartoffeln! Das letzte Haus gehörte zu einer freundlichen aber schüchternen Dame in den frühen sechzigern, die mich umstandslos herein bat und mir eine Tüte mit verschiedenen Speisen zusammen stellte. Darunter waren weitere Kartoffeln, ein Porree, eine Zwiebel und ein paar Tomaten. Schließlich fügte sie noch ein halbvolles Glas mit Chutney hinzu, da dies einer Sauce am nächsten kam. Gerade in diesem Moment kam ihr Ehemann herein, sah wie das Chutney vrschenkt wurde und gab ein leicht enttäuschtes „Oh!“ von sich. Ich begrüßte ihn freundlich, stellte mich vor und fasste mit kurzen Worten den Grund unserer Reise und meines Besuches zusammen. Dann verabschiedete ich mich von beiden und drehte noch eine kurze erfolglose Runde um den hinteren Teil des Ortes, bevor ich in unseren Saal zurückkehrte. Als ich dort eintraf fand ich nicht nur Heiko, sondern auch den Ehemann der netten Frau vor. Ich hatte noch kein einziges Wort gehört und doch erkannte ich allein an seiner Körperhaltung, dass er nicht gekommen war, um uns etwas Gutes zu tun. Diese Mann war auf Krawall gebürstet! Soviel stand fest. Heiko hatte die gleiche Beobachtung wenige Minuten zuvor ebenfalls gemacht, als der Mann ohne zu klopfen und ohne einen Gruß durch unsere Eingangstür gestürmt war, um sich direkt vor ihm aufzubauen. Einen Moment lang hatte er überlegt, ob er der Höflichkeit halber aufstehen und seinen Schlafsack verlassen sollte. Da Höflichkeiten in dieser Begegnung aber offenbar keinen Platz hatten, verwarf er den Gedanken wieder. Wild zeternd pluderte sich der Mann auf und begann ohne Umschweife mit einer Tirade wilder Abwertungen und Beschimpfungen. „Sucht euch verdammt noch mal einen Job und hört auf fremde Menschen zu belästigen und ihr Essen zu stehlen! Betteln ist aus gutem Grund seit Jahrzehnten verboten, in diesem Land! So etwas könnt ihr in Indien machen, aber nicht hier in Schottland! Hier verbitte ich mir so etwas! Wer sagt mir, dass ihr keine Verbrecher seit? Welches Recht habt ihr, einfach an einer Tür zu klingeln und nach Essen zu fragen? Das ist eine Frechheit sondergleichen! Und eine Zumutung ist es auch!“ Ich kann gar nicht alles wiedergeben, was der Mann an Abfälligkeiten aus sich heraussprudeln ließ, aber es wurde nicht besser. Von dem Moment an, als ich durch die Tür trat, gab ich ihm etwa 30 Sekunden, in denen ich versuchte höflich zu bleiben und ihn zu beruhigen. Dann beschloss ich, dass es A) keinen Zweck und er es B) auch nicht verdient hatte. Stattdessen drückte ich ihm die Tüte mit den Lebensmitteln in die Hand, die ich von seiner Frau geschenkt bekommen hatte und forderte ihn auf, uns in Ruhe zu lassen. Da fängt er doch nicht allen ernstes noch zum Diskutieren an und will plötzlich wissen, mit welcher Begründung und welchem Recht wir uns hier überhaupt aufhielten? Langsam platzte mir die Hutschnur. Da dringt dieser Mann allen Ernstes ohne einen Funken Anstand in unsere Privatsphäre ein, stiehlt uns unsere Zeit, verurteilt, beleidigt und beschuldigt uns, ohne etwas über uns zu wissen, verlangt die Nahrung zurück, die uns seine Frau zuvor geschenkt hat und glaubt dann auch noch, dass wir ihm nun freundlich erklären, wer wir sind? Was glaubt er denn, wer er war? „Hier haben Sie Ihr Essen zurück und nun verschwinden Sie und lassen Sie sich nie wieder blicken!“ zischte ich ihn an, „Sie hätten all diese Fragen an uns stellen können, bevor sie sich entschieden haben sich derart daneben zu benehmen!“ Wieder fing er zum Diskutieren an und begann sich zu rechtfertigen. Ich war nun so sauer, dass ich mich bändigen musste um ihn nicht an den schütteren Haaren zu packen und aus dem Saal zu schleifen. Und wenn der Mann nun nicht doch von alleine gegangen wäre, hätte ich es sicher auch getan. Für die nächste halbe Stunde regte ich mich noch in Gedanken und Teilweise auch laut über ihn auf. Nicht nur, dass mich Essensrunde mit dem Kontakt zu den vielen unfreundlichen Leuten eh schon gelangweilt hatte, jetzt standen wir auch noch wieder ohne Essen da! Da hätte ich mir die ganze Geschichte also auch sparen können! Erst etwas später fiel mir auf,dass es vielleicht doch nicht so sinnlos gewesen war, wie ich zunächst dachte. Denn wir waren ja nicht die einzigen, denen gegenüber er sich unmöglich verhalten hatte. Auch seine Frau sah nun sein wahres Gesicht und erkannte, mit was für einem Menschen sie da verheiratet war. Sie teilte sich ihr Bett mit jemanden, der so geizig war, dass er hungrigen Wanderern das bereits geschenkte Essen weg nahm obwohl er davon ausgehen musste, dass sie dadurch den Tag lang hungern mussten. Jemand, der auf ihre Meinung so wenig gab, dass er eine solche Szene aufführte, ohne sie zuvor zu fragen, warum sie sich für die Hilfe entschieden hatte. Denn der Frau hatte ich ja bereits alles im Detail erklärt. Jemand, der so rassistisch und menschenverachtend war, dass er es als angemessen betrachtete, wenn Menschen in Indien um Essen bettelten, während er selbst, der durch seinen Lebensstil maßgeblich zum Leid dort beitrug, verlangte, dass in Schottland niemand um Hilfe bitten dürfte. Kurz: Er hatte sich durch diese Aktion als ein unsoziales Arschloch geoutet, das sogar noch weniger Anstand und Ehrerbieten hatte, als der besoffene Vergewaltiger, der Paulina in ihrem Serbischen Hotelzimmer aufgesucht hatte. Wenn sie also einen Grund gebraucht hatte, um sich von ihm trennen zu können, dann war es wohl dieser. Der Gedanke daran beruhigte mich und stimmte mich sofort wieder friedlich. Vielleicht war es ja wirklich genau das gewesen, das noch gefehlt hatte, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Denn Glücklich hatte die Frau ganz und gar nicht gewirkt. Und vielleicht war es ja auch genau das, was der Mann brauchte. Es mag komisch klingen, aber das beste, was ihm passieren könnte wäre, dass er tatsächlich von seiner Frau rausgeworfen wurde, dadurch so sehr aus dem Konzept geriet, dass er zu trinken begann, seine Besitztümer verlor und schließlich auf der Straße landete, so dass er auch die andere Seite einmal kennenlernte. Denn dies war wahrscheinlich seine einzige Chance aufzuwachen und zu erkennen, was Leben wirklich bedeutete. Der heutige Tag verlief hingegen recht harmonisch. Die Sonne zeigte sich wieder aus ihrem besten Licht und wir konnten sogar ein Picknick am Strand machen. Landschaftlich war es wieder einmal besonders schön und es schien, als wollte sich Schottland zum Ende noch einmal so präsentieren, wie wir es uns vorgestellt hatten. Nur dass die Straße wieder einmal jedes Tal und jeden Gipfel mitnahm, obwohl neben uns die seichte, ebene Küste verlief, blieb uns ein Rätsel. In Carradale, unserer Zielortschaft erlebten wir dann das genaue Gegenteil von gestern. Im Restaurant bekamen wir eine hervorragende Pastinak-Suppe geschenkt, die uns nicht nur Kraft gab, sondern die gleich noch eine positive Kettenreaktion auslöste. Dadurch, dass die Hotelmanagerin entschieden hatte, dass wir unterstützenswert waren, wollten nun auch alle anderen Helfen und wir bekamen problemlos die Kirche, ein Abendessen aus einem weiteren Restaurant und ein Essen von einer Privatfamilie.
 
Spruch des Tages: Ist das jetzt eigentlich Mundraub?
Höhenmeter: 46 0 m
Tagesetappe: 29 km
Gesamtstrecke: 24.757,27 km
Wetter: Regen ohne Ende
Etappenziel: Carmeliten-Kloster, Knocktopher, Irla

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-29 22:17:52


Tag 1310: Wandern auf dem Kentyre-Way

Geld allein ist kein Grund, nicht arm zu sein

23.07.2017 Im Guten wie im Schlechten verabschiedet sich Schottland noch einmal mit einem Feuerwerk an Höhepunkten. So wurde die heutige Tagesetappe noch einmal um ein vielfaches anstrengender als die letzten, dafür aber auch um ein vielfaches schöner. Direkt hinter unserer Kirche führte eine Straße in den hinteren Bereich des Dorfes, wo der sogenannte „Kentyre-Way“ begann, ein Fernwanderweg, der bis hinunter nach Campeltown führte. Die ersten Meter waren noch entspannt und führten an der alten Burgruine vorbei, von der aus man einen beeindruckenden Blick über den Hafen hatte. Dann jedoch kam der weniger entspannte Part. Auf einer Strecke von nicht einmal eineinhalb Kilometern ging es nun auf holprigen Pfaden mehr als 150 Höhenmeter nach oben. Für einen alleine pro Wagen war das bei weitem zu viel. Wir schafften es gerade einmal mit vereinten Kräften, sie den Berg hinauf zu wuchten. Der Umstand, dass sich aus Heikos leichter Angeschlagenheit eine ausgewachsene Erkältung mit Niedergeschlagenheitsgefühl und dauerhaft laufender Nase entwickelt hatte, machte die Herausforderung nicht unbedingt leichter. Oben angekommen mussten wir zuänchst einmal unsere Lungen wieder finden. Tropfnass und mit heraushängender Zunge folgten wir nun einem Forstweg, der sich weiterhin den Berg hinauf schraubte. Hier erreichten wir eine weite Heidelandschaft in der es noch ein paar vereinzelte Bäume und hin und wieder ein paar Waldstücke gab. Auch dieses Land war von Menschen gerodet worden, aber es hatte dennoch seinen Reiz. Schließlich mussten wir noch einmal auf einen Pfad abbiegen, der mitten durch die Heide führte. Zu unserem Erstaunen befanden wir uns dabei nach wenigen Metern schon wieder im Moor und das obwohl wir uns auf der Spitze des Hügels befanden. In diesem Land gab es wirklich nichts mehr, das nicht vollkommen unter Wasser stand. Am Ende unseres Weges erreichten wir ein kleines Nest an der Küste, das an einer Sackgasse lag und nicht einmal mehr 100 Einwohner hatte. Normalerweise hätte es hier nur eine Frage von Sekunden sein dürfen, um einen Platz und etwas zum Essen zu ergattern. Doch es war sogar weitaus komplexer als in den letzten Städten, die wir bereist hatten. Die meisten Häuser standen leer und von den wenigen Menschen, die wir antrafen, fühlte sich niemand wirklich zuständig. Kirche wie Gemeindehalle wurden über Komitees verwaltet, die keine Vorsitzenden hatten. Einen Pfarrer gab es nicht mehr und niemand wollte die Verantwortung übernehmen. Wir waren schon kurz davor weiter zu ziehen und hätten es sicher auch getan, wenn die nächste Etappe nicht 28km betragen hätte. Und im Endeffekt löste sich dann wieder alles wie von selbst, so dass wir uns sogar aussuchen konnten, wo wir übernachten wollten. Nur mit dem Essen sah es wieder einmal eng aus. Eine alte Dame und eine junge Familie schenkten uns, was sie in ihren Küchen finden konnten. Wie so oft waren es diejenigen, die selbst am wenigsten hatten. Die reichen Nachbarn mit den großen Häusern und den teuren Autos vor den Türen, gaben entweder nichts oder so klein Spenden, dass man fast mehr Energie zum Fragen aufwenden musste, als man durch die Nahrung im Nachhinein zurück bekam. Dabei gab es zwei unterschiedliche Varianten. Die einen hielten sich selbst für großzügig und hatten augenscheinlich wirklich das Gefühl, dass sie einen enormen Beitrag leisteten. „Wir haben und Gedanken darüber gemacht, wie wir euch heute durch den Tag bringen und haben gedacht, dass ihr am Besten mit je einer Banane bedient seit! Die haben viel Energie und ihr könnt sie bequem in die Tasche stecken, bis ihr sie essen wollt. Damit dürftet ihr eigentlich soweit versorgt sein!“ Erschreckender Weise glaubte er das wirklich! Die anderen wussten, dass sie geizig waren und beriefen sich darauf, dass sie leider selbst fast kein Essen besaßen. Dies war die Lieblingsantwort der Menschen in Schottland und teilweise auch schon in England. Vor allem dann, wenn sie reich und wohlhabend waren. Es war schon verrückt! Als wir durch den Balkan wanderten und bei alten Omis klingelten, die irgendwo im Niemandsland lebten und keine 100 Euro im Monat zur Verfügung hatten, hatten wir niemals das Gefühl, ihnen etwas wegzunehmen, wenn wir um eine Essensspende baten. Die Menschen mochten kein Geld haben, doch an Lebensmitteln gab es nie einen Mangel. Im Gegenteil! Wie oft hatten wir das Gefühl, den alten Damen oder Herren den Tag zu erhellen, indem wir mit ihnen gemeinsam durch ihre Gemüsegärten schlenderten, während sie begeistert ihre Schätze mit uns teilten. Hier hingegen hatte man oft das Gefühl, dass man den Menschen noch etwas zu Essen mitbringen sollte, weil sie so arm waren und anscheinend nicht einmal ein Abendessen für sich selbst besaßen. Klar hatten sie Häuser in denen man eine Fußballweltmeisterschaft hätte veranstalten können und klar standen vier oder fünf Autos in ihren Einfahrten herum, von denen mindestens einer ein Porsche, Ferrari oder Lotus war. Aber das änderte nichts daran, dass man sich nicht trotzdem arm fühlen konnte.
 
Spruch des Tages: Geld allein ist kein Grund, nicht arm zu sein.
Höhenmeter: 320 m
Tagesetappe: 36 km
Gesamtstrecke: 24.728,27 km
Wetter: Sonne, leichte Bewölkung, Wind
Etappenziel: Kloster, Callan, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-29 22:16:27


Tag 1309: Freche Tierchen

Ein schüchternes Kerlchen bist du nicht, oder!?!

22.07.2017 Mit kleinen Schritten und großen Etappen nähern wir uns dem Ende unserer Zeit in Schottland. Es wird sicher kein Land sein, dem wir lange nachtrauern, wenngleich es uns immer wieder mit versteckten Schönheiten und unerwarteten Begegnungen überrascht hat. Im Großen und Ganzen wird es uns aber wohl dennoch als das wohl anstrengendste und ungemütlichste Land unserer Reise in Erinnerung bleiben. Kein anderes Land hat uns so viel Regen, so lange Tagesetappen und so viel Verkehrshölle eingebracht, wie dieses. Und das obwohl es zu mehr als 90% vollkommen unbewohnt ist. Unbewohnt und unbewohnbar Ich glaube, genau hier liegt auch der große Irrtum, dem wir unterlegen sind, als man uns von einem fast menschenleeren Land voller Berge und unberührter Natur erzählt hat. Wir hatten geglaubt, dass man das Land hier einfach in Ruhe sich selbst überlassen hatte, um sich noch einen Rest Wildnis in Europa zu erhalten. Das war natürlich mehr als nur ein bisschen Naiv gewesen. Es liegt nun einmal nicht in der Natur unserer Gesellschaft, sich auch nur einen Fingerzeig aus der Natur da draußen zu machen. Wenn also ein Gebiet unbesiedelt ist, dann nicht um es zu schützen, sondern weil es unbesiedelbar ist. Schottland zeigt das noch einmal par excellance. Alles, was nördlich von Glasgow und Edinburgh liegt, besteht zu 95% aus steilen Berghängen, Moor, Fels oder See. Wenn es irgendwo eine Möglichkeit gab eine Straße oder eine Stadt zu bauen, dann wurde sie auch genutzt. Zu sagen, im Norden von Schottland leben nur 3% der Gesamtbevölkerung von Großbritannien mag schon stimmen, doch es sagt nichts über die Bevölkerungsdichte aus. Der Teil des Landes, der Zugänglich ist, ist auch besiedelt und in permanenter Benutzung. Und sei es nur, um spazieren zu fahren, weil man vor Langeweile bei dem schlechten Wetter sonst nichts mit sich anzufangen weiß.em jeder Weg eingezäunt ist und in dem man selbst wenn man vom Weg abgehen könnte, bereits nach wenigen Metern im Moor versänke. „Come and enjoy our spectacular wildlive!“ hieß Schade ist hingegen vor allem, dass es in den unbesiedelten und unzugänglichen Bereichen nicht einmal durchgängige Wege gibt. Gäbe es hier wie es in den meisten anderen Ländern der Fall ist, ausgebaute Fahrrad- und Wanderwege, wäre das Land ein Paradies für Fuß- und Radreisende. So ist es leider fast nicht begehbar. Und doch wirbt die Schottische Tourismusindustrie genau mit dieser unberührten Natur. Wo immer es nicht ausdrücklich verboten ist, sei man eingeladen, wild zu zelten, zu wandern, mit dem Rad zu fahren, zu klettern und die Natur zu genießen. Nett gesagt in einem Land, in dem jeder Weg eingezäunt ist und in dem man selbst wenn man vom Weg abgehen könnte, bereits nach wenigen Metern im Moor versänke. „Come and enjoy our spectacular wildlive!“ hieß es auf einem Flyer: „Kommen Sie um die spektakulären Lebewesen unserer Wildnis zu genießen!“ Große Worte dafür dass man jedes Mal einen Luftsprung macht, wenn man auch nur ein Eichhörnchen sieht. es auf einem Flyer: „Kommen Sie um die spektakulären Lebewesen unserer Wildnis zu genießen!“ Große Worte dafür dass man jedes Mal einen Luftsprung macht, wenn man auch nur ein Eichhörnchen sieht. Ein Mauswiesel zu Besuch Spektakulär ist hier also wirklich nicht das richtige Wort, aber dennoch hatten wir in den letzten Tagen einige sehr schöne Tierbegegnungen, auch wenn die Tiere dabei vielleicht nicht ganz so wild wirkten. Vor knapp einer Woche wurden wir ein gutes Stück unseres Weges von einem Mauswiesel begleitet. Der kleine, drollige Zeitgenosse spitzte vorsichtig hinter einem Grasbüschel hervor und beobachtete, wie wir näher in seine Richtung kamen. Dann huschte er kurz in Deckung, kam aber gleich wieder hervor und lief mit einem Abstand von nur zweieinhalb Metern vor uns auf dem Weg entlang. Dieses Spiel wiederholte er drei oder vier mal, bis er schließlich doch im Dickicht verschwand. Perfekte Performance Fast die gleiche Situation erlebten wir kurz darauf mit einem Eichhörnchen. Dieses bescherte uns jedoch am Ende zur Feier seines Besuches noch ein großes und tatsächlich spektakuläres Finale. Wie ein Parcoursläufer sprang es vom Boden über einen Stein auf einen Zaun und lief dann über diesen hinweg, bis zu einer Baumgruppe. Wenn man nur auf den kleinen Akrobaten achtete, konnte man meinen, der Zaun sei eine durchgängige Straße, auf der man einfach entlang rennen konnte. Stattdessen aber gab es nur einzelne, ungleich verteilte Pfähle und Säulen, mit zum Teil sehr großem Abstand. Das Eichhörnchen sprang von einem zum nächsten, wirkte dabei aber nicht als würde es springen, sondern viel mehr als glitt es durch die Luft in einer einzigen, fließenden Bewegung. Es wurde weder schneller noch langsamer, wenn es einen Pfahl unter den Füßen hatte und in seinem kompletten Bewegungsablauf gab es keine einzige abrupte Richtungsänderung. Es war eine Performence, die er zur Perfektion ausgearbeitet hatte und die in ihrer Eleganz, ihrer Leichtigkeit und ihrer Ästhetik alles übertraf, was ein Mensch je zustande bringen könnte. Erste Flugstunden Auch mit unseren gefiederten Freunden hatten wir einige unvergessliche Momente. Zugegeben, im Großen und Ganzen waren wir hier nicht allzu gut auf sie zu sprechen, da die Angewohnheit der Einheimischen, den Singvögeln das ganze Jahr über unessbar viel Futter in den Garten zu hängen, vielerorts zu regelrechten Singvogelplagen führt. So schön der Gesang eines einzelnen Vogels auch ist, so grauenhaft ist das Geschnatter einer unnatürlichen Überpopulation von Wesen, die keine natürlichen Feinde mehr haben und sich daher auch an keine Regeln mehr halten müssen. Nichts desto trotz haben wir uns mit zwei kleinen Vertretern der Schnatterwesen etwas tiefer angefreundet. Den ersten entdeckte Heiko vor einer Kirche, als er gerade nach einem versteckten Pinkelplatz suchte. Es war ein Jungvogel, der gerade versuchte flügge zu werden, sich bei den ersten Flugstunden jedoch selbst ein klein wenig überschätzt hatte. Nun saß er verloren am Boden herum und wusste nicht mehr, wohin er wollte. Behutsam hob Heiko ihn auf und nahm in mit auf den Kirchenvorplatz, von wo aus man die Umgebung am besten einsehen konnte. Wir schauten uns nach einem Nest oder eine aufgeregt suchenden Mutter um, konnten aber zunächst nichts ausfindig machen. Dafür erkannte der kleine Bruchpilot sein Heimatgefilde nun offenbar wieder, denn er fasste neuen Mut, wurde sichtlich munterer und aktiver und startete schließlich einen neuen Flugversuch. Die Höhe von Heikos Hand machte ihm das Starten dabei um einiges leichter, da er nun erst einmal gleiten konnte und nicht gleich einen Senkrechtstart hinlegen musste. Dennoch überschätzte er seine Wendigkeit ein bisschen, was um ein Haar zu einem Zusammenstoß mit einem Grabstein führte. In letzter Sekunde konnte er das Steuer herumreißen und in Richtung eines weiteren Steines ausweichen, den er ebenfalls nur knapp verfehlte. Dann bekam er die Kurve und steuerte auf ein Gebüsch zu, in dem sich sein Nest befand. Von Schüchternheit keine Spur Die zweite außergewöhnliche Begegnung hatte Heiko als er das letzte Mal an einer Bushaltestelle auf mich wartete, während ich nach einem Schlafplatz suchte. Wie immer war es kalt und regnerisch, weshalb sich Heiko so gut wie möglich in einer Ecke zusammengekauert hatte. Plötzlich kam ein kleiner Spatz angehüpft und wanderte vor ihm am Boden der Bushaltestelle herum. Zunächst blieb Heiko reglos, um ihn nicht zu verschrecken, doch nach einer Weile merkte er, dass dies nicht nötig war. Der Kleine hatte keinerlei Angst sondern war im Gegenteil so neugierig, dass er sogar auf Heikos Füße sprang. Dann untersuchte er unseren Wagen und entdeckte dabei einige Nüsschen und ein paar Brotkrümel, die er sich stibitzte. Als ich von meiner Suche zurückkehrte, ging er nur für ein paar Sekunden in Deckung. Dann tauchte er wieder auf und machte weiter wie bisher. Zu Zweit schienen wir nun sogar fast noch ein bisschen interessanter zu sein, als zuvor. Mehr Kraft als man selbst glaubte Trotz des unerwarteten Zwischenstopps den wir im Caravan-Park einlegen konnten, betrug die Etappe heute wieder 25km. Straße und Wetter führten dabei permanent auf und ab und so war es wieder einmal nach vier Uhr am Nachmittag, als wir unseren Zielort Tarbert erreichten. Früher musste das Dorf einmal ein hübsches Fischerdorf gewesen sein,. Heute jedoch machte es einen heruntergekommenderen Eindruck, als einige der ärmsten Städte in Bosnien. Um so mehr freuten wir uns, dass wir dennoch sofort einen Schlafplatz in der freien Kirch bekamen. Der Pfarrer war ein sympathischer Teddybär, dem man ohne zu Zögern sein Herz anvertrauen würde. Er lud uns auf eine Portion Fish and Chips ein und wir kamen ein wenig ins Gespräch. Er war lange Zeit als Krankenhausseelsorger tätig gewesen und so fiel unser Gesprächsthema recht schnell auf die Verbindung zwischen Körper und Seele in Bezug auf Heilung. Nachdem man aus irgendeinem Grund den Menschen in seine Seele und seinen Körper aufgespalten hatte, um den einen Teil zum Arzt und den anderen zum Pfarrer zu schicken, gab es nun auch in Schottland eine Bewegung, die das ganzheitliche Heilen eines Menschen im Fokus hatte. So richtig konnte sich die Schulmedizin auch hier noch nicht damit anfreunden, aber die Stimmen wurden lauter es ließ sich kaum mehr vermeiden in diesem Bereich für Neuerungen zu sorgen. Der Pfarrer selbst war als Krankenhausseelsorger Teil dieses neuen Konzepts, denn er kümmerte sich nun um die seelischen Belange der Krankenhauspatienten. Dabei erzählte er uns von einer Schlüsselbegegnung, die er mit einem todkranken Mann auf einer Palliativ-Station hatte. Der Mann war mit seinen Nerven am Ende, da er wusste, dass er sterben würde, dies aber nicht akzeptieren konnte. Der Pfarrer hörte ihm zu und da der Mann einen christlichen Glauben hatte, konnte er ihm zudem Trost und Hoffnung mit seinen Worten spenden. Dann passierte etwas seltsames. Der Mann hatte eine Art Zusammenbruch und war für einige Minuten wie weggetreten. Als er wieder zu sich kam, wirkte er ruhiger und seltsam verändert. Er konnte es selbst nicht genau erklären, doch er hatte während seiner Ohnmacht eine Begegnung gehabt. Jemand war bei ihm gewesen um ihm die Kraft zu geben, die er für die nächsten Schritte seines Weges benötigte. „Ich war damals vollkommen perplex!“ erzählte der Pfarrer, „Ich weiß, das klingt komisch, weil ich Pfarrer bin, aber bis zu diesem Moment hätte ich nie geglaubt, dass so etwas wirklich funktioniert. Ich meine, ich gebe den Menschen natürlich Trost und Hoffnung, wenn sie es brauchen und ich versuche auch, ihren Glauben zu stärken, aber daran dass man auf diese Weise auch heilen kann, hätte ich nie geglaubt. Trotzdem ging es dem Mann plötzlich besser und das sogar nachhaltig. Die Ärzte hatten ihm nur noch ein paar Tage gegeben, aber er erholte sich so sehr, dass er noch über ein Jahr weiter lebte. Und das in besserer Verfassung als die Jahre zuvor. Ich denke oft an diese Situation zurück und kann mir noch immer nicht genau erklären, was da passiert ist. Ich weiß nur dass da etwas war und ich hoffe, dass ich selbst auch einmal eine solche Erfahrung machen darf!“
 
Spruch des Tages: Ein schüchternes Kerlchen bist du nicht, oder!?!
Höhenmeter: 150 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 24.692,27 km
Wetter: Sonne, leichte Bewölkung, kaum Wind
Etappenziel: Pfarrhaus, Urlingford, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-29 22:14:53


Tag 1308: Probewohnen im mobilen Zuhause

So ein Schneckenhaus hat auch was für sich.

21.07.2017 Unser Ritual am Vortag hatte offenbar doch mehr ausgelöst, als wir zunächst vermutet hätten. Heiko wachte die Nacht mehrmals mit Schüttelfrostattacken auf und hatte heute Morgen einen brennenden Hals. Ich selbst fand mich irgendwann in der Nacht in einer Pfütze aus Schweiß wieder. Von der Nasenspitze bis zu den Zehen war ich so durchgeschwitzt, als hätte ich mich gebadet und mich dann ohne mich abzutrocknen direkt in den Schlafsack gelegt. Warum das so war wusste ich nicht, denn ich erinnerte mich weder an einen intensiven Traum noch war mir besonders warm. Ich war einfach nur nass. Mehr als einen Tag Verlängerung war in Sachen Sommer wohl doch nicht drin, denn heute in der Früh regnete es bereits wieder mit ganzer Leidenschaft. Unser weg führte uns nun zunächst an die Westküste der Halbinsel und dann entlang der Küste nach Süden. Es war wirklich schade, dass es so ungemütlich war, denn zum ersten Mal seit wir die spanische Nordküste verlassen hatten, fanden wir hier wieder richtig schöne Strände, an denen man in Ruhe ein Picknick hätte machen können. Wenig später gelangten wir über eine kleine Anhöhe in eine weitere Bucht, in der sich der wohl schönste Strand der Insel befand. Zu seiner Schande hatte man leider irgendeine Industrieanlage direkt in seine Nähe gebaut, sie das Bild durch ihre müllig verfallene Optik etwas verschandelte. Im Näherkommen bemerkten wir, dass es keine Industrieanlage sondern eine Fischzucht war. Aus einem Grund, den wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausmachen konnten befand sie sich jedoch nicht im Wasser, sondern an Land, wobei die Fische in großen Containern herumschwammen. Die Betreiber der Anlage hatten es tatsächlich geschafft, den schönen Strand nicht nur zu verschandeln, sondern ihn auch komplett zu sperren. Man konnte nicht einmal mehr in seine Nähe gelangen. Gott sei Dank war das Wetter so mies, sonst hätten wir uns nun ernsthaft geärgert. Doch selbst das war noch nicht die Spitze des Eisberges. Als wir am Eingangsportal vorbei kamen fiel unser Blick auf das Schild mit der Firmenbezeichnung: „Landcatch“ stand darauf, was soviel bedeutet wie „An Land gefangen“. Darunter war in kleineren Buchstaben zu lesen, dass die Firma Teil eines größeren Unternehmens war und zwar eines Gen-Tech-Unternehmens. Das was wir hier sahen war keine Fischfarm, es war ein Versuchslabor für Genmanipulationen mit Fischen. Wenn wir alles erwartet hätten, aber das sicher nicht! Ursprünglich hatten wir befürchtet, heute wieder eine 36km Etappe machen zu müssen, weil es laut Karte zuvor keine Anlandemöglichkeit gab. Doch wir hatten Glück! Nach 17km kamen wir an einen Ferienpark mit dem Namen „port ban“, der einen christlichen Backround hatte und in den wir zum Übernachten eingeladen wurden. Wir bekamen Käsenachos zum Mittagessen und einen „Static Caravan“ zum Übernachten. Static Cravans sind diese kleinen mobilen Häuser, die zu breit sind um regulär auf der Straße zugelassen zu werden, die man aber im Notfall mit einem überbreiten LKW von einem Punkt zum nächsten transportieren kann. Unserer hatte eine Länge von 10,5m und eine Breite von 3,5m. Er beeinhaltete ein Badezimmer, eine Wohnküche mit Sofabereich und Essecke sowie ein Schlafzimmer mit Doppelbett und eines mit zwei Einzelbetten für die Kinder. Vor einigen Tagen waren wir schon einmal in die Verlegenheit gekommen, uns solche Wägen von außen anzusehen und wir waren begeistert über den Platz, den sie boten. Für unsere 2. große Weltreiseetappe in Amerika planten wir ja bereits, dass wir mit einem Begleitfahrzeug unterwegs sein wollten. Nun konnten wir schon einmal Probeweise in einem Wohnen, der unserer Vorstellung bereits sehr nahe kam. Natürlich war ein Wohnhaus auf Rädern in dieser Breite für uns nicht praktikabel, da wir ja ständig damit herumfahren werden. Aber das Problem ließ sich ganz leicht mit Hilfe von Ausschüben lösen. Von der Geräuschisolierung und der allgemeinen Verarbeitung waren wir noch nicht ganz überzeugt, aber das Grundkonzept passte schon einmal. Am Abend wurden wir vom Platzbetreiber noch einmal auf ein Essen eingeladen. Dieses Mal bekamen wir die Möglichkeit ein Schottisches Nationalgericht zu probieren. Es trägt den Namen Haggis und einige von euch kennen es vielleicht. Es ist kein schlechtes Essen und kommt im Grunde an gebratenes Mett mit Kartoffelbrei und Gemüse heran. Der Unterschied ist jedoch, dass das Mett kein gewöhnliches Hackfleisch ist, sondern aus Schafshoden zubereitet wird.
 
Spruch des Tages: So ein Schneckenhaus hat auch was für sich.
Höhenmeter: 240 m
Tagesetappe: 32 km
Gesamtstrecke: 24.674,27 km
Wetter: Sonne und Wolken, konstanter Wind
Etappenziel: Pfarrhaus, Templetouhy, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-29 22:11:57


Tag 1307: Pannenhilfe

Langsam freuen wir uns wieder auf die Überfahrt un

Fortsetzung von Tag 1306: Nachdem schließlich doch alles verbrannt war und wir dafür gesorgt hatten, dass nichts Feuer fangen konnte, das keines fangen sollte, machten wir uns wieder auf den Weg. Vor uns lagen nun noch knapp 20km bis in die nächste Kleinstadt, in der wir das erste Mal nach einem Platz fragen konnten. Der Weg führte an einigen keltischen Monumenten vorbei, von denen man jedoch fast nichts mehr sehen konnte. Dann brachte er uns an einen Kanal, an dem wir auf einer Fahrradstraße weiter gehen konnten. Theoretisch wäre dies wohl der schönste Teil der Strecke gewesen, doch man hatte es verstanden auch diesen wieder so zu bauen, dass man ihn nicht wirklich genießen konnte. Oder besser: Auch hier sollten wir anscheinend wieder lernen, das Leben auch unter unangenehmen Bedingungen zu genießen. Der Weg bestand aus einer Asphaltstraße, auf die man eine dicke Schicht Schotter gekippt hatte, so das jeder Schritt ein lautes Knistern verursachte, das sogar noch den Straßenlärm von der anderen Kanalseite übertönte. Nach wenigen hundert Metern wurden wir von einer jungen Radfahrerin angesprochen. Es wirkte, als wollte sie ein Gespräch beginnen, ohne jedoch zu wissen, was sie sagen oder fragen wollte. Schließlich fuhr sie weiter ohne dass das Gespräch irgendeinen Sinn ergeben hätte. Wenige Minuten später trafen wir sie jedoch erneut. Dieses Mal mit umgedrehtem Rad, über das sie mit verzweifelter Miene gebeugt stand, während sie wild an ihren Pedalen herum schraubte. „Das Gewinde ist kaputt und die eine Pedale ist fast herausgefallen.“ Erklärte sie. Heiko warf einen Blick darauf, erkannte das Problem und schaffte es innerhalb weniger Minuten die Pedale wieder in die richtige Position zu bringen. „Passt bloß auf, dass ihr nichts kaputt macht!“ sagte die Frau dabei ständig und hätte Heiko am liebsten alles aus der Hand gerissen. „Keine Sorge!“ meinte dieser nur, „mehr kaputt machen als du es eh schon hast kann man hier nicht mehr. Entweder es klappt, oder du bleibst beim aktuellen Stand und musst in die nächste Stadt laufen.“ Sie hatte Glück, denn das Rad war am Ende wieder fahrtüchtig. Doch obwohl sie wusste, dass wir ihr gerade den Hintern gerettet hatten, konnte sie keine Dankbarkeit spüren. Sie hätte es gewollt, aber sie konnte es nicht. Sie war zu steif und zu verkrampft um überhaupt einen Bezug zu uns herzustellen und dadurch wirkte sie unfreundlich, ablehnend und unsympathisch. Im Nachhinein betrachtet war sie wahrscheinlich der perfekte Spiegel um zu sehen, wie mich meine Krafttiere wahrnehmen mussten. Aber das erkannte ich in diesem Moment noch nicht. Ein weiterer Mammut-Weg Eine der größten Herausforderungen die Schottland an uns stellt ist der permanente Sprung zwischen den Extremen. Teilweise muss man hier dreißig Kilometer oder mehr wandern um überhaupt mal wieder an einen Ort mit drei Häusern zu kommen. Dann biegt man um eine Ecke und ist mitten in einer lauten, stressigen Touristenregion, in der so viel los ist, dass man hier auch schon wieder nicht bleiben kann. Die Stadt, in der wir anlanden wollten hatte vier oder mehr Kirchen und trotzdem war es unmöglich hier einen Platz zu finden. Gar nicht mal so sehr, weil uns niemand aufgenommen hätte, sondern weil alles so grässlich war, dass man sich keine Minute länger als unbedingt nötig hier aufhalten wollte. Wir begnügten uns daher mit einer Currywurst (oder etwas, das dem relativ nahe kam) und machten uns wieder aus dem Staub. Auch die nächste Ortschaft war nicht besser und so zogen wir uns doch wieder ins Hinterland zurück. Alles in allem wurde es dadurch wieder einmal eine Etappe von mehr als 40km, ohne dass wir wussten, ob wir am Ende überhaupt in einem Ort landen würden. Gegen 20:00 Uhr kamen wir dann aber dennoch in einer Kirche an, in der wir bleiben konnten. Dabei machten wir zum ersten Mal die ernstzunehmende Bekanntschaft mit den berühmt berüchtigten „Mitches“ vor denen man uns bereits oft gewarnt hatte. Es sind winzige blutsaugende Fliegewesen, die in Schwärmen von Millionen von Tieren auftreten und einen binnen Sekunden vollkommen einkreisen. Ihre Bisse jucken nicht so stark wie die von Mücken, aber aufgrund ihrer Masse treiben sie einen dennoch in den Wahnsinn. Dummerweise brachte ich nach meiner Essensrunde einen ganzen Schwarm mit in die Kirche, den wir erst einmal töten mussten, ehe wir irgendetwas anderes tun konnten. Kaum hatten wir das geschafft, öffnete sich die Tür und zwei Einwohner mit großen Blumenkisten kamen herein. Ihr Besuch hatte keinen Zweck außer dem, dass sie neugierig waren, warum in der Kirche Licht brannte. Damit konnten wir nun natürlich noch einmal von vorne anfangen. Für uns stand nun fest, dass unsere Uribags wieder einmal unsere besten Freunde werden würden, denn nach draußen zu gehen wäre von nun an der reinste Selbstmord geworden.
 
Spruch des Tages: Langsam freuen wir uns wieder auf die Überfahrt und auf ein neues Land.
Höhenmeter: 130 m
Tagesetappe: 28 km
Gesamtstrecke: 24.623,27 km
Wetter: Soniger Sommertag mit viel Wind
Etappenziel: Frühstückspension, Kinnity, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 19:14:37


Tag 1306: Kontakt mit den Krafttieren aufnehmen

Nichts macht einen Schuh weicher und angenehmer al

20.07.2017 Nachdem es gestern Abend gewirkt hatte, als wollte die Welt untergehen, begrüßte uns der Morgen nun doch wieder mit Sonnenschein. Der Sommer ging also in die Verlängerung. Meine Verbindungen nach außen Nach rund fünf Kilometern von denen uns die letzten über steile Trampelpfade auf einen Berg hinauf führten, kamen wir an einen einsamen Platz mit einem großen, umgestürzten Baumstumpf, der eine besondere Kraft ausstrahlte. Er war ein geeigneter Platz für ein kleines Nachbereitungsritual um die Kraft meines Tattoos zu festigen und um die Verbindung zu meinen Krafttieren noch einmal stärker auszubauen. Hier an dieser Stelle wollten wir nun feierlich die Vorlage des Tattoos, nach der Shania gestochen hatte, dem Wandlungsfeuer übergeben. Seit das Tattoo gestochen wurde, trug ich sie in einer Rolle bei mir. Nun fächerten wir sie ein wenig auf und steckten ein Ende in den toten Baumstumpf. Ich versuchte mich zu zentrieren und lud meine Krafttiere noch einmal ein, den Weg nun gemeinsam mit mir zu gehen, wobei ich jedoch das Gefühl hatte, nicht die richtigen Worte zu finden und nicht genau zu wissen, worauf ich eigentlich hinaus wollte. Am Ende vergaß ich daher den wichtigsten Punkt, den Heiko freundlicherweise ergänzte: „Ich verspreche, dass ich von nun an auf euch hören und eure Hinweise und eure Leitung annehmen werde und bitte euch darum, mir jedes Mal ordentlich eine einzuschenken, wenn ich es nicht tue, damit ich es merke und meinen Weg finde auch wenn ich blind und träge bin! Das ist mein Versprechen an euch!“ Dann zündeten wir die Papierrolle an, was bei dem Wind gar nicht so leicht war, wie gedacht. Was nun folgte war im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich schon der erste Schlag in die Fresse, den ich aufgrund meiner Nichtverbindung nach außen bekam. Die Wesen der Natur zeigten mir in aller Deutlichkeit, dass ich ein Fremder für sie war und dass sie mehr als nur ein bisschen beleidigt waren, weil ich sie so lange ignoriert und verschmäht hatte. Das was wir hier verbrannten war trockenes, locker zusammengewickeltes Papier in einer Form, die einen Kamin erzeugte und die sich dabei noch permanent im Wind befand. Es hätte also innerhalb von Sekunden lichterloh brennen und vollständig zu Asche zerfallen müssen. Doch das tat es nicht. Die Flammen leckten nur vorsichtig und gingen immer wieder aus. Doch das passierte nicht einfach so. Das Feuer wurde um so kleiner, je mehr ich mich ihm näherte und zuwandte. Kam Heiko in seine Nähe, loderte es mit hellen Flammen auf und selbst wenn es klein wurde, reichte ein kurzes Pusten um alles wieder anzufachen. Kam ich jedoch in die Nähe oder versuchte gar, die Flammen aufzupeppen, wurde das Feuer binnen Sekunden kleiner und erlosch. Dabei machte ich objektiv betrachtet nichts anders. Es war kein äußerliches Fehlverhalten im Umgang mit dem Feuer, sondern meine bloße Ausstrahlung, die es zum Erlöschen brachte. Allein der Fakt, dass ich da war, zerstörte also jede spirituelle Energie der Transformation. Trat ich einen oder zwei Meter zurück, flammte das Feuer wieder auf. Berührte ich das Papier ging es aus. Unweigerlich kam Verzweiflung in mir auf. Ich kannte dieses Gefühl bereits aus den Illusionsfilmen über meine Schulzeit. Es war das Gefühl ausgeschlossen zu werden, nicht willkommen zu sein, nicht dazuzugehören und nicht gemocht zu werden. Ich fühlte mich gemobbt. Heiko war recht amüsiert deswegen und ich musste zugeben, dass es nach außen hin wirklich lustig aussehen musste, wie ich als wandelnder Feuerlöscher unterwegs war und dabei immer verkrampfter versuchte, die Flammen aufzupeppen. Ich spürte bereits jetzt dass ich es vollkommen falsch anging, da ich der Meinung war, nur dann eine Verbindung zum Feuer haben zu können, wenn ich mich aktiv mit ihm beschäftigte. Ich hatte das Gefühl, dass ICH derjenige sein musste, der es am Laufen hielt, anstatt einfach zuzulassen, dass es da war und mich darüber zu freuen. Es war mein Ego, das hier mit dem Feuer spielen wollte, nicht mein Heiler-Ich. Dennoch machte ich weiter und spürte, wie ich dabei immer trauriger wurde und mich einsam und verstoßen fühlte. Was machte ich denn falsch, dass mich nicht einmal die Naturwesen mochten? Ich kannte die Antwort ja und ich wusste bereits, dass ich bislang nahezu keine Verbindung zu ihnen hatte. Und doch war es hart, es nun einmal wirklich zu spüren. Fortsetung folgt...
 
Spruch des Tages: Nichts macht einen Schuh weicher und angenehmer als eine ordentlliche Portion Pisse!
Höhenmeter: 170 m
Tagesetappe: 26 km
Gesamtstrecke: 24.595,27 km
Wetter: Soniger Sommertag mit viel Wind
Etappenziel: Katholisches Pfarrhaus, Moate, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 19:13:14


Tag 1305: Wundermittel Urin

Nichts macht einen Schuh weicher und angenehmer al

Fortsetung von Tag 1304: Ihr Geld verdiente die Frau vor allem mit der Arbeit in einem historischen Museum in dem sie den Besuchern Basiswissen über die Natur und die Lebensfertigkeiten der Steinzeitmenschen zeigte. Darüber hinaus gerbte sie Felle auf alte, traditionelle Weise. „Am besten geht es mit Urin!“ erzählte sie. „Ideal wäre Schafsurin, aber der ist schwer zu bekommen, deswegen nehme ich meist den von Kühen. Du brauchst nur eine Kuh, die dir Vertraut und die dich an sich heran lässt. Dann ist es eigentlich ganz einfach. Stellt euch einmal so den Kuharsch vor“, forderte sie uns auf und malte dabei zwei große Kuh-Pobacken in die Luft. „Dann habt ihr hier den Schwanz, darunter das Arschloch, dann die Vagina und hier unten kommt dann der Euter. Alles ist ein bisschen wie mit einer Linie verbunden.“ „Ah den Damm meinst du?“ fragte Heiko „Ja genau!“ antwortete sie. Leicht unterhalb der Vagina, also zwischen Vagina und Euter musst du erst ein bisschen massieren und dann deinen Daumen in den Damm drücken. Richtig schön tief rein, darauf stehen sie total. Das stimuliert dann ihre Blase und kurz darauf müssen sie pissen. Gut ist es, wenn ihr abschätzen könnt, wann es soweit ist, denn Kühe pinkeln mit einem Strahl nach hinten weg. Wenn ihr also nicht schnell genug zur Seite huscht, dann bekommt ihr gleich erst einmal eine Haarwäsche. Aber wenn ihr es schafft auszuweichen, dann könnt ihr einen Eimer darunter halten und habt eine ordentliche Portion Kuhpisse, in der ihr die Fälle nach dem Gerben waschen könnt. Manchmal nehme ich dafür auch meinen eigenen Urin, aber der von den Kühen ist schon besser.“ Wo wir gerade schon beim Thema waren erzählte uns sie noch zwei weitere Geschichten über Urin. Die erste begann mit ihrem Vater, der früher hier als Bauer gelebt und das Land bestellt hatte. Er hatte stets hohe lederne Militärstiefel getragen und wann immer sich die Gelegenheit bot hatte er hinein gepinkelt. „Menschen haben immer so eine Abneigung gegen Urin“, meinte sie verständnislos, „dabei ist es so ein wertvoller Rohstoff mit so unglaublich genialen Eigenschaften. Niemals hatte mein Vater Blasen an den Füßen, weil sich das Leder perfekt an seine Haut schmiegte. Und niemals hatte er stinkende Schweißfüße. Ich weiß nicht was der Urin an den Füßen macht, aber er ist das reinste Pflegebalsam. Und ich finde es echt erstaunlich, dass ein Stoff, den wir für stinkend und schmutzig halten, so zuverlässig dafür sorgt, dass man eben nicht stinkt!“ Sie selbst nutzte die Technik ihres Vaters heute ebenfalls wann immer es sich anbot. Dummerweise hatte sich im Laufe der Zeit die Schuhmode sehr stark verändert und man bekam selten Schuhe, die noch rein aus echtem Leder waren, so dass es einen Sinn machte. „Ich hab es auch mal mit meinen Gummistiefeln probiert“, meinte sie trocken, „aber das hatte nicht den gewünschten Erfolg. Man braucht schon Leder, wenn es klappen soll!“ Schließlich erzählte sie uns noch von ihrem letzten Urlaub, den sie auf einer der schottischen Inseln verbracht hatte. An der Westküste der Insel gab es Steilklippen die von unzähligen Höhlen durchzogen waren. Hier war sie zwei Wochen entlang gewandert mit nichts als einem kleinen Rucksack, in dem sie die gefundenen Schätze verstaute. Platz für eine Ausrüstung gab es dabei kaum noch, doch es machte ihr nichts aus, spartanisch zu leben. Sie schlief in den Höhlen und ernährte sich von Wildpflanzen, Fischen, Muscheln und anderen Meerestieren, die sie finden konnte. Teilweise auch von toten Vögeln, wenn diese noch frisch waren. Das einzige Problem war es Wasser aufzutreiben. Denn auch wenn man es kaum glauben konnte, dass es so etwas hier überhaupt gab, hatte sie eine sehr trockene Zeit erwischt in der es nicht regnete. Also musste sie ihr Trinkwasser auf andere Weise gewinnen. Sie versuchte es mit der Technik, die Pflanzen zum Schwitzen zu bringen, indem sie ihnen Tüten überstülpte, in denen sich das Kondenswasser sammeln konnte. Nachts hing sie zudem die Klippen mit Plastikfolie ab, an denen sich Nebel und Tau verfangen konnten. Auf diese Weise gewann sie gerade so viel Wasser, dass sie nicht verdurstete, wenn sie zusätzlich noch ihren eigenen Urin trank. „Der Geschmack ist grauenhaft!“ meinte sie mit leicht ekel-verzerrtem Gesicht, „aber ihr könnt mir glauben, das Zeug ist gesund! Als ich nach der Reise wieder nach hause kam, ging es mir vier mal so gut wie zuvor. Außerdem hatte ich um ein vielfaches mehr Energie. Und seltsamer Weise fand ich es nach der Zeit sogar ekelhaft, das Wasser aus dem Supermarkt zu trinken, so vollgestopft mit Chemikalien wie es ist. Man macht es natürlich trotzdem und - ZACK! - nach ein paar Tagen ist die Zusatzenergie und die extra Portion Gesundheit wieder dahin. Es ist ein Verbrechen, was sie uns alles ins Wasser gießen und jetzt machen sie auch noch das Wasser hier draußen kaputt mit dem ganzen Gift, das sie in der Atmosphäre verteilen.“ Damit spielte sie auf die Chemtrails an, die hier in Großbritannien besonders präsent waren. Niemandem waren sie bislang wirklich aufgefallen und das machte die Frau besonders fertig. „Ich finde es unglaublich, was die Menschen alles nicht wahrnehmen. Ich kenne Leute aus dem Dorf, die hier seit 18 Jahren leben und die nicht wissen, dass es hier einen Wasserfall hinter den Bäumen gibt. Man hört das Wasser, wenn man auf der Straße steht. Ihr könnt es jetzt hören. Und trotzdem haben sie den Wasserfall noch nie bemerkt. Da ist es doch kein Wunder, wenn wir ständig verarscht werden und man uns lauter Müll unterjubelt. Wir merken es einfach nicht, warum also sollte man es dann nicht tun?“ Wie dramatisch die Situation mit den giftigen Nanopartikeln der Wettermanipulation hier wirklich war wurde uns nun erst allmählich bewusst. Kurz bevor wir die Frau getroffen haben, hatten wir an einem Haus geklingelt und dort unsere Wasserflaschen auffüllen lassen. Als wir dann etwas trinken wollten stellten wir fest, dass das Wasser eine kräftig orangene Farbe hatte. Erst vermutete ich Eisenoxid, doch dafür war es zu hell und zu gelb. Außerdem fehlte der typische Geruch, den rostiges Wasser aussendet. Von der Frau erfuhren wir nun, dass dies seit der Einführung der Chemtrails in dieser Region normal war. Es kam nicht immer vor, aber immer wieder, je nachdem, ob gerade Nanopartikel versprüht worden waren oder nicht. Meistens wurde das Wasser dann orange, was meiner Einschätzung nach auf Iod hindeutet. Es gab aber auch schon Phasen, in denen es eine grüne Färbung hatte. Da sie einiges zu diesem Thema beobachtet hatte fragten wir sie auch nach den großen „Umspannwerken“ von denen wir vermuteten, dass es sich um HAARP-Felder handelte. Sie kannte diese Felder zwar nicht, wusste aber, dass es in Großbritannien durchaus Versusche mit HAARP gab und dass inzwischen sogar schon mobilde Felder entwickelt wurden, mit denen man genau an den Standtort fahren konnte, an dem man Arbeiten wollte. Als Basis dafür dienten, soweit sie es sagen konnte, wohl vor allem Schiffe in der Art eines Flugzeugträgers. Schließlich kamen wir wieder zurück auf den eigentlichen Grund, warum wir das Gespräch begonnen hatten und fragten sie nach den zuständigen Personen für Kirche und Gemeindesaal. „Oha,“ meinte sie nur, „Da kann ich wenig sagen! Ich gehe nicht in dieses Dorf und kenne da auch niemanden. Ich mag keine Menschen, oder besser keine Menschengruppen. Die sind nur nervig und machen alles kaputt, weil sie jeden Blödsinn glauben, den man ihnen sagt. Da bleibe ich lieber für mich alleine. Außerdem lebt von den Alten niemand mehr im Ort. Das ist alles neues Volk, das hier angereist ist und aus den Städten kommt. Die sind ja gleich noch schlimmer.“ Dennoch viel ihr eine Familie ein, die uns wahrscheinlich weiter helfen konnte. Wie sich kurz darauf zeigte hatte sie damit Recht und wir bekamen die Gemeindehalle. Auf dem Weg in den Ort wurden wir jedoch Zeuge einer äußerst traurigen Entwicklung. Nur wenige hundert Meter hinter dem Haus der Wildnisfrau waren Bauarbeiter dabei, eine breite Rüttegasse in den Wald zu schlagen, auf der sich die großen Harvester bewegen konnten. Ein Teil des vorderen Bereichs des Waldes war sogar bereits gerodet worden. Wenn man gesehen hatte war man hier mit Wäldern tat, die man „ernten“ wollte war klar, dass schon bald nichts mehr übrig sein würde von der Natur die die Frau so liebte. Sogar die ersten Häuser im Dorf standen bereits wieder zum Verkauf, da niemand auf einem kahl gerodeten Schlachtfeld leben wollte. „Aber wer weiß, wofür es gut ist“, meinte Heiko schließlich, „vielleicht ist das genau der Impuls, den sie braucht um auch den letzten Schritt zu gehen und wirklich vollkommen autark in der Natur zu leben. Dass sie das will steht außer Frage, finde ich. Auch das sie es ohne weiteres könnte. Sie traut sich nur noch nicht, ähnlich wie wir auch noch Bammel vor diesem Schritt haben.“
 
Spruch des Tages: Nichts macht einen Schuh weicher und angenehmer als eine ordentlliche Portion Pisse!
Höhenmeter: 120 m
Tagesetappe: 32 km
Gesamtstrecke: 24.569,27 km
Wetter: Soniger Simmertag
Etappenziel: Katholisches Pfarrhaus, Moate, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 19:11:06


Tag 1304: Leben Off the Grid

Wenn nichts mehr geht, kann man immer nocn aussrei

19.07.2017 Auch heute ging es weiter am See entlang und der Sommer blieb uns weiterhin treu. Dennoch konnte man schon wieder erkennen, dass sich Regenwolken zusammenbrauten, die nicht mehr lange an sich halten konnten. Es war also kein Witz gewesen. Der Sommer dauerte genau zwei Tage. Am späten Nachmittag begann es sogar schon wieder zu regnen. Einen knappen Kilometer vor unserem Etappenziel trafen wir auf eine ältere, weißhaarige Frau, die gerade dabei war ein kleines Häuschen an einer Straßenecke aufzustellen. Früher war es einmal ein Stall für Hühner oder Kaninchen gewesen und nun sollte es als Auslagefläche für die Eier dienen, die sie hier verkaufte. Wir hielten an, um sie nach der Kirche und dem Gemeindesaal zu fragen und kamen dabei ins Gespräch. Wie sich herausstellte war sie eine äußerst ungewöhnliche Frau, ein echtes Original, die sich für ihren ganz eigenen Weg entschieden hatte. Sie hatte eine eher birnenförmige Figur, trug ein weinrotes Oberteil unter einer schwarzen, ledernen Weste und einen schwarzen, leicht mittelalterlich wirkenden Rock. Das auffälligste an ihr war jedoch ihr dunkler, lederner Hut, den sie mit einer Schärpe aus Fuchsfell verziert hatte. Es reichte ein einziger Blick um zu erkennen, dass sie ein Naturmensch war, der nicht umsonst an diesem abgeschiedenen Ort lebte. Wie alt sie war erfuhren wir nicht und ich hätte auch keine Ahnung, wie ich es einschätzen sollte. Klar ist nur, dass sie deutlich älter war, als man es auf den ersten Blick vermuten würde. Als Kind hatte sie einen Unfall oder eine Krankheit gehabt, so genau konnte ich es leider nicht verstehen. In Folge davon waren ihr sämtliche Haare ausgefallen, die für lange Zeit auch nicht hatten zurückkehren wollen. Als sie jedoch schließlich wieder wuchsen, waren sie silbergrau, so wie bei einer alten Frau. Bereits damals beschloss sie, dass sie sie nie wieder waschen und auch nur wenig bürsten würde. Und das zieht sie bis heute durch. „Waschen tue ich mich überhaupt nicht!“ meinte sie ohne Umschweife, „Ich finde das wird maßlos überbewertet! Dieser ganze Reinheitswahn mit der Bakterienangst überall! Ich finde das äußerst gefährlich. Das ist es doch, was uns eigentlich erst krank macht. Wir vergiften alles mit Chemikalien, von de Seife bis hin zu diesen ganzen Hautlotionen und Parfums und allem. Und dann wundern wir uns, wenn wir Hautkrebs bekommen. Nein danke!“ Was man der Frau in diesem Bezug lassen muss war, dass sie tatsächlich nicht ungepflegt wirkte. Klar, war sie niemand, der besonders darauf achtete, sich schön zu machen oder gut auszusehen. Aber ihre Kleidung wirkte nicht schmutzig, es gab keine Flecken und vor allem ging kein unangenehmer Geruch von ihr aus. Da waren wir zwei Helden mit unseren wenigen Duschmöglichkeiten und dem permanenten Schwitzen schon andere Kandidaten. Tatsächlich wirkte es sehr danach, dass ihr diese Art des Lebens sehr gut tat und ihr auch viel Heilung brachte. Sie war eine von sehr wenigen Personen, die wir auf den britischen Inseln getroffen haben, die wirklich mit ihrem Leben zufrieden wirkte. Dabei war sie wirklich alles andere als gesund. Sie hatte Borreliose, eine Augenkrankheit, kaputte Nieren und keinen einzigen, echten Zahn mehr im Mund. Die meisten Zähne, die im Laufe Ihres Lebens zu faulen begonnen hatten, hatte sie sich kurzerhand selbst gezogen. Ärzte mochte sie nicht und sie hatte es tatsächlich durchgezogen, nicht ein einziges Mal einen besucht zu haben. Was genau die Ursache ihrer Krankheiten war fanden wir in dem kurzen Gespräch nicht heraus, doch es hatte mit einer Zeit zu tun, in der sie weit weniger Naturverbunden gelebt hatte. Früher war sie einmal Busfahrerin gewesen und hatte unter anderem sieben Jahre lang in England gelebt. Was in dieser Zeit vorgefallen war erzählte sie nicht, aber sie ließ durchblicken, dass sie diese sieben Jahre für die schlimmsten ihres Lebens und die Entscheidung nach England zu ziehen für den größten Fehler aller Zeiten hielt. Das beste, was ihr hatte passieren können, waren jene Krankheiten gewesen, die es ihr unmöglich machten, weiter als Busfahrerin zu arbeiten. Sie verstand ohnehin nicht, wie sie das je hatte tun können. Hier in ihrem Haus im Wald lebte sie, wie sie selbst sagte „direkt vom Land“. Was sie anpflanzen konnte, pflanzte sie an und wann immer möglich ergänzte sie ihren Speiseplan mit Wildkräutern. Besonders begeistert war sie vom Spitzwegerich, der ihr als Heilmittel für nahezu alles diente. Dass eine Paste aus zerkautem Spitzwegerich wahre Wunder bei Insektenstichen oder Brennnesselreizungen wirkt und dass man auch kleinere Hautverletzungen damit behandeln kann, war uns bewusst gewesen. Nicht bewusst war uns jedoch, dass man auch Ekzeme, Eiterungen und Zahnschmerzen damit behandeln kann. Neben seiner desinfizierenden und heilungsfördernden Wirkung ist der Saft des Spitzwegerichs auch beruhigend und schmerzlindernd. Ein „Painkiller“ wie man hier so schön sagt. Auch sonst ließ sie nichts an Nahrung und Hilfsmitteln aus, das die Natur ihr bot. Zum Thema Jagd sagte sie nichts, aber gegen einen frischen Roadkill hatte sie nichts einzuwenden. Wenn ein Tier schon aufgrund dieser dummen Menschen mit ihren schnellen Autos hatte sterben müssen, dann konnte man ihm wenigstens noch die letzte Ehre erweisen und sein Fleisch sinnvoll verwerten. Sie erzählte uns außerdem von einer Methode, wie man Lebensmittel ohne chemische oder künstliche Materialien so verpacken und transportieren konnte, so dass es haltbar und geschützt blieb. Als Verpackungsmaterial dienten dabei die Blätter des wilden Rhabarber. Wir hatten schon ein paar mal von dieser Methode gehört, sie jedoch stets augeschlossen, da die Pflanze giftig ist. Doch gerade darin lag eigentlich ihr großer Vorteil. Die Giftstoffe gingen nicht ins Essen über, solange man die Blätter wirklich nur als Verpackung verwendete. Garen durfte man sein Essen darin nicht. Bei der normalen Aufbewahrung hingegen hielt der wilde Rhabarber Schimmel, Bakterien und Insekten ab,wodurch die Lebensmittel auf natürliche Weise konservieren. An Tieren hat sie vor allem Hühner, deren Eier sie verwendet, sowie Bienen, einen Hund und eine Meerschweinchen, die in ihrem Garten leben. Schon als Kind hatte man ihr den Namen Doolittle gegeben, in Anlehnung an den Tierarzt aus der Geschichte, der mit den Tieren sprechen konnte. „Ich spreche kein Huhnisch und auch sonst keine Tiersprachen, aber ich verstehe die Tiere dennoch, erklärte sie. „Ich weiß zum Beispiel immer genau, wie es meinen Tieren geht, wann sie sich freuen und zufrieden sind und wann sie Sorgen oder schlechte Laune haben. Vor ein paar Tagen beispielsweise waren die Bienen in heller Aufruhr, weil das Wetter kurzzeitig besser wurde und sie ihre liegen gebliebene Arbeit nachholen mussten. Einer meiner Hähne liegt normalerweise immer vor den Bienenkästen, aber wegen dem Trubel konnte er den Platz nicht nutzen. Er war den ganzen Tag lang angepisst deswegen.“ Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Wenn nichts mehr geht, kann man immer nocn aussreigen.
Höhenmeter: 690 m
Tagesetappe: 45 km
Gesamtstrecke: 24.562,27 km
Wetter: Überwigend bewölkt, 2x kurz Sonne, 3 heftige, 7 leichte Schauer
Etappenziel: Katholisches Pfarrhaus, Legan, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 19:08:59


Tag 1303: Sommer in Schottland

Wer durch den Schmerz geht, findet dahinter die Fr

18.07.2017 Es gibt ihn doch, den Schottischen Sommer! Wer hätte das gedacht! Er hat nun endlich begonnen und wenn alle Prognosen stimmen, dann wird er genau zwei Tage halten. Also heute und morgen. Das mag jetzt nicht lang klingen, aber es ist besser als überhaupt kein Sommer! Sofort hatten wir beim Wandern eine ganz andere Stimmung. Sonne! Wir haben wirklich schon vergessen wie sich das anfühlt, wenn sie einem auf die Haut scheint und wenn man nicht den ganzen Tag nur in der Nässe und im Wind herum läuft. Natürlich ist es wichtig, jedes Wetter so zu genießen wie es ist, aber ich muss zugeben, dass es mir bei Sonnenschein doch um einiges leichter fällt. Auffällig war auch, dass wir heute rund zwei Stunden früher ankamen als gestern, obwohl die Strecke auf den Kilometer genau gleich lang war. Das kann entweder daran liegen, dass es heute doch nicht ganz wo viele Hügel waren wie am Vortag oder es liegt wirklich an der Stimmung und Motivation, die wir beim Wandern hatten. Ich persönlich würde auf letzteres tippen. Vor allem auch deshalb, weil heute mein Fokus wieder weit mehr auf dem gegenwärtigen Augenblick und dem Wandern lag, als auf dem Ankommen, wie es gestern der Fall gewesen war. Als wir unser Ziel erreicht hatten, suchten wir den kleinen Dorfladen auf, wie es der Pfarrer uns empfohlen hatte. Dort sollten wir auf einen Mann namens Roger treffen, der uns wahrscheinlich mit der Kirche würde weiterhelfen können. Zu unserer Überraschung wusste Roger bereits über uns Bescheid, denn obwohl der Pfarrer nichts dazu gesagt und insgesamt eher etwas ablehnend gewirkt hatte, hatte er sich die Mühe gemacht, hier anzurufen und von uns zu berichten. Roger und seine Frau hatten daraufhin beschlossen, uns direkt bei sich zu hause aufzunehmen. Sie lebten in einem großen Mietshaus, in dem sie bis vor einiger Zeit ein Wohnprojekt für Jugendliche mit Behinderungen geführt hatten. Zwei von ihnen waren jedoch inzwischen verstorben und die anderen hatten nach und nach in Pflegeheime überwechseln müssen. Daher standen die Räume nun leer und wurden gerade renoviert. Hinter dem Wohnverhältnis der Familie stand ein recht eigensinniges Konzept. Die ursprünglichen Vermieter hatten das Haus vor kurzem verkauft und die neuen Besitzer hatten die Mieter gleich mit übernommen. Sie lebten jedoch in China, da der Mann einen Job hatte, bei dem er ständig irgendwo im Ausland sein musste. Nach Schottland kamen sie nur selten, so dass sie das Haus selbst kaum brauchten. Letzte Woche jedoch hatten sie es Besucht. Roger und seine Familie waren daraufhin für die Woche ausgezogen und hatten ihren Vermietern alles überlassen, sogar die Lebensmittel in den Schränken. Nachdem die Gäste/Eigentümer wieder abgereist und nach China zurückgekehrt waren, bezogen Roger und Co ihre Räume wieder und machten sich daran, den hinteren Teil des Hauses zu renovieren. Eines Tages zog dann die andere Familie vielleicht ganz hier ein oder vermietete den Teil an jemand anderen. Für die Mithilfe konnten unsere Gastgeber jedoch relativ günstig hier leben und hatten dadurch ein geräumiges Anwesen auf einem Platz, den sie sonst niemals bewohnen könnten. Verglichen mit nahezu allen Häusern in Schottland war dieser Standort auch wirklich Gold wert. Er war abgeschieden, ruhig und lag inmitten eines kleinen Wäldchens außerhalb des Ortes direkt über dem See. Als wir ankamen blieben wir noch einen Moment im Garten sitzen und spielten ein wenig mit den drei Hunden, die über die weiten Wiesen tollten um den Ball zurückzubringen. Leider waren Momente wie dieser in denen man die Aussicht und das Land so genießen konnte eine Rarität, denn gutes Wetter gab es nahezu nie. So schlecht wie dieses Jahr war es aber üblicher Weise auch nicht. Von Roger erfuhren wir, dass Schottland dieses Jahr den nassesten Juni seit 69 Jahren hatte. Ob es vor 70 Jahren einen Sommer gab, der noch verregneter war als dieser, oder ob es davor einfach noch keine Wetteraufzeichnungen in dieser Region gab, fanden wir leider nicht heraus. Dafür aber bestätigte uns auch Roger noch einmal den Umstand, dass Schottland zu 90% unter 200 Menschen aufgeteilt war. Es war hier offenbar keine Sache die man recherchieren musste, sondern ein Fakt, der nahezu jedem Schotten vollkommen bewusst war.
 
Spruch des Tages: Wer durch den Schmerz geht, findet dahinter die Freiheit.
Höhenmeter: 650 m
Tagesetappe: 28 km
Gesamtstrecke: 24.52 0,27 km
Wetter: 2 Stunden Sonne, 2 heftige Schauer, 4x leichter Regen
Etappenziel: Katholische Kirche, Kilnalek, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 19:07:28


Tag 1302: Welchen Sinn hat unser Leid?

Wer durch den Schmerz geht, findet dahinter die Fr

Die Erkenntnisse des Tages drehten sich um das Thema Leid. Insgesamt ist es ein sehr komplexes und umfassendes Thema, das ganze Bücher füllen könnte und ja auch bereits ganze Bücher füllt. Das Grundprinzip ist jedoch eigentlich relativ einfach und ich werde es hier nun einmal so wieder geben, wie ich es bislang verstanden habe: Alles ist eins und somit sind wir alle das Eine, also Gott. Dies ist die Grunderkenntnis, um die es in unserem Leben geht: Zu wissen, dass wir Gott sind. Nicht es zu denken oder zu glauben, sondern sich dessen zu 100% und mit absoluter Gewissheit bewusst zu sein. Das Ziel ist es also stets, vollkommen zu wissen, wer man ist. Alles, was wir als unser Leben wahrnehmen und jedes Ereignis, das wir darin erleben, ist daher nichts anderes als eine Übung oder ein Training um genau zu diesem Punkt zu gelangen. Folglich ist jede Krankheit, jedes Leid und jede Form der Negativität in unserem Leben ein Gottkonflikt. Das bedeutet: Wann immer wir irgendetwas als unangenehm, schmerz- oder leidvoll wahrnehmen, befinden wir uns hier in einem Bereich, in dem wir unser Gott-Sein noch nicht vollkommen erkannt haben. Hätten wir unser Gottsein erkannt, wäre uns auch bewusst, dass wir alles sind und dass dieses Alles Liebe ist. Nur weil wir nicht wissen, dass es nichts anderes als Liebe gibt, können wir so etwas wie Leid überhaupt empfinden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass jede Form von Leid, Schmerz und Negativität eine Illusion sein muss. Unsere Aufgabe im Leben ist es, genau dies zu erkennen und nach und nach alles Leid als Illusion zu enttarnen, bis wir einen Punkt erreicht haben, an dem wir die vollkommene Erleuchtung erreicht haben und nun keine neuen Lektionen mehr benötigen. Bis zu diesem Zeitpunkt jedoch brauchen wir einen genauen Trainingsplan, mit dessen Hilfe wir in die Erkenntnis gelangen können. Ohne einen solchen Trainingsplan könnten wir niemals zur vollen Erkenntnis gelangen. Warum? Zunächst einmal, weil wir gar nicht wüssten, das wir überhaupt irgendwo hin gelangen sollen. Damit wir überhaupt auf den Erkenntnisweg gehen können müssen wir zu Beginn unseres Lebens vergessen, dass wir Gott sind. Sonst würde es ja keinen Sinn machen, da wir dann genau dort starten, wo wir hin wollen. Eine Entwicklung wäre somit unmöglich und die Liebe könnte sich nicht ausdehnen. Wissen erlangen kann man nur dann, wenn man zunächst mit Nichtwissen startet. Wir beginnen unseren Lebensweg also in Ahnungslosigkeit und starten mit den Filmen und Illusionen des Verwirrers, der uns an irgendeinen Ausgangspunkt bringt, von dem aus wir mit unserem Erkenntnistraining starten können. Dies ist bereits der erste Teil des Drehbuchs bzw. Trainingsplans, das wir uns als Gott selbst geschrieben haben. Es ist sozusagen die Einleitung, die uns zunächst einmal erklärt wo wir uns überhaupt befinden und was unsere Ausgangslage ist. Nun beginnt unser Erkenntnistraining, von dem wir zunächst jedoch noch immer nicht wissen, dass es ein Training ist. Es ist in aller Regel kein bewusster Prozess bei dem wir sagen: „Oh ich möchte nun herausfinden, dass ich Gott bin, was ist meine erste Lektion?“ Viel mehr ist es, als stellte uns das Leben selbst eine Reihe von Aufgaben und Prüfungen, die uns in eine bestimmte Richtung führen, auf der wir, wenn wir sie annehmen, zur Erkenntnis kommen können. Der zweite Punkt ist, dass wir zunächst ja nicht wissen, worauf alles hinauslaufen wird, so dass wir auch nicht wissen, was es alles zu lernen gilt und welche Formen von Leid als Illusion enttarnt werden müssen. Um Leid überhaupt als Illusion erkennen zu können, müssen wir es erleben und fühlen. Wie wollen wir etwas über die wahre Natur einer Sache herausfinden, die wir nicht kennen? Um zu lernen, wie Kängurus ihre Jungen im Beutel aufziehen, muss man zunächst einmal wissen, dass es Kängurus gibt. Vor der Entdeckung Australiens war dieser Forschungszweig für einen Europäer eher schwierig. Genauso ist es auch mit den unterschiedlichen Spielarten von Leid, die jeweils auf unterschiedliche Aspekte unseres Gottseins hindeuten, die wir noch nicht erkannt haben. Wenn wir nicht wissen, dass es sie gibt und dass es hier überhaupt etwas zu suchen gibt, wie wollen wir sie dann finden? Der Trainingsplan bzw. das Drehbuch unseres Lebens dienen also dazu, uns genau so durch unseren Erkenntnisprozess zu führen, dass wir alle Aspekte unseres Gottseins kennenlernen und annehmen können. Dazu müssen wir natürlich auch alle Formen der Illusionen erkennen, die das Gottsein übelagern, so dass wir sie auflösen können. Unser Leben folgt also einem, von uns selbst als Gott geschriebenen Drehbuch, das uns von Unwissenheit und Verwirrung bis hin zum zweifelsfreien und vollständigen Wissen über unsere göttliche Natur führt. Wir haben nun also zwei Möglichkeiten, wie wir unser Leben verbringen, also dem Trainingsplan folgen können. Wir können ihm mit Angst begegnen, uns dagegen wehren und der Überzeugung sein, dass er etwas Negatives, schlimmes, schädliches und unfaires ist, oder wir können ihn annehmen, zulassen ihm vertrauen und ihm bewusst folgen. Gehen werden wir den Weg in beiden Fällen, da wir das Drehbuch als Gott so geschrieben haben, dass wir unweigerlich immer in die Erleuchtung finden müssen. Je nachdem, für welche Variante wir uns entscheiden, nehmen wir unser Leben dabei jedoch als leidvoller oder freudiger wahr. Denn es gibt einen großen und entscheidenden Unterschied zwischen „Leiderfahrung“ und „empfundenem Leiden“. Leiderfahrungen gehören als fester und wichtiger Bestandteil zu unserem Lebensdrehbuch. Ob wir sie jedoch als Leid empfinden hängt nur von unserer inneren Einstellung dazu ab. Dabei folgt unser Lebensdrehbuch, also der Trainingsplan einigen Regeln, von denen wir die folgenden bereits erkannt haben: 1. Das Leid schwankt in unserem Film, das bedeutet, es gibt also leidvollere und weniger leidvolle Szenen in unserem Leben. 2. Wie stark und intensiv das Leid ist, können wir beeinflussen, wenn auch nur sehr schwer. Dabei gilt: Gehe ich in die Angst, wird es schlimmer, gehe ich ins Vertrauen und ins Gottbewusstsein wird es besser. Je mehr wir uns also in die Angst, Ablehnung und Verkramfpung hinein steigern, desto mehr nehmen wir unsere Lektionen als Leid wahr. Je mehr es uns gelingt, uns zu entspannen und vertrauensvoll Ja zum Schmerz zu sagen, desto erträglicher wird. Haben wir das Leid auf diese Weise vollkommen als Illusion enttarnt, können wir diese Situation genießen und müssen überhaupt nicht mehr darunter leiden. Dadurch sind wir nun auch bereit für die nächste, härtere Lektion. 3. Je höher unser Erkenntnislevel wird, desto stärker wird auch das Leid. Es bleibt also der Erkenntnis angepasst, ähnlich wie Level im Computerspiel. Das Ziel ist es, jede Art von Leid als Illusion zu enttarnen. Würden wir gleich zu Beginn die härtesten Fälle bekommen, wären wir damit überfordert und würden uns darin verlieren, ohne irgendetwas zu erkennen. Haben wir das Prinzip hingegen einmal im Kleinen verstanden, können wir uns Schrittweise steigern und immer härteres Leid Angstfrei und Entspannt annehmen um zu erkennen, dass es nicht real ist. 4. Das Leid selbst ist niemals real, kann also auch nichts kaputt machen und man kann nicht daran sterben, außer man glaubt es und bringt sich dadurch selbst um. Wir sterben also nicht am Leid, sondern an der Angst davor und an der Überzeugung, dass es uns töten wird. 5. Wenn wir den Erkenntnisweg komplett gegangen sind, erreichen wir irgendwann einen Erleuchtungspunkt, also einen Punkt an dem die Illusion vom Leid nicht mehr benötigt wird und wir im Paradies leben. Ab diesem Zeitpunkt können wir das Steuer selbst in die Hand nehmen und sind nicht mehr an ein vorgeschriebenes Drehbuch gebunden. Wenn wir soweit sind brauchen wir das Drehbuch nicht mehr, weil wir dann im göttlichen Sinne handeln und erschaffen. Daher muss jede Realperson diesen Prozess durchlaufen, ähnlich wie eine Führerscheinprüfung um ein Drehbuch-Erschaffer werden zu können und das Steuer selbst in die Hand zu nehmen. Wenn jemand diesen Prozess nicht durchläuft, kann es sich dabei nicht um eine Realperson handeln, es muss eine Illusion sein. Dies heißt jedoch nicht, dass jemand, der offensichtlich nicht leidet und bei dem alles Sonnenschein ist, nicht real sein kann.Es kann auch sein, dass seine Aura bereits reine Liebe ist. Dies bedeutet, dass er tatsächlich mit allen Bewusstseinsebenen weiß, dass er reine Liebe ist und dass es außer dieser Liebe nichts gibt. In diesem Fall kann kein Leid mehr zu ihm kommen, da er die Lektionen, die im Leid stecken bereits gelernt hat. Sein Leben wird nun zu 90% ohne Situationen auskommen, die man als leidvoll betrachten würde, da er sie nicht mehr benötigt. 10% leidvolle Erfahrungen werden bleiben, damit er nicht aus der Übung kommt, doch diese nimmt er nun nicht mehr als Leidvoll war, da er weiß, dass auch sie Liebe sind und er sie somit in Freude annehmen kann. Er ist nun bereit, ein Erschaffer zu sein und darf nun als der Gott wirken, der er ist. Darin besteht der große Unterschied zu allen Menschen, die sich noch in der Ausbildung befinden. Hätten sie bereits die volle Erschaffungskraft, würden sie sie dazu einsetzen, bewusst jenen Leiderfahrungen auszuweichen, die die größten Lektionen für sie enthalten. Sie würden sich also selbst manipulieren und als Gott handeln, ohne zu verstehen was es heißt Gott zu sein. Daher braucht es den Trainingsplan, der verhindert, dass Teile der Erkenntnisse über die eigene göttliche Natur ausgelassen werden und man sich um das lernen herum mogelt, anstatt wirklich zur Erkenntnis zu gelangen. 6. Die Drehbücher und Trainingspläne, die wir als Gottpartikel in menschlicher Gestalt durchleben, bis wir unser Gottsein wieder erkannt haben, unterscheiden sich stets und enthalten für jeden andere Übungen, Prüfungen, Erfahrungen und Aufgaben. Nach welchem Muster dies geschieht ist eine offene Frage, die noch geklärt werden darf.
 
Spruch des Tages: Wer durch den Schmerz geht, findet dahinter die Freiheit.
Höhenmeter: 470 m
Tagesetappe: 25 km
Gesamtstrecke: 24.24 0,27 km
Wetter: Regen, Sturm und Sonne im Wechsel
Etappenziel: Akademie für Landwirtschaft und Landschaftspflege, Ballyhaise, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 19:04:50


Tag 1301: Schottlands wilde Schönheit

Je weniger eine Region bekannt ist, desto mehr beh

17.07.2017 Wenn Schottland immer so wäre wie heute, wäre es echt ein schönes Land! Anstrengend und zermürbend ja, weil es nur noch bergauf und bergab geht und es über ewig weite Strecken keine Ortschaften zum Anlanden mehr gibt. Aber bei weitem schöner und harmonischer als alles, was wir nördlich von Glasgow bislang erlebt haben. Es erinnerte uns sogar ein bisschen an Slowenien mit seinen weiten, menschenleeren Tälern und den ausgedehnten Wäldern. Autos sahen wir etwa alle halbe Stunde und meistens hielten uns die Fahrer eine Hand mit einem nach oben gerichteten Daumen entgegen, um ihre Anerkennung für unsere Wanderung kundzutun. Die Geste sagte: „Respekt Jungs, hier kommt normalerweise nie ein Wanderer her!“ Zum ersten Mal in diesen Gefilden sahen wir auch eine Herde jener urigen, zotteligen Rinderrasse für die Schottland so berühmt ist und die uns von jedem Postkartenstand entgegen blicken. Gott sind diese Wesen drollig! Mit ihren langen, zotteligen Haaren, die ihre Augen so weit verdecken, dass sie kaum etwas sehen können, kamen sie neugierig und zutraulich auf uns zu. Sie leckten an meinem Wagen an unseren Händen und an Heikos Knie und verursachten dabei jedes Mal ein eigentümliches Kratzgeräusch mit ihrer extrem langen und rauen Zunge. Nach 25km erreichten wir unseren Zielort, der gerade einmal vier Kilometer Luftlinie von unserem Startpunkt entfernt lag. Die Fähre hätte hier also wirklich einiges abkürzen können. Übernachten durften wir dieses Mal in der katholischen Kirche. Als wir dort eintrafen war es bereits wieder kurz vor 18:00 Uhr. Frühes, entspanntes Ankommen war in diesem Land einfach nicht möglich. Es schien fast, als wollte uns etwas ganz bewusst davon abhalten, uns näher mit dem Thema über Leid und dessen Sinn zu beschäftigen. Um ein Haar hätte dies vielleicht auch funktioniert, da wir so müde und erschöpft waren, dass wir uns kaum mehr für irgendetwas aufraffen konnten. Doch nach einer kurzen Brotpause, die wir vom Pfarrer gesponsert bekommen hatten, fanden wir die Kraft dennoch ein paar Fragen zu stellen und ein paar Austestungen zu machen. Es waren wieder einige spannende Erkenntnisse dabei, auch wenn ich sagen muss, dass hier durchaus noch einiges an offenen Fragen gibt. Genaueres dazu beschreibe ich euch im nächsten Artikel.
 
Spruch des Tages: Je weniger eine Region bekannt ist, desto mehr behält sie von ihrer Schönheit.
Höhenmeter: 153 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 24.215,27 km
Wetter: Extremer Sturm und Dauerregen
Etappenziel: leersthendes Pfarrhaus, Newbliss, Lisdarragh, Co. Monaghan, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 19:04:04


Tag 1300: Der wahre Geist von Schottland

Da weht es einem glatt die Suppe vom Löffel

16.07.2017 Pünktlich um halb neun wurde uns heute Morgen von unseren Nachbarn die frisch gewaschene und getrocknete Wäsche zurück gebracht. Für einige Stunden fühlten wir uns nun wie ausgewechselt. Nach rund zwei Wochen hatten wir wieder duschen, waschen und meine Haare schneiden können, was mehr als nur dringend nötig gewesen war. Lang hielt diese Frische leider nicht an, denn es dauerte nur wenige Stunden, bis wir erneut durchgeschwitzt waren und wieder zu stinken begannen. Immerhin schafften wir es, fast den ganzen Tag ohne Regen durchzukommen. Dafür war der Sturm etwas stärker. Als wir am Mittag von einem Restaurant auf eine Suppe eingeladen wurden, blies er sogar so stark, dass es die Suppe vom Löffel herunter wehte. Das war mir bis dahin noch nie passiert! Auch heute gab es übrigens wieder einige Anzeichen dafür, dass wir uns noch immer in einer Illusionswelt befanden. Um unser Ziel zu erreichen mussten wir wieder weite Strecken der Hauptstraße folgen, unter anderem auch über eine Brücke, die vom Wind nahezu weggeweht wurde. Für die Motorradfahrer war die Situation bereits lebensgefährlich, weil sie zunächst durch einen Windschatten hinter einer Mauer fuhren und dann abrupt, in den Sturm auf der Brücke kamen. Nicht wenige schlenkerten bis auf die andere Fahrbahnseite, bis sie ihre Maschine wieder unter Kontrolle hatten. Direkt hinter der Brücke an einem Berghang stand ein kleines Windrad, das unsere Aufmerksamkeit auf sich zog. Nicht nur, dass es bei diesem Sturm hätte rasen müssen und sich stattdessen nur langsam drehte. Es drehte sich auch in die falsche Richtung. Das Windruder an der Rückseite des Rades, das es eigentlich stets so ausrichten sollte, dass es optimal im Wind steht, zeigte genau in die entgegengesetzte Richtung. Es ragte in den Wind, anstatt sich von ihm mitreißen und in die Position mit dem geringsten Widerstand drehen zu lassen. Wie war das möglich? War das möglich? War das real? Passierte es wirklich? Kurz nach der Brücke kamen wir in das Dorf, das unser Schlafplatz hätte werden sollen, das jedoch über keinerlei Infrastruktur verfügte. Also ging es weiter und zum ersten Mal in Nordschottland gerieten wir dabei in eine Region, in der es tatsächlich keinen einzigen Touristen gab. Gott war es hier plötzlich schön, friedlich und entspannt! Vollkommen alleine wanderten wir eine Straße entlang, die durch ein enges, grünes Tal voller Schafe führte. Am Ende kamen wir in einen winzigen Ort mit zwei Häusern. Früher hatte es ganz in der Nähe eine Fähre gegeben, die diese Seite der Bucht mit der nächsten verband. Bereits gestern hatte man uns gesagt, dass sie nicht mehr fuhr, da der Betreiber in Rente gegangen war und man noch keinen Nachfolger gefunden hatte. Hier erfuhren wir nun, dass der Betreiber sei 21 Jahren in Rente war und man wohl auch nie einen Nachfolger finden würde. Im Dorf selbst gab es außer den beiden Familien überhaupt nichts. Vier Kilometer weiter die Küste entlang gab es jedoch eine alte Kirche, die immer offen stand und in der wir sicher unterkommen konnten. Der Weg dorthin war sowohl der stürmischste als auch beeindruckendste Weg des Tages. So hatten wir uns Schottland an sich überall vorgestellt. So war das Land, wenn es nicht durch Zivilisations- und Tourismuswahnsin überlagert wurde. Auch die Menschen waren hier ein ganz anderer Schlag und entsprachen weitaus mehr dem Bild, das wir von Schotten hatten, als alle anderen zuvor. In unseren Augen waren es auch die ersten drei Schotten überhaupt, die wir heute trafen. Es waren raue aber herzliche Seebären, die tatsächlich ein Piratenenglisch sprachen, so richtig mit „Ay!“ statt Ja. Als ich beim Verantwortlichen für die Kirche klopfte, öffnete mir ein man mit wenigen, zerzausten Haaren, einer kurzen Hose und einem fleckigen T-Shirt. Eher ich mich auch nur vorstellen konnte bat er mich herein und bot mir einen Tee an. Wenig später kam Heiko mit einem anderen Mann hinzu, der sich als der Bruder des Hausbesitzers entpuppte. Er hatte Heiko auf der Straße aufgegabelt und ihn wie selbstverständlich mitgenommen, ohne zu wissen wer er war und was er wollte. Touristen hatte es in diesen Teil von Schottland seit Ewigkeiten nicht mehr verschlagen. Es war faszinierend, was dies in den Menschen für einen Unterschied machte. Erst gestern hatten wir in einer Touristeninformation eine Karte mit dem Titel: „Entdecken sie den wahren Spirit von Schottland“ gefunden, Sie enthielt sechs oder sieben verschiedene Rundstrecken, die man als Tourist mit dem Auto abfahren sollte, um das Land kennenzulernen. Genau das war es auch, was die meisten hier taten, was den Verkehr natürlich ins Endlose antrieb, da nun jeder sinnlos spazieren fuhr, ohne dabei wirklich etwas vom Land mitzubekommen. Die Devise lautete „Rein ins Auto, im Handy spielen bis zum nächsten Aussichtspunkt, dann schnell ein Foto machten und weiter zum nächsten Punkt. So erhielt man am Ende eine Reihe von Fotos, mit denen man seinen Freunden zu hause beweisen konnte, dass man ein Land besucht hatte, ohne es je wirklich gesehen zu haben. Hier unten, abseits jeder Touristenroute hatten wir zum ersten Mal wirklich das Gefühl so etwas wie den wahren Geist von Schottland kennenzulernen. Die beiden Männer arbeiteten auf dem Meer als Steuermänner für ankommende Frachtschiffe, die ohne Hilfe von Einheimischen Ortskundigen niemals durch die engen Fjorde und Buchten manövrieren könnten. „Ich weiß nicht genau, ob ich überhaupt die Autorität habe, euch das Schlafen in der Kirche zu erlauben, aber ich sage einfach mal ja! Das dürfte niemanden stören!“ meinte er nur unbekümmert und stellte uns eine Tüte mit Lebensmitteln zusammen, die er aus den unterschiedlichsten Ecken seines Singlehaushalts zusammentrug. Wenig später erreichten wir unsere Kirche in der es sogar zwei kleine, beheizbare Räume und eine Toilette gab. Auf einem Parkplatz auf der anderen Straßenseite standen bereits zwei Wohnmoblie mit Urlaubern, die ebenfalls bei all den Touristen-Reglementierungen verzweifelt und hier auf die Nebenroute ausgewichen waren, wo man zum ersten Mal kostenlos stehen durfte. Dennoch sah das, was wir von unserem Fenster aus sehen konnte nicht besonders freudig, entspannend oder angenehm zu sein. Sie wirkten zu Tode gelangweilt und hin und wieder kam das Gefühl in mir auf, dass man sie dort draußen in dem Sturm ein bisschen wie Hunde in eine Hundehütte eingesperrt hatte, die nicht ins Haus durften. Es war schon auch ein besonderes Geschenk, dass wir trotz allem am Ende immer die angenehmsten Plätze hatten, obwohl wir ohne Geld unterwegs waren. Die beiden Paare da draußen quetschten sich in die winzigen Schüsseln und waren um 10:00 Uhr soweit, dass sie vor Langeweile und Kälte ins Bett gingen, während wir bei 23°C im T-Shirt vor der Heizung saßen, eine große Portion Gemüsepfanne mit Rindfleisch aßen und mit unserer Kino-Nacht begannen.
 
Spruch des Tages: Da weht es einem glatt die Suppe vom Löffel
Höhenmeter: 490 m
Tagesetappe: 29 km
Gesamtstrecke: 24.198,27 km
Wetter: Extremer Sturm und Dauerregen
Gästezimmer im katholischen Pfarrhaus, Scottstown, Irland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 19:00:23


Tag 1299: Typisch Küste

Bei so viel Verkehr ist auch die schönste Küste ke

15.07.2017 Wenn es eine Sache gibt, von der man hier in Schottland etwas versteht, dann ist es Vermarktung. Mit Erreichen der Küste trafen wir nun auch wieder auf größere Touristenorte und wir bekamen die Gelegenheit, eine Touristeninformation zu besuchen um ein paar Infos über unseren aktuellen Aufenthaltsort einzuholen. Wir waren fasziniert und zugleich auch ein bisschen Entsetzt, was für ein Bild von Schottland hier gezeichnet wird. So wurde der Canyon durch den wir gestern entlang der Hauptstraße wandern mussten, als Top-Sehenswürdigkeit angepriesen, ohne auch nur auf einem einzigen Bild, eine Spur der Hauptstraße erkennen zu lassen. Am stärksten beeindruckte uns jedoch, dass es regelrechte Road-Trip-Führer gab, die den Touristen dabei halfen, sich alle Schönheiten des Landes ganz bequem aus dem Auto heraus anzuschauen. Es war also nicht nur Pech, dass es hier so viel Verkehr gab, es war gewünscht. Die meisten Schottland-Touristen waren offenbar tatsächlich Autotourismus. Der größte Hohn war jedoch ein großes Plakat mit der Aufschrift: „Genießen Sie die Schottische Wildnis! Die gute Nachricht für alle Abenteurer: In Schottland dürfen Sie auf allen staatlichen Wiesen und in allen staatlichen Wäldern legal und kostenfrei Zelten!“ Das hört sich natürlich super an, doch wenn man das Land kannte, konnte man fast das dämonische Lachen hören, das sich dahinter verbarg. Schottland war zu über 90% im Privatbesitz und der Rest bestand fast ausschließlich aus Städten, Straßen, Seen, Sümpfen oder Flüssen. Für die ersten Kilometer sah es so aus, als würde unser Radweg nun nur noch an der Hauptstraße entlang führen. Dann aber führte er auf die alte Bahntrasse zurück und gewann dadurch etwas Abstand. Der Wind war eisig und peitschte uns den kalten Regen ins Gesicht. Ihr könnt euch also vorstellen, wie froh wir waren, dass wie schließlich einen Ort mit geheizter Kirche und freundlichem Kirchenverwalter fanden. Der Mann war ein echter Schotte, wie er im Buche steht, ein richtiger rauer Seebär mit Herz aus Gold und einem lockeren Humor. Dank ihm bekamen wir nicht nur einen Schlafplatz, sondern auch etwas zum Essen, eine heiße Dusche und in meinem Fall eine neue Mütze.
 
Spruch des Tages: Bei so viel Verkehr ist auch die schönste Küste kein Genuss.
Höhenmeter: 490 m
Tagesetappe: 24 km
Gesamtstrecke: 24.169,27 km
Wetter: ständiger Wechsel Zwischen Sonne und Dauerregen
Etappenziel: Gemeindehalle der irischen Kirche, Ballygawley, Nordirland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 18:56:59


Tag 1298: Glencoe

Bei so viel Verkehr ist auch der schönste Canyon k

Fortsetzung von Tag 1297: Womit wir jedoch nicht gerechnet hatten, war die immer wieder überraschende Ambivalenz dieses Landes. Denn nach der Gewalttour durchs Niemandsland kamen wir nicht etwa in eine ruhige und abgeschiedene Gegend, sondern mitten in ein Hardcore-Touristengebiet. Die Gaststätte am Ende unseres Weges, auf dessen Unterstützung wir gebaut hatten, lag direkt am Westhighland Way, der auch hier oben noch immer nichts an seiner Popularität eingebüßt hatte. Direkt hinter der Wirtschaft verlief die Hauptstraße, auf der die Autos vorbeischossen wie motorisierte Pfeile. Der Lärm war bereits hier nahezu unerträglich, da sich jedes noch so feine Geräusch von den Berghängen widerspiegelte. Und doch war der Platz übersät mit Zelten. Seit wir den Westhighlandway verlassen hatten, hatte er sich nun rund 120km fortgesetzt und doch konnte man noch immer keine Verbesserung erkennen. Noch immer war er überlaufen und noch immer führte er über jede Bergspitze, nur damit man am Ende doch wieder an der Hauptstraße landete. Nach dem, was wir hier sahen, konnten wir gleich noch weniger verstehen, warum er so populär war. Fest stand jedenfalls, das wir hier in der Wirtschaft nicht einmal nach einem Glas Wasser fragen brauchten. Einen Schlafplatz zu bekommen war vollkommen unmöglich und auch eine Frage nach Essen wäre reine Zeitverschwendung gewesen. Blieb also nur noch die Wanderung ins 15km entfernte Dorf. Doch auch die machte Bedenken, denn wenn dieses Dorf ebenfalls direkt am Wanderweg lag, standen unsere Chancen, dort einen entspannten, hilfsbereiten Menschen zu finden, der nicht bereits vollkommen genervt vom Wandertourismus war, auch nicht gerade gut. Da uns die Aktion im Sumpf deutlich mehr Zeit gekostet hatte als geplant, war es nun bereits 17:00 Uhr. Mit dem heftigen Anstieg in der Mitte lag die voraussichtliche Ankunftszeit also irgendwo zwischen 20:30 und 21:00 Uhr. Mit anderen Worten: Wir kamen spät an, hatten kaum Aussicht auf Erfolg und befanden uns in einer Gegend, die so Touristisch war, dass einem schon beim Zusehen schlecht wurde. Optimal, also! Das einzige was jetzt noch fehlte war Regen. Oh, nein, da war er ja schon! Laut Karte sollte uns der Wer einen guten Kilometer vor Erreichen der Hauptstraße auf auf der alten, stillgelegten Militärstraße durch das Tal führen, bis wir die Fahrradroute erreichten, die uns dann in schmalen Serpentinen über den Bergpass führen sollte. Soweit die Theorie. Denn in der Praxis sah das leider ganz anders aus. Die Militärstraße war nichts mehr als ein Trampelpfad mit einigen halb verrotteten Pflastersteinen, die ihn nur noch unebener und unzugänglicher machten. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihn zu pflegen und instand zu halten, doch das wollte man ganz offensichtlich nicht. Aus irgendeinem Grund schien es den Schotten ganz besonders am Herzen zu liegen, ihren Gästen und Touristen nicht das geringste zu bieten. Wo es in anderen Ländern Wanderwege, Aussichtspunkte, Picknickplätze und Freizeitangebote gab, gab es hier Hauptstraßen mit bewusst lautem Asphalt an denen kleine Parkplätze zum Anhalten und Fotografieren lagen. Das war alles, was wir an Touristenattraktionen erkennen konnten. Nachdem die Militärstraße für uns aus dem Rennen war, blieb uns nichts anderes übrig, als die nächsten drei Kilometer direkt an der Straße entlang zu wandern. Heiko setzte sich die Kopfhörer auf, um den Lärm etwas ausblenden zu können und dann ging es los. Das Tal selbst war ein Traum. Es war ein enger Canyon zwischen steilen und beeindruckend geformten Basaltfelsen, die teilweise die bekannten Basaltsäulen ausgebildet hatten. Von allen Ecken und Enden schoss das Wasser in größeren und kleineren Wasserfällen heran strömte dann im Fluss in Richtung Meer. Man konnte sich noch gut vorstellen, wie schön es hier einmal gewesen sein musste, als nur das kleine Militärsträßchen existiert hatte. Heute jedoch, war das Tal durch den Dauerverkehr vollständig zerstört worden. Der permanente Lärm trieb sofort einen Fluchtinstinkt in uns an, der nur noch sagte: „Raus hier! Raus hier! Bloß raus hier!“ Dabei wäre der Verkehr an sich gar nicht nötig gewesen, denn er bestand zu rund neunzig Prozent aus gelangweilten Touristen, die in Ermangelung an Alternativen hier auf und abfuhren um Fotos von den Felsen zu machen. Menschen aus aller Welt waren dabei. Deutsche, Holländer, Österreicher und Schweizer zum Beispiel. Warum Schweizer und Österreicher hier Urlaub machen war sogar Jenny vom Bahnhofscafé ein Rätsel gewesen. „Die Schweiz unterscheidet sich eigentlich kaum von unseren Highlands“, meinte sie dazu, „Nur dass es dort echte Berge gibt und nicht nur Hügel wie bei uns und dass das Wetter dort deutlich besser und angenehmer ist. Ich habe nie verstanden, was die Menschen antreibt, trotzdem hier ihren Sommerurlaub zu verbringen!“ Langsam stellten wir uns diese Frage ebenfalls. Doch nicht nur die Schweizer waren für uns unerwartet. In den Autos sahen wir auch Chinesen, die mit ihren typischen Gesichtsmasken zum Schutz vor gefährlichen Keimen und Bakterien reisten. Wir sahen Araber mit langen Bärten und Muslimische Frauen mit Burka, die aus ihren Autos heraus Handyfotos von den Felsen oder besser gesagt vom Nebel und von ihren beschlagenen Autoscheiben machten. Einige, wenige Touristen stiegen an den Parkplätzen aus, wanderten vierzig Meter weit zu einem Wasserfall, machten ein schnelles Selfie mit dem Handy und eilten in ihr Auto zurück, um der Nasskälte zu entfliehen. Niemand hier sah aus, als würde er auch nur eine Sekunde davon genießen. Es ging rein um die Beweisfotos, mit denen man später vor den Freunden prahlen konnte, was für tolle Orte man bereist hatte. Verstehen konnten wir dieses Konzept nicht. Wenn wir dabei noch einmal an unsere vergangenen Erfahrungen in Touristenregionen dachten, fiel auf, dass der Grundmechanismus immer sehr ähnlich war. Sobald eine Gegend touristisch war, wurde sie unangenehm, stressig und freudlos. Verschwand der Tourismus wurde es wieder schöner. Langsam drängte sich uns die Frage auf, ob man als Tourist dann überhaupt irgendetwas genießen konnte, oder ob es immer nur um die Idee des Urlaubs ging, die in der Umsetzung aber keine Freude, keine Entspannung und keinen Genuss brachte. Lohnte es sich da überhaupt in den Urlaub zu fahren, wenn man am Ende genervter und gestresster war, als durch die Arbeit. Wie oft hatte man schon den Satz gehört: „Eigentlich bräuchte ich jetzt gleich noch einmal Urlaub, um mich von dem letzten zu erholen!“ Das ist doch eigentlich absurd, oder? Nachdem wir die drei Kilometer Dauerbeschallung durch die vorbeirasenden Autos überstanden hatten, erwartete uns gleich die nächste Überraschung. Die Fahrradstraße, die über den Bergpass in unser Zieldorf führen sollte, war nichts weiter als ein Trampelpfad, der mit unseren Wagen ganz und gar unpassierbar war. Es blieb uns also keine Wahl, als den Plan zu verwerfen und weiter der angenehmen Hauptstraße zu folgen. Erst nach weiteren 10 Kilometern in denen wir uns ein gutes Dutzend mal anhupen und fast überfahren lassen mussten, konnten wir seitlich in eine Nebenstraße abbiegen. Auch hieran konnte man noch einmal erkennen, dass diese Art von Urlaub nicht ganz so ideal sein kann, wie man glauben mag, denn obwohl die Fahrer ja nirgendwo hin wollten, sonden der Fahrt selbst wegen unterwegs waren, rasten sie als wäre der Teufel hinter ihnen her. Wer hier als Radfahrer oder Fußgänger auf Umsicht, Rücksicht oder Vorsicht hoffte, musste wahrscheinlich bis zum nächsten Winter warten. Rund 100m vor unserer Ausfahrt tauchten bereits die ersten Schilder auf, die ankündigten dass auch unser neuer Zielort nur so vor Tourismus wimmelte. Drei Campingplätze, zwei Hostels, vier Bed & Breakfast und eine Jugendherberge sollten allein auf dem Weg in den Ort liegen. Und wieder mussten wir feststellen, dass die Grundhaltung der Einheimischen gegenüber Gästen vor allem eine geschäftige, aber ganz und gar keine freundliche war. Drei Menschen boten den Reisenden ein Stückchen Wiese für 12 bis 15 Pfund pro Nacht an und schon war im kompletten Umkreis das Zelten strikt verboten. Nicht nur dass man es einmal erwähnte, nein an jedem Zaun, an jedem Tor, und an jedem fünften Baum hingen große Schilder mit „Betreten, Feuer machen und Zelten verboten!“ Einem ankommenden Gast so eine Schilderflut hinzuwerfen gab sofort das Gefühl, hier wirklich gerne gesehen und willkommen geheißen zu sein. Vor einigen Wochen hatten wir einen jungen Engländer getroffen, der von John o`Groats nach Landsend, also vom nördlichsten zum südlichsten Punkt Britanniens wanderte. Er war körperlich wie mental ziemlich am Limit gewesen und man konnte ihm ansehen, dass er eine sehr harte Zeit hinter sich hatte. Er hatte uns erzählt, dass er stets alleine unterwegs war und dass die anderen nichts mit ihm zu tun haben wollten, weil er anders war als sie. Damals hatten wir nicht verstanden, was er damit meinte, doch nun leuchtete es uns langsam ein. Er und auch wir gehörten einfach nicht zu dem campenden Volk, das von Zeltplatz zu Zeltplatz reiste um sich neben der Hauptstraße zwischen all die anderen Zelte zu quetschen, sich zu betrinken und auf die Suche nach einem schnellen Urlaubsflirt zu machen. Auf der einen Seite war es ja klasse, dass die Menschen trotz allem überhaupt noch rausgingen und sich zumindest ein bisschen mit der Natur beschäftigten. Und vieles am Camperleben hatte ja auch etwas sehr positives. Das gemeinsame Grillen zum Beispiel oder das sitzen am Lagerfeuer am Abend. Und doch spürten wir hier keinen Bezug. Es war vor allem die Vorstellung, die einen Urlaub auf diese Weise romantisch erscheinen ließ. Umgeben von schöner Natur in der schottischen Wildnis, ausgedehnte Spaziergänge in trauter Zweisamkeit und abends gemütlich am Lagerfeuer sitzen und die Sterne beobachten. Was man hingegen bekam war ein Land in dem man zwischen Zäunen, Straßen und Verbotsschildern eingesperrt war, in dem es nahezu immer regnete und in dem man allein für das Feuerholz so viel Geld zahlen musste, dass es nicht für mehr als ein winziges Feuerchen reichte, dass keine Wärme, dafür aber jede Menge Rauch abgab. Und bei all dem war man umringt von Mücken, Bremsen und diesen kleinen Minifliegen, die ebenfalls einen fiesen Juckreiz auslösten. So richtig romantisch kam uns das noch nicht vor. Trotz der vielen Übernachtungsmöglichkeiten war Glencoe kein echter Touristenort. Er war ein Dorf, das außer einem alten Schuppen mit der Aufschrift „Museum“ nichts zu bieten hatte. Nicht einmal Essen gehen konnte man hier richtig. Für uns wurde er jedoch zur Rettung des Tages, denn auch wenn die Einheimischen nicht gerade freundlich waren und man uns am liebsten abgelehnt hätte, war das Gefühl moralischer Verpflichtung am Ende doch größer und wir bekamen einen alten Gemeindesaal zum Übernachten. Ohne verkäuferisches Geschick hätte es dieses Mal allerdings nicht funktioniert, da die Dame, die für die Kirche zuständig war, die Meinung hatte, dass kurz vor neun Uhr etwas zu spät sei, um noch nach Hilfe zu fragen. Entgegen ihrer festen Überzeugung und mit dem einzigen Hinweis, dass wir morgen um 9:30 Verschwunden sein mussten, schloss sie uns aber dennoch die Tür auf.
 
Spruch des Tages: Bei so viel Verkehr ist auch der schönste Canyon kein Genuss.
Höhenmeter: 390 m
Tagesetappe: 44 km
Gesamtstrecke: 24.145,27 km
Wetter: Bedeckt und regnerisch
Etappenziel: Pfarrhaus des Katholischen Pfarrers, Pomeroy, Nordirland

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Zuletzt aktualisiert am 2018-01-22 18:56:10


Tag 1297: Moorwanderung

Spruch des Tages

Was für ein Tag! Heute war definitiv wieder einer jener Tage, die in unsere Memoiren eingehen! Nicht unbedingt als besonders positiv, aber als besonders ereignisreich und als einer der anstrengendsten und härtesten unserer Reise. Hinter uns liegen rund 45km Wegstrecke, von denen uns 5km mitten durch einen Sumpf, 10km auf einer steil auf- und abführenden Schotterstraße und 13km entlang einer vielbefahrenen Hauptstraße. Unsere Ankunftszeit in unserem Zielort betrug 20:15 Uhr, unsere gesamte Ausrüstung ist nass und schlammig und unsere Beine fühlen sich an, als wäre ein LKW darüber gefahren. Obwohl ich nun schon mehrere Stunden geschlafen habe, bin ich noch immer so müde und fertig, dass ich beim Schreiben kaum die Augen offen halten kann. Man kann also sagen, der Tag war nicht ohne! Durch das Rannoch Moore Dabei begann er wie die meisten unserer Hadcore-Tage ganz entspannt mit einem Frühstück bei Jenny und Bill im Café der Rannoch Station. Jenny war auf dem Sprung um den Zug nach Glasgow zu nehmen, von wo aus sie nach London weiter musste. Bill hingegen war in die Vorbereitungen für ein Event am Abend vertieft, bei dem sich rund 60 Personen in der kleinen Teestube versammeln sollten, um traditioneller, schottischer Dudelsackmusik zu lauschen. Man sah sie nicht mehr oft und wenn dann meist als Touristen Attraktion, aber so hin und wieder gab es die alten Traditionen hier doch noch. Auch Schottenröcke wurden von den Männern noch immer zu besonderen Anlässen, wie Hochzeiten, Konfirmationen oder Beerdigungen getragen. Zum Abschied durften wir noch einige Stücke des berühmten Kuchens mitnehmen, die einige Stunden später zum Highlight des Tages werden sollten. Die Straße, die uns hier her geführt hatte, endete direkt am Bahnhof. Von nun an mussten wir zunächst auf einem Forstweg weiter, der uns durch ein langgezogenes Waldstück oberhalb eines Sees führte. Dieser Wegabschnitt war einer der schönsten in ganz Großbritannien. Die dichten Fichten boten Schutz vor dem Wind, der Boden war verziert von Tierspuren und hin und wieder tauchten kleine, versteckte Tümpel und Teiche im Unterholz auf. Es war kaum vorstellbar, dass dieses letzte Stück lebende Natur bereits in einem Jahr verschwunden sein sollte. Bill hatte uns erzählt, dass die Abholzung des letzten Waldes in der Gegend bereits fest geplant war. Dank ihm verstanden wir nun auch das System etwas besser, das hinter dem ganzen Wahnsinn steckte, dem wir in diesem Land auf so vielfältige Weise immer wieder begegneten. Haltet euch fest! Wenige Reiche besitzen alles Schottland befindet sich zu knapp 90% im Privatbesitz von nur etwa 200 Menschen! Praktisch das ganze Land mit Ausnahmen der Städte und der regulären Straßen ist also in privater Hand und wird unter einer kleinen Gruppe von Elitefamilien aufgeteilt, die alle zusammen nicht einmal ein durchschnittliches Dorf hier füllen würden! Der Grund dafür ist das alte, königliche Rechtssystem, nach dem der Besitz einer Familie immer vom Vater an den ältesten Sohn weiter gegeben wurde. Dabei achtete man hier in Schottland offenbar penibel darauf, keine Ländereien zu zerteilen, sondern den Grundbesitz eher durch gezielte Vermählungen noch weiter zu vergrößern. Ist das nicht Wahnsinn? Dies erklärte nun so ziemlich alles, was wir an Kuriositäten erlebt hatten. In jedem anderen Land wurden Straßen so gebaut, dass sie sich ins Gelände einfügten. Man wählte also stets die kürzeste, ebenste und pratischste Strecke aus, um eine Straße zu legen. Hier hingegen achtete man auf keines dieser Kriterien. Wenn jedes Land, durch das eine Straße führte einem einflussreichen Privatmenschen gehörte war das natürlich auch klar, denn dieser wollte so wenig von seinem Land opfern wie möglich. Also verlaufen die Straßen hier nicht so, dass es für den Nutzer am angenehmsten ist, sondern für den Grundstücksbesitzer am wenigsten Nachteile hat. Es erklärt auch, warum die Fahrradwege an einigen Stellen so großartig gelegt wurden und dann plötzlich und unvermittelt aufhören und auf die Hauptstraße zurückführen, obwohl sich am Gelände selbst nichts verändert hat und es keinen erkennbaren Grund dafür gibt. Offensichtlich mussten immer wieder einige Gutsbesitzer dabei sein, die sich gegen ein Wegerecht auf ihrem Land vollkommen versperrten. Es erklärte, warum es hier so immens riesige Areale gibt, die vollkommen unzugänglich sind, während sich die Menschen auf winzigen Flächen zusammen pferchen. Aus Wäldern werden Wüsten Und es erklärt, warum es möglich ist, dass das Land Schritt für Schritt nahezu komplett entwaldet wird, ohne dass jemand etwas dagegen sagt. In ganz Europa macht man sich Gedanken über die Zerstörung des Regenwaldes, die illegalen Rodungen in Rumänien und die Massenabholzung in Kanada. Das sich die Schottischen Highlands innerhalb von ein paar Jahrzehnten von einem dicht bewaldeten Naturreservat in ein karges, lebloses Ödland verwandeln, darüber hingegen spricht kein Mensch. Warum die Großgrundbesitzer hier so rücksichtslos wüteten, war uns jedoch noch immer nicht klar. Es waren Ländereien, die sich seit vielen Generationen im Familienbesitz befanden und stets vom Vater an den ältesten Sohn weiter gegeben werden. Und nun holzt man sie vollständig ab, obwohl man weiß, dass Wind und Regen, jede fruchtbare Erde für immer oder zumindest für Jahrtausende abtragen und womit jede neue Aufforstung unmöglich machen würden. Nach mehreren Jahrhunderten, in denen diese Landareale gehegt und gepflegt wurden, bist du also nun derjenige, der sie vernichtet und für alle zukünftigen Generationen nahezu wertlos macht. Und das alles nur, um noch ein paar Millionen Pfund mehr mit dem Holzverkauf auf einen Schlag zu machen, als man es mit einer selektiven und nachhaltigen Forstwirtschaft tun könnte? Das ergibt doch keinen Sinn? Wenn es einige der Großgrundbesitzer tun, kann man es vielleicht noch als fahrlässige Dummheit ansehen und akzeptieren. Aber alle? Und das obwohl man die Negativfolgen dieses Wahnsinns bereits seit Jahrzehnten genau beobachten kann? Das legt ja fast den Schluss nahe, als wollten die Verantwortlichen die Zerstörung ganz bewusst herbei führen. Als ginge es ihnen gerade darum, das Land karg und unwirtlich zu machen und die lebendige Natur so gut wie möglich zu zerstören. Die Frage war nur: Warum sollte jemand so etwas bewusst wollen? Schlechte Karten für Fußgänger und Radfahrer Nach etwa 5km stießen wir an einen Punkt, der die zweite Form des Privatbesitz-Wahnsinns deutlich machte. Denn der Besitzer des nun vor uns liegenden Areals mochte nicht nur keinen Wald, er mochte offensichtlich auch keine Menschen. Obwohl es hier bereits Straßen und Rüttegassen gegeben hatte, um die gerodeten Bäume abzutransportieren, hatte es sich dazu entschlossen, keinen Weg und keine Straße in seinem Gelände zuzulassen. Für die nächsten 5km gab es nun nur noch die Strommasten, als Orientierungspunkte, an denen man sich querfeldein mitten durch den Sumpf schlagen musste. Hin und wieder gab es Jeep-Spuren, oder Trampelpfade an die man sich halten konnte, doch diese führten meist nur dazu, dass der Untergrund noch tiefer und stärker aufgeweicht war, so dass man noch mehr im Schlamm versank. Bereits nach zehn Metern sahen wir aus wie die Sumpfmonster. Die Füße schwammen im Wasser, der Schlamm hatte bis auf die Oberseiten unserer Wagen gespritzt und überall baumelten Torfreste und halb verweste Pflanzenfasern von uns herab. Das gute daran war, dass es nun egal wurde, wohin wir traten. Nasser und schlammiger konnte man einfach nicht mehr werden. Hin und wieder wurde der Untergrung so glitschig, dass man den Halt unter den Füßen verlor, ausrutschte und in den Schlamm fiel. Weite Strecken kamen wir nur voran, wenn wir einen Wagen stehen ließen und den anderen zu Zweit durch Schlammlöcher und über Rinnsale, Steine und Erdhuckel wuchteten. An einigen Passagen mussten wir die Wagen sogar über kleine Flüsse hinweg tragen was meist nicht möglich war, ohne mindestens einmal knöcheltief ins eiskalte Wasser zu treten. Nach rund zwei Kilometern waren wir so fertig, wie sonst nach einem 30km Marsch durch die Berge ohne Pause. Dadurch ließ langsam auch die Konzentration nach und je mehr ich meine Kraft schwinden spürte, desto öfter kam es vor, dass ich die Kontrolle über meinen Wagen verlor und gemeinsam mit ihm seitlich ins Moorwasser stürzte. Einen kleinen Streckenabschnitt krabbelte ich sogar auf Knien weiter, da meine Beine nachgegeben hatten und es zu glatt und zu steil war, um wieder aufzustehen. Aber was ein echter Mönch ist, legt seine Pilgerreiche auch schonmal auf Knien zurück. Es dauerte rund drei Stunden, bis wir zum ersten Mal etwas in der Ferne erblicken konnten, das wie der Anfang unserer Straße wirkte. Jetzt mussten wir nur noch an einem steilen Abhang entlang und einen ebenso steilen Hügel hinauf und schon waren wir am Ziel. Auf die letzten 50 Meter wäre ich dann allerdings fast noch im Moor versunken. Man soll eben nicht schon seinen Sieg feiern, wenn man noch nicht an der Ziellinie angekommen ist. Und man soll vor allem nicht unaufmerksam werden, nur weil man glaubt, es gleich geschafft zu haben. Aus meinem „Juchu!“ wurde ein „Juch-Ouuuu!“ und ich steckte mit beiden Füßen bis zu den Waden im Morast, während mein Wagen hinter mir unheilsverheißende Gluckergeräusche von sich gab und langsam immer kleiner wurde. Gut dass wir vor einigen Jahren für einen Fernsehauftritt schon ein paar Erfahrungen im Umgang mit Sumpf und Moor machen konnten und ich noch gut genug wusste, wie ich mich befreien konnte. Aufatmen! Als wir die kleine, steinige Schotterstraße erreicht hatten, war es, als hätten wir den Gipfel des Mount Everest erklommen. Vollkommen durchnässt, schlammig und erschossen aber glücklich ließen wir uns auf den kleinen Parkplatz fallen, der das Ende der Straße markierte und packten unseren Gipfelkuchen aus. Hier schmeckte er sogar noch besser als am Vorabend in der Teestube. Hinter uns lag nun das schier endlose Sumpfgebiet und um uns herum befand sich nichts als die Berge. Wir waren im Niemandsland und für einen Moment hatten wir das Gefühl, als hätten wir die Herausforderungen des Tages nun gemeistert. Der Rest war ein Kinderspiel. Nur noch etwa 10km auf der Schotterstraße bis zu einer Gaststätte im Tal, wo wir mit etwas Glück vielleicht wieder genauso gut aufgenommen werden würden, wie gestern von Bill und Jenny. Wenn nicht, mussten wir eben noch einmal 15km und 500 Höhenmeter überwinden, um in den nächsten Ort zu kommen. Doch im Moment schien es, als könnten wir alles schaffen.
 
Spruch des Tages:
Höhenmeter: 140 m
Tagesetappe: 28 km
Gesamtstrecke: 24.106,27 km
Wetter: Bedeckt und regnerisch
Etappenziel: katholisches Pfarrhaus, Magherafelt, Nordirland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:42:35


Tag 1296: Harry Potter auf der Spur

Von hier aus kann es bis Hogwarts nicht mehr weit

13.07.2017 Nachdem wir uns am Anfang unserer Englandreise wie in seine Welt versetzt gefühlt haben, haben wir nun schon lange nichts mehr über Harry Potter geschrieben. Heute gibt es dazu nun aber doch noch einmal Anlass, denn gerade jetzt in diesem Moment sitze ich an genau dem Bahnhof, an dem Harry Potter im ersten Film mit dem Hogward-Express ankam, um seine neue Schule zu besuchen. Es ist ein Bahnhof mitten im Nichts. Es gibt nicht einmal einen Ort in der Nähe, lediglich den Bahnhof selbst und ein kleines Hotel mit gerade einmal vier Zimmern. Das nächste Dorf ist dreißig Kilometer entfernt und wir haben heute am eigenen Leib erfahren, dass dies eine ziemlich weite Strecke ist. Hinter uns liegen nun zwei malerische Seen und eine einsame Hügellandschaft, die uns sehr stark an unsere Wanderungen in Montenegro und Bosnien erinnert hat. Nur, dass es dort weder Zäune noch Hochspannungsleitungen gab, die das Bild der unberührten Natur ein klein wenig zerstörten. Das Filmteam von Harry Potter muss hier einige Mühe gehabt haben, all diese verräterischen Spuren der Zivilisation bei ihren Kamerafahrten auszusparen oder heraus zu retuschieren. Ebenso die vielen hässlichen Rodungsflächen, die ebenfalls nicht gerade das Gefühl von Wildheit und Freiheit aufkommen lassen, das in den magischen Filmen ein so zentrales Thema ist. Nach besagten 30km erreichten wir den Bahnhof „Rannoch Station“. Eine Einzige Schienenlinie verbindet hier Glasgow mit Ford Williams, jenem Ort, von dem aus man mit Fähren die meisten schottischen Inseln erreichen kann. Dazwischen gibt es nur wenige Stationen, da die Linie fast immer durch unbesiedeltes Gebiet führt. Dies war auch der Grund, warum man sie für den Harry-Potter-Dreh ausgewählt hat. All die eindrucksvollen Szenen wie die Fahrt über die große steinerne Brücke, bei der Harry und Ron mit dem Auto um den Zug herum fliegen, wurden hier in unmittelbarer Nähe gedreht. Für einen kurzen Moment konnten wir sogar einen Blick auf diese Brücke werfen. Heute merkt man vom Harry Potter Fieber hier jedoch nicht mehr allzu viel. Nur wenn man die Menschen bewusst darauf anspricht bekommt man einige Geschichten und Anekdoten erzählt. Wirklich vermarktet, wie wir es erwartet hatten, wird der Filmdreh hingegen nicht. Der Bahnhof selbst besteht aus einer kleinen Station, die heute lediglich noch ein Museum und ein kleines Café beherbergt. Züge fahren noch immer regelmäßig und halten hier auch, aber sein Ticket muss man direkt im Zug kaufen. Das Café wird von einer Frau namens Jenny und ihrem Mann Bill betrieben, die beide auf der anderen Seite der Schienen leben und uns gleich ihren Caravan als Schlafplatz angeboten haben. Gestern Abend durften wir im dreißig Kilometer entfernten Kinloch Rannoch in einem Hotel speisen und der Manager von dort hatte uns bereits von Jenny´s Karrottenkuchen vorgeschwärmt. Auch diesen durften wir nun kosten und er war tatsächlich so gut wie er uns angepriesen wurde. Jenny und Bill betrieben das Café seit drei Jahren und konnten recht gut davon leben, auch wenn der Tourismus hier nicht mehr so aktiv war wie in den Orten zuvor. Dennoch liebte Jenny den Winter, wenn hier alles verschneit und einsam war. Dann war der Platz am friedlichsten und man konnte sich von all dem Sommer-Stress erholen. Den Harry Potter Dreh hatten sie selbst nicht mitbekommen und konnten daher nur wenig darüber sagen. Dafür trafen wir beim Kuchen essen auf der Terrasse einen alten Haudegen, der hier seit Jahren regelmäßig zum Jagen und Fliegenfischen herkam. Neben einigen Infos über das Fliegenfischen und eine recht lustige Geschichte darüber, wie er einmal einen Fasan von einem Bauern ganz hier in der Nähe stahl, erzählte er uns auch ein wenig über die Filmarbeiten. Früher einmal waren auf diesen Gleisen wirklich antike Züge gefahren, die dem Hogward-Express sehr ähnlich waren. Doch seit vielen Jahren gab es nur noch Elektrozüge und mit der Zeit hatte man auch die Bahnhöfe angepasst. Als der Hogward-Express entwurfen wurde, hatte niemand darüber nachgedacht und so war es am Nachbarbahnhof zu einer recht unangenehmen Panne gekommen. Der Zug war für die Filmaufnahmen mit ordentlichem Tempo in den Bahnhof eingefahren, war aufgrund der alten Antriebswelle außen an den Rädern jedoch deutlich breiter, als es dem Bahnhof gut getan hätte. Die Reifen verklemmten sich und der Zug blieb mitten im Bahnsteig stecken. Um ihn wieder frei zu bekommen mussten die Filmassistenten zunächst einmal alle Pflastersteine vom Rand des Bahnsteigs entfernen. Dann konnte der Zug langsam zurück setzen. Die Bahnlinie ist aber nicht das einzige, was diese Gegend mit Harry Potter verbindet. Joanne K. Rowling lebte und schrieb hier offenbar ganz in der Nähe. Einige Meilen südlich von hier gibt es ein Schloss, bzw. eine alte Burg, die nur noch teilweise erhalten ist. Sie war das Ziel von häufigen Spaziergängen und Wanderungen der Autorin und inspirierte sie für ihren eigenen geistigen Entwurf von Hogwards. Im Film wurde dieses Schloss nicht verwendet, aber es war die Vorlage für die Schule in den Büchern. Jenny und Bill luden uns nach unserem Einzug in den Caravan noch auf eine Suppe ins Café ein und kaum hatten wir Platz genommen, begann es wie aus Eimern zu schütten. Wir hatten also mehr als nur ein bisschen Glück, dass wir hier bleiben durften, denn ohne diese Gelegenheit wären wir heute in den Fluten weggespült worden.
 
Spruch des Tages: Von hier aus kann es bis Hogwarts nicht mehr weit sein.
Höhenmeter: 140 m
Tagesetappe: 19 km
Gesamtstrecke: 24.078,27 km
Wetter: Bedeckt und regnerisch
Etappenziel: Gemeindehaus der reformierten Presberitanischen Kirche, Culnady, Nordirland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:41:42


Tag 1295: Statische Wohnmobile

So kann man also auch unterwegs sein.

Wieder einmal war es uns nicht vergönnt, direkt nach der kurzen Strecke anzukommen. Dafür durften wir aber im ersten Ort ein Caravandorf besichtigen. Hier waren nicht nur Wohnwagen aller Art für die Besucher bereitgestellt, sondern auch für potentielle Käufer ausgestellt worden. Gespannt wagten wir einen Blick ins Innere, um uns einen ersten Eindruck machen zu können, wie wohl ein Leben in so einem Gefährt aussehen würde. Ganz repräsentativ war es nicht, da es sich um statische Wohnwagen mit Überbreite handelte, die auf der Straße nicht zugelassen waren. Wir brauchen später eher eine schmalere Version, die man dann mit Ausschüben wieder auf die selbe Breite bringt. Trotzdem war es interessant, sich zumindest erst einmal inspirieren zu lassen, wie so ein Begleitfahrzeug überhaupt aussehen kann. Zum Übernachten mussten wir dann noch einmal 14km weiter bis in den nächsten Ort, in dem wir zur Abwechslung den städtischen Veranstaltungssaal zur Verfügung gestellt bekamen. Zur Feier des Tages wurden wir dann am Abend noch in das heimische Restaurant eingeladen. Der Koch war recht begeistert von unserer Tour und gab uns gleich noch gute Aussichten auf den kommenden Tag mit auf den Weg. Morgen erreichen wir Rannoch Station, ein winziges Örtchen, das quasi nur aus dem Bahnhof besteht. Doch es gibt auf ein Ehepaar, das ein kleines Café mit gutem Kuchen betreibt und das uns bestimmt aufnimmt, wenn wir es von ihm grüßen.
 
Spruch des Tages: So kann man also auch unterwegs sein.
Höhenmeter: 90 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 24.059,27 km
Wetter: Bedeckt und regnerisch
Etappenziel: Kirchenzentrum, Bendooragh, Nordirland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:40:56


Tag 1294: Schlossbesichtigung

Umwege erhöhen die Ortskenntniss

12.07.2017 Schottland ist berühmt für seine Schlösser und heute, nach rund drei Wochen in diesem Land, haben wir auch das erste Mal eines gesehen. Gleich gegenüber der Kirche, die unser letzter Schlafplatz war, befand sich ein großes Eingangsportal, auf dem in großen, goldenen Buchstaben der Name des Schlosses zu lesen war. Durchschritt man dieses Tor, landete man jedoch zunächst einmal in einer Neubausiedlung samt Grundschule, die nicht das Geringste mit einem Schloss zu tun hatte. Diese musste umrundet werden und schon befand man sich... Nein, noch immer nicht auf dem Schlossgelände, sondern auf einem Golfplatz. Wobei das in diesem Fall wohl das selbe war, denn offensichtlich war das Schloss in ein Hotel und der Park in einen Golfplatz umgebaut worden. Bis zum eigentlichen Schloss waren es dann noch zwei Kilometer und wenn man auch die zurückgelegt hatte, konnte man hinter dem dichten Buschwerk bereits einen Bauzaun, das obligatorische „Betreten Verboten“-Schild und einen großen, roten Gastank ausmachen. Vom Schloss selbst sah man noch nichts. Es zeigte sich erst hinter der nächsten Kurve und war feierlich in ein Baugerüst gehüllt. Erst auf der Rückseite, die dem früheren Garten (Heute Loch 15) zugewandt war, erkannte man, dass es sich wirklich um ein großes und prachtvolles Schloss handelte. Es beherbergte nun eine Bar und besagtes Hotel, die jedoch bei de geschlossen hatten. Sommer war offenbar nicht die Zeit, in der man hier glaubte, Kunden abgreifen zu können. Das lag ja auch irgendwie nahe. Im Sommer waren die Leute nur enttäuscht, weil niemals die Sonne schien und das produzierte nur Unzufriedenheit. Im Winter erwartete ohnehin jeder, dass das Wetter mies wurde, also störte es auch keinen. An dieser Stelle muss ich jedoch fairer Weise erwähnen, dass wir heute tatsächlich den ersten Sonnentag seit Wochen hatten. Es regnete fast gar nicht und nur etwa 40% des Himmels war mit Wolken verhangen. Der herrlichste Tag also, den man sich hier nur vorstellen kann. Doch zurück zum Schloss. Die einzigen lebenden Menschen die wir hier antrafen waren zwei Gärtner, die mit einem großen und einem kleinen Mäher den Golfplatz mähten. Nicht das dieser hätte gemäht werden müssen, denn man konnte mit dem bloßen Auge nicht erkennen, wo bereits gemäht wurde und wo nicht. Dafür aber konnte der Mann auf dem großen Rasenmäher Heiko anmeckern, weil dieser auf den Rasen getreten war, um ein Foto zu machen. Unser Weg sollte eigentlich am Schloss vorbei über eine kleine Fußgängerbrücke und dann hinauf in die Berge führen. Doch bereits als wir das Schloss halb umrundet hatten, stießen wir auf ein Schild mit „Zutritt verboten!“ Zunächst ließen wir uns nicht davon abhalten und gingen einfach weiter. Es war ja ohnehin niemand hier, den das hätte stören können. Nach einigen Metern verstanden wir dann, warum man das Schild aufgestellt hatte. So schön das Schloss von der Vorderseite auch war, so vermüllt war der Bereich hinter dem Haus. Das erste, an dem wir vorbei kamen waren die alten Baracken für das Dienstpersonal. Sie waren noch immer in Benutzung, machten aber einen schäbigeren und heruntergekommeneren Eindruck, als die Sklavenburgen die wir in Griechenland und Bulgarien für die Sinti- und Roma-Arbeiter gesehen hatten. Ganz offensichtlich hatte sich hier im Bezug auf die Arbeitskräfte in einem Schloss seit dem Mittelalter noch immer nicht allzu viel geändert. Hinter diesen Baracken befand sich dann der Müllplatz. Hier war einfach alles in die Walachei gekippt worden. Und ich meine wirklich alles! Fernseher, Autoteile, Matratzen, Mikrowellen, Bauschutt, Essensreste, tote Tiere, Gartenabfälle, Altkleider und vieles mehr. Teilweise lag es verstreut, teilweise war es auch zu kleinen Häufchen aufgetürmt worden, die bereit halb mit Erde und Pflanzen bedeckt waren. Erst jetzt fiel uns auf, wie viele von diesen kleinen, bewachsenen Erdhaufen es hier gab. Sie waren sicher nicht natürlich, sondern verdeckten weitere Müllberge unter sich. Wenn man sie hinzuzählte musste hier der gesamte Müll der letzten dreißig oder mehr Jahre liegen. So viel also zum Thema Reinlichkeit bei Adelshäusern. Hinter der Privatmüllhalde sollte unser Weg dann über die Brücke führen. Zu unserer Überraschung mussten wir jedoch feststellen, dass sie gesperrt und kurz vor dem Zusammenbrechen war. Sie zu passieren war unmöglich und der Fluss selbst war bedeutend zu tief und zu schnell, um ihn durchqueren zu können. Uns blieb also nichts, als unseren kleinen Abstecher hier her als Schlossbesichtigung zu betrachten und zur nächsten Autobrücke zurückzugehen. Diese lag aufbauender Weise genau neben der Kirche, an der wir am Morgen gestartet sind. Wir hatten nun also 5km zurückgelegt und standen genau eine Stunde später wieder am Ausgangspunkt. Wenn nur der Weg heute nicht ohnehin schon mehr als 30m lang wäre...
 
Spruch des Tages: Umwege erhöhen die Ortskenntniss
Höhenmeter: 120 m
Tagesetappe: 12 km
Gesamtstrecke: 24.042,27 km
Wetter: Bedeckt und regnerisch
Etappenziel: Privathaus, BT53 8BJ Dervock, Nordirland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:40:15


Tag 1293: Richtig atmen um in die Entspannung zu kommen

Atme im Jetzt!

Fortsetzung von Tag 1292: Unvermittelt kam in uns auch die Frage auf, was die Gegend, in der wir uns befanden als Nationalpark auszeichnete, wenn es doch keinerlei Einschränkungen oder Schutzcharakter gab. Die Waldflächen wurden abgeholzt wie überall sonst auch, in den Seen gab es industrielle Aquakulturen, man konnte nahezu überall bauen und alles wurde von einem dichten Straßennetz durchzogen. Was also war nun der Vorteil des Parks? Der Umstand, dass wir tagsüber keine Minute Stille mehr finden konnten, ging jedoch weit über das normal erklärbare hinaus. Es war, als würden wir durch eine Komposition des Lärms wandern, die man extra für uns zusammengestellt hatte. Sobald die Hauptstraße verschwand, tauchten Traktoren, Rasenmäher oder Rodungsfahrzeuge auf. Wenn es auch die nicht gab, rauschte ein Fluss neben uns, der Wind heulte auf oder der Regen prasselte laut aufs Blätterdach. Es schien als würde das Universum wirklich alle Register ziehen, damit wir immer irgendeine Art von Störgeräusch um uns herum haben. Teilweise kamen dabei sogar Situationen zustande, die so abstrakt waren, dass wir sie kaum glauben konnten. Gestern beispielsweise kamen wir nach rund 20km das erste Mal von der Hauptstraße weg. Genau in dem Moment, als die Fahrgeräusche verklungen waren, hörten wir die Rotorblätter eines Helikopters. Zunächst dachten wir uns nichts dabei, aber dann tauchte plötzlich ein großer, militärischer Bananenhubschrauber neben uns auf. Er flog in einem Abstand von gerade einmal 60 Metern an uns vorbei und flog so tief im Tal, dass er sich direkt auf unserer Augenhöhe befand. Seine Tür war offen und ein Soldat schaute heraus, die Uzi im Anschlag. So flogen sie an uns vorbei und waren wenige Sekunden später wieder verschwunden. So wenig nachvollziehbar das Lärmkonzert und das vollständige Ausbleiben von Entspannung und Gemütlichkeit auf der physischen Ebene ist, so eindeutig ist es auf der geistigen. Das was sich dahinter verbirgt ist letztlich nichts anderes, als eine Lernaufgabe um einen Einstieg in die spirituelle Praxis u finden. Für Heiko ist der Triggerpunkt dabei vor allem der Lärm. Aus den Illusionsfilmen in seiner Vergangenheit hat er gelernt, dass Lärm die Ursache von Tinnitus ist. Dies ist tatsächlich nicht der Fall, zumindest nicht bei Heiko. Der Lärm selbst löst überhaupt nichts aus und ist in der Regel ja nicht einmal real. Doch sobald es zu lange zu laut wird, steigt in Heiko die Angst vor neuen inneren Geräuschen auf, da er diese Verbindung ja noch aus den Illusionen heraus kennt. Und mit Hilfe der Angst produziert er die inneren Geräusche dann selbst. Es ist genau wie bei mir und den Nadelstichen. Wenn es mir gelang, mich zu entspannen und ohne Angst zu sein, merkte ich nicht mehr als eine leichte Berührung auf der Haut. Sobald jedoch die Angst vor dem Schmerz auftauchte, tauchte auch der Schmerz selbst auf uns wurde immer präsenter. Das wiederum steigerte natürlich die Angst und somit gleichzeitig auch wieder die Schmerzintensität. Nicht anders ist es bei Heiko und den Ohrgeräuschen. Die Aufgabe dahinter liegt im Erlernen der Spirituellen Praxis. Das bedeutet nichts anderes, als zu lernen, seinen Fokus vollkommen auf das Hier und Jetzt zu legen und sich nicht von Vergangenheit, Zukunft, Gedanken, Illusionen, Filmen und dergleichen ablenken zu lassen. Je stärker eine Störung wie Schmerz oder Lärm auf uns einwirkt, desto schwieriger ist diese Aufgabe, aber desto mehr Kraft und Heilung liegt auch in ihr. Diese spirituelle Praxis ist das, worum es in jeder Meditation geht: Erkenne, was wirklich wahr ist und lass alles andere verblassen. Am einfachsten geht dies, wenn man sich den eigenen Atem als Konzentrationspunkt nimmt, da dieser immer real und immer im hier und jetzt gegenwärtig ist. Man kann nicht in der Zukunft oder der Vergangenheit atmen, sondern nur im Jetzt. Wenn es einem Gelingt, alle Störfaktoren auszublenden und ganz im gegenwärtigen Realmoment anzukommen, ist man auch ganz mit er eigenen Göttlichkeit verbunden. Man ist vollkommen man selbst und besitzt die Aufmerksamkeit, Fremdeinflüsse zu erkennen und auszuschalten. Dies funktioniert aber nur, wenn man die spirituelle Praxis nicht auf die Meditation beschränkt, sondern auf seinen Alltag anwendet. Vor allem natürlich auf Situationen, die uns stressig und anstrengend erscheinen. Das wir in Sachen Aufmerksamkeit gegenüber Illusionen gerade nicht die besten sind erkennt man auch an der Gesamtsituation in der wir uns befinden. Es ist ja durchaus auffällig, dass seit Shanias Abreise alles drunter und drüber geht. Seit sie weg ist, sind wir noch keinen Tag vor 18:00 Uhr irgendwo angekommen und haben keine Etappe unter 30km zurückgelegt. Wenn es in der gemeinsamen Zeit auch nur annähernd so gewesen wäre, hätten wir keinen einzigen Nadelstich ausführen können. Denn im Moment reicht es nicht einmal, um das Tattoo-Ritual auch nur Revue passieren zu lassen und die Geschehnisse ein bisschen zu reflektieren. Wie kam das? Was war nun plötzlich anders? Am Land konnte es nicht liegen, denn wir waren auch mit Shania in Schottland gewesen. Und der Tourismus erklärte vielleicht, warum es an einigen Orten etwas schwieriger war, aber nicht warum kleine Ortschaften plötzlich ganz tot waren. Wenn wir regelmäßig nach 30 bis 40km einen Schlafplatz bekamen, warum klappte es dann nicht nach 20km? Wenn es doch am Abend immer wieder ruhig wurde, warum dann nicht auch tagsüber? Heiko vermutete es bereits und die Muskeltests bestätigten seine Theorie. Aufgrund unserer eigenen Ängste sank unsere Aufmerksamkeit gegenüber dem Fremdeinfluss so stark, dass nahezu alles um uns herum manipuliert werden konnte. Es war letzlich nichts anderes als der Versuch von Shanias Puppenspieler, uns die erfüllte, gemeinsame Zeit nachträglich noch madig zu machen. „Seht ihr! Es war reines Glück, dass es funktioniert hat! Normalerweise würde es niemals klappen. Für sie wäre es zu anstrengend und du wärst zu genervt, so dass du überhaupt nicht mehr runterkommen und dich auf eine Frau einlassen könntest. Außerdem wäre es doch auf Dauer gar nicht machbar, zu dritt unterwegs zu sein.“ Passend dazu kommen dann noch Versuchungsangebote in Form von anderen Frauen, die plötzlich an allen Ecken und Enden auftauchen und sofort durch Blicke, Lächeln und Körpersprache ihr Interesse an Heiko bekunden. Selbst dann, wenn ihre Freunde oder Ehemänner neben ihnen stehen. Gestern beispielsweise kamen wir an einer jungen, schlanken und adretten Frau vorbei, deren ganzer Ausdruck sagte: „Nimm doch lieber mich! Ich bin reich und wohlhabend und bringe dich dein ganzes Leben lang locker durch, so dass du keine Anstrengungen mehr auf dich nehmen musst. Du könntest es locker und leicht haben und müsstest dich nicht einmal mehr mit deinen Seelenthemen befassen!“ Bei all dem spürt man deutlich, dass wir uns gerade in einer wichtigen Zwischenphase befinden. Alle hatten wir Angst davor, was passieren würde, wenn wir aus den alten Mustern ausbrechen und unsere Gegenspieler damit herausfordern. Solange man im Gefängnis bleibt, beachten einen die Wärter nicht. Als wir angefangen haben an den Gitterstäben zu kratzen, haben wir immer wieder eins auf die Finger bekommen. Nun haben wir die Gitter ganz heraus gerissen und da ist es ja nur logisch, dass und die Gegenspieler nun jeden Stein in den Weg legen, den sie finden können.
 
Spruch des Tages: Atme im Jetzt!
Höhenmeter: 180 m
Tagesetappe: 16 km zu Fuß und ca. 90km per Fähre
Gesamtstrecke: 24.030,27 km
Wetter: Bedeckt aber nicht allzu kalt
Etappenziel: Kirchenzentrum, Armoy, Nordirland
 
Hier könnt ihr uns und unser Projekt unterstützen. Vielen Dank an alle Helfer!

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:39:17


Tag 1292: Leben in der Irrealität

Armer, alter Highlander

10.-11.07.2017 Dieses Schottland macht einen wahnsinnig! Es ist mit Abstand, das anstrengendste, zehrendste, auslaugendste, lauteste und ungemütlichste Land, das wir je bereist haben. Auf der ganzen Reise waren wir noch von keinem Land so schwer enttäuscht, wie von Schottland. Wobei ich mit enttäuscht hier wirklich ent-täuscht meine, denn wir haben uns unter diesem Fleckchen Erde einfach etwas ganz anderes vorgestellt. Wir hatten ein wildes, raues Bergland in Einsamkeit erwartet, mit burschikosen und rauen, aber herzensguten und freundlichen Menschen, die hier in kleinen Bergdörfern noch immer ihren alten Traditionen nachgingen. Wir hatten eine einsame, ruhige Zeit inmitten tiefer Wälder erwartet, die nicht immer leicht sein, uns dafür aber viel schenken würde in Form von Harmonie, Ruhe, Tierbegegnungen und außergewöhnlichen Naturschauspielen. Doch nichts, aber auch wirklich gar nichts davon ist hier eingetreten. Obwohl in diesem Bereich von Schottland gerade einmal 3% der britischen Gesamtbevölkerung leben, ist der Verkehrslärm schlimmer als je zuvor. In den ukrainischen, slowenischen und polnischen Karpaten haben wir darüber geflucht, dass man den gesamten Verkehr auf einige wenige Hauptstraßen geballt hat, denen man auch als Fußgänger nicht ausweichen konnte. Hier ist es sogar noch schlimmer. Der Norden Schottlands besteht aus lauter Hügel- und Bergketten mit langgezogenen, schmalen Tälern dazwischen. Und in jedem dieser Täler verläuft eine Hauptstraße, die selbst hier noch genauso stark befahren ist, wie in Zentralengland. Ihnen zu folgen ist schier unmöglich, da der laute Asphalt die Situation hier noch einmal weitaus unerträglicher Macht als in der Ukraine. Man muss also auf Nebenwege ausweichen, die es jedoch nur in sehr begrenztem Rahmen gibt. Teilweise gelangen wir dadurch in sehr schöne Gebiete, doch die Straße mit ihrem unangenehmen Rauschen ist nie weit entfernt. Gleichzeitig bedeutet dies aber auch, dass wir hier Höhenmeter machen wie die Weltmeister. Teilweise, weil wir Bergrücken überqueren müssen, hauptsächlich jedoch, weil die Schotten noch vor den Engländern die schlechtesten Straßenbauer aller Zeiten sind. Wenn eine Straße hier nicht alle zehn Meter bergauf oder bergab führen kann, dann ist es keine anständige Straße. Heute beispielsweise haben wir rund 1200 Höhenmeter zurückgelegt, obwohl wir an einem See entlang gewandert sind. Die Seeoberfläche war (wie für Wasserflächen üblich) spiegelglatt und brettl-eben. Wir aber wechselten permanent zwischen der Höhe der Wasserfläche und beliebigen Punkten oberhalb am Hang, die zwischen 50 und 100 Höhenmeter variierten. Und das ohne jeden erkennbaren Grund. Die Hauptstraße am Hang gegenüber verlief schnurgerade und unser Berghang unterschied sich von dem auf der anderen Seite nicht im Geringsten. Man hätte also eben bauen können, man hatte es nur nicht gewollt. Damit wurde die ohnehin schon überdurchschnittlich lange Etappe von 32km noch einmal doppelt so ansträngend. Doch es sind nicht nur die vielen Höhenmeter, die das Wandern hier so auszehrend machen, es ist viel mehr die Kombination aus allem. Es regnet hier nahezu ununterbrochen. Gestern und Heute galten offiziell als Trocken- oder gar Sonnentage, weil nur ein leichter Nieselregen fiel, der hin und wieder sogar ganz aufhörte. Seit nun über einem Monat haben wir es nicht mehr geschafft, unsere Sachen wirklich trocken zu bekommen. Alles ist immer klamm und damit auch kalt. Wie ihr euch denken könnt ist das dem Geruch auch nicht gerade zuträglich. Auch die Freundlichkeit der Menschen, die uns bereits in Südengland so hoch angeprisen wurde, konnten wir bislang leider nicht bestätigen. Es gibt immer wieder einzelne Menschen, die wahnsinnige freundlich sind und die uns dann auf einen Schlag für den ganzen Tag oder gar für mehrere Tage durchbringen. Vor allem die Kirche ist ein großartiger Ansprechpartner und ohne sie hätten wir zweifelsfrei längst umgetreht und währen auf dem gleichen Weg zurück gegangen, den wir hier hergenommen haben. Es ist viel mehr die generelle Grundstimmung, die man als unfreundlich empfindet. Es ist die Art, wie sie im Auto an einem vorbei rasen, ohne abzubremsen oder auch nur einen angenehmen Abstand einzuhalten. Es ist die Art, wie jeder Anwohner seinen Privatgrund mit Stacheldrähten und hunderttausend Schildern eindeckt, die jeden Fremden davon abhalten sollen, auch nur zu stark in die entsprechende Richtung zu schauen. Diese Privatgrundstücke sind wahrscheinlich auch der Grund für das permanente auf- und ab der Straßen, die sich hier nicht an Landmarken sondern an Grundstücksgrenzen orientieren müssen. Teilweise ist es sogar deutlich erkennbar, dass man einen gewaltigen Schlenker über schlammige Pfade oben über einen Bergkamm machen muss, nur weil der Besitzer einer zumeist brach liegenden Wiese, etwas gegen ein paar Wanderer auf seinem Geländer hatte. Alles in allem wirkte es, als wäre das, was die Leute mit “Freundlichkeit” beschrieben, in den meisten Fällen viel mehr eine Form der Geschäftstätigkeit. Alles, aber auch wirklich alles war darauf ausgelegt, Menschen Geld aus der Tasche zu ziehen und man musste den Schotten lassen, dass sie sich ganz hervorragend darauf verstanden, einen Haufen nichts so zu präsentieren, als wäre es eine Weltweit einzigartige Attraktion. Bis heute konnten wir noch immer nicht nachvollziehen, warum es hier überhaupt so viel Tourismus gab. Klar waren die Berge nett anzusehen und es gab einige schöne Seen, viele alte knorrige Bäume und unzählige Wasserfälle. Aber nichts davon war einzigartig oder spektakulär. Es unterschied sich nur in Details von den Hügelregionen in England und Wales, wodurch es eigentlich keinen Grund für die dort lebenden Menschen gab, hier Urlaub zu machen. Trotz des Hochsommers war das Wetter hier grauenhaft nass und kalt. Es gab nahezu nichts, das man besichtigen konnte, abgesehen von ein paar sehr vereinzelten Schlössern und einer Reihe von Whisky-Destillerien, man konnte sich weder sonnen noch baden, noch hatte man eine ruhige Umgebung in der man sich erholen und in der man abschalten konnte. Hotels lagen grundsätzlich an der Hauptstraße und/oder direkt neben einem Wasserfall. Wer campen wollte, der musste sich einen Platz irgendwo im Wald suchen, was bei den vielen Zäunen eine echte Herausforderung war, und dann trotzdem das gleiche zahlen, wie auf einem normalen Campingplatz. Was die Natur anbelangt, was die Natur anbelangt muss man leider sagen, dass hier unglaublich viel kaputt gemacht wurde. Wenn es Highlander wirklich geben würde, hätte er sich bei dem Anblick wahrscheinlich selbst umgebracht. In einem Gebiet wie diesem unsterblich zu sein, war sicher eine harte Prüfung. Tausende von Jahren gab es hier unberührte Natur voller reicher Wälder und dann kamen die Menschen auf die Idee, alle kaputt zu machen. Auch jetzt noch werden die wenigen verbleibenden Wälder radikal und flächendeckend nieder gemäht. Mit ökologischer oder schondender Waldwirtschaft hat dies nicht das geringste zu tun. Nachhaltig war daran nur die Zerstörung die die Rodungen mit sich brachten. Denn sobald die Bäume weg waren begannen Wind und Regen die Erde abzutragen bis nur noch nackter Fels übrig bliebt, auf dem eine neue Aufforstung vollkommen unmöglich war. Durch die permanenten Rodungen konnte man hier sogar jede einzelne Phasen der Errosion erkennen, angefangen beim intakten Wald über das zurückbleiben, kahler, toter Rodungsflächen, das Verschwinden des Bodens, bis hin zur erneuten Ansiedelung von Moosen und Gräsern die dann das vorerst endgültige Landschaftsbild prägen. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: Armer, alter Highlander
Höhenmeter: 315 m
Tagesetappe: 30 km
Gesamtstrecke: 24.014,27 km
Wetter: Bedeckt aber nicht allzu kalt
Etappenziel: Kirchenzentrum, Campbeltown, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:37:55


Tag 1291: Wandern in den Schottischen Highlands

Pfarrer zu sein hat auch gewisse Vorzüge.

09.07.2017 Wenn wir geglaubt haben, dass wir nun ohne Shania wieder zu unserem gewohnten Tagesrhythmus zurückkehren und die liegen gebliebenen Aufgaben und Routinen nachholen können, dann haben wir uns offenbar geschnitten. Gerade haben wir 21:10 Uhr und ich habe mich jetzt zum ersten Mal an den Computer gesetzt. Nicht einmal Zeit für meine 2x 20Minuten Powerschlaf habe ich heute gefunden. Wenn man eines über dieses Land sagen kann, dann ist es, dass es jede Form der struktur unmöglich macht und einem ständig Zeit stiehlt. Ok, vielleicht hat das auch weit mehr mit mir, als mit dem Land zu tun, aber er Effekt ist zunächst einmal der gleiche. Dabei hatten wir heute keinen schlechten Tag. Abgesehen vom Dauerregen, der einfach nicht enden wollte und von besagtem Zeitproblem war es sogar ein sehr schöner und guter Tag. Wir blicken auf eine Wanderung von guten 30km mit mehr als 600 Höhenmetern zurück, die uns zu weiten Teilen durch eine abgelegene, einsame und sehr schöne Berglandschaft mit großen Seen und ausgedehntn Wäldern geführt hat. In der Früh wanderten wir zunächst 6km auf einem Radweg parallel zur Hauptstraße, die jedoch bei weitem nicht so schlimm befahren war, wie wir es befürchtet hatten. Dann kamen wir in eine Ortschaft mit einem Delikatessenladen und einem Touristenbüro. In ersterem bekamen wir von zwei lieben Frauen je ein Frühstücksbrötchen mit gegrilltem Rindfleisch und einen Strauß Bananen geschenkt. Die Bananen waren super, wobei sie auch nicht zu den Delikatessen, sondern zum Privatfrühstück der Mitarbeiterin gehörten. Die Delikatessen hingegen waren wenig überzeugend. Heikos Kommentar dazu: „Oha, wenn dass die Delikatessen sind, dann möchte ich die normalen Speisen lieber nicht probieren!“ In der Touristeninformation wollten wir uns eigentlich über die Fähre nach Irland informieren. Doch so bemüht die Damen auch waren, sie schafften es nicht, mehr herauszufinden, als ich auch selbst bereits im Internet gefunden habe. Lustiger Weise waren die beiden Frauen die ersten Menschen in Großbritannien, die wir gebrochen Englisch sprechen hörten. Wieso wählte man ausgerechnet für diesen Job Menschen aus, denen die Kommunikation auf Englisch schwer fiel? War es wohl eine Voraussetzung gewesen, außer Englisch mindestens noch eine weitere Sprache zu sprechen und kein Einheimischer war dazu im Stande gewesen? Gleich hinter der Ortschaft begann der Aufstieg auf einen der Berge. Nun befanden wir uns wirklich in den Highlands und unsere Beine bekamen dies ordentlich zu spüren. Nachdem wir den ganzen Weg über keinen einzigen Menschen getroffen hatten, befanden wir uns nun wieder in einem Tourismus-Gebiet. Bereits unten im Ort waren mehr Gäste als Einheimische unterwegs gewesen. Hier am Hang hatte man sich nun alle Mühe gegeben, die Touristen auch noch etwas in die Höhe zu locken. Es gab eine Art Park, eine Mountainbikestrecke, einen Hochseilgarten und zwei Wasserfälle, vor denen man sich Fotografieren lassen konnte. Viele Menschen waren bei dem harten Regen heute natürlich nicht unterwegs und diejenigen, die es waren, kamen nicht weiter als bis zum zweiten Wasserfall. Danach hatten wir die Straße für uns alleine, was wir sehr genossen. Sogar der Regen wirkte nun nicht mehr so schlimm, da er uns zwar durchnässte, dafür aber Ruhe und Einsamkeit schenkte. Knapp zwei Stunden später erreichten wir den Pass und kamen auf der anderen Seite an den ersten von zwei Seen. Plötzlich herrschte wieder Verkehr, obwohl wir uns noch immer auf Radwegen und Schotterpisten befanden. Doch aufgrund der harten, klimatischen Bedingungen bedeutete Sightseeing in Schottland für die meisten Menschen, dass sie überall mit dem Auto hinfuhren, ein kurzes Foto aus dem Fenster machten und dann zur nächsten Attraktion weiter düsten. Für Wanderer wie uns war das natürlich nicht das Gelbe vom Ei. Onlinetickets fürs Wildcampen Das gesamte Gebiet um die Seen herum bestand aus einer sogenannten „regulierten Wild-Camp-Zone“. Auf den ersten Blick sah es aus, als dürfte man hier einfach irgendwo sein Zelt aufschlagen oder seinen Camper auf einen Platz stellen. Dann entdeckten wir die Hinweisschilder, die einen darüber aufklärten, dass das ganze Gebiet eine Art rustikaler Campingplatz ohne Personal war. Man musste einen Voucher im Internet buchen und mitbrgingen, wenn man hier stehen wollte. Hatte man den Voucher nicht und wurde erwischt, zahlte man bis zu 500 Pfund Strafe. Ein heftiges System, wenn ihr mich fragt, denn es erlaubt den Betreibern gutes Geld zu machen, ohne dabei auch nur einen einzigen Finger zu krümmen. Unter Normalbedingungen war es ja schon grenzwertig, was so ein Campingplatz kostet, dafür dass man nicht viel mehr bekommt, als ein Stück Wiese, einen Schluck Wasser und ein bisschen Strom. Hier aber wurde den Menschen gar nichts mehr geboten und man bekam trotzdem den gleichen Preis. Es gab keine echten Stellplätze, kein Wasser, keinen Strom, keine Toiletten und nicht einmal einen Mülleimer. Es war wirklich reines Wildcampen, nur dass man umgeben von anderen Campern war und dass man trotzdem etwas zahlen musste. Die Dummheit der Menschen... Wenige Kilometer weiter verstanden wir dann doch, warum hier überall alles verboten war, warum sich die Kirchenvorsteher so anstellten und warum überall Schilder voller Hinweise herum standen. All das war nötig, um die Jugendlichen in Griff zu bekommen, die hier mit keinerlei Lebenspraxis dafür aber einer Menge Zerstörungswut gesegnet worden waren. Dort wo sie sich am Seeufer ihre Feuerstellen erschaffen hatten, um abends gemeinsam abzuhängen, blieb im wahrsten Sinne des Wortes nichts als verbrannter Boden zurück. Und eine Menge Müll natürlich. Eine Gruppe hatte sogar versucht, einen kompletten, frischen Baum als ganzes zu verbrennen. Sie hatten ihn einfach direkt neben sich mit einer stumpfen Axt und sehr viel Aggression gefällt und so wie er war aufs Lagerfeuer gelegt. Die Spuren verrieten, dass dies genau den Effekt hatte, den man hätte erwarten können: Der Baum erstickte das Feuer, es wurde kalt und mückig und die Truppe verschwand. Zu Gast beim Pfarrer Als wir Callender erreichten waren wir nicht nur komplett durchnässt, sondern auch rechtschaffen fertig. Für den ersten Moment sah es dennoch so aus, als erwarte uns noch eine weitere anstrengende Etappe und eine Nacht im Zelt. Denn wieder waren wir in einem Touristenparadies angelandet und hatten keine Ahnung, wie wir einen Platz zum Schlafen auftreiben sollten. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten erreichte ich dann jedoch einen katholischen Pfarrer, der uns nicht nur den Gemeindesaal seiner Kapelle sondern auch noch ein Italienisches Abendessen spendierte. Wir aßen gemeinsam in seiner Wohnung und fühlten uns dabei wirklich ein bisschen an unsere Zeit in Italien zurück erinnert. Für jeden von uns gab es eine Pizza und einen Teller Pasta vom Italiener an der Ecke. Der Pfarrer war spendabel und kam dabei am Ende billiger weg, als wenn er alleine gegessen hätte. Denn nachdem der italienische Koch hörte, dass die Bestellung für den Pfarrer und zwei Wandermönche war, sagte er zum Thema Rechnung nur: „Für den Herren!“ und servierte alles aufs Haus.
 
Spruch des Tages: Pfarrer zu sein hat auch gewisse Vorzüge.
Höhenmeter: 315 m
Tagesetappe: 28 km
Gesamtstrecke: 23.984,27 km
Wetter: Bedeckt aber nicht allzu kalt
Etappenziel: Kirche, Carradale, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:36:34


Tag 1290: Unsere Erfahrungen mit dem West Highland Way

Manchmal ist man Abseits der Wege doch besser aufg

08.07.2017 Es klang nach einem ganz hervorragenden Plan, als wir das erste Mal davon hörten: Genau in Milngavie, dem Ort, in dem Shania ihre Heimreise antreten sollte, beginnt ein Fernwanderweg, der mitten durch die Highlands hinauf in den Norden führt. Das war doch wie für uns geschaffen! Insbesondere, da dieses Schottland nach allem was wir bislang herausfinden konnten, ansonsten nahezu unbereisbar war. Es mochte vielleicht stimmen, dass der Norden Schottlands nur noch 3% der Einwohner von ganz England beherbergte, doch das bedeutete leider nicht, dass hier auch nur 3% der üblichen Autos fahren. Denn dafür hat man hier ein ganz prächtiges System erschaffen, das dafür sorgt, dass man auch ohne eine Bevölkerung überall Autolärm haben kann. Je einsamer die Gegenden werden, desto weniger Straßen existieren, so dass man das Fahrzeugaufkommen stets konstant hoch halten kann. Und mit wenig existierenden Straßen meine ich, dass es in den Highlands nahezu nur Hauptstraßen gibt, von denen uns sogar Einheimischen der Meinung sind, dass man sich nicht in ihrer Nähe aufhalten sollte. Nahezu alle Nebenstraßen und Feldwege, die es hier noch gibt, enden irgendwo mitten in einem Tal und helfen somit nicht im geringsten weiter. Der West Highland Way schien also die perfekte Alternative zu sein, um doch noch einigermaßen human durch die Highlands wandern zu können. Leider waren wir nicht die einzigen, die auf diese Idee kamen. Tatsächlich ist der West Highland Way sogar der beliebteste und berühmteste Wanderweg in Schottland. Er ist so berühmt, dass es hier in etwa so zu geht, wie auf dem Hauptjakobsweg in Spanien. Die Pilger wandern hier im Abstand von rund 60 Metern. Nachdem wir nun auf 3 Monate in Großbritannien insgesamt drei andere Wanderer getroffen haben, starrten wir nun nur noch auf Rucksäcke und Wanderschuhe. Es dauerte keine zehn Meter, bis die Überzeugung in uns wuchs, dass dies für uns definitiv der falsche Ort war. Nicht das wir etwas gegen die Menschen hatten, aber wir spürten deutlich, dass es längst nicht mehr unsere Welt war. Jeder, der an uns vorbeiwanderte oder den wir überholten, befand sich hier, weil er eine Woche lang aus seinem Alltagsleben ausbrechen wollte. Da waren die jugendlichen Partytrupps, die aufbrachen um gemeinsam mit den Kumpels und einem Rucksack voller Bier ein Abenteuer zu erleben, das sie zu echten Männern und wahren Helden machen würde. Dann waren da die Business-Leute, die den Stress aus sich herauslaufen und für ein paar Tage herunterkommen wollten. Dann gab es die Romantiker, die gemeinsam mit ihrem Partner aufgebrochen waren, um in trauter Zweisamkeit durch die schottischen Berge zu wandern. Und schließlich waren da natürlich noch die Partner-Suchenden, die aufgebrochen waren, um unterwegs Gleichgesinnte zu treffen, mit denen Sie ein Leben oder zumindest erst einmal ein Bett teilen konnten. Hinzu kamen junge Abenteurer, die hier ihre erste große Outdoorreise unternahmen. Letztere waren so ziemlich die einzigen, die ihr Gepäck am Körper trugen und nicht mit dem offiziellen Liferservice in die nächste Pension schicken ließen. Ihre Rucksäcke zu sehen, erinnerte uns an unsere eigenen Anfänge und daran, wie lange es dauert, um erst einmal ein Gefühl dafür zu bekommen, was man unterwegs braucht und wie man es verstauen muss, damit man nicht bereits nach den ersten zehn Metern die Lust verliert. Mit all den herumbaumelnden Wasserflaschen und Ersatzschuhen, den Umständlich festgeschnallten Isomatten, Erste Hilfe Sets, Jacken und Schlafsäcken, die aufgrund von Platzmangel außen auf den Rucksack gebunden wurden, gaben sie durchaus ein recht lustiges und sympathisches Bild ab. All diese Leute waren jedoch mit einer ganz anderen Motivation und Stimmung unterwegs, als wir. Sie waren hier um Geselligkeit zu finden, wollten sich unterhalten, wollten feiern, die ablenken, die Zeit vertreiben. Wir hingegen wollten nach den letzten doch sehr vollen Tagen vor allem unsere Ruhe. Wir wollten keine Smalltalkgespräche führen und keine flüchtigen Bekanntschaften machen und dies steckte so sehr in uns drin, dass wir sogar automatisch zu flüstern begannen, wenn wir merkten, dass Deutsche in der Nähe waren, um bloß keinen Grund für einen Gesprächseinstieg zu liefern. Der Weg selbst erinnerte uns ebenfalls sehr stark an den Jakobsweg mit allen Vor- und Nachteilen. Er verlief zunächst abseits der Straße und folgte einer ehemaligen Bahnlinie. Das hätte er auf den ersten Kilometern durchgehend tun können, aber dann wäre er kein richtiger Fernwanderweg gewesen. Ein echter Fernwanderweg führt nicht einfach geradeaus, so dass man bequem und angenehm auf ihm laufen kann. Er nimmt jeden Hügel, jeden Aussichtspunkt, jedes Tal und jeden unnötigen Schlenker mit, damit man das Gefühl bekommt, dass die Wanderung auch wirklich ein Abenteuer ist. Aus dem gleichen Grund darf auch der Bodenbelag nicht zu gut sein. Wo käme man da hin, wenn ein Weg eine Decke hätte, die für Wanderer und Radfahrer wirklich angenehm ist? Nein, es muss poltern, Steinig und ungemütlich sein, damit es den Anschein macht, als befände man sich wirklich in der Wildnis und nicht 300m von der nächsten Straße entfernt. Auf der anderen Seite hält das aber niemanden davon ab, den Weg links und rechts mit Zäunen einzufassen, damit auch ja kein Pilger irgendwo auf einen Privatgrund treten könnte. Am Ende würde noch jemand ein Picknick an einem Platz machen, an dem es nicht vorgesehen ist! Oder noch schlimmer: Er würde irgendwo sein Zelt aufbauen, wo niemand dran verdienen kann. Die Plätze, an denen dies möglich war, waren äußerst begrenzt und beliefen sich hauptsächlich auf einige Buchten neben dem Weg. Tatsächlich machte es den Eindruck, als würden die Wanderer hier in all ihren Handlungen von vorne bis hinten geleitet und gesteuert. Heiko erinnerte sich an seine Zeit im Nationalpark Bayrischer Wald, in der es einmal genau um dieses Thema gegangen war. Er hatte an einer Planungssitzung teilgenommen, bei der besprochen wurde, wie die Touristen durch den Park geleitet werden sollten. Es wurde alles festgelegt, angefangen bei der Wegführung, bis hin zu dem Eindruck den ein Mensch von seinem Ausflug mit nach Hause nahm. Es war erschreckend, was in diesem Bereich alles möglich war. Wenn man es geschickt anging, konnte man damit nicht nur bestimmen, was ein Mensch sehen und hören konnte, sondern auch welche Schlüsse er daraus ziehen und mit welcher Meinung er am Ende gehen würde. Von seinem Kaufverhalten einmal ganz zu schweigen. Auch hier war es nicht anders. Wer diesen Weg ging, bekam ein Bild von Schottland vermittelt, das nichts mit dem Schottland zu tun hatte, das wir bislang kennengelernt hatten. Alles wirkte ein bisschen so, als hätte man eine Fassade links und rechts des Weges aufgebaut, die den Blick auf die wahre Natur des Landes verbergen sollte. Zumindest, was die ersten fünf oder sechs Kilometer anbelangte. Dann kamen wir in einen offeneren Bereich, der tatsächlich zu den schönsten Ecken des Landes zählte, den wir je gesehen hatten. Auf einer Hügelkuppe machten wir ein Picknick und beobachteten den Touristenstrom, der an uns vorüber zog aus sicherer Entfernung. Dann wandelte sich das Bild erneut und unser Weg führte den Großteil der übrigen Tagesetappe an einer Hauptstraße entlang. Ausgebaut oder gepflegt war er nun überhaupt nicht mehr. Teilweise bestand er aus nicht mehr als einem schmalen Trampelpfad inmitten von übermannshohen Herkulesstauden. Ich weiß nicht ob ihr die Pflanze kennt, die auch Riesenbärenklau genannt wird, aber sie ist hoch giftig und löst bei Hautkontakt Verbrennungen aus. Als Wanderwegbegrünung ist sie daher eher suboptimal. Langsam kam in uns die Frage auf, warum hier überhaupt jemand wanderte. Klar, der Weg war für hiesige Verhältnisse nicht schlecht gelegt, aber er war auch überhaupt nichts besonderes. Im Endeffekt wanderte man zwischen Zäunen und Hügeln umher, wie man es auf jedem Weg auf dieser Insel machte. Warum diese so berühmt geworden war, war uns ein Rätsel. Vielleicht wegen der vielen Pubs, Bars und Destillerien, die sich immer wieder in der Nähe befanden und einem die Möglichkeit gaben direkt neben der Hauptstraße einen Kaffee oder ein Bier zu trinken, bzw. einen Whisky zu kosten. Alles, was wir auf dem Weg erlebten, war jedoch nichts im Vergleich zu dem, was uns erwartete, als wir Dryman, das Etappenziel erreichten. Ich sag nur eins: Fatima war ein Dreck dagegen! Die Stadt, oder besser das Dorf hatte vielleicht 300 Einwohner, beherbergte aber weit mehr als das doppelte an Touristen, die sich alle auf einem einzigen, zentralen Platz tummelten. Egal wohin man sah, blickte man auf einen Pub, ein Hotel oder ein Restaurant. Und aus irgendeinem Grund herrschte hier ein Verkehrsaufkommen, dass mit dem Triumpfbogen in Paris konkurrieren konnte. Wir fühlten uns wie zwei Ameisen, die aus versehen in einen Termitenhügel geraten waren. Der Pfarrer in dessen Gemeindehaus wir letzte Nacht geschlafen hatten, hatte uns einen Kontakt zu einer Dame der hiesigen Kirche vermittelt, mit der wir bereits am Morgen telefoniert hatten. Die Kirche selbst und die dazugehörigen Räume standen uns hier aus „versicherungstechnischen“ Gründen leider nicht zur Verfügung. Auf der einen Seite konnten wir dies sogar ein bisschen nachvollziehen, wenn man bedachte, wie viel Partyvolk hier unterwegs war. Auf der anderen Seite war es aber auch schockierend zu erleben, dass wir Menschen nicht mehr differenzieren. Es gibt keinen Unterschied mehr, ob jemand eine Urlaubsreise macht, oder mit einem Projekt unterwegs ist und sich auf einem spirituellen Weg befindet. Wenn eine Kirche zu ist, ist sie zu. Unsere Ansprechpartnerin wollte dennoch nicht mit leeren Händen dastehen und vermittelte uns daher einen Platz in einem Bed&Breakfast. Das Angebot war lieb gemeint und ehrte sie zu tiefst, aber annehmen konnten wir es dennoch nicht. Denn die Pension bestand hauptsächlich aus einem Gruppenschlafraum mit 16 Betten und war somit eine Pilgerherberge, wie wir sie bereits am Jakobsweg so gut wie möglich vermieden hatten. Jetzt, mit all unseren Prozessen, mit unseren Arbeitsaufträgen, mit dem neuen Schlafrhythmus und dem sehnlichsten Wunsch nach Ruhe, Entspannung und Ausklang der letzten zwei Wochen, wirkte dieser Platz wie ein Käfig voll hungriger Wölfe auf uns. Wenn wir ehrlich waren, dann waren wir berets jetzt genervt und gestresst und das obwohl wir nahezu die einzigen Gäste waren, die sich bereits im Haus befanden. Wie also wollte es werden, wenn sich die Leute hier erst einmal tummelten? Während wir uns am Küchentisch auf einer Karte einen Neuen Plan erarbeiteten, kamen die ersten Gäste an. Die wenigen Gesprächsfetzen, die wir dabei aufschnappten reichten aus, um noch einmal ein tieferes Verständnis dafür zu bekommen, in was für einem Wahnsinn wir hier gelandet waren. „Wo finde ich denn meinen Koffer?“ war die erste Frage einer jungen Frau, die gerade mit ihrem Freund ankam. „Ist er pünktlich angeliefert worden?“ „Ja, er steht in Ihrem Zimmer!“ lautete die Antwort. „Wissen Sie schon, was Sie zum Abendessen machen wollen?“ „Ja, wir werden um 19:00 Uhr Essen gehen“, antwortete die junge Frau. „Oh, gab die Pensionsbesitzerin zu bedenken, „das dürfte schwierig werden, um diese Zeit einen Platz zu bekommen!“ „Keine Sorge! Wir haben reserviert!“ Die Frau hatte keinen Ton dazu gesagt, wo sie essen wollten. Das bedeutete, dass um 19:00 Uhr der komplette Ort ausgebucht war, trotz der großen Anzahl an Pubs und Restaurants. Was musste dann hier los sein? Wir machten uns Gedanken darüber, wie wir hier ohne Geld an Nahrung kommen wollten und alle anderen hatten Angst, dass sie selbst mit Geld hungrig ins Bett gehen mussten. Das klang nicht gerade vielversprechend. Ganz abgesehen davon, dass ein Restaurantaufenthalt zu dieser Zeit die Hölle sein musste. Die Grundidee war ja nicht verkehrt. Gemeinsam mit dem Partner eine romantische Wanderung machen, abends fein Essen gehen und dann sinnliche Zweisamkeit im Hotelzimmer erleben. Praktisch jedoch befand man sich auf einem Weg dicht gedrängt mit hunderten von anderen Pilgern, quetschte sich dann in ein überfülltes Restaurant und schlief am Abend mit 16 Fremden in einem Zimmer voller Stockbetten. Wo da die Romantik bleiben sollte war fraglich. Alles in allem war klar, dass wir diesen Weg so schnell wie möglich verlassen mussten. Für die Besitzerin der Pension und für die Dame von der Kirche war es nicht ganz leicht anzunehmen, dass wir nicht bleiben wollten, aber nach ein paar Erklärungen zu unserem Leben verstanden sie es. Vor allem an der Frau von der Kirche nagte das schlechte Gewissen, dass sie uns nicht einfach in den Pfarrsaal lassen konnte. Sie gab uns eine Tüte voller Essen mit und ließ uns schweren Herzens weiter in die Ungewissheit ziehen. Dann passierte etwas erstaunliches. Anstatt des Wanderweges schlugen wir nun einen Radweg ein, der wunderschön gelegen auf einer angenehmen kleinen Asphaltstraße durch das Hügelland führte. Er war bei weitem schöner und angenehmer zu gehen als der West Highland Way. Und doch befand sich hier kein einziger Mensch mehr. Es dauerte keinen Kilometer und wir waren vollkommen für uns alleine. Zum ersten Mal an diesem Tag fühlten wir uns beim Wandern richtig wohl. Jetzt konnten wir auch in Ruhe die frischen Erdbeeren genießen, die wir von der Kirchendame geschenkt bekommen hatten. War das nicht unendlich mal schöner, als ein voreservierter Platz in einem überfüllten Restaurant? Zwölf Kilometer weiter erreichten wir einen Ort, der in etwa die selbe Größe und einen ähnlichen Aufbau hatte, wie der letzte. Nur mit der Ausnahme, dass hier keine Hauptstraße hindurch führte. Dennoch gab es hier keinen einzigen Touristen und wir waren nicht einmal sicher, ob es hier jemals einen gegeben hatte. Wo man sich im letzten Ort sicher war, dass wir in Schottland niemals einen Platz in einer Kirche bekommen würden, war es hier lediglich eine Frage von fünf Minuten.
 
Spruch des Tages: Manchmal ist man Abseits der Wege doch besser aufgehoben
Höhenmeter: 425 m
Tagesetappe: 16 km
Gesamtstrecke: 23.956,27 km
Wetter: Bedeckt aber nicht allzu kalt
Etappenziel: Gemeindesaal, Skipness, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:35:55


Tag 1289: Shanias letzter Tag

Shania, komm bald wieder

07.07.2017 Die 14 Tage der gemeinsamen Zeit zu dritt neigen sich nun dem Ende entgegen. Das Tattoo ist vorerst fertig gestellt, darf nun einige Monate bis zu Shanias nächstem Besuch heilen und wird dann noch einmal nachgestochen. Die Themen, die wir uns vorgenommen haben, wurden bearbeitet, ein Plan für die Zukunft wurde erstellt und die Rückreise nach Deutschland ist geplant. Blieb nun nur noch zu hoffen, dass wir in dem Ort, in dem Shania den Zug nach Manchester erwischen sollte, auch einen Schlafplatz bekamen. Schöne Wege durch unschöne Gegenden Das die Gegend zwischen Glasgow und Edinburgh nicht die schönste der Welt werden würde, war und klar gewesen und doch übertraf das was wir vorfanden all unsere Erwartungen. Rein optisch war es hier sogar gar nicht mal so übel. Der Weg, der unsere Startortschaft mit unserem Etappenziel verband, schlängelte sich an einem Kanal entlang führte über vier verschiedene Golfplätze und kam die meiste Zeit fast ohne Verkehr aus. Und doch konnte man die Wanderung kaum genießen, weil permanent irgendetwas den Frieden störte. Ob nun die Flugzeuge im Fünfminutentackt über uns hinweg flogen, ob die Golfplätze von Rasenmähern heimgesucht wurden, ob irgendeine Firma eine Lüftungsanlage verwendete, die alles im Umkreis von vier Kilometern beschallte oder ob der Wind den Straßenlärm von einer der vielen Hauptstraßen zu uns herüber wehte. Es gab, obwohl es idyllisch aussah, keine einzige Sekunde Ruhe an diesem Tag. Ist das nicht erschreckend? Ein paar Fragen kamen bei der Sache schon in uns auf. Wenn etwa alle 5 Minuten Flugzeuge hier in Glasgow ankommen dann macht das rund 300 Flugzeuge pro Tag. Was passiert mit all den Leuten, die darin sitzen? Ich meine Glasgow ist weder ein beliebtes Touristenziel noch hat es eine große wirtschaftliche Bedeutung. Was also motiviert so viele Menschen hier her zu fliegen. Man muss bedenken, dass Edinburgh ja auch schon wieder einen Flughafen hat. Der einzig erkennbare Grund, warum überhaupt jemand hier her flog war um Golf zu spielen. So wie es in anderen Gegenden in jedem Ort einen Bäcker oder einen Friedhof gibt, gibt es hier in jedem kleinen Dorf mindestens einen Golfplatz. Teilweise liegen sie so dicht, dass man aufpassen muss, dass man nicht aus versehen auf dem falschen weiterspielt, wenn man den Ball zu weit verzieht. Doch auch hier wieder stellte sich uns die Frage, warum es für jeden Spieler in Ordnung ist, sich bei so einem Elitesport mitten in einem Kriegsgebiet zu befinden. Man zahlt hier tatsächlich tausende von Pfund im Jahr um in Ruhe golfen zu gehen und dann fährt einem ununterbrochen ein Rasenmähermann direkt neben dem Ohr herum. Da muss man doch eigentlich eine Krise bekommen. Aber für die Menschen hier war das überhaupt kein Problem. Um das Risiko zu minimieren, dass wir doch noch irgendwo in diesem Lärmchaos zelten mussten, weil wir keinen Platz fanden aber wegen Shanias Zug auch nicht weiter gehen konnten, telefonierte ich am Mittag sämtliche Kirchen unserer Zielortschaft ab. Es waren immerhin sieben Stück für einen Ort mit nicht einmal 10.000 Menschen. Vier davon konnte ich erreichen und davon war gerade einmal ein Pfarrer bereit, nach einer Lösung zu suchen. Einen Schlafplatz hatten wir damit schon einmal sicher, jedoch mit dem Haken, dass wir erst um 19:00 Uhr hinein konnten. Leider entpuppte sich die Stadt wieder einmal als ein Ort, an dem man sich auf keinen Fall länger als 10 Minuten aufhalten wollte. Ich weiß nicht wie sie es geschafft haben, denn die Stadt selbst hatte eigentlich sogar das Potential richtig schön zu sein. Es gab eine Fußgängerzone, mehrere Parkanlagen und einige alte Gebäude, die durchaus sehenswert hätten sein können. Doch die Grundstimmung und der unbändige, allpräsente Lärm machten einen Aufenthalt hier zur wahren Tortour. Das härteste daran war jedoch, dass es keine Möglichkeit gab, sich irgendwo hin zurück zu ziehen. Denn von den sieben Kirchen waren alle fest verschlossen. Der einzige Ort, den man uns zunächst anbieten konnte war das sogenannte Friendship-House, ein kleiner, kirchlicher Treffpunkt mit Tee- und Kaffeeausschank in dem sich die alten Leute trafen, wenn ihnen langweilig war. Hier bekamen wir den sogenannten „Ruheraum“, der täglich um 11:00 Uhr für eine Gebetsrunde genutzt wurde. Ruheraum in diesem Fall bedeutete jedoch ein kleines Zimmer direkt über der Hauptstraße mit nahezu nicht existenten Fenstern, die einem das Gefühl gaben, direkt auf dem Mittelstreifen der Straße zu sitzen. Abgesehen davon, dass es hier nicht regnete, bot er keinen echten Vorteil gegenüber dem Bürgersteig und da das Haus um 16:00 Uhr bereits wieder schloss stand schnell fest, dass wir eine andere Lösung brauchten. Immerhin konnten wir unser Gepäck in der anliegenden Kirche unterstellen. Wir selbst durften uns nach 16:00 Uhr jedoch auch in der Kirche nicht aufhalten, da diese stets verschlossen bleiben musste. Heiko und Shania beschlossen, die Zeit für einen Spaziergang durch ein nahegelegenes Waldstück zu nutzen und ich machte mich auf die Suche nach einer sinnvolleren Alternative. Es war ein Wahnsinn! Wir wollten nun noch weniger als je zuvor. Nicht einmal einen Schlafplatz, sondern nur einen irgendwie gearteten Raum, der nicht vollkommen grauenhaft war, in dem wir uns für einige Stunden am Nachmittag aufhalten konnten. Und trotzdem schien es unmöglich. Vor drei Jahren in Spanien hatte es einige größere Städte gegeben, in denen ich genauso umherrgeirrt bin wie nun hier, doch damals hatte ich in Hotels angefragt, ob wir eine kostenlose Übernachtung bekommen könnten. Jetzt hatte ich einen umfangreichen Präsentationsordner mit mehr als 15 Presseartikeln und Referenzen und trotzdem war es unmöglich einen Raum für den Nachmittag zu bekommen. Nach einigen erfolglosen Versuchen bei den Schottischen Kirchen, deren Verantwortliche allesamt mit ihren Kirchenschlüsseln in den Urlaub gefahren zu sein schienen, klingelte ich an der Tür zum Katholischen Pfarramt. Eine Frau mittleren Alters öffnete und schaute mich etwas missmutig an. Dann kam die Höhe! Sagt mir diese Frau nicht allen Ernstes, dass wir uns in die Kirche nicht würden setzen können, da es aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt sei, diese zu öffnen und Besucher hereinzulassen, wenn kein Verantwortlicher der Kirche anwesend ist. Könnt ihr euch das Vorstellen? Es gibt hier Kirchen im Überfluss, aber wenn jemand beten möchte, dann muss er es zu hause oder auf der Straße tun, weil die Kirchen aus Sicherheitsgründen gesperrt sind. Warum hat man dieses Zeug dann überhaupt? Kurz war ich überlegt, eine Grundsatzdiskussion mit ihr anzufangen, doch dann erinnerte ich mich wieder daran, was Heiko gestern über die Ablenkungen gesagt hatte. Diese Frau und ihre Argumente waren genau der Köder, den ich normalerweise schluckte um mich selbst an den Haken der sinnlosen Zeitverschwendung zu hängen und dann mit leeren Händen weiter ziehen zu müssen. „Kann ich bitte mit dem Pfarrer persönlich sprechen?“ fragte ich daher nur und stand kurz darauf einem freundlichen, grauhaarigen Herren gegenüber. Obwohl seine Sekretärin, was die rechtliche Lage betraf durchaus Recht hatte, schämte er sich zu tiefst für diese Aussage und war mehr als nur einverstanden, uns in die Kirche zu lassen. Dabei erzählte er mir auch einiges über die Hintergründe, die zu dieser Politik der geschlossenen Kirchen geführt hatten. In seinen ersten Jahren als Pfarrer waren alle Kirchen stets offen gewesen, doch dann hatte es immer wieder einige Übergriffe von frustrierten und gewaltbereiten Jugendlichen gegeben. Der Gipfel, den er selbst miterlebt hatte war, dass eine Gruppe Teenager Molotowcocktails in die Kirche geworfen hatten um zu sehen, was passiert. Er selbst hatte auch diesen Überfall nicht als Anlass gesehen, die Kirche zu verschließen, doch kurze Zeit später hatte er von der Polizei offiziell die Order bekommen, das von nun an alle Kirchen verschlossen sein mussten. Obwohl er als Pfarrer die ranghöchste Person in Sachen Kirche war, durfte er von nun an nicht einmal mehr über seine eigenen Gebäude entscheiden. Kurz vor 19:00 durchquerten wir die Stadt dann ein weiteres Mal um zu unserem Schlafplatz zu gelangen. Die Kirche war mit Abstand die hässlichste der Stadt und es war schon fast etwas Klischeehaft, dass es wieder genau diese war, die uns letztlich aufnahm. Leider gibt es auch hier nun in jedem Raum irgendeinen Apparat, der brummt, surrt oder Pfeift und da es keine richtigen Türen gibt, herrscht ein dumpfer, matter Hintergrund-Sound, der niemals aufhört. Abgesehen davon, ist der Platz aber nicht verkehrt. Er hat diesen besonderen Charme, kompletten verfallenen und man fühlt sich permanent wie in einer Zombie-Apokalypse aber es war ein Platz und wir bekamen sogar noch eine Lasagne dazu.
 
Spruch des Tages: Shania, komm bald wieder, ...
Höhenmeter: 240 m
Tagesetappe: 26 km
Gesamtstrecke: 23.940,27 km
Wetter: Windig, Regnerisch, Ungemütlich
Etappenziel: Kirche, Tarbert, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:35:05


Tag 1288: Ordnung ins Chaos bringen

Um Ordnung schaffen zu können, muss man manchmal e

06.07.2017 Gestern hatten wir ja bereits einen Ausblick auf das bekommen, was wir heute durchwandern durften. Von einem Hügel aus hatten wir in einen beeindruckenden Blick in eine weite Ebene, in der es nichts anderes gab als Häuser, Hallen, Straßen und Fabriken. Jetzt befanden wir uns mitten in dieser Ebene. Schön war das natürlich nicht, doch es gelang uns erstaunlich gut, uns so hindurchzuschlängeln, dass wir die Hauptstraßen und die besonders unangenehmen Bereiche vermieden. Fast überall gab es Fahrradwege und kleinere oder größere Stadtparks in denen man dem Verkehr und dem Großstadtwahnsinn ausweichen konnte. Wir konnten sogar eine Picknickpause einlegen, in der wir nur von einer einzigen Straße und dem statischen Brummen einer einzigen Fabrikanlage gestört wurden. Das war ja fast schon harmonisch! Konzentrationsschwäche Auf dem Weg durch den Wahnsinn machte ich eine Übung zum Thema Konzentrationssteigerung, von der ich kurz zuvor gelesen hatte. Sie war so einfach, dass ich sie zunächst als lächerlich empfand und mir nicht einmal vorstellen konnte, wie sie bei der Steigerung der Konzentration helfen sollte. Die Übung lautete: „Schritte zählen“ und war damit bereits vollständig erklärt. „Zählen Sie beim Wandern, Spazierengehen oder Joggen Ihre Schritte.“ Kein Thema dachte ich und weil es mir auf diese Weise doch ein bisschen zu einfach erschien, fügte ich ein paar kleine Zusatzregeln hinzu: Ziel war es, einmal am Stück 500 Schritte zu zählen, ohne dabei einen Fehler zu machen. Wenn man einen Fehler machte, sich also verzählte, aus dem Takt kam, sich beim Denken der Zahl verhaspelte oder ähnliches, musste von vorne begonnen werden. Das Ergebnis war erschreckend! Ich schaffte es nicht einmal für hundert Schritte so im Fokus zu bleiben, dass ich mich nicht verhaspelte oder verzählte. Meistens kam ich fehlerfrei bis 60 oder 70 und machte dann Dinge wie „79, 90“ oder „dreiensiebzig, viernsiebzig, fünfnsieblirsng, verdammt!“ Gott, das erklärte natürlich einiges! Wenn ich nicht einmal ein paar Zahlen aneinander Reihen konnte, ohne komplett aus dem Konzept zu kommen, wie wollte ich dann den Fokus halten, wenn ich beispielsweise etwas visualisierte oder einen komplexen Sachverhalt im Kopf vorstrukturierte, um ihn klar und Zielführend niederschreiben zu können? Offensichtlich gab es hier noch viel für mich zu lernen! Heilung durch zweifelsfreien Glauben Bei unserer Pause im Park war es mir gelungen, einen Pfarrer telefonisch zu erreichen, der uns einen Schlafplatz zusicherte. Als wir zweieinhalb Stunden später sein Kirche erreichten, wartete er bereits auf uns. Er kochte uns einen Tee und wir saßen für einige Zeit in einem Besprechungsraum zusammen, um uns auszutauschen. Dabei lernten wir auch einen Mann kennen, der gerade dabei war, einen Fehler im Stromnetz auszumerzen. Als man die Kirche und das angegliederte Gemeindezentrum gebaut hatte, hatte man sich mit einem Plus- und einem Minus-Pol in der Stromversorgung zufrieden gegeben. Nun aufgefallen, dass es keine Erdung gab und dass dies ein Sicherheitsrisiko darstellte. Das Erdungskabel in allen Räumen in jeder Steckdose zu verlegen wäre zu aufwendig gewesen, aber man konnte es immerhin vom Hauptverteiler aus einbauen. Nicht dass dies etwas gebracht hätte, aber es beruhigte das Gewissen der Verantwortlichen. Wie sich zeigte, war der Elektriker ein weitaus spirituellerer Mann als der Pfarrer und das nicht nur, weil er täglich mit fließenden Energien arbeitete. Er erzählte uns, dass er vor einiger Zeit ein Schlüsselerlebnis hatte, das ihn sehr stark beschäftigte und teilweise kaum mehr los ließ. Irgendwie war er einmal durch Zufall an eine Übungsgruppe für Geistheilung und spirituelle Praxis geraten, die ihn irgendwie fasziniert hatte. Zuvor hatte er mit diesen Themen nicht viel anfangen können und dass er sich überhaupt dafür interessierte war ihm zunächst so unangenehm und peinlich, dass er nicht einmal seiner Frau davon erzählte. Es ging darum, eine energetische Verbindung zum göttlichen aufzubauen und die kosmische Energie durch sich hindurchströmen zu lassen. Er selbst empfand dabei zunächst einmal gar nichts, außer vielleicht etwas Fremdscham für die anderen Teilnehmer, die in ihren Empfindungen ein bisschen übertrieben und theatralisch zu sein schienen, so dass es mehr nach Hokuspokus als nach einem echten Kontakt aussah. Etwas enttäuscht ging er wieder nach hause, wobei ihn zwei unterschiedliche Gefühle begleiteten. Auf der einen Seite empfand er das, was dort geschehen war zu großen Teilen als unauthentisch und hatte das Gefühl, dass dies nicht der Weg war. Zum anderen spürte er nun aber deutlich, dass es da etwas gab, wenngleich er nicht sagen konnte, was es war. Ein oder zwei Tage später hatte er einen heftigen Sturz mit dem Fahrrad, wobei er sich den kompletten Unterkiefer aufschlug. Sein Kinn blutete wie verrückt und tropfte auch sein Hemd voll, doch er wollte damit weder zum Arzt noch ins Krankenhaus. Stattdessen fuhr er nach hause, legte sich selbst einen verband an und ging ins Bett, ehe seine Frau ihn auch nur zu Gesicht bekam. Vor dem Einschlafen erinnerte er sich an die Übungen aus seinem Heilungskurs und versuchte, sein Kinn im gesunden Zustand zu visualisieren. Zunächst verfiel er in einen Dämmerschlaf, dann war er ganz weg. Am nächsten morgen löste er den Verband von seinem Kinn, um sich das Desaster noch einmal in Ruhe zu betrachten. Doch es gab keines. Wo am Vortag noch eine klaffende Platzwunde zu sehen gewesen war, hatte er nun nicht einmal mehr eine Narbe. Sein Hemd und auch der Verband waren noch voller Blut, aber sein Körper zeigte keine Spuren mehr von der Stelle, aus der es geflossen war. Seit diesem Moment war es nicht mehr ein Gefühl, dass es da mehr gab, sondern eine Gewissheit. Ordnung ins Chaos bringen Doch was als Wunder begonnen hatte, wurde nun schnell zur Belastung, denn er hatte das Gefühl, dass Gott ihm, nun da sie eine Verbindung hatten, vor allem Negatives schenkte. Es war, als würde er nur noch Chaos und Unordnung in sein Leben bringen und als hätte er keine Chance mehr, sich davon wieder abzuwenden. Er hatte einmal die Augen geöffnet und egal ob ihm gefiel was er sah oder nicht, er konnte sie nicht mehr schließen. Bei diesen Worten war er den Tränen nahe und man konnte die Trauer und die Verzweiflung in seiner Stimme hören. Ich kannte das Gefühl. „Die Phase, in der du dich befindest kenne ich gut,“ sagte ich, „denn darin befinde ich mich auch gerade. Es fühlt sich oft schwer und entmutigend an, aber es ist eine wichtige Phase und sie ist bereits Teil der Heilung. Du hast gehofft, dass Gott, wenn du dich mit ihm verbindest, Klarheit in dein Leben bringt und dir hilft, deine Gefühle und Erlebnisse zu ordnen, so dass du in deine Kraft kommst und nun hast du das Gefühl, dass alles nur noch schlimmer ist als zuvor und dass du immer weniger verstehst, wer oder was du eigentlich bist. Das ist ganz natürlich. Du musst dir das ein bisschen so vorstellen, wie wenn du dein Werkzeug in deiner Werkstatt aufräumst. Dein Leben lang hast du immer nur alles irgendwo in eine Schublade geworfen und nicht einmal darüber nachgedacht, dass es hier vielleicht ein sinnvolles System geben könnte. Nun hast du Gott getroffen, der dir gezeigt hat, dass eine Werkstatt auch ordentlich und schön eingerichtet sein kann, so dass man effektiv und entspannt in ihr arbeiten kann. Zuvor hast du nicht gewusst, dass du im Chaos versinkst, da es dir normal vorkam, aber nun merkst du es uns spürst es daher in jeder Sekunde. Das ist der erste Punkt, der dich fertig macht. Der Zweite ist jedoch noch etwas stärker. Denn du hast nun erwartet, dass Gott alles für dich aufräumt und dafür sorgt, dass du Lichts ins Dunkel deiner Werkstatt bringst und stattdessen wird das Chaos immer schlimmer und schlimmer und du weißt nicht warum. Aber es ist ganz einfach und auch absolut notwendig, dass es so ist. Denn solange sich dein Gerümpel irgendwo in den Schränken und Schubladen versteckt befindet, kannst du es nicht aufräumen. Es muss erst einmal ans Tageslicht kommen und hier gesichtet werden. Das heißt, das was du gerade erlebst ist, wie Gott all deine Schranktüren aufreißt und das Chaos darin über dem Boden verteilt. Dadurch glaubst du nun natürlich überhaupt kein Bein mehr an den Boden zu bekommen was ja zum Teil auch stimmt. Aber es ist keine Verschlechterung, sondern ein Teil des Aufräumens. Nur das, was sichtbar am Boden liegt kann auch sortiert, geordnet und strukturiert werden. Nur bei diesen Dingen kannst du feststellen, was du noch benötigst und was weggeworfen, also losgelassen werden kann. Es dauert eine Weile und es sieht schlimm aus, aber nun kannst du wirklich aufräumen und Schritt für Schritt an den Punkt gelangen, an dem du deine Werkstatt genau so hast, wie sie sein soll, damit du optimal und in Freude darin arbeiten kannst!“
 
Spruch des Tages: Um Ordnung schaffen zu können, muss man manchmal erst alles auf dem Boden verteilen.
Höhenmeter: 160 m
Tagesetappe: 17 km
Gesamtstrecke: 23.914,27 km
Wetter: Windig, Regnerisch, Ungemütlich
Etappenziel: Karavan im Port Bàn Holiday Park, Coulaghailtro, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:18:16


Tag 1287: Das Dharma von Franz

Mein Weg ist der Weg der Mitte

Fortsetzung von Tag 1286: Auch bei meinem Dharma kam ich ein gutes Stück weiter, obwohl ich es noch nicht so klar sehen kann, wie das von Shania. Dabei war ebenfalls zunächst einer meiner Ahnen der Fährtengeber, der mich auf die richtige Spur brachte. In meinem Fall war es mein Opa, der kurz vor Beginn unserer Reise gestorben war und in vielerlei Hinsicht ähnliche Vorstellungen vom Leben hatte wie ich. Auch in seinem Fall waren es die Beziehungen zu Frauen gewesen, die ihn immer wieder von seinem Weg abgebracht und ihn in Situationen festgehalten hatten, in die er nie hatte geraten wollen. Auch wenn er anders als ich fast immer in Beziehungen steckte, fand er darin jedoch nie Erfüllung oder Zufriedenheit. Er war in gewisser Weise für mich ein Spiegel, der mir zeigte, was passieren würde, wenn ich ich nicht auf mein Leben als Mönch einließ. Oder besser: Er hatte versucht, sein Dharma ohne diesen Weg zu erfüllen, hatte es aber nicht geschafft und die Aufgabe daher an mich weiter gegeben. Der Kernschlüssel lag auch bei mir in der Polarität zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, nur auf eine ganz andere Art und Weise, als es bei Shania der Fall war. Während sie lernen musste, sich ganz in die Rolle der weiblichen Kraft fallen zu lassen, bestand meine Aufgabe darin, beide Kräfte in mir zu vereinen. Mein ganzes Leben lang hatte ich erfolglos versucht, männlich zu werden, doch dies war offenbar gar nicht meine Aufgabe. Jetzt im Nachhinein frage ich mich sogar ein bisschen, wie ich je auf diese Idee gekommen war. Ich hatte mich nie dementsprechend gefühlt sondern war stets ein Vermittler zwischen beiden Geschlechtern gewesen. Als Kind und auch später in der Uni hatte ich fast ausschließlich weibliche Freunde gehabt und seltsamer weise fühlte ich mich zumeist am wohlsten, wenn ich mit Paaren umgeben war. Die meisten Menschen fühlen sich wie ein fünftes Rad am Wagen, wenn Sie als Single mit einem Paar zusammen sind. Ich hingegen hatte dies immer als eher entspannt und angenehm wahrgenommen. So wie es nun aussah, bestand mein Dharma auch nicht darin, einen der beiden Pole zu verkörpern, sondern darin, die Harmonie zwischen beiden herzustellen und auf diese Weise den Rahmen zu schaffen, so dass sich jeder vollständig in seine Kraft fallen lassen kann. Anders als bei Heiko, der vor allem männliche Energie in sich trug und als bei Shania, die zwar aufgrund der Filme stets versucht hatte ihre Weiblichkeit zu verdrängen und ein Neutrum oder ein Junge zu werden, jedoch stets am äußeren Ende der Weiblichkeitsskala zuhause war, vereinte ich beide Kräfte fast zu gleichen Teilen in mir. Und genau darin bestand auch meine Stärke und meine Aufgabe. Doch anders als Shania, die stets angehalten wurde, ihre Weiblichkeit aufzugeben und neutral zu werden, hatten meine Filme mich stets dazu aufgefordert, eine Männlichkeit vorzutäuschen oder ihr nachzueifern, obwohl ich kein Gefühl dazu hatte. Und je mehr ich es versuchte, desto unauthentischer wirkte es. Was ja auch kein Wunder ist, wenn es nichts mit mir zu tun hat und einfach nicht mein Weg ist. Unsere Reise selbst verlief heute reibungslos und auch das Ankommen war ein Kinderspiel. Im Ort gab es eine Kirche mit einer großen Gemeindehalle und nicht weit entfernt wohnte ein Mann, der dafür den Schlüssel hatte. “Naja,” sagte er aug meine Frage hin, “Alle, die für unsere Kirche verantwortlich sind, sind im Urlaub, also werde ich die Entscheidung wohl alleine treffen müssen! Dann sage ich einfach mal “Ja!” Und schließe euch auf!” Später kam er noch einmal mit einer großen Tüte Essen vorbei. Ansonsten sahen wir den Rest des Tages niemanden mehr.
 
Spruch des Tages: Mein Weg ist der Weg der Mitte
Höhenmeter: 630 m
Tagesetappe: 42 km
Gesamtstrecke: 23.897,27 km
Wetter: Sonnig und warm, abends leichter Regen
Etappenziel: Kirche, Achahoish, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:17:31


Tag 1286: Shanias Dharma

The map is not the teretory.

Fortpflanzung von Tag 1285: Beginnen wir jedoch mit Shania. Sie selbst hatte aufgrund verschiedener Ängste noch im Bauch ihrer Mutter beschlossen, kein echtes Mädchen zu werden, da sich der Vater einen Sohn gewünscht hatte. Ihr Körper wurde war weiblich, doch darüber hinaus versuchte sie stets unbewusst ein Junge zu sein und lehnte ihre eigene Weiblichkeit bis heute ab. Ihr Onkel vor ihr hatte das gleiche Thema gehabt, nur war er noch einen Schritt weiter gegangen und hatte sogar den Körper eines Mannes angenommen, obwohl er eigentlich von der Seele her eine Frau war. Das Thema „Weiblichkeit“ war also nicht nur ein offenes Lebensthema, das man vielleicht irgendwann einmal angehen sollte. Es zog sich als zentraler roter Faden durch das Leben von Shania wie auch ihrer Ahnen. Es war nicht ein Thema, es war DAS Thema. Was aber bedeutete dies? Was ist überhaupt Weiblichkeit? Alles im Universum bewegt sich zwischen zwei Polen, die gemeinsam eine Spannung erzeugen, die das Leben entstehen lässt. Alles ist Liebe und Liebe ist nichts anderes als reine Energie. Damit Energie fließen kann, braucht es stets einen Plus- und einen Minuspol, zwischen denen es ein Gefälle gibt. Es ist wie beim elektrischen Strom: Jedes Metall hat Elektroden in sich, die potentiell fließender Strom sein könnten, doch ohne Pole fließt nichts also gibt es auch keine spürbare, lebendige Energie. Diese beiden Pole, die die Liebesenergie in Bewegung halten und somit jede Form von Leben und Sein erzeugen, sind Männlichkeit und Weiblichkeit. Das Männliche Prinzip ist dabei der Minuspol, also derjenige, der Energie abgibt. Es ist das schöpferische, gestalterische Prinzip, das neue Impulse setzt. Das Männliche ist stets der Samen, in dem die Kraft für etwas Neues steckt. Das Weibliche hingegen ist das annehmende, zulassende Prinzip, das die Energie des Männlichen auf nimmt und ihm eine Form gibt. Es ist der Nährboden, damit das, was der Mann durch seine Schöpferkraft in die Welt setzt auch wachsen und gedeihen kann. Ohne den Nährboden des Weiblichen bleibt der männliche Samen stets ein Samen, der irgendwann verdorrt und verfällt, ohne je gelebt zu haben. Ohne den männlichen Samen bleibt der weibliche Nährboden eine trockene, karge und tote Wüste. Nur gemeinsam können sie Leben erschaffen. Damit die volle Lebenskraft entstehen kann, müssen Mann und Frau jedoch eine perfekte, in einander verschmolzene Einheit bilden, bei der sie sich blind vertrauen. Der Mann muss der Frau vertrauen, dass er ihr seine Schöpfungen in den Schoß legen kann und dass sie diese genau so in die Welt bringt, wie er es vorgesehen hat. Die Frau hingegen muss dem Mann vertrauen, dass sie stets den Impuls von ihm bekommt, den sie ohne einen Funken der Anpassung auf die Welt bringen kann, da er zum Wohle aller ist. Es ist ein bisschen wie beim Online-Shopping. Der Mann ist derjenige, der sich im Internet aussucht, was gekauft werden soll und der diese Bestellung dann abschickt. Die Frau ist die Postbotin, die das Paket genau nach der Bestellung des Mannes abliefert. Leider gibt es dieses Vertrauen und dieses harmonische Zusammenspiel heute fast nicht mehr und somit versucht jeder in das Handwerk des anderen Hineinzupfuschen. Der Mann versucht die Frau und damit auch den Prozess des Zulassens zu kontrollieren. Er bestellt nicht mehr einfach nur, er rennt danach zum Lagerhaus und versucht entweder, den Zustellern zu zeigen, wie sie ihren Job machen sollen, oder will das Paket gleich ganz an sich reißen und damit nach Hause rennen. Oder aber er glaubt nicht einmal mehr daran, dass das Paket wirklich zugestellt wird, verschließt seine Tür vor den Boten und ärgert sich, dass nie etwas von dem bei ihm ankommt, das er haben möchte. Andersherum versucht die Frau den Mann beim Bestellen zu beeinflussen und die Kontrolle über die Art des gelieferten Pakets zu übernehmen. Klar hat der Mann eine Hose bestellt, aber ich glaube, dass er mit einem Paar Socken besser bedient wäre. In den alten Schriften wie beispielsweise der Bibel wird dieses Zusammenspiel bereits sehr klar und deutlich beschrieben. Es heißt dort stets: „Sie trug sein Kind unter dem Herzen!“ Nicht: „Sie trug ihr gemeinsames Kind unter dem Herzen!“ sondern „sein Kind“ Im Rahmen der feministischen Bewegung und der zunehmenden Gleichschaltung von Mann und Frau ist es für uns heute extrem schwierig geworden, das alte System der Verschmelzung als etwas positives anzusehen. Wir empfinden es als ungerecht, dass der Mann bestimmen dürfen soll, während die Frau einfach auszuführen hat. Wir legen hier eine Wertung in etwas hinein, das keine Wertung hat und dies nur, weil wir verlernt haben zu vertrauen. Ist es ungerecht, dass eine Blüte, keine Kontrolle darüber hat, mit was für Pollen sie bestäubt wird? Wann immer sich Heiko und Shania mit der Art ihrer Beziehung befassten, tauchte das Element des Sklaventums auf, das hierbei jedoch keinen negativen, sondern einen bereichernden und für beide Seiten befreienden Beigeschmack hatte. Es ging um das Wechselspiel zwischen Dominant und Devot, zwischen Vorgeben und Annehmen also letztlich zwischen Männlich und Weiblich in der ursprünglichen, energetischen Form. Unter diesem Aspekt ergab die zunächst etwas abstrakt wirkende Form der Beziehung nun noch einmal einen tieferen Sinn. Es ging darum, als zwei Seiten einer Medaille miteinander zu verschmelzen und zu einem einzigen Schöpfungsprinzip zu werden. Heiko war die männliche Kraft des Erschaffens, der all seine Impulse vertrauensvoll in Shanias Hände legte. Und Shania war die weibliche Kraft des Zulassens, die vertrauensvoll ins Leben brachte, was immer ihr Heiko auch auftrug. Doch genau an dieser Stelle stieß sie an ihre größte Blockade. Eine Blockade die so groß war, dass sie den Gedanken nicht einmal im Ansatz zulassen konnte. Wir verbrachten fast einen gesamten Nachmittag damit, hier mit ihr auf einen grünen Zweig zu kommen, sodass sie ihr Dharma erkennen und annehmen konnte.Sie hatte es so sehr ausgeschlossen, dass wir fast wahnsinnig wurden, bei dem Versuch, ihr auf die Sprünge zu helfen. Das Problem dabei war folgendes: Shania wusste, dass sie durch die Verwirrungsfilme eine ganze Reihe an Glaubenssätzen und Selbstbildern in sich trug, die alles andere als hilfreich waren. “Ich bin ein Opfer! Ich bin nichts wert! Wenn ich meine Weiblichkeit zeige, werde ich vergewaltigt! Niemand kann mich lieben! Ich werde immer nur benutzt und dann weggeworfen! Das Leben ist Leid, Verzicht und Schmerz! Ich bin dumm und kann nichts!” Dies uns vieles ähnliche mehr waren noch immer die Überzeugungen, die sie in sich trug. Auf der anderen Seite bestand ihr Dharma nun darin, eine Art Weihnachtsfrau zu werden, also alles wertungsfrei und unselektiert ins Leben zu bringen, was sich jemand wünschte. Und mit Wünschen waren hier nicht die aktiven, bewussten Wünsche gemeint, sondern die tiefsten Überzeugungen eines Menschen. Da alles eins ist, schloss sie dies natürlich auch selbst mit ein. Ihr Dharma und damit ihren Gottauftrag anzunehmen bedeutete für sie also, dass sie sich selbst all jenes erschaffen musste, das sie über sich selbst glaubte. Die göttliche Dharma-Shania würde der menschlichen also Vergewaltigungen, Verletzungen, Verluste, Schmerz, Leid, Verbannung und vieles mehr schenken, da dies ja in gewisser Weise auf ihrem Wunschzettel stand. Um das zu verhindern versuchte sie nun, ihr Dharma zu ändern oder umzumodeln, so dass sie es annehmen konnte, dabei die negativauswirkungen aber umging. Was war, wenn sie eine bewertende oder selektive Schöpfergötting wurde? Wenn sie also nicht alles erfüllte, was gewünscht, bzw. geglaubt wurde, sondern nur die Dinge, die sie für richtig und Positiv hielt? Der Gedanke klang im ersten Moment verlockend, entpuppte sich bei genauerer Betrachtung jedoch als Katastrophe. Nur Positives zu erfüllen würde bedeuten, dass niemand mehr Wegweiser oder Hinweisschilder bekam. Alles wäre eine Heiti-Teiti-Welt, in der es keine Dynamik und somit keine Leben und keien Liebesausdehnung mehr geben würde. Das konnte also schon einmal nicht das Ziel sein. Ebenso wenig war es aber eine Lösung, zu bewerten, wann jemand einen unangenehmen, schmerzhaften Wunsch erfüllt bekommen sollte und wann nicht. Wo zog man die Grenze? Wie erkannte man, ob etwas, das sich im ersten Moment negativ anfühle, am Ende nicht das größte Geschenk im Leben eines Menschen gewesen wäre? Shanias Lösung war daher, ihr Dharma gar nicht anzunehmen und weiterhin auf der Stufe der Filmschauspielerin zu bleiben, die noch immer glaubte, Heidi zu sein. Doch genau das war der Punkt. Die Lösung lag nicht darin, zu versuchen das Dharma zu ändern, denn dieses war unumstößlich und konnte nur angenommen werden, wie es war. Sie bestand darin, die Überzeugungen über sich selbst zu wandeln, so dass sie sich als Weihnachtsfrau kein Leid mehr zu schenken brauchte, weil es nicht mehr auf ihrem Wunschzettel stand. Damit dies gelingen konnte, brauchte sie natürlich die vollkommene Gewissheit dass sie nicht Heidi war, dass all diese Glaubenssätze nicht zutrafen und dass sie nichts von dem wirklich erlebt hatte, das sie erlebt zu haben glaubte. Ihr Verstand und ihre Seele waren davon bereits zu annähernd 100% überzeugt, doch ihr Körper glaubte zu 100% daran, dass alles real erlebt wurde. Dadurch schaffte er es auch, die beiden anderen Ebenen von Shania zumindest ein bisschen ins zweifeln zu bringen. Doch dieser Zweifel reichte aus, so dass sie ihr Dharma nicht annehmen konnte. Der wichtigste Schritt in dieser Richtung bestand also darin, die Fehlinformationen aus ihrem Körper, also aus dem muskulären Gedächtnis zu löschen und durch das Bewusstsein über die eigene Göttlichkeit zu ersetzen. Dafür war zunächst einmal die Meridian-Energie-Technik eine wichtige Hilfe. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: The map is not the teretory.
Höhenmeter: 280 m
Tagesetappe: 18 km
Gesamtstrecke: 23.855,27 km
Wetter: Sonnig und warm
Etappenziel: Kirche, Ford, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:16:52


Tag 1285: Gesprächsblockaden

ohne Worte

05.07.2017 Am Rande der Vollbesiedelung Heute erreichten wir den unteren Rand jenes Areals in Schottland, in dem sich der Löwenanteil der Bevölkerung konzentriert. Links von uns lag in knapp 30km Entfernung die Landeshauptstadt Glasgow und rechts von uns befand sich in etwa dem gleichen Abstand die zweitgrößte Stadt Edingburgh. Der gesamte Bereich dazwischen war ein Ballungsgebiet das aus lauter Kleinstädten bestand, die sich wie ein Mosaik zu einem großen Gesamtbild formierten. Gesprächsblockaden Während des Wanderns stießen wir heute auf ein zentrales Lebensthema von Shania, das mich aber ebenso betraf wie sie. Immer wenn Heiko ihr Fragen stellte, die etwas tiefer führten, als ein Gespräch über das Wetter oder über das Abendessen am Vortag, gerieht sie dabei ins Stocken und machte aus der Unterhaltung einen langgezogenen Kaugummi, den man kaum ertragen konnte. In gewisser Weise erinnerte sie mich dabei immer ein bisschen an Beppo, den Straßenkehrer aus dem Kinderbuch “Momo”, der über seine Antworten stets so lange nachdachte, dass seine Gesprächspartner entweder bereits wieder gegangen waren, oder die Frage längst vergessen hatten, wenn er mit der Antwort auf den Tisch kam. Bei Shania war es ähnlich, nur dass ihre Antworten in der Regel dann auch noch unbefriedigend, oberflächlich, interpretativ, ungenau, gefühllose oder schlichtweg falsch waren. Da rund 90% unserer Gepräche in dieser Tiefe verliefen, hatten wir und vor allem Heiko in den letzten Tagen einen Großteil der gemeinsamen Wanderzeit mit dem Warten auf die nächste Antwort verbracht. Zunächst war das für ihn in Ordnung gewesen, doch langsam war er davon so genervt, dass er die innere Spannung nicht mehr aushielt, uns seiner Unzufriedenheit Luft machen musste. Und hier kamen wir nun gleich auch zu meinem Thema. Sobald auch nur der Hauch einer Spannung oder das leiseste Gefühl von Disharmonie in der Luft lag, setzten sich in mir die gleichen Mechanismen in Kraft wie bei Shania und auch ich brachte keinen Ton mehr heraus, der nicht zuvor 27 Mal in meinem Kopf von links nach rechts gewendet wurde. Die Frage war also: Was war hier los? Beide, sowohl Shania als auch ich selbst waren durchaus in der Lage uns auszudrücken und spontane Antworten auf spontane Fragen zu liefern. Wir konnten auch Sachverhalte verständlich darlegen und klare Worte verwenden, die präziere ausdrückten, was wir ausdrücken wollten, ohne dass unnötig Platz für Interpretationen gelassen wurde. Warum also gelang es uns in all diesen Situationen nicht? Warum wurde es umso schwerer, je tiefer es ging und je mehr es sich dabei um uns selbst, um unsere Gefühle, Ängste und Lebensthemen ging? Warum waren unsere Gehirne in diesem Bereich wie leergepustet, so dass wir auf dem Schlauch standen und es uns einfach nicht gelingen wollte, auch nur ein sinnvolles Wort über die Lippen zu bringen? Passend zum Thema dauerte es lange, bis wir auf eine Lösung kamen. Dabei war sie eigentlich sehr einfach. Wir hatten stets das Gefühl, dass es sich um sehr schwere Fragen handelte, bei denen der Kopf krampfhaft nach der “richtigen” Antwort suchen musste. In Wirklichkeit jedoch kannten wir die Antwort bereit uns wussen sie ohne auch nur einen Moment zögern zu müssen rein intuitiv. Das Problem war nur, dass wir Angst vor dieser Antwort hatten, da sie uns offenbarte. Sie zeigte uns so wie wir waren, ohne Maske und ohne Beschönigung. Doch wir hatten das Gefühl, dass wir dieses wahre Ich nicht zeigen durften. Wir waren nicht richtig so wie wir waren, also würde man uns nicht mögen, wenn wir uns einfach so zeigten. Der Erfolg war, dass wir die einzig authentische, “richtige”, das heißt wahrhaftige Antwort, die aus unserem Herzen und aus unserer Intuition heraus kam, sofort ausschlossen und nicht mehr in Betracht zogen. Anschließend versuchten wir dann irgendwo anders in unserem Kopf eine bessere Antwort zu finden, was natürlich nicht möglich war. Wenn man nach dem Ergebnis von 2+2 gefragt wurde und 4 sofort als Antwort ausschloss, dann konnte man unendlich viele Zahlen im Kopf durchgehen und sich mehrere Leben mit der Suche nach einer Lösung beschäftigen, ohne jemals auf einen grünen Zweig zu kommen. Was immer wir also nach der Gedankenpause sagten, musste ein Gedankenkonstrukt sein, das uns nicht weiter brachte und das keienrlei Autenzität mehr enthielt. Darma finden: Wer sind wir wirklich? Ein perfektes Beispiel für diese blockierten Antworten in uns, war das Thema „Darma“ mit dem wir uns in den letzten gemeinsamen Tagen noch einmal intensiv auseinandersetzten. Wer waren wir wirklich? Was war unsere Lebensaufgabe? Was war der Sinn und der Grund für unser Leben? Worauf lief alles hinaus? Mit diesen Fragen hatten wir uns bereits unzählige Male beschäftigt und doch war ich noch immer weit davon entfernt, hier eine klare Antwort zu wissen. Auch hierbei ging es wieder um das gleiche Problem. Wir gingen die Fragen stets zu groß und zu intellektuell an und versuchten uns eine Antwort zu erdenken, anstatt sie aus dem Offensichtlichen heraus abzuleiten. Welches Darma hat ein Eichhörnchen? Niemand käme aus die Frage, hier eine große Sache draus zu machen, da die Antwort auf der Hand liegt: „Seine Lebensaufgabe ist es, ein Eichhörnchen zu sein, also ein quirliger, sportlicher Zeitgenosse, der fröhlich in den Wäldern herum hüpft, sich ein gemütliches Zuhause in den Bäumen baut und durch seine eigene Wintervorratspolitik den Bäumen und Sträuchern bei ihrer Fortpflanzung hilft. Das ist alles. Er muss nichts werden, das er nicht ist, muss nichts erreichen oder leisten. Er tut, was er eben tut und er ist, was er eben ist. Das ist sein Ziel! Das ist sein Darma. Wir hingegen glauben stets irgendetwas großes, besonderes Leisten oder Erschaffen zu müssen und suchen daher nach der einen grandiosen Sache, die wir in das Zentrum unseres Lebens stellen können. Und weil uns dies nicht gelingt und uns die Frage nach einem Sinn im Leben daher meist nur frustriert, suchen wir uns stattdessen eine Reihe von Ablenkungen, so dass wir uns überhaupt nicht mehr mit uns befassen müssen. Um nun jedoch auf eine befriedigende Antwort zu kommen, veranstalteten wir eine Art Spurensuche, mit der wir uns Stück für Stück näher an die Erkenntnis herantasten konnten ohne dabei in gedankliches Geschwafel abzurutschen. Zunächst einmal stellten wir uns die Frage, welche Ahnen uns Aufgaben und Eigenschaften mitgegeben hatten. Denn wenn wir wussten, wer uns seine Lebensaufgabe „vererbt“ hatte, dann konnten wir auch anhand seines Lebens erkennen, um welche Aufgabe es sich dabei wahrscheinlich handelte. In Shanias Fall war es einer ihrer Onkel, in meinem war es mein Großvater. Fortsetzung folgt...
 
Spruch des Tages: ohne Worte
Höhenmeter: 440 m
Tagesetappe: 24 km
Gesamtstrecke: 23.675,27 km
Wetter: Sonnig und warm
Etappenziel: Privathaus Dalavich, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:15:57


Tag 1284: Durch den Windpark

Langsam ergibt es ein Bild

04.07.2017 Die Pfarrerin, die uns unseren letzten Schlafplatz sowie ein edles Abendessen mit Lachs und Oliven ermöglicht hatte, versuchte auch uns für den heutigen Abend einen Platz vorzuorganisieren. Je mehr wir uns dem Norden von Schottland und gleichzeitig dem Ende von Shanias Besuchszeit bei uns näherten, desto wichtiger wurde es nun, dass wir ungefähr die Etappen einhielten, die wir uns vorgenommen hatten. Waren wir zu langsam, was dies kein Problem, da wir uns in einer stark besiedelten Region voller Bus- und Bahnverbindungen befanden. Waren wir hingegen zu schnell, würden wir zu früh in die Berge, bzw. die sogenannten „Low-Lands“ kommen, aus denen Shania kaum mehr einen Weg hinaus finden würde. Unser weg führte uns heute durch einen rund 10km langen Windpark, der angeblich für einen Großteil der Stromversorgung in dieser Region verantwortlich war. Ein Einheimischer erzählte uns später jedoch, dass Schottland seinen Strom vor allem aus Atomenergie bezog, der in mehreren Kernkraftwerken entlang der Küste produziert wurde. Die Windräder selbst waren wie so oft wieder einmal an beeindruckend winzige Kontrollhäuschen angeschlossen, von denen der Strom in geradezu niedlichen Leitungen zu einem kleinen Umspannwerk geleitet wurde.Obwohl auch heute ein starker Wind wehte, standen mehr als die Hälfte der Räder still und die meisten anderen drehten sich in einer Geschwindigkeit, bei der man ihnen die Schuhe hätte zubinden können. Räder, die sich wirklich frei und ungebremst drehen durften, um ihr volles Stromerzeugungspotential auszuschöpfen, konnte man an zwei Händen abzählen. Langsam fragten wir uns ernsthaft, ob diese Windenergie wirklich so effektiv war, wenn man sie auf diese Weise betrieb. Teilweise wirkte es fast, als könne man sogar Strom dadurch einsparen, wenn man den Windrädern einfach die Flügel abmontierte, denn dann konnte man sich die Kraft für die Bremsen sparen, mit denen sie permanent verlangsamt oder angehalten wurden. Die sind ja schließlich auch nicht billig, verbrauchen auch Ressourcen, müssen auch mit einem Energieaufwand hergestellt werden und werden schließlich noch elektronisch betrieben, nur um zu verhindern, dass hier zu viel Strom produziert wird. Ob das, was in dem Park am Ende an Strom gewonnen wurde, wohl für mehr reichte, als für die kleinen roten LEDs, die oben auf den Windrädern angebracht waren um Flugzeuge zu warnen? Ganz sicher war man sich da nicht. Der Ort, der unser Tagesziel wurde lag wie so viele andere auch direkt an einer Hauptstraße. Unsere Kirche befand sich jedoch in einem Tal, so dass man hier erstaunlicherweise nichts vom Straßenlärm hören konnte, auch wenn es nur 10 Meter weiter kaum auszuhalten war. Wie sich herausstellte, hatte unsere Pfarrerin Erfolg gehabt und tatsächlich alles für unsere Ankunft planen können. Leider hatte sie der Kösterin nicht gesagt, wann wir ankommen würden und so geriet diese leicht in Panik, weil wir früher vor den Kirchentüren standen, als sie es erwartet hatte. „Oh Gott, ich habe doch noch gar nichts vorbereitet!“ sagte sie immer wieder, „Es ist noch keine Heizung an, ich habe noch keinen Schlüssel und ich müsste eigentlich in meinem Laden sein und an der Kasse stehen! Ich hoffe mein Enkel ist nicht überfordert damit, dass ich ihn einfach alleine dort hab sitzen lassen!“ Bis sie alles geklärt hatte setzen wir uns in die Sakristei um einen kleinen Heizkörper und versuchten unsere ausgekühlten und vom Regen durchnässten Körper wieder etwas aufzuwärmen. Tagebuch des Tattoo-Rituals: Tag 9 Zum Stechen des Tattoos war unser Platz auch heute wieder gut geeignet, da es im hinteren Bereich des Saals einen abgetrennten Büroraum gab. Er stank leicht verschimmelt, war ansonsten aber kein schlechter Platz. Vor allem lag er so versteckt, dass Shania und ich hier vollkommen ungestört sein konnten, obwohl alle Paar Minuten Besucher zu uns herein stürmten. Teilweise waren es Mitglieder der Kirchengemeinde, die nur neugierig waren, wer da ihr Dorf besuchte, teilweise waren es Teilnehmer an einem Kurs für kreatives Malen, der in einer angrenzenden Halle stattfand. Das gute daran war, dass Heiko auf diese Weise mehr als genug Nahrung für unser Abendessen auftreiben konnte, ohne dabei auch nur seinen Schlafsack verlassen oder seinen Computer aus der Hand legen zu müssen. Beim Stechen kamen wir heute recht gut voran und schafften es sogar, alle blauen Bereiche des Tattoos, sowie einen Teil der Roten fertig zu stellen. Morgen sollten wir also mit dem Rest fertig werden können, so dass wir dann noch zwei Tage für Ausbesserungsarbeiten zur Verfügung hatten. Heute war auch der Tag, an dem es mir mit Shanias Hilfe gelang, die erneut aufkommende Wut heraus zu lassen. Sie spürte bereits anhand der Art, wie sich mein Rücken verkrampfte, dass sich etwas in mir zusammenbraute und ermunterte mich dazu, die Gefühle einfach aufkommen zu lassen, anstatt sie kontrollieren zu wollen. Es kostete einer Küchenpapierrolle das Leben, die zerfetzt und in ihre Einzelteile zerlegt wurde. Sonst passierte nichts und es war sehr befreien und erleichternd, so dass wir im Anschluss gut weiter machen konnten.
 
Spruch des Tages: Langsam ergibt es ein Bild.
Höhenmeter: 440 m
Tagesetappe: 41 km
Gesamtstrecke: 23.651,27 km
Wetter: Bewölkt, hin und wieder Regen
Etappenziel: Katholische Kirche, Taynuilt, Schottland

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Zuletzt aktualisiert am 2017-12-24 15:15:03